#1 Cultural Panel Ein Europa-Gefühl

Theodora Dimova
© Goethe-Institut Bulgarien

Die Stellungnahme von Theodora Dimova zur Zukunft Europas im Rahmen der ersten Diskussion des Projektes "Cultural Panels"

„The Famine Sculpture“ ist ein bekanntes Denkmal in Dublin, das an die Opfer der Großen Hungersnot erinnert, unter der Irland in der Mitte des 19. Jahrhunderts litt. Fünf Bronzefiguren: sie sind in Lumpen gekleidet, vor Hunger und Müdigkeit ausgemergelt, halten Bündel in den Händen – das Einzige, was ihnen geblieben ist, einer der Männer trägt den Körper eines halbtoten – vielleicht auch bereits toten – Kindes auf den Schultern, dessen Arme und Beine hängen leblos herab, und es kann doch nicht begraben werden, diese so gottverlassenen Gestalten haben nicht einmal die Kraft, ein Grab auszuheben, hinter ihnen läuft ein Hund, ausgehungert wie sie selbst, seine Erbärmlichkeit ist nicht anders als die der Menschen, das Leben der Menschen ist nicht anders als das des herrenlosen Hundes. Das Denkmal, ein Werk des irischen Bildhauers Rowan Gillespie, wurde 1997 eingeweiht. Die figurale Komposition wird auch „Emigranten“ genannt. Die hier dargestellte Not hatte Irland in der Mitte des 19. Jahrhunderts ereilt und war die Folge mehrerer durch die Kartoffelfäule ausgelöster Missernten, deshalb spricht man auch vom Kartoffelhunger. Über eine Million Iren starben an Hunger, Cholera, Skorbut oder Typhus, und zwei Millionen emigrierten, vor allem nach Amerika. Irland verlor ein Drittel seiner Bevölkerung, und in Nordamerika leben heute 40 Millionen Menschen irischer Abstammung.

In den Docklands von Dublin liegt auch ein Museumsschiff, die „Jeanie Johnston“ – eine Replik der Segelschiffe, mit denen die der Not entfliehenden Menschen den Ozean überquerten. Sie wurden auch als „schwimmende Särge“ bezeichnet, denn jeder Fünfte an Bord starb während der Überfahrt.

Ich habe mit dieser erschütternden Geschichte begonnen, weil wir sie heute nicht mehr bis ins Letzte begreifen können. Wir können uns nicht vorstellen, dass die anderen Länder keine Schiffe mit Nahrungsmitteln schickten, dass keine internationale Währungsbehörde eingeführt wurde, dass der EU-Kommissar für Katastrophen und Störfälle keine Sitzung einberufen hat, auf der eine dringende Rettungsbeihilfe gewährt wurde. Zwar bekamen die Iren Hilfe, doch die war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und Millionen verhungerten. Zum Glück gibt es etwas, das uns entschieden daran hindert, diese Geschichte bis ins Letzte zu verstehen, und zwar das tief in uns verwurzelte Europa-Bewusstsein oder eher Europa-Gefühl. Worin es besteht? Wenn es mir gelingt, dies in Worte zu fassen und erschöpfend, klar und präzise zu artikulieren, dann werde ich auch meiner Intuition bezüglich der Zukunft Europas nachgehen können, was auch das Thema unseres heutigen Gesprächs ist.

Das Europa-Gefühl verändert und entwickelt sich im Laufe der Jahre. Früher, als wir uns noch hinter dem Eisernen Vorhang befanden, war Europa für uns ein ferner, unerreichbarer Wunschtraum. Damals konnten wir aus Europa Jeans, Schallplatten, Zeitschriften, Bücher, Joggingschuhe und alle möglichen anderen Waren einschmuggeln, die uns nicht nur wie Luxusgüter erschienen, sondern beinahe märchenhaft, fast magisch, denn sie standen für eine andere Welt, die neben unserer existierte, doch in ihr gab es Farben, Reize, Aroma, Charme, Schönheit und Geist. Das unheimlichste und übelste Merkmal des Kommunismus war für mich der Mangel an Geist, und gerade deswegen war die Hässlichkeit so penetrant, so allgegenwärtig. Architektur, Denkmäler, Porträts, Parkanlagen, Romane, Gedichte, Theaterstücke, Möbeldesign, Gestaltung der Gebrauchsgegenstände – alles war ideenlos, alles schien mit einer einzigen Farbe überzogen zu sein – einer abgestorbenen, blutleeren Farbe, einer Farbe wie Hirsebier, grauer Verpackung, einer irgendwie ideologischen Farbe. Das war wie entsalztes Salz oder Glaube ohne Freude oder Zucker ohne Süße oder nicht geteilte Liebe. Deutschland war damals nur die DDR, Berlin endete am Brandenburger Tor, der Checkpoint Charlie war keine Sehenswürdigkeit für Touristen, von der Berliner Mauer wurde geschossen, auch an unserer Grenze wurde geschossen und man konnte sie nur unter Lebensgefahr passieren, während die Europäer zu unserem großen Erstaunen frei von einem Land ins andere reisten; für sie waren die Grenzen so gut wie aufgehoben, bei uns dagegen wurden sie mit Stacheldraht und Maschinenpistolen gesichert. Und als bei uns der Eiserne Vorhang fiel, da offenbarte sich uns jenes Europa, von dem wir geträumt hatten – frei, geistvoll, charismatisch, aufstrebend. Wir hatten das Gefühl, als verlorene Söhne und Töchter aus der Zwangsverbannung zurückzukehren, wieder dort zu sein, wo wir stets waren, eine Verbindung zu dem herzustellen, mit dem wir stets verbunden waren. Anfangs waren wir wie trunken. Nach den Jahren der Zeitlosigkeit schienen uns die Veränderungen schwindelerregend. Unsere Erwartungen gingen in Richtung Zauberwelt – die Freiheit würde wie ein Kaninchen aus dem Zylinder springen, und wir würden applaudieren. Dem Grau entflohen, waren wir vom Licht geblendet. Doch wie sich zeigte, werfen wir die Ketten der langjährigen Isolation von Europa nur schwer ab. Wir nörgeln oft und sind unzufrieden. Unser Weg nach Europa erwies sich als schwerer, als wir uns vorgestellt hatten. Viel schwerer.

Es ergeben sich Paradoxa. Die Europa-Skepsis nimmt immer mehr zu, gleichzeitig wird erwartet, dass Europa uns dabei hilft, uns von Gesetzlosigkeit, Korruption, Ungewissheit und Armut zu erlösen. Und weil die Hilfe nicht kommt, wächst die Skepsis weiter.
Unterdessen hat sich aber auch Europa verändert und ist nicht mehr das Europa unserer Vorstellungen und Wunschträume.

Allmählich haben in Europa Institutionen, Bürokraten und Beamte die Oberhand gewonnen.

Eine neue Mentalität hat sich herausgebildet, die der Yuppies, Bürokraten, Beamten, eine Mentalität von Menschen ohne Charisma und ohne Talent.

Nach und nach entwickelte sich die EU zu einer bloßen bürokratischen Institution, überwuchert von Hoffnungen und Bestrebungen.

Die europäischen Demokraten degenerierten zu Brüsseler Bürokraten, und wir waren enttäuscht und verbittert.

Wie ist es dazu gekommen? Weshalb ist das passiert?

Auf der Verpackung von mariniertem Lachs soll nicht Lachs stehen, sondern Fisch. Gurken sollen nicht krumm sein, sondern gerade. Soll Kuttelsuppe verboten werden oder nicht. Darf Schnaps selbst gebrannt werden oder nicht. Sollen Homosexuelle mehr Rechte als Heterosexuelle haben oder nicht. Und so weiter.

Für uns alle liegt auf der Hand, dass die Welt sich nach ihren unerbittlichen Gesetzen der Globalisierung und Integration entwickelt. Der Brexit ist ein Zeichen dafür, dass die gerade Gurke nicht zu einem Synonym der Freiheit werden kann, dass eine glänzende Luxusverpackung nicht das Wesentliche ersetzen kann, dass leere Größe und viel Wirbel nicht bis ins Innere des Menschen vordringen können.

Europa ist großartig mit seinem Geist und seiner Geschichte, seiner vielschichtigen Geschichte – die übereinander gelagerten Schichten bilden ein stabiles und unerschütterliches Fundament. Die entscheidende und maßgebende Richtung der Welt wird von Europa vorgegeben. Europa ist ein Synonym für Zivilisation. Europa ist der „Alte Kontinent“, in dem die Genese allen Übels, aber auch von allem Gutem in der Welt liegt.
Ich hoffe, dass die europäischen Leader das Brexit-Beben spüren. Andererseits – einer der ureigenen Charakterzüge von Beamten und Bürokraten ist ihre Gefühllosigkeit und Kaltherzigkeit, so dass ich große Zweifel habe, dass sie diese Erschütterung verstehen, dass Europa nach dem Brexit ein Europa der Väter der Europäischen Union und das Europa, von dem wir geträumt haben, sein wird.

Immerhin hat der Gründervater der europäischen Einigung Robert Schuman schon von Anfang an gewarnt: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlag herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. … Europa ist auf der Suche zu sich selbst; es weiß, daß seine Zukunft in seinen eigenen Händen liegt. Gott gebe, daß es seine Schicksalsstunde ... nicht verpaßt.“ Schumann wurde beinahe heiliggesprochen, möge Gott seine Gebete erhören.

Europa wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. Und eben diese Solidarität ist in der Europäischen Union tief verankert. Und wegen eben dieser Solidarität können wir die Geschichte mit dem Kartoffelhunger nicht bis ins Letzte begreifen, denn die Solidarität ist bereits tief, tief in uns verwurzelt.

Und dies ist Grund genug zu Optimismus.

In seiner tausendjährigen Geschichte hat Europa unzählige Katastrophen und Tragödien durchlebt. Die schlimmsten und folgenschwersten Verwüstungen jedoch waren die Kriege. Es verging kaum ein Jahr ohne Krieg. Die blutigsten Gemetzel waren die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert. Nach dem letzten Weltkrieg schien zum ersten Mal eine Art Ernüchterung einzusetzen, und in den Nachkriegsjahrzehnten erlebte Europa seine ruhigste und stabilste Epoche. Der Grund dafür liegt darin, dass Europa den Dialog und die ausgestreckte Hand gewählt hat. Europas Völker suchten das Gute aneinander.
Die europäische Verständigung ist keine leichte Sache; Widersprüche, Streitigkeiten und Konflikte gibt es nach wie vor, doch sie sind nicht mehr Ursache von Kriegen, wie es jahrhundertelang der Fall war, sondern Anlass für einen Dialog, für die Suche nach gegenseitigem Verständnis, gegenseitigen Zugeständnissen, gegenseitigem Antrieb und gemeinsamer Tätigkeit. Damit geben die europäischen Völker durch ihre Vereinigung ein Beispiel für Menschlichkeit, dafür, dass Menschlichkeit möglich ist.

Das Denkmal für die Hungersnot steht absichtlich vor den Toren des International Financial Services Centre in Dublin, denn die Ursachen der Großen Hungersnot lagen nicht nur in der Kartoffel-Missernte, sondern auch in der unmenschlichen Gier der Menschen.

Das Schiff „Jeanie Johnston“ fuhr 16 Mal nach Nordamerika. Während in den anderen „schwimmenden Särgen“ Tausende Menschen auf den langen und beschwerlichen Fahrten starben, hatte die Besatzung der „Jeanie Johnston“ nie den Verlust auch nur eines einzigen Menschenlebens zu beklagen. Dies war ein Verdienst des Kapitäns James Attridge, der darauf achtete, dass das Schiff nicht überladen wurde und dass ein fachkundiger Arzt an Bord war, der sich um Leben und Gesundheit der Reisenden kümmerte. Auf der Jungfernfahrt im April 1848 wurde sogar ein Junge auf dem Schiff geboren.

Hoffen wir und beten wir dafür, dass das Schiff Europa von genau solchen Kapitänen gesteuert wird.