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LGBTQI x Sprache
Unsere schamhafte Sprache

Unsere schamhafte Sprache
Foto: Jason Leung © Unsplash

Wörter enthalten Kraft. Diese Kraft kann verändern. Zum Guten oder Schlechten verändert sie uns als Menschen, verändert aber auch unsere Gesellschaft als Ganzes. Wörter können beflügeln. Wörter können töten. Ist unsere Sprache schnelllebig, ist sie aktuell in Bezug auf unsere Welt?

Von Justine Toms

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, sagt der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein. Setzt uns unsere Sprache zu enge Grenzen? Verändert sie sich in Bezug auf uns selbst? Oder bleibt sie schamhaft auf der Strecke, indem sie zulässt, dass zu viele Fremdwörter an Boden gewinnen und Raum für Unklarheit und Manipulation schaffen? Wird sie nicht zu stark vermännlicht, indem sie erneut den „klassisch“ männlichen Standpunkt und die männliche Identität in den Mittelpunkt rückt?

Irgendwie viel zu schnell, gekünstelt und aus diversen Gründen sind in die Wörter unterschiedliche Bedeutungen eingedrungen. Zum Beispiel in das Wort „Gender“, das wie ein Ballon zum Bersten aufgeblasen und belastet wurde. Heute wird es anstelle von vielen anderen verwendet, für dessen Bedeutung wir keine genauen Benennungen haben oder über kein einheitliches Verständnis verfügen oder uns schämen, diese auszusprechen.

Andere, traditionellere Wörter, wie „Erotik“ und „Sex“ werden häufig falsch verwendet, miteinander verwechselt oder ihre Bedeutung wird verschoben und verschwimmt im öffentlichen Sprachgebrauch. Sie gelten dann als „schmutzig“, werden dem noch stärker belasteten „Porno“ angerechnet. Obszöne und beschämende Wörter, auf die anderen Teile von uns selbst bezogen, die man besser nicht zeigt, mitteilt oder erwähnt.

Wenn man das Thema weiter vertieft, scheinen viele Wörter gar nicht zu existieren. Als wären sie heimlich, öffentlich nicht zu verwenden wie „Sexting“, „Intersex“, „Transmenschen“, sogar „Vagina“, „schwul“, „Geschlechtsidentität“, „Sexualaufklärung“, „nicht binäres Geschlecht“. Es sind Tabuthemen, selbst im Jahr 2020. Man errötet, wenn ein solches Thema öffentlich angeschnitten wird, man versucht es zu überhören, zu umgehen, zu ignorieren… Oder man empört sich laut, besteht um jeden Preis auf seine „klassische“ bulgarische Sprache und seine konservativen Ansichten. Aber die Themen sind schon da. Sie warten auf uns. Ist unsere Sprache bereit für sie? Und wie lange noch wird sie beschämt hinter der Ecke hervorschauen?  Auf der Suche nach Antworten wollen wir die Meinungen verschiedener Fachleute betrachten.

Die verbotene Sprache vor 1989

Die Zeitspanne 1945 – 1989 setzte dem Thema auch enge Schranken. In ihrem Aufsatz „Die verbotene Sprache“ aus dem Jahr 2009 erörtert Gergana Popova das Problem der „schiefen Perspektive der gegenseitigen Bedingtheit von Macht, Sprache und Sexualität, insbesondere der zwanghaften und hartnäckigen Vertuschung aller Diskurse über Sexualität, die Situation der homosexuellen Minderheit in Bulgarien zur Zeit des Sozialismus“. Aus dieser Zeit stammt die in unserer Gesellschaft weit verbreitete Meinung, dass diese Themen „pervers“ seien und dass darüber zu sprechen – egal ob dafür oder dagegen – gleich gefährlich für unsere Gesellschaft sei. „Der Entzug der Sprache, die symbolische Vernichtung erwies sich als der effektivste Weg zur tatsächlichen Assimilation der Homosexuellen im sozialistischen Bulgarien.“

Immer mehr Bücher und Filme unserer Gegenwart zum Thema der Menschen unterschiedlicher Identität und Zugehörigkeit, mit verschiedenen  Emotionen und Zuständen, werden ins Bulgarische übersetzt und ob aus Zeitmangel, ob aus Mangel an Erfahrung oder Kompetenz, aus Widerwille oder einfach aus Unwissen sind die Übersetzungen von Texten über so heikle Themen häufig nicht gut und somit sehr beleidigend und verletzend.

Hier möchte ich die Meinungen von zwei Übersetzer*innen zum Thema anführen:

Ins Bulgarische zu übersetzen bedeutet in vielen Fällen eine Brücke zu bauen, wenn kein Ufer in Sicht ist.

Iglika Vassileva , Übersetzerin

Die bulgarische Sprache ist holprig, ungastlich in Bezug auf Erotik, so wie sie auch keine Mischung verschiedener Stilebenen zulässt, im Unterschied zum Englischen, wo sich ein Schimpfwort elegant in eine Reihe gehobener literarischer Ausdrücke einbetten lässt. Im Bulgarischen wirken solche Umschaltungen wie ein Flickwerk, wie auch das Erotische – sei es auch ästhetisch und hoch künstlerisch dargestellt – ungehobelt aussieht, abgehackt, als würde unsere Sprache das Intime zu tilgen, zu nivellieren versuchen.

Rostislav Plamenov, Übersetzer und Medien-Analytiker

Es ist Zeit für eine Veränderung unserer Sprache. Eine Veränderung, bei der das reife, ausgeglichene Dasein anstelle der Schamhaftigkeit tritt. Doch für eine solche Veränderung von Dauer ist es notwendig, die vorhandene Grenze anzuerkennen, notwendig sind Entschlossenheit, Aktivitäten, Taten, Begegnungen, Dialog, Durchsetzungsvermögen. Nicht durch Gesetze. Durch natürliche Akzeptanz – der Bedeutungen, und danach auch der Wörter.

„Die Umgebung ist nicht durch Abwarten zu ändern. Sie lässt sich durch Taten ändern“, sagt die feministische Aktivistin Svetla Entcheva. Es ist notwendig, über die Themen der Vielfalt zu sprechen, über die persönliche Entscheidung, über die Identität und über das Recht, sie durchzusetzen.

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