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Fotografie
Der Osten als Metapher

Barbara Klemm, the fall of the Wall
© Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V.

Die erste Einzelausstellung von Barbara Klemm in Bulgarien wird am 20. September 2023 in der Städtischen Kunstgalerie eröffnet. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier einen Essay des Kunsthistorikers Matthias Flügge, der die Wanderausstellung kuratiert hat und die Ausstellung in Sofia eröffnen wird. 
 

Von Matthias Flügge

In seiner luziden Aufsatzsammlung Stimmungsbericht, erschienen 1987, wagt György Konrád den Entwurf eines mitteleuropäischen Selbstporträts. Darin analysiert der Schriftsteller vor dem Hintergrund der politischen und psychologischen Situation dieser Zeit die möglichen Handlungsfelder des Künstlers, vor allem des Literaten. Und er beschreibt sein Empfinden von den ost-westlichen Begegnungen der Temperamente: „Die Strafe für die vielen Vorzüge dessen, was wir im allgemeinen westlich nennen, ist das übereilte Klischee. Aus der ökonomischen Zeitnutzung resultiert eine angenehme Oberflächlichkeit. Es genügt, die Stereotypen der Zeitungen durch wenige Nuancen abwechslungsreicher zu gestalten, und schon wird der Bericht authentisch. Die Sehnsucht des schnellen Unpersönlichen nach dem langsamen Persönlichen findet darin ihren Niederschlag. Wer Mitteleuropa aufsucht, der bewegt sich in seiner eigenen Kriegsvergangenheit. In der östlichen Hälfte Europas gibt es kriegswirtschaftliche Mangelerscheinungen, ziemlich zufällige und irrationale Mängel. Es gibt Sehnsüchte, es gibt Unzufriedenheit und Bitterkeit, womit ein Bürger des Westens sich nicht auseinandersetzen muß.“

Barbara Klemms Bilder vom Osten erzählen genau davon. Von der Doppelbödigkeit der Begegnungen und Erfahrungen, von Empathie und Distanz, Abstraktion und Einfühlung ebenso wie von der Möglichkeit der Fotografie, Geschichte nicht nur in Erinnerung zu rufen sondern sie im Wortsinn zu vergegenwärtigen. Wenn Barbara Klemm in den Osten reiste, dann zumeist im Auftrag der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die sie vierzig Jahre lang als Redaktionsfotografin gearbeitet hat. Das geschah ziemlich häufig und dabei sind Bilder entstanden, die auch die Vorstellungen derer vom Leben hinter dem Eisernen Vorhang geprägt haben, die ihn in östliche Richtung nie überwunden haben. Uns, die wir weit mehr als zwanzig Jahre lang mit der Fotografin zur gleichen Zeit und zuweilen an gleichen Orten Mitteleuropas gewesen sind, erscheint es als ein Wunder, wie genau sie diese Welt gesehen hat.

  • Öffnung des Brandenburger Tors, Berlin, 1989 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Öffnung des Brandenburger Tors, Berlin, 1989

  • Am Reichstag, West Berlin,1987 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Am Reichstag, West Berlin,1987

  • Andy Warhol, 1981 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Andy Warhol, 1981

  • Joseph Beuys © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Joseph Beuys

  • Claudia Schiffer und Karl Lagerfeld, 1994 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Claudia Schiffer und Karl Lagerfeld, 1994


War Konrád, wenn er von Stereotypen spricht, also im Unrecht? Nein, war er nicht. Er beschreibt die Normalität, die ihm fortwährend begegnet ist. Die kennt Barbara Klemm gleichermaßen, sie weiß aber, dass in der Fotografie das Unpersönliche sehr langsam sein kann, das Persönliche hingegen schnell sein muss. Und unauffällig, habituell gleichsam zugehörig.

Das Wunder der Fotografie ist weder als Erinnerung noch als Vergegenwärtigung zu beschreiben. Es besteht in der Verewigung des Moments. Das gilt für jedes der Milliarden Bilder, die in jeder Stunde an jedem Ort der Welt aufgenommen werden. Die Essenz des Momentes ist es, die entscheidet. Über seine Bedeutung im Zukünftigen teilt er im Bruchteil der Sekunde, in dem er festgehalten wird, nur in Ausnahmefällen etwas mit. Barbara Klemm hat bedeutende Momente fotografiert. Das Treffen von Breshnew und Willy Brandt zum Beispiel, das 1973 die Weltgeschichte in eine neue Bahn lenkte, oder auch die Dresdener Rede von Helmut Kohl im Dezember 1989, als deutlich wurde, dass die sogenannte friedliche Revolution der Ostdeutschen keine Revolution mehr war sondern die unverhüllte, in aggressiver Schlachtordnung vorgetragene Forderung nach schnellstmöglichem Anschluss an die D-Mark und ihre trügerischen, in der Folge vielfach existenzbedrohenden Konsumversprechen. Diese und viele andere Bilder sind die Ikonen, die sie erschaffen hat zur Verewigung der jüngsten deutschen und der europäischen Geschichte. In diesem Buch stehen sie am Rande, auch im gesamten Werk geben sie nur den Rhythmus vor. Die Melodie sind die Bilder, die auf den Reisen außerhalb der nachrichtenwirksamen Ereignisse entstanden sind, vor und unmittelbar nach dem Untergang des Ost-Blocks, als sich die herbeigesehnte neue Zeit in die ehedem als unveränderbar betrachteten Gewohnheiten fraß. Aus heutiger Perspektive scheint darüber ein Schleier von Melancholie zu liegen – aber das täuscht. In diesen Bildern ist das höchste Maß an Wahrheit, das Fotografie, will man sie denn für wahr nehmen, überhaupt mitteilen kann. Die Wahrheit dessen, der das Bild macht, die in eine nicht aufzulösende Kongruenz zu dem eintritt, was auf dem Bild geschieht. Was auf ihm zu sehen ist.
Andererseits kann auch Melancholie eine Wahrheit sein.

  • Bruderkuss Leonid Breschnew und Erich Honecker, 1979 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Bruderkuss Leonid Breschnew und Erich Honecker, 1979

  • Helmut Kohl in Dresden, 1989 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Helmut Kohl in Dresden, 1989

  • Leonid Breschnew und Willy Brandt in Bonn © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Leonid Breschnew und Willy Brandt in Bonn

  • Demonstration, 1975 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Demonstration, 1975

  • Die letzten russischen Truppen verlassen Deutschland, 1994 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Die letzten russischen Truppen verlassen Deutschland, 1994

  • Angela Merkel, Reto Francioni, Deutsche Börse, 2008 © Barbara Klemm, Institut für Auslandsbeziehungen e. V

    Angela Merkel, Reto Francioni, Deutsche Börse, 2008


Ist das Kunst? Was sonst wäre Kunst? Die Frage nach den Differenzen von Kunst und Dokument ist längst schon überflüssig. Vielleicht sogar die Frage nach der Kunst überhaupt. Es gibt Bild-Reportagen zuhauf, die sich der Information mehr oder weniger voyeuristisch unterordnen. Von denen reden wir hier nicht. Und es gibt die künstlerische Fotografie, die Gesehenes in einer moralisierenden, politischen oder allgemein sozialen Symbolhuberei inhaliert, um die jeweilige Position des Autors zu bekräftigen. Auch davon reden wir nicht. Wovon wir reden, ist etwas sehr selten Gewordenes: die Begegnung und die Behutsamkeit. Und damit die Verweigerung der Eindeutigkeit. Die Offenheit gegenüber und die Neugier auf Lebensentwürfe, die mit dem eigenen gerade nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Das ist der ethische Impetus dieser Bilder – auch dann, wenn sie im Auftrag und für einen utilitären Gebrauch entstanden sind.

Seit Barbara Klemm die Arbeit für die Tageszeitung aufgab und ihr gewaltiges Archiv der FAZ überlassen hat, sind ihre Bilder immer wieder prominent im Blatt abgedruckt, es erscheinen in schneller Folge neue Bücher, werden Ausstellungen gemacht, sie erfährt Ehrungen und ist ihr Werk so etwas geworden wie eine Quintessenz europäischer Fotografie. Mit jedem erdenklichen Recht. Man kann das als Reaktion auf den alle Sinne verderbenden Bilderrausch der a-sozialen Medien verstehen. Aber auch das würde ihrer Arbeit nicht gerecht. Der tiefere Grund liegt vielleicht darin, dass sie uns an verloren Geglaubtes erinnert: Die Liebe zu den Menschen, die nichts ist, was die Natur gegeben hat. Sie ist eine Funktion des Sozialen, und sie ist so unverzichtbar wie die Abwehr der existenziellen Bedrohungen der Gegenwart für die Zukunft.

Osten, das ist nicht nur Lethargie und Umsturz. Osten ist vor allem eine Metapher. Umfassend, ermutigend und mahnend.



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Der Text erscheint im Katalog der Ausstellung: Barbara Klemm, OSTEN – Bilder aus Osteuropa und der DDR Leonhardi-Museum Dresden. 2019

Diese Wiederveröffentlichung steht im Zusammenhang  mit der bevorstehenden Ausstellung "Barbara Klemm. Helldunkel. Fotografien aus Deutschland“. Die Ausstellung ist Teil der Ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) Wandersammlung und wird in der Städtische Kunstgalerie Sofia in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bulgarien präsentiert. Die Vernissage der Veranstaltung findet in Anwesenheit des Kurators Matthias Flügge statt. Weitere Informationen über die Ausstellung finden Sie HIER.

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