Ein Gedankenspaziergang zur Ausstellung ГОСПОЖО АРХИТЕКТ, FRAU ARCHITEKT.
Die Ausstellung Frau Architekt regte in mir die Lust auf einen Gedankenspaziergang an, auf den ich Sie mitnehmen möchte. Also ziehen Sie Ihre nachdenklichen Spazier-Schuhe an, setzen Sie ihren Sinnier-Hut auf und los geht’s!
Wenn ich über Architektur im gesellschaftlichen Kontext reflektiere – und das tue ich wenn ich an die Ausstellung Frau Architekt denke – kommt mir Foucault in den Kopf. Innerhalb meines Medien- und Kulturwissenschaften-Studiums habe ich ihm einige Besuche abgestattet. Foucault beschäftigte sich intensiv mit Macht – seiner Theorie nach „besitzt“ man sie nicht einfach, sondern es bedarf Machtmechanismen, die dann Machtbeziehungen erschaffen. Das klingt ziemlich abstrakt, also lassen Sie mich ein Beispiel geben. In den letzten Jahren wurde viel über defensive Architektur gesprochen, also Architektur, die bestimmtes Verhalten verhindern soll. So etwa die „Anti-Obdachlosen-Bänke“ – das sind Bänke, die z.B. in kurzen Abständen Armlehnen haben, die das horizontale Liegen verhindern. Diese „Unbequemlichkeit“ hält beispielsweise Obdachlose davon ab, lange Zeit auf dieser Bank zu verbringen. Allerdings meint Foucault auch, dass Architektur multifunktional sei – die beschriebene Bank dient also nicht nur dazu, das Verweilen zu verhindern, sie ist auch z.B. Ausruhort, Familien-Treffpunkt oder Date-Spot. Festzuhalten ist aber, dass die architektonische Gegebenheit ohne Gesetze definiert, wie an diesem Ort gehandelt werden soll, indem sie bestimmte Verhaltensweisen begünstigt und andere verhindert. Insofern beeinflusst Architektur gesellschaftliche Abläufe – bestimmte Bevölkerungsgruppen werden vertrieben, andere werden angezogen. Die Architektur kann also auf die Menschen einwirken und durch ihre Beschaffenheit die Gesellschaft verändern. Damit stellt sie auch ein Werkzeug dar, um Macht auszuüben.
Eine andere Seite der Architektur möchte ich anhand der bulgarischen Architektur-Moderne beschreiben. Laut der Stiftung bulgarischer Architektur-Moderne habe der gesellschaftliche Wandel zum Wandel der Architektur geführt. 1920 migrierten immer mehr Bulgar*innen aus ländlichen Gebieten in die Großstädte, was offensichtlich zu einem immer größer werdenden Bedarf an Wohnraum führte – das heißt die Gebäude mussten schnell fertig werden. Mit dem Großstadtleben kam auch der Wunsch nach einem kosmopolitischen Lebensstil, so mussten Architekt*innen reagieren und Schulen, Hotels, Konzerthallen, Kinos, Banken, Büros, Krankenhäuser usw. entwerfen. Hierbei zeigt sich, dass die Menschen nicht nur auf die Architektur reagieren, sondern, dass die Architektur auch auf gesellschaftlichen Wandel reagiert, bzw. darauf reagieren muss.
Neben dem gesellschaftlichen Wandel waren auch ökologische Gründe Startpunkt für Wandel hin zur bulgarischen Moderne. 1928 wütete ein Erdbeben in Chirpan, der zur Zerstörung von vielen Gebäuden führte. Daraufhin wurde gesetzlich festgelegt, dass alle Gebäude ein Beton-Skelett haben mussten. Die Architekt*innen mussten (bzw. konnten) daraufhin ihren Stil verändern und unter anderem deshalb entstand die bulgarische Architektur-Moderne - horizontale Fensterbänder, freier Grundriss, Winkelfenster, Dachterrassen usw. Es war also die staatliche Reaktion auf diese Naturkatastrophe, die die Architektur beeinflusst hat.
Wer natürlich nicht vergessen werden darf sind die Architekt*innen. Sie reagieren zwar auf gesellschaftlichen Wandel und auf gesetzliche Vorgaben, aber sie sind auch die kreative, visionäre Kraft, die Ideen entwickelt und deren Arbeit das Aussehen und das Leben der Stadt beeinflusst. Die Architekt*innen sind also relevant für die Gesellschaft, daher ergibt es Sinn sich näher mit ihnen zu beschäftigen.
Da die Architektinnen noch zu oft im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen, ist es angebracht sie ins Spotlight zu rücken. Genau das ist das Ziel der Ausstellung „Frau Architekt.“. Die britische Architektin Alison Brooks meint: „Es braucht immer noch sehr viel Selbstvertrauen, um seinen Weg als Frau in der Architektur zu machen. Wir wachsen mit Helden und Göttern auf, die allesamt männlich sind.“ Die Ausstellung „Frau Architekt.“ zeigt 20 Profile von deutschen und bulgarischen Architektinnen. Ausgestellt werden ihre beruflichen Werdegänge und vorbildliche Bauten. Die Architektinnen sollen Vorbilder sein, Identifikation ermöglichen und jungen Frauen Mut machen, den Beruf zu ergreifen. Margarete Bonnenberg, Architektin und ehemalige Gestaltungsbeirätin der Stadt Dortmund erzählt: „Ich wurde in den 1980ern oft bei Projekten gefragt, ob man denn bitte nicht mal den Projektleiter sprechen könnte... Den Titel Architektin konnte ich auch erst viel später tragen, offiziell nur Architekt! Die Situation ist heute viel besser, aber ein Blick zurück und Mutmachen für Frauen ist weiterhin sehr begrüßenswert!“ Die Ausstellung „ГОСПОЖО АРХИТЕКТ,“ befindet sich im öffentlichen Raum – im Stadtgarten beim Ivan Vasov Theater. Somit werden neben informierten Besucher*innen auch Passant*innen auf das Thema aufmerksam gemacht. Damit geht das Thema heraus aus dem engen, elitären Kunst-Publikum, es dringt ein in die breite Masse und vielleicht wird es auch den ein oder die andere zum Nachdenken anregen.
Und damit führt dieser Gedankenspaziergang zu einem Ende. Vielen Dank an alle, die sich angeschlossen haben. Ich hoffe Sie haben sich keine Blasen gelaufen, sind nicht allzu sehr gestolpert und niemand hat sich verlaufen. Vielleicht wurde in Ihnen ja die Wanderlust geweckt - dann kommen Sie zu dem zweiten Architektur-Stadtspaziergang in Sofia am 09. Juli – alle weiteren Infos dazu auf unserer Webseite unter "Veranstaltungen".
Von Teresa Hartmann, Kulturweit-Freiwillige am Goethe Institut Bulgarien.