Deutsch im Kontext des Prager Multilingualismus Franz Kafkas Literatursprache

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Lange kannte man Franz Kafkas Deutsch nur aus der postumen Werkausgabe seines Sachwalters Max Brod. Dieser hatte allerdings, um die Verbreitung der Schriften seines Freundes zu maximieren, korrigierend in diese eingegriffen, vor allem mit der Absicht, alle „Pragismen“ zu entfernen, die auf den regionalen Sprachgebrauch der Stadt Prag schließen ließen. So glaubten schon Kurt Tucholsky und Hermann Hesse bei Kafka ein „vorbildliches“, ja: „klassisches“ Deutsch vorzufinden; vordergründig schien dies Prager Schriftstellerkreise zu bestätigen, die für sich „das reine und unversetzte Hochdeutsch“, so Johannes Urzidil, reklamierten. Im Widerspruch dazu hatte jedoch gerade Kafka vermerkt, er falle außerhalb Böhmens durch sein „Prager Deutsch“ auf. Erst die seit 1982 bei S. Fischer (Frankfurt/M.) erscheinende Kritische Kafka-Ausgabe, die sowohl sämtliche Textveränderungen von Kafkas Hand als auch die Eingriffe seiner Herausgeber verzeichnet, eröffnet einen authentischen Blick auf das in Prag um 1900 verbreitete Deutsch. Denn in seinem von Tempo, Zügigkeit, Spontaneität, vor allem aber Emotion und Ekstase geprägten literarischen Schreibprozess war Kafka latent anfällig für Schreibversehen. In der hierbei entstandenen Schicht von Sofortkorrekturen, die den Text ,in statu nascendi‘ abbilden, hat Kafkas mündlicher Sprachgebrauch deutliche Spuren hinterlassen.
 
Auf dieser textkritischen Basis ließ sich eine Fehlergrammatik von Kafkas Prosadeutsch erstellen, die die formale Rekonstruktion seiner Alltagssprache ermöglicht. Um wiederholt auftretende Sonderformen im Autograph zu gruppieren und einer konkreten Quelle (Dialekt, Jiddisch, Tschechisch) zuzuordnen, wurden die methodischen Ansätze verschiedener sprachwissenschaftlicher Teildisziplinen verknüpft: der Fehlerlinguistik, die das Schriftdeutsch von Mundartsprechern in Hinblick auf die Übernahme dialektaler Muster untersucht, der Dialektologie, die dieses Verfahren durch Grammatiken, Wörterbücher und Sprachatlanten zu deutschen Mundarträumen stützt, und der Kontaktlinguistik, die den (kollektiven) stabilen Transfer von Elementen einer Sprache in eine andere erforscht. In einem weiteren Schritt wurde anhand von Ulrich Ammons Standardsprachen-Modell beurteilt, ob die auf diese Weise in Kafkas Prosa ermittelten Regionalismen einem regionalen (österreichischen, böhmischen, Prager) Standard angehörten oder von der Schriftsprache ausgeschlossen waren. Hierzu wurde überprüft, ob sie in zeitgenössischen Referenzquellen (Grammatiken, Wörterbücher, Verlagsrichtlinien, Tageszeitungen, Belletristik) vorkommen.
 

„Ostmittelbairische Stadtmundart wienerischer Prägung“

 
Zum größten Teil (55 von 103 Typen) sind Kafkas Regionalismen dialektalen Ursprungs. Kafka konnte als Sprecher einer ostmittelbairischen Stadtmundart wienerischer Prägung identifiziert werden. Hierauf verweisen vor allem Lautungsmerkmale, die teils für alle oberdeutschen, teils aber auch nur für die bairischen Dialekte oder sogar exklusiv für das Wienerische charakteristisch sind: unter anderem der e-Ausfall in den Präfixen ge- und be-: „glüftet“, „weggangen“, „bhandeln“; die Entrundung von ö, ü und eu: „meglich“ (möglich), „Thier“ (Tür), „trei“ (treu); b/p-, g/k- und d/t-Verwechslungen: „Bult“ (Pult), „glein“ (klein), „Schulder“ (Schulter); der Ausfall (die Vokalisierung) des l nach Vokal: „sebst“ (selbst), „Wöbung“ (Wölbung), „fühten“ (fühlten); und die Monophthongierung von ei zu ä [ɛ:]: „Brete“ (Breite), „Gereztheit“ (Gereiztheit), „Feenheit“ (Feinheit). Auch in der Morphologie weist Kafkas Deutsch zahlreiche Dialektismen auf: Die Personalpronomen „i“ (ich) und „mir“ (wir), die Artikelformen „a“ (ein, eine), „dee“ (die) und „dees“ (das) sowie Verbformen wie „rucken“ (rücken), „ziegen“ (ziehen) und „gekennt“ (gekannt) lassen die Konturen von Kafkas Primärsprache plastisch hervortreten. Kafka, der sich in Jugendjahren selbst ein Deutsch mit „österreichischer Färbung“ zuschrieb, war offenbar tatsächlich „austrophon“.
 

Sprachliche Merkmale des Jiddischen und des Tschechischen

 
Daneben finden sich Spuren des Jiddischen in Kafkas Deutsch: 26 Prozent aller Regionalismus-Belege im Bereich der Lautung lassen sich der einstigen Sprache der Prager Juden zuordnen. Hierzu gehören vor allem die markanten Schreibungen von z statt s und von f statt w am Wortbeginn; so dürfte Kafka „Zache“ (Sache), „zondern“ (sondern) und „Zessel“ (Sessel), „Färme“ (Wärme), „fissen“ (wissen) und „fickelte“ (wickelte) gesagt haben; pf sprach er im Anlaut als f, im In- und Auslaut als p aus: „Fosten“ (Pfosten), „Ferd“ (Pferd) und „kramphaft“ (krampfhaft). In der Morphologie stößt man auf auffällige Dativ-Formen des Interrogativpronomens wer: „um wem es sich handelt“, „Wem suchst Du?“; und auch Kafkas einseitige Verwendung von her- in zusammengesetzten Richtungsadverbien folgt jiddischem Muster: „Jetzt wäre ich bald herausgefallen“ (jiddisch aroys: heraus/hinaus). Insofern betrieb Kafka keine literarische Selbststilisierung, als er sich ein „Deutsch, das wir von unseren undeutschen Müttern noch im Ohre haben“, attestierte. Diese Jiddismen gehören zu den Relikten, die in Prager deutschjüdischen Kreisen um 1900 offenbar noch lebendig waren und von Kafka als Kind mit dem Deutsch seines Sozialisationsmilieus übernommen wurden. Als Teil eines Ethnolekts dokumentieren sie das letzte Stadium des Sprachwechsels der böhmischen Juden im 19. Jahrhundert und verleihen Kafkas „Austrophonie“ einen „westjiddischen Akzent“.
 
Sprachmuster des Tschechischen schließlich finden sich vor allem in der Syntax. Hier fallen wiederholt Wortarten aus, die das Tschechische nicht kennt, zum einen Artikel: „bei Tür“, „durch Labyrint“, „auf Ofenbank“; zum anderen die Infinitiv-Konjunktion zu: „ob es richtig war, so handeln“, „sie suchten einander zurückdrängen“, „er scheint ihn gar nicht gelesen haben“. Solche sprachkontrastiv bedingten Normverstöße sind für tschechische Deutschsprecher ebenso typisch wie Kafkas Schwankungen zwischen den Präpositionen an und auf, die im Tschechischen im Äquivalent na zusammenfallen: „an/auf der Decke hängen“, „an/auf die Türe schlagen“, „etwas an/auf etwas hängen“. Auch diese Belege des deutsch-tschechischen Sprachen-Kontakts müssen bereits in das Prager Alltagsdeutsch integriert gewesen sein, als Kafka muttersprachlich sozialisiert wurde; zum Teil erweisen sie sich sogar als regional standardsprachlich, denn sie finden sich auch in der Prager Tagespresse oder Belletristik. Somit konnte auch nachgewiesen werden, dass es in Prag einen besonderen Standard des Deutschen gab, der punktuell von der offiziellen österreichischen Schriftnorm abwich.
 

Kafkas „allerpersönlichstes Hochdeutsch“

 
Gerade die für Prag, Böhmen oder Österreich spezifischen Standard-Regionalismen machen zudem deutlich, dass Kafka dazu bereit war, sich reichsdeutschen Normvorstellungen anzupassen. So führte die Korrektur der Wendung vergessen an (+ Akk.) durch den Kurt Wolff Verlag (Leipzig) im Zuge der Veröffentlichung der Verwandlung (1915) dazu, dass die (in Österreich normkonforme) Konstruktion in seinen Schriften zeitgleich aussetzte: „er vergaß in der Aufregung an alles andere“. Auch Kafkas „,bis‘-Streit“ mit seiner Berliner Verlobten Felice Bauer endete 1917 damit, dass er, nachdem er die Zulässigkeit der ihm geläufigen vorzeitigen Bedeutung der Subjunktion bis nicht „nach dem Grimm“ nachweisen konnte, diesen Grenzfall des österreichischen Standards ab sofort vermied: „der Laden leert sich und erst bis wenn er ganz leer ist, geht auch der Soldat“. Dass ihm reichsdeutsche Vorgaben aber nicht immer als sakrosankt galten, führt eine Prager Standardform vor Augen, das mit Nullartikel verwendete Indefinitum paar (einige): „auf paar Minuten“, „nur paar kurze Fragen“. Kafka nahm die Artikelnachträge seiner Verleger im Text der Verwandlung zwar hin, ließ sich in seinem weiteren Sprachgebrauch jedoch nicht beeinflussen. Hier behielt das den deutsch schreibenden Juden Prags nachgesagte „zarte Sprachgefühl“ die Oberhand, „daß im Deutschen nur die Dialekte und außer ihnen nur das allerpersönlichste Hochdeutsch wirklich lebt“.