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Zeitzeugen
Wie die Dänen während des Kriegs tschechische jüdische Kinder retteten

Diese Aufnahme von Helenka Böhmová brachte die Nachforschungen nach den 80 Kindern, die während der Kriegszeit in Dänemark lebten, ins Rollen.
Diese Aufnahme von Helenka Böhmová brachte die Nachforschungen nach den 80 Kindern, die während der Kriegszeit in Dänemark lebten, ins Rollen. | Foto: Archiv Judita Matyášová

Sie sind auf das Gymnasium gegangen, haben sich zum ersten Mal verliebt und haben sich in keinster Weise von ihren Mitschülern unterschieden. Nur, dass man das Jahr 1939 schrieb und sich diese jungen Menschen an etliche Veränderungen gewöhnen mussten. Sie stammten aus jüdischen Familien aus der ganzen Tschechoslowakei – und sie waren in Gefahr. Die Eltern von 80 Jugendlichen entschieden sich dafür, ihre Töchter und Söhne zu schützen. Ein paar Wochen nach Kriegsbeginn reiste die Gruppe nach Dänemark. Alle glaubten, dass sie sich schon bald wiedersehen würden. Sie konnten nicht ahnen, dass sich ihre Wege für immer trennen würden.
 

Von Judita Matyášová

Auf die Geschichte dieser Gruppe von 80 Kindern aus der Tschechoslowakei bin ich durch Fotografien eines jüdischen Mädchens, von Helenka Böhmová, gestoßen. Ihre Geschichte habe ich 2010 auf der Titelseite der „Lidové noviny“ veröffentlicht einschließlich der Information, dass offenbar niemand aus Helenas Familie überlebt hätte. Nach ein paar Tagen haben sich ihre Verwandten gemeldet und ich habe mir ihre Erzählungen angehört, die mich buchstäblich auf eine detektivische Suche nach weiteren Spuren durch die ganze Welt geführt haben.

Einige Spuren

Bis dahin kannte ich die Schicksale der jüdischen Kinder, die durch die Initiative von Nicholas Winton und seinen Mitarbeitern nach England gekommen waren. Von der geretteten Gruppe in Skandinavien wusste ich überhaupt nichts. Mit einer einfachen Frage habe ich Archive in Tschechien, Dänemark, Schweden, Israel und Amerika kontaktiert: „Haben Sie schon einmal etwas von den tschechischen jüdischen Kindern gehört, die in der Kriegszeit in Dänemark gelebt haben?“ Nirgends war das der Fall, keine Spur, nur ein paar Namen und Fotografien. Alsbald wurde mir klar, dass ich mit der Suche schnellstmöglich beginnen musste, weil die Zeitzeugen schon fast 90 Jahre alt waren und es ein unlauterer Kampf gegen die Zeit werden würde. Mir fiel ein, dass ich die dänischen Medien nutzen und die Leser darüber um Hilfe bitten könnte. Ich sagte mir, wenn tschechische Kinder vier Jahre lang in Dänemark auf dem Land gelebt haben, dann wird sich sicherlich jemand daran erinnern können.

Briefe im Koffer

Ich habe mich mit den regionalen Zeitungen in Verbindung gesetzt, die meinen Aufruf, dass sich die Leser doch bitte melden mögen, wenn sie etwas von den tschechischen Kindern aus der Kriegszeit wissen, veröffentlicht haben. Und dieser Artikel hat eine ganze Lawine ausgelöst. Bei mir gingen Briefe und Emails ein. Einige Menschen aus der lokalen Bevölkerung schrieben, dass bei ihnen auf dem Dachboden noch Koffer von irgendjemandem aus Tschechien liegen würden, dass sich darin einige Stapel Briefe oder andere Schriftstücke befinden würden und dass mich das vielleicht interessieren könnte. Es erreichte mich auch ein Umschlag mit Archivbildern und der Nachricht: „Während des Kriegs habe ich mich um ein tschechisches Mädchen gekümmert, Hanka Dubová. Im Jahr 1943 musste sie vor den Nazis nach Schweden fliehen. Wissen Sie nicht, was aus ihr geworden ist?“ Innerhalb von ein paar Monaten offenbarte sich mir allmählich die Geschichte einer vergessenen Rettungsaktion, die nicht einen Superhelden hat, sondern viele Helden, die dazu beigetragen haben, die tschechischen jüdischen Kinder vor den Machenschaften der Nazis zu bewahren
Eine Gruppe tschechischer Teenager bei einem Spaziergang in der Nähe der dänischen Stadt Naestved. Eine Gruppe tschechischer Teenager bei einem Spaziergang in der Nähe der dänischen Stadt Naestved. | Foto: Archiv Judita Matyášová

Keine leichte Entscheidung

Ich hatte herausgefunden, dass diese Rettungsaktion von den Vertretern der jüdischen Gemeinden und den Vorsitzenden der zionistischen Vereinigungen in der Tschechoslowakei organisiert worden war. Anfang des Jahres 1939 wollten sie eine Gruppe von Kindern nach Palästina bringen. Sie haben jedoch schon bald festgestellt, dass die Reise quer durch Europa und weiter über das Meer zu riskant gewesen wäre. Den Organisatoren gelang es, eine Zusammenarbeit mit der dänischen „Frauenliga für Frieden und Freiheit“ zu vereinbaren. Die Absprache war klar: sie würden nur Kinder im Alter von 14 bis 16 Jahren aufnehmen, die ein paar Monate in Dänemark bei Pflegefamilien bleiben und dann wieder abreisen würden. Keiner von uns kann sich vorstellen, wie schwer diese Entscheidung für die Eltern gewesen sein muss, den Entschluss zu fassen, ihre Kinder ins Unbekannte zu schicken. Im Herbst 1939 verabschiedeten sie sich von ihren Töchtern und Söhnen. Die jungen Menschen reisten durch Deutschland, fuhren mit dem Schiff nach Dänemark und mit dem Zug nach Kopenhagen. Dort erfuhren sie, dass sie zu Pflegeeltern auf das Land fahren werden. Alle Kinder kamen aus Städten, aus Prag, Brünn sowie Iglau und mit einem Mal mussten sie sich an ein völlig neues Umfeld gewöhnen.

Freude und Sorgen

Jeder von ihnen ging mit dieser neuen Situation auf seine Weise um. Sie waren weit weg von zu Hause, in einem fremden Umfeld, wo sie kein Wort verstanden und sich an das Leben auf den Höfen anpassen sollten. Für die einen war das ein großes Abenteuer, für die anderen eine große Tragödie. Das, was zu Hause passierte, erfuhren die Kinder aus Briefen. Die Eltern deuteten darin allerdings nur an, welches Unrecht der jüdischen Gemeinde widerfuhr. „Erst viel später habe ich erfahren, was meinen Eltern und meinem Bruder zugestoßen war. In Dänemark musste ich mich damals in erster Linie um mich selbst kümmern. In Prag zu sitzen und etwas in der Schule zu lernen, das war furchtbar lästig. Im Gegensatz dazu draußen auf dem Feld zu arbeiten, das war etwas ganz Anderes. Mir hat das sehr gefallen. Hühner füttern, Mittagessen kochen, sich um Kinder kümmern, in der Küche sauber machen. Für Kummer war keine Zeit. Nur zu Anfang hatte ich Heimweh, wenn ich las, wie meine Eltern schimpften, weil ich ihnen so wenig schrieb. Was sollte ich denn aber machen? Ich war doch den ganzen Tag auf den Beinen. Damals habe ich nicht geahnt, was ihnen meine Briefe bedeutet haben. Die letzte Nachricht habe ich 1942 von meinen Eltern bekommen. Sie müssten aus Prag weg. Mehr haben sie nicht geschrieben. Erst nach dem Krieg habe ich herausgefunden, dass sie im Konzentrationslager umgekommen sind,“ erzählte mir Edita Persson (geb. Krausová).
Jensine Nygaardová byla Hančina pěstounka. Desítky let netušila, co se s českou dívkou stalo, když uprchla do Švédska. V roce 2012 se Jensine setkala s Hančinou dcerou, Janet Seckel-Cerrotti. Jensine Nygaard | Foto: Jan Jensen

Heimatsuche

Nach vier Jahren in Dänemark mussten sich die Kinder wieder ins Unbekannte aufmachen. Im Oktober 1943 machten die Nazis „Jagd“ auf alle Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Innerhalb von ein paar Stunden mussten die tschechischen Kinder die dänische Ostküste erreichen. In den kleinen Fischerdörfern organisierten die Einwohner eine Hilfsaktion für die jüdischen Flüchtlinge. Die Reise von Dänemark nach Schweden dauert ungefähr eine Stunde, damals aber dauerte sie viel länger. Überall hatten die Nazis Wachen aufgestellt und sie Fischer mussten ihnen ausweichen. In dem Unterdeck eines Bootes drängten sich sogar zwanzig Personen. Alle tschechischen Kinder haben die Reise ins neutrale Schweden überstanden. Der Fluchtmoment war aber gleichzeitig das Moment, an dem sich jeder einzelne dieser jungen Menschen auf seinen eigenen Weg begab. Nach der Ankunft in Schweden meldeten sich die Jungen auf den Ämtern - sie wollten in die tschechoslowakische Armee in England eintreten. Die Mehrheit von ihnen ist einige Monate später tatsächlich abgereist, um ihrem okkupierten Heimatland zu dienen. Die Mädchen blieben in Schweden und arbeiteten überwiegend als Hilfskräfte oder Kindermädchen.
 
Das Kriegsende war freudig und schmerzlich zugleich. Das Kriegsgeschehen endete zwar, aber es begann ein neues Kapitel – ein Erwachsenenleben ohne Familie. Die „Kinder“ kehrten in die Tschechoslowakei zurück. In die gleichen Straßen, die gleichen Häuser, wo sie vor Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern gewohnt haben. Ihren Nächsten haben sie jedoch nicht angetroffen. Sie entdeckten ihre Namen auf den Todeslisten der Konzentrationslager. Der Großteil der „Kinder“ wollte nicht in der Tschechoslowakei bleiben, weil die Erinnerungen an die Vergangenheit zu schmerzhaft waren. Einige sind nach Skandinavien zurückgekehrt, andere gingen nach Palästina oder nach Amerika.

Die nächste Generation

Adolf Dáša Bergmann entschied sich 1989 dafür, herauszufinden, wo seine Freunde aus den Kriegsjahren leben. Er erstellte eine Liste der Kinder aus der Tschechoslowakei, die während des Kriegs in Dänemark gewesen sind. Durch die Informationen dieser Liste ist es mir gelungen, dreißig Zeitzeugen aus der ganzen Welt ausfindig zu machen. Ich habe Interviews mit ihnen aufgenommen, ihre Verwandten und Freunde aufgespürt und das Material im Buch Přátelství navzdory Hitlerovi (dt.: Freundschaft trotz Hitler) veröffentlicht. Diese Schicksale dienten auch als Vorlage für den Dokumentarfilm Na Sever (dt.: Nach Norden) und gehören außerdem zu einer Ausstellung, die ich in Tschechien, Dänemark, Deutschland und Österreich vorgestellt habe.
 
Meine Suche hat auch das Interesse der amerikanischen Fotografin Rachael Cerrotti geweckt, die die Enkelin von Hanka Dubová ist. Die Geschichte ihrer Großmutter hat sie schon von klein auf beschäftigt, aber mit Hilfe meines Projekts hat sie sich dazu entschieden, sie noch intensiver nachzuverfolgen. Sie machte sich nach Prag auf, wo Hana aufgewachsen ist, und besuchte auch den Hof in Dänemark, wo sie einige Monate bei Pflegeeltern gelebt hat.
 
Die Geschichte der tschechischen jüdischen Kinder lebt weiter, in den Familien ihrer Nachfahren. Sie erzählen nicht nur von der Entscheidung dieser Eltern, aber auch von den dutzenden Menschen, die den jüdischen Kindern bei uns und in Skandinavien geholfen haben und durch die sie gerettet werden konnten.
 
Der Artikel entstand anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.
Ein Treffen der „Kinder“-Zeitzeugen nach 70 Jahren in der Gemeinde Neve Ilan bei Jerusalem Ein Treffen der „Kinder“-Zeitzeugen nach 70 Jahren in der Gemeinde Neve Ilan bei Jerusalem | Foto: Jan Jindra

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