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250 Jahre Friedrich Hölderlin
Man kann auch in die Höhe fallen

Friedrich Hölderlin. Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792
Friedrich Hölderlin. Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792 | Bild: gemeinfrei

Ursprünglich sollte er Pfarrer werden. Das Schicksal des anständigen Sohns einer frommen schwäbischen Familie nahm jedoch einen anderen Lauf – heute wird sein Name praktisch als Synonym für die deutsche Romantik verwendet, er diente sogar surrealistischen Malern als Inspiration. Seit der Geburt des Dichters Friedrich Hölderlin ist bereits ein Vierteljahrtausend vergangen.

Von Tomáš Moravec

Hölderlin, mit Vornamen Johann Christian Friedrich, wurde am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Seine Mutter Johanna war Pfarrerstochter, Väter hatte er – überspitzt gesagt – gleich zwei. Der biologische, Heinrich Hölderlin, Jurist und Verwalter des Klosters in Lauffen, starb bereits zwei Jahre später durch einen Schlaganfall. Nach ihm folgte Johann Friedrich Gok, der zweite Ehemann seiner Mutter und Bürgermeister im nah gelegenen Nürtingen. Auch er starb früh und Johanna zog den zukünftigen Dichter ab seinem neunten Lebensjahr allein auf. Mit fester Hand führte sie das Familienerbe weiter und von der beruflichen Laufbahn ihres Sohns hatte sie eine klare Vorstellung – er würde evangelischer Pfarrer werden.

Der Dichter aus dem Kloster

Den vierzehnjährigen Hölderlin finden wir so auf der verhältnismäßig streng geführten Klosterschule in Denkendorf wieder. Er lernt selbstverständlich fleißig, er schreibt aber auch Gedichte, und das mit überraschendem Eifer. Seine Begeisterung für Literatur ist so groß, dass er bereits mit 17 (zu dem Zeitpunkt sitzt er bereits in einer anderen Klosterschule, diesmal in Maulbronn) beginnt, das Leben, wie es seine Mutter für ihn geplant hat, anzuzweifeln. Er getraut sich ihr gegenüber jedoch nicht zu widersprechen und so kommt er im Alter von 18 Jahren in die Universitätsstadt Tübingen, um evangelische Theologie zu studieren. Das intellektuelle Umfeld bekommt ihm gut. Er lernt seine Zeitgenossen Hegel und Schelling, beide Studenten der Philosophie, kennen. Er macht sich einen Namen mit den Gedichten, die er mit 21 Jahren veröffentlicht. Gleichzeitig leidet er allerdings an Depressionen, psychosomatischen Beschwerden und Stimmungsschwankungen. Er versucht seine Mutter davon zu überzeugen, dass er als Dorfpfarrer nicht glücklich werden würde. Die Mutter stellte sich jedoch seinen Bitten gegenüber taub und so widersetzte sich Hölderlin ihr – zum ersten und im Grunde genommen auch zum letzten Mal. Das Studium beendet er, dann aber schreibt er nach Hause, „er könne sich überhaupt nicht vorstellen, sich in absehbarer Zukunft als Pfarrer und Ehemann zu etablieren“ und stürzt sich als Hauslehrer von adligen Familien in die Arbeit.

Schlaflose Nächte

Auf Schillers Fürsprache hin fuhr er auf das abgelegene Schloss Waltershausen, um dort den Sohn von Schillers Freundin und Muse, der Schriftstellerin mit dem tragischen Schicksal Charlotte von Kalb zu unterrichten. Hölderlin ist zu Anfang von seinem Zögling Fritz begeistert – er überschüttete ihn mit allem, was er selbst gelernt hatte, wie mit den Schriften von Fichte, Herder und Kant. Unter den Klassikern durfte auch Platon nicht fehlen. Und als Beigabe noch Rousseau. Der junge Lehrer überforderte damit jedoch offenbar sich selbst und seinen Zögling; bereits im Oktober 1794 schickte er seinem Freund Neuffer einen Brief, in dem er sich beschwert, dass jegliche Bemühungen vergebens wären, da das Talent seines Schülers „ser mittelmäsig“ sei.

Wie Hölderlins Biograf Stephan Wackwitz anmerkt, löste wahrscheinlich Fritz‘ Heranwachsen bzw. die Masturbation, an der der junge Mann größeres Gefallen als an Kants Schriften fand, die Verschlechterung der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler aus. Den Meinungen der damaligen Zeit entsprechend glaubte auch Hölderlin, dass Onanie zu Apathie führen würde und für den menschlichen Geist extrem schädlich wäre. Er bemühte sich daher, den Jungen durch Nachtwachen, Ermahnungen und anscheinend auch durch Schläge davon abzubringen. Erfolglos. An der Aufregung und dem Schlagmangel litt paradoxerweise letztendlich nicht Fritz‘, sondern Hölderlins Gesundheit, und so packte der desillusionierte Dichter im Alter von 25 Jahren seine Koffer und verließ das Schloss Waltershausen und seinen Zögling, aus dem im Lauf der Zeit ein preußischer Offizier wurde.

Universitätsstadt Tübingen. Hölderlinturm ganz links. Universitätsstadt Tübingen. Hölderlinturm ganz links. | Foto: Tomáš Moravec

Hölderlin und Diotima

Eine spätere Anstellung führte Hölderlin nach Frankfurt, zur angesehenen Familie Gontard. Hier unterrichtete, dichtete und schrieb er (unter anderem seinen bekannten Roman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland) zwischen 1796 und 1798 nicht nur, sondern verliebte sich auch. Zur Liebe seines Lebens wurde Susette Gontard, die Mutter seines dortigen Schülers und die Ehefrau seines Arbeitgebers. Die kluge und empfindsame Susette stellte für Hölderlin das Ideal einer Frau dar; für den Rest seines Lebens war sie seine Diotima, seine irdische Göttin. Susette erwiderte seine Gefühle, sie lebte mit ihm in ihrer eigenen, allmählich aufgebauten und vor allen anderen verborgenen Welt voller Liebe, Kunst und Literatur.

Die tragische Wendung kam aber bald. Aus Susettes Briefen geht hervor, dass es Ende Herbst 1798 zu einer unangenehmen Szene mit ihrem Ehemann kam, woraufhin Hölderlin wieder seine Koffer packen musste. Über die erzwungene Trennung von Susette kam er nie hinweg, seine Liebe lebte in seinem Herzen auch weiter, nachdem Susette 1802, im Alter von 33 Jahren, an Tuberkulose starb.

Nur meine Trähnen über unser Schicksaal können mich noch freun. Sie fliessen auch reichlich...

Susette Gontard in einem Brief an Hölderlin, Herbst 1798

Isch der Hölderlin verruckt gwe?

Die Folgejahre verbrachte Hölderlin auf Reisen. Er war im Kurort Bad Homburg tätig, verlebte einige Zeit bei der Mutter in Nürtingen und war Hauslehrer im schweizerischen Hauptwil sowie im französischen Bordeaux. Als Hofbibliothekar kehrte er nach Homburg zurück. Seine Gesundheit, die physische aber vor allem die geistige, verschlechterte sich jedoch. Die Depressionen und die Stimmungswandel verstärkten sich, zudem traten immer öfter unkontrollierbare Wutanfälle auf. 1806 zog sich der Dichter deshalb nach Tübingen zurück, wo er 231 Tage in der dortigen Klinik behandelt wurde.

Der Arzt und Schriftsteller Reinhard Horowitz veröffentlichte 2017 ein bemerkenswertes Buch, in dem er Hölderlins Behandlungen in Tübingen analysierte. Er kam zum dem Schluss, dass es dem empfindsamen (bzw. möglicherweise überempfindlichen) Dichter geistig bis zu dem Zeitpunkt relativ gut ging, an dem seine Therapie begann – erst eine falsche Medikamenteneinstellung und deren ungeeignete Kombination habe eine langanhaltende Persönlichkeitsveränderung ausgelöst. Hölderlin ist praktisch vergiftet worden.

Und wie ging es weiter? Das erklärt Sandra Potsch, die Leiterin des Museums im Tübinger Hölderlinturm: Als sich Friedrich Hölderlin im September 1806 einer psychiatrischen Behandlung unterzog, bewegte das einen gewissen Schreinermeister namens Ernst Zimmer zu einem Besuch des Dichters. Ernst Zimmer hatte Hölderlins Briefroman Hyperion gelesen, der ihm „ungemein wohl gefiel“. Wenig später nach dem Besuch machte ihm der Direktor des Klinikums den Vorschlag, den als „unheilbar krank“ diagnostizierten Dichter in seinem Haus aufzunehmen – „er wüßte kein pasenderes Lokal“. So kam es, dass sich der Lebensweg des Dichters mit jenem des Schreinermeisters kreuzte. Später hat Hölderlin seinem Gastgeber ein Gedicht gewidmet, das den Auftakt der neuen Dauerausstellung im Tübinger Hölderlinturm bildet: „Die Linien des Lebens sind verschieden …

Hölderlin lebte wie ein weiteres Familienmitglied unter ihnen: Er aß mit ihnen, spielte Klavier, besuchte Ernst Zimmer gelegentlich in seiner Schreinerwerkstatt im Erdgeschoss und wohnte auch in dem Haus, als Zimmers jüngste Tochter Lotte zur Welt kam, die nach dem Tod ihres Vaters die Pflege für Hölderlin übernahm.

Dieses Porträt des Dichters hat Rudolf Lohbauer im Hölderlinturm gezeichnet. Dieses Porträt des Dichters hat Rudolf Lohbauer im Hölderlinturm gezeichnet. | Bild: DLA Marbach, Hölderlinturm

Ein Genius auf zehn Quadratmetern

Das Turmzimmer, in dem Hölderlin einst lebte, war damals etwa 10 Quadratmeter groß. Ein Tischlein, ein Bett, ein Ofen und ein „an der Türe stehender Kasten“ sollen darin gestanden haben. Was wir aus Hölderlins 36 Lebensjahren im Turm wissen, geht aus den wenigen Briefen und Berichten hervor, die aus dieser Zeit noch erhalten sind. Darin wird erzählt, dass Hölderlin oft stundenlang auf dem schmalen Weg am Wasser, direkt vor dem Haus, auf- und abgegangen sein soll. Der Schriftsteller Wilhelm Waiblinger, der Hölderlin häufig besuchen kam, berichtet, dass Hölderlin einmal plötzlich im Sinn hatte, nach Frankfurt zu reisen – die Stadt, in der seine inzwischen längst verstorbene große Liebe Susette Gontard einst wohnte. Daraufhin nahm man ihm „die Stiefel weg, und das erzürnte den Herrn Bibliothekar dergestalt, daß er fünf Tage im Bette blieb“ (Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn).

Darüber hinaus verbrachte Hölderlin – anders als in den vorausgegangenen Lebensjahren, in denen er weite Fußreisen unternahm und nie lange an einem Ort verweilte – seine gesamte zweite Lebenshälfte im Tübinger Turm. Möglich, dass er hier eine Bleibe gefunden hatte, in der er zum ersten Mal sein konnte, wer er sein wollte: ein Dichter.

Man kann auch in die Höhe fallen, so wie in die Tiefe.

Friedrich Hölderlin

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