Carte Blanche Middle East Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens

Das Flüchtlingslager für syrische Flüchtlinge Azraq
Foto: Lukáš Houdek

Das Flüchtlingslager für syrische Flüchtlinge Azraq im Norden von Jordanien an der Grenze zu Syrien ist eines der ausgedehntesten Flüchtlingslager auf der Welt. Aktuell leben hier beinahe 55 000 Menschen, es erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 15 Quadratkilometern. Nach welchen Prinzipien funktioniert das Flüchtlingslager und wie bewältigen die anwesenden Hilfsorganisationen diese große Anzahl an Menschen? Wie viele Flüchtlinge nimmt die jordanische Gesellschaft auf und wie gut gelingt es, die Ankömmlinge zu integrieren? Dieses und anderes beschreibt der Leiter des dortigen Krisenteams der Organisation CARE, Jameel Dababneh. 
 

WELCHE GESCHICHTE HAT DAS LAND IN DER AUFNAHME VON FLÜCHTLINGEN UND WIE VIELE VON IHNEN LEBEN AKTUELL IM LAND?

Jordanien hat seit 1948 eine Menge palästinensischer Flüchtlinge aufgenommen, die sich hier niedergelassen haben und heute bereits die jordanische Staatsbürgerschaft besitzen. Gleichzeitig haben sie aber auf Grundlage einer Resolution der Vereinten Nationen immer noch die Möglichkeit, zurück nach Palästina zu gehen. Jordanien hat aber nicht nur Palästinenser aufgenommen, sondern auch Flüchtlinge aus dem Irak, Somalia, Sudan und nicht zuletzt aus Syrien. Wir sprechen von mehr als 655 000 syrischen Flüchtlingen, die bei den Vereinten Nationen registriert sind. Die Gesamtzahl syrischer Flüchtlinge im Land beläuft sich nach aktuellen jordanischen Statistiken auf ca. 1 250 000. Wenn wir die Zahl der Flüchtlinge ins Verhältnis zur Einwohnerzahl setzen, ist dies eine riesengroße Menge. Natürlich sind damit verschiedene Herausforderungen verbunden, aber gerade die Flüchtlinge haben sich in hohem Maße für den Aufbau des Landes eingesetzt. Sie waren nicht nur eine Belastung, sondern im Gegenteil auch eine Bereicherung.

WANN WURDE DAS HIESIGE FLÜCHTLINGSLAGER ERÖFFNET UND UNTER WELCHEN UMSTÄNDEN?

Als Jordanien nach Ausbruch der Krise begann Flüchtlinge aufzunehmen, hat eigentlich noch niemand daran gedacht, dass ein Lager für syrische Flüchtlinge notwendig sein wird. Als aber die Zahl der Menschen dramatisch stieg – wir sprechen von tausenden Menschen täglich – entschieden sich die Autoritäten des Landes 2012 das erste Flüchtlingslager zu eröffnen, und zwar Zaatari. Als es voll war, wir sprechen hier von 85 000 Menschen, entschieden sie ein weiteres Lager zu eröffnen. Und dieses war Azraq, wo wir uns gerade befinden. Die Ausdehnung des Lagers wurde bereits 1991 so vorgeschlagen, damals in Zusammenhang mit dem Krieg am Persischen Golf. Im Jahre 2013 wurde dieser nicht realisierte Plan wieder hervorgeholt und man begann mit dem Bau der Infrastruktur, um der wachsenden Zahl an Flüchtlingen gerecht zu werden, die ins Land kamen. Ein Jahr später wurde das Lager eröffnet und ist heute die Heimat von mehr als 55 000 syrischen Flüchtlingen.

WIE SIEHT DAS FLÜCHTLINGSLAGER AUS?

Das Flüchtlingslager besteht aus vier Dörfern. Man nutze die Erfahrungen, die man mit der Leitung des Lagers in Zaatari hatte. Jedes Dorf hat seine eigenen Dienstleister – von medizinischen Einrichtungen über Schulen bis hin zu gemeindenahen Versorgungsdiensten und anderen. Im Flüchtlingslager gibt es keinen elektrischen Strom, die Menschen haben ein wenig Licht von kleinen Solarkollektoren. An der Elektrifizierung des Flüchtlingslagers wird gearbeitet, wann sie beendet sein wird, steht noch nicht fest. Für das gesamte Lager gibt es nur eine einzige zentrale Verkaufsstelle, wo die Menschen Lebensmittel kaufen können. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gibt den Menschen Gutscheine im Wert von 20 Jordanischen Dinar pro Person und Monat (umgerechnet ca. 25 Euro), von den sie in der besagten Verkaufsstelle einkaufen gehen können. Wir sprechen aber von weniger als einem Dollar pro Tag, was weit unter der Armutsgrenze liegt. Dadurch, dass es hier nur einen Markt gibt, gibt es auch nur eine ungenügende wirtschaftliche Konkurrenz.

REAGIERT DIE LEITUNG DES FLÜCHTLINGSLAGERS IN IRGENDEINER WEISE AUF DIESE SITUATION?

Ja. Die Leitung hat sich entschieden, dass sie versuchen wird, Wirtschaftsstrukturen im Flüchtlingslager einzuführen. Sie hat deshalb in den einzelnen Dörfern Marktplätze mit Läden aufgebaut und Flüchtlinge angesprochen, ob sie nicht ein kleines Gewerbe aufnehmen wollen. Sie sprach aber auch örtliche jordanische Unternehmer an, schließlich geht es um das Gastgeberland, das von der Situation ebenfalls in irgendeiner profitieren sollte. Weiterhin ist es aber ein großes Problem, dass die Flüchtlinge nicht über Bargeld verfügen, das sie für Einkäufe in diesen Geschäften nutzen könnten, sie bekommen ja nur die erwähnten Gutscheine. Wir haben uns deshalb entschieden, dass wir eine Möglichkeit einführen, wie sich die Menschen ein bisschen Geld dazu verdienen können. Wir haben Frauen und Männer über 18 Jahren angesprochen, die hier leben, dass sie sich bei Interesse an Arbeit im Flüchtlingslager registrieren lassen sollen. Sie können so in verschiedenen Branchen arbeiten, ganz nach ihren Fähigkeiten und Qualifikationen. Wir teilen dann die Liste der angemeldeten Interessenten mit allen Organisationen, die im Flüchtlingslager arbeiten. Diese suchen sich dann – ebenso wie wir – geeignete Arbeitskräfte für anstehende Aufgaben, und zwar im wöchentlichen Rhythmus. Sind die Bewerber für einen Beruf qualifiziert, bekommen sie 1,5 JD (ca. 2 Euro) pro Stunde bei maximal sechs Stunden pro Woche. Unqualifizierte Arbeitskräfte bekommen 1 JD (ca. 1,30 Euro) pro Stunde. Ein gewisses Problem ist, dass wir mehr als 10 000 registrierte Bewerber, aber nur etwa 400 Arbeitsplätze haben. Deshalb haben wir uns bemüht noch etwas mehr zu tun. Im Rahmen eines neuen Programms haben die Flüchtlinge begonnen sich für verschiedene Berufe und Handwerke zu qualifizieren wie Handarbeit, Schneidern, Stricken, Seifen- und Kerzenherstellung oder kreative Tätigkeiten wie Malen oder die Herstellung von Recycling-Produkten. Vor Kurzem haben wir sogar die überhaupt erste Modenschau veranstaltet, die voll in den Händen von Flüchtlingen lag, die aus den Flüchtlingslagern im ganzen Land kamen. Durch diese Aktivitäten versuchen wir die Flüchtlinge, in erster Linie die Frauen, dazu zu bewegen aus ihrer Filterblase herauszukommen – weg von Angst, von Sorgen mit Anderen in Kontakt zu kommen, von Einsamkeit, die das Flüchtlingslager noch verschärft. Flüchtlinge auf die Showbühne zu bekommen ist in dieser Hinsicht ein großer Erfolg. Sie hatten keine Scham. Sie haben eigene Kleider entworfen und dann vor den anderen präsentiert.
 

  • Gespräch: Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens Foto: Lukáš Houdek
    Satellitenbild vom Flüchtlingslager Azraq
  • Gespräch: Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens Foto: Ayman Bino / UNHCR
    Modenschau im Mai mit Erzeugnissen umgeschulter Bewohner des Flüchtlingslagers
  • Gespräch: Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens Foto: Lukáš Houdek
    Blick auf zwei Reihen von Geschäften, die die Leitung des Flüchtlingslagers Jordaniern und hiesigen Flüchtlingen anbietet
  • Gespräch: Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens Foto: Lukáš Houdek
    Das Flüchtlingslager reagiert auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge. Eines davon ist das Aufladen von Telefonen – im Schichtsystem am zentralen Generator. Auch verleiht das Lager Fahrräder für bessere Transportbedingungen im Lager, Tablets, Bücher, Werkzeug usw.
  • Gespräch: Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens Foto: Lukáš Houdek
    Das Flüchtlingslager für syrische Flüchtlinge Azraq
  • Gespräch: Die Flüchtlinge beteiligen sich am Aufbau Jordaniens Foto: Lukáš Houdek
    Das Flüchtlingslager für syrische Flüchtlinge Azraq


HABEN DIE MENSCHEN INTERESSE AN EINER SOLCHEN UMSCHULUNG?

Sicher. Weil sie etwas erschaffen wollen. Syrer sind eigentlich sehr produktiv. Wenn Sie Syrien kennen, wissen Sie sicher, dass Syrer sehr geschickte und oft qualifizierte Leute sind, die nicht gern ohne Arbeit sind. Dadurch, dass wir ihnen diese Aktivitäten anbieten, bieten wir ihnen einen gewissen Schutz. Wenn wir die Kinder zusammenrufen und mit ihnen verschiedene Dinge unternehmen, halten wir sie so von anderen möglichen Aktivitäten ab, die für sie nicht die vorteilhaftesten sind. Wir sprechen im Grunde über eine Stadt, denn das Flüchtlingslager hat eine Fläche von ungefähr 15 Quadratkilometern. Gemessen an der Fläche geht es also um das wohl größte Flüchtlingslager auf der Welt. Eine gewisse Herausforderung bleibt die Einbindung jener, die Kleidung und andere Produkte herstellen, in den Markt. Damit man aus seiner Arbeit auch einen gewissen ökonomischen Nutzen zieht. Damit haben wir aber immer noch zu kämpfen.

KOMMEN DIE MENSCHEN IRGENDWIE DAMIT ZURECHT, DASS SIE NICHT GENÜGEND GELD HABEN? DIE MENSCHEN BEKOMMEN VOM WELTERNÄHRUNGSPROGRAMM DER VEREINTEN NATIONEN 20 DINAR PRO MONAT UND PERSON, WAS NICHT AUSREICHT, GLEICHZEITIG ABER HABEN SIE KEINEN KONSTANTEN ZUGANG ZU ARBEIT. WAS KÖNNEN SIE TUN, UM NICHT HUNGERN ZU MÜSSEN?

In einem gewissen Maße hilft ihnen gerade die angebotene Möglichkeit zu arbeiten, allerdings gibt es davon nicht genug. Zwanzig Dinar für einen ganzen Monat reichen den meisten Menschen nämlich nicht. Wenn ich aber die Möglichkeit habe eine Woche lang sechs Stunden am Tag zu arbeiten, verdiene ich mir 42 Dinar dazu, was die Finanzierungslücke wenigstens für einen Monat ausgleicht. Aber ja, es ist ein Problem, das gelöst werden muss. Die Menschen beschweren sich verständlicherweise jeden Tag. Dass das Essen nicht reicht, ist seit Langem Thema Nummer eins bei der Erledigung von Beschwerden der Bewohner. Und das ist alarmierend. So haben wir zum Beispiel Leute gesehen, die sich zum Mittag Gras gekocht haben, weil sie nichts zu essen hatten. Deshalb stellt unsere Organisation zusätzlich spezielle Lebensmittelpäckchen für die Flüchtlinge zur Verfügung, manchmal bringen auch private Sponsoren Lebensmittel hierher.

 
AUF WELCHE WEISE KÖNNEN DIE MENSCHEN IHRE PRODUKTE, DIE SIE AUF GRUNDLAGE DER IN IHREN KURSEN ERLERNTEN FÄHIGKEITEN FERTIGEN, IN IHRER UMGEBUNG ANBIETEN? FUNKTIONIERT DIE ÖKONOMISCHE INTEGRATION?

Sie müssen sie nicht unbedingt über die Lagergrenzen hinweg nach draußen verkaufen. Das größte Problem aber ist, dass der Gutschein über 20 Dinar, den sie bekommen, nirgendwo anders genutzt werden kann als in dem zentralen Lebensmittelgeschäft. Wenn sie sich von den genannten Zuschüssen auch gegenseitig Produkte abkaufen könnten, würde sich die Situation verbessern, es gebe hier eine gewisse Konkurrenz, die sich auch in den Preisen niederschlagen würde. Deshalb ist es nicht nötig die Produkte aus dem Flüchtlingslager heraus zu verkaufen, in ihm leben immerhin mehr als 50 000 Menschen. Es fehlt aber das Bargeld.
 
GIBT ES HIER EINE REPRÄSENTATION DER FLÜCHTLINGE, DIE MIT DER LEITUNG DES FLÜCHTLINGSLAGERS VERHANDELT? UND WERDEN DIESE VERTRETER EVENTUELL GEWÄHLT?

Ja, das ist eines der wichtigsten Elemente, die zum Funktionieren des Lagers beitragen. Gewählt sind sie nicht. Sie werden von uns ausgesucht. Wir haben aus der Situation in Zaatari gelernt, wo man sich 2014 entschied Wahlen abzuhalten. Sie können es sich vorstellen. Einer der Flüchtlinge kam damals und sagte: „Wie stellen Sie sich das vor, einfach so Wahlen abzuhalten für Leute, die freie Wahlen noch nie erlebt haben?“ Wir haben uns deshalb entschieden klare Kriterien für die Auswahl von Repräsentanten der einzelnen Communities festzulegen und auf Grundlage von Tipps unserer Mitarbeiter, die im Terrain sind, haben wir die Vorauswahl der Kandidaten mit lokalen Akteuren abgestimmt.
 
WIE LÄUFT DIESE REPRÄSENTATION AB? IST SIE IN IRGENDEINER WEISE STRUKTURIERT?

Jedes Dorf ist in Blocks aufgeteilt und jeder Block in vier Reihen segmentiert, die in der Regel aus zwölf Wetterdächern bestehen. Das Ziel war also, Vertreter für jeden Block zu finden – einen Mann und eine Frau. Diese Repräsentanten treffen sich dann auf zwei Ebenen, einmal auf Ebene des Dorfes und einmal auf Ebene des gesamten Flüchtlingslagers. Sie treffen sich auch fortlaufend mit der Leitung des Lagers oder der Polizei, die hier eingesetzt ist.
 
WELCHE ORDNUNG GIBT ES IM FLÜCHTLINGSLAGER? GIBT ES IRGENDWELCHE REGELN, DIE ZEIT UND TAGESPROGRAMM BETREFFEN ODER HABEN DIE LEUTE UNENDLICHE FREIZEIT?


Die Zeit macht die Regeln. Zum Beispiel die Zeit, zu der es Brot gibt, stellt eine gewisse Regel dar. Dies ist zwischen sechs und neun Uhr vormittags und sie müssen in dieser Zeit selbst losgehen und das Brot holen. Auch müssen sie in einer vorher festgelegten Zeit Wasser holen gehen. Es gibt nämlich keine Wasserleitungen zu den Schutzdächern, sodass sie mit Fässern selbst zum Wassertank gehen müssen. Die Schule wiederum ist von acht bis zwölf Uhr für die Jungen und von zwölf bis vier für die Mädchen. Das ist auch eine Regel. Regeln gibt es auch durch die Zusatzaktivitäten der Non-Profit-Organisationen, die hier aktiv sind. Eigentlich handelt es sich um eine ungeplante, irgendwie natürliche Struktur.

 
WIE WIRD DIE SICHERHEIT IM LAGER SICHERGESTELLT?


Im Lager gibt es verschiedene Möglichkeiten die Sicherheit zu garantieren. So haben wir hier beispielsweise Polizisten, die nicht nur normale Polizisten sind, sondern in gewisser Weise auch Sozialarbeiter. Sie tragen keine Pistolen, sie haben nur eine Uniform und treten sehr freundschaftlich auf. Sie sind geschult, um professionell in der humanitären Hilfe zu arbeiten, und dies nicht nur hinsichtlich der Sicherheitsbestimmungen. Deshalb stehen sie den hiesigen Bewohnern sehr nahe.  Dann gibt es hier Polizisten auf zentraler Ebene und gleichzeitig sind auch die Flüchtlinge selbst eine Art Sicherheitseinheit. Nicht wenige Flüchtlinge arbeiten hier nämlich als Wachschutz und so sind die Leute daran gewöhnt ganz normal auf Alltagsniveau zu kommunizieren. Dadurch, dass sie gemeinsam diskutieren, haben sie einen präventiven Einfluss, was verschiedene mögliche Zwischenfälle betrifft. Dabei denke ich vor allem an alle möglichen Streitereien. einige Flüchtlinge beklagen sich aber auch über andere Sicherheitsmängel, zum Beispiel wilde Hunde und vor allem Skorpione und Reptilien. Vor Kurzem fingen Flüchtlinge hier eine drei Meter lange Schlange. Deshalb bemühen wir uns die Bewohner darin zu schulen, wie sie sich vor Skorpionen oder Schlangen schützen können, wie man sie unschädlich macht, wie man Feuer löscht, wie man mit verschiedenen gesundheitlichen Herausforderungen umgeht. Unfälle passieren einfach.
 
WENN SIE VERALLGEMEINERN MÜSSTEN, WIRD DIESES LAGER VON DEN HIESIGEN FLÜCHTLINGEN ALS DURCHGANGSSTATION WAHRGENOMMEN? WAS IST IHRE ZIELSTATION?


Es gibt auf der Welt nur drei mögliche Lösungen für die Flüchtlinge. Die erste ist die freiwillige Rückkehr in ihr Land. Die zweite die Repatriierung, also die Übersiedlung in ein Drittland. Die dritte ist die Integration im Gastgeberland. Ich kann in diesem Moment nicht sagen, welche der Möglichkeiten für unsere Flüchtlinge realistisch ist. Das hängt vor allem von der Politik und anderen Faktoren ab. Wir hoffen immer noch, dass es gelingt die Syrienkrise zu lösen und ich persönlich hoffe, dass es ihnen möglich sein wird sicher in ihre Heimat zurückzukehren.
 
WIE SEHEN DAS DIE BEWOHNER DES FLÜCHTLINGSLAGERS SELBST? SIND SIE HIER ZUFRIEDEN ODER NEIGEN SIE EHER DAZU WIEDER ZU GEHEN?

Der Grad der Zufriedenheit ist unterschiedlich und davon hängt alles Weitere ab. Wir finden hier nie einen Menschen, der im Lager mit allem zufrieden ist. Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Sachen, ob sie gut geschützt sind. Persönlich denke ich, dass der Schutz der hiesigen Flüchtlinge auf einem sehr hohen Niveau ist. Sie selbst sehen das selbstverständlich völlig anders. Es ist auch natürlich, dass der Mensch vergleicht. Und das betrifft nicht nur Flüchtlinge. Sie sind zum Beispiel nach Jordanien gekommen und vergleichen, was besser und was schlechter ist. Also vergleichen auch die Flüchtlinge, zum Beispiel den Preis von Tomaten. Jordanien gilt allgemein als einer der teuersten arabischen Staaten in der Region. Und wenn Sie die Lebensmittelpreise vergleichen, sind Sie wirklich verärgert. Und das hat einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit.
 
IN EUROPA IST DIE POLITIK VON ANGELA MERKEL EIN GROSSES THEMA. MANCHE MEINEN, DASS SIE MIT IHRER EINLADUNG SYRISCHER FLÜCHTLINGE DEREN HOHE ZAHL IN DEUTSCHLAND HERAUFBESCHWOREN HAT. HATTE IHR BEKANNTER AUSSPRUCH TATSÄCHLICH EINEN SOLCHEN EINFLUSS DARAUF, DASS DIE MENSCHEN DIE LAGER HIER VERLASSEN HABEN?

Flüchtlinge wissen wohl Bescheid über alles, was in der Welt passiert. Sie haben Smartphones, sie haben ab und an Zugang zum Internet und verfolgen die Nachrichten, die sie betreffen. Angela Merkel persönlich kennen sie nicht, für sie ist sie irgendeine Politikerin. Wen sie aber kennen, sind ihre Verwandten in Europa. Sie können also weitaus stärker durch ihre Familien beeinflusst sein, die bereits in Europa leben, als durch Merkel. Sie schicken sich gegenseitig Nachrichten, Fotos, sie bestärken sich gegenseitig darin, dass es in Europa gut und sicher ist, dass sie auch nach Europa kommen. Und manche sind dann aus verschiedenen Gründen enttäuscht. Bei jeder Familie ist der Fall ein anderer. Und selbstverständlich kommt auch der ökonomische Faktor hinzu. In einer Reihe westlicher Länder ist beispielsweise Bildung kostenlos. Die Menschen denken nicht nur an sich selbst, sondern auch an ihre Kinder und wollen für sie eine gute Ausbildung, die sie sich auch leisten können. Manche gehen auch wegen der medizinischen Versorgung, die in einer Reihe der Zielländer auf einem hohen Niveau ist und von der Versicherung bezahlt wird. Auch nach Jordanien kommt eine Reihe Menschen wegen gesundheitlicher Probleme, denn unser Land ist bekannt für das hohe Niveau der medizinischen Versorgung.
 
WELCHE MÖGLICHKEITEN HABEN DIE FLÜCHTLINGE MIT DEM STÄDTISCHEN MILIEU IN VERBINDUNG ZU KOMMEN? DIE NÄCHSTE STADT LIEGT NÄMLICH 30 AUTOMINUTEN VON HIER ENTFERNT. IST DIES EIN GLÜCKLICH GEWÄHLTER ORT FÜR EIN FLÜCHTLINGSLAGER? FAHREN DIE MENSCHEN AUCH IN DIE STADT AZRAQ?


Dies hängt überhaupt nicht mit der Entfernung zusammen, sondern mit Auschwung und Wachstum. Die Stadt Azraq, nach der unser Lager benannt ist, ist ein Ort, der mit der Armut kämpft. Würden wir die hiesigen Flüchtlinge dorthin schicken, wäre dies eine weitere Belastung für unsere Stadt. Und sie selbst wissen das, deshalb fahren sie dort auch nicht hin. Einige fahren manchmal in entferntere Städte, wo sie versuchen ad-hoc eine Arbeit zu bekommen. Für eine Reihe Flüchtlinge ist dies keine einfache Umgebung zum Leben. Für andere ist es schlicht ein gewohntes Umfeld, weil sie aus ähnlichen Verhältnissen gerade hierher kamen. Einige lebten vorher sogar in Zelten. Das ist relativ und lässt sich nicht verallgemeinern.
 
WIE NIMMT DIE JORDANISCHE GESELLSCHAFT DIE FLÜCHTLINGE WAHR? IST HIER IRGENDEINE SPANNUNG ZU SPÜREN WEGEN DER WACHSENDEN ZAHL IM LAND?

Zu Beginn der Krise – Syrer und Jordanier sind sich in etwa so nahe wie Tschechen und Slowaken – waren die Jordanier sehr gastfreundlich und haben die Flüchtlinge willkommen geheißen. In letzter Zeit wirft das Thema Arbeit einen gewissen Schatten auf dieses Verhältnis. Das hat auch etwas mit der Kultur zu tun. Ein großer Teil der jungen Jordanier ist nicht bereit, jede Arbeit anzunehmen. Dagegen sind im Grunde alle Syrer, aber zum Beispiel auch Ägypter bereit, alles zu tun. Jordanier arbeiten gerne im Büro. Wir haben einen sehr hohen Alphabetisierungsgrad, einen der höchsten weltweit. Viele Leute haben auch eine Hochschulausbildung. Und damit kämpfen wir hier seit etwa einem Jahr, dass die Menschen mehr an das Land denken, wo sie leben, und sich an dessen Wohlstand beteiligen. Wir haben hier viele Migranten aus Ägypten und aus Asien – vor allem aus Sri Lanka oder von den Philippinen, die hier als Haushälterinnen oder Babysitter arbeiten.
 
UND ES STÖRT DIE MENSCHEN, DASS DIE MIGRANTEN UND FLÜCHTLINGE IHNEN DIE ARBEIT WEGNEHMEN?

Nicht so sehr. Es geht eher darum, dass sie in bestimmten Bereichen nicht mit ihnen konkurrieren können. Nicht deshalb, weil die Flüchtlinge leistungsfähiger wären, sondern einfach deshalb, weil der Mensch, wenn er sein Land verlässt und den Gedanken im Kopf hat Arbeit zu finden, jedwede Arbeit annimmt. Er muss nämlich nicht die Dinge bedenken, die die Einheimischen bedenken – wie etwa die gesellschaftliche Stellung oder das Prestige. Die Jordanier haben hier Familie, Freunde, deshalb brauchen sie auch mehr. Wir sind nicht in der Situation, dass es uns sehr schlecht ginge und wir irgendein Einkommen bräuchten. Die jordanische Wirtschaft ist fragil. Es gibt hier einen relativ hohen Anteil an Arbeitslosen, im Allgemeinen fehlt es an Arbeitsgelegenheiten. Trotz allem sind hier aber keine großen Konflikte oder Spannungen zu beobachten. Eigentlich fast gar nicht.
 
SIND DIE MENSCHEN DEN FLÜCHTLINGEN GEGENÜBER IMMER NOCH OFFEN?

Es ist in Ordnung für sie. Und in dieser Hinsicht ist es wichtig eine Sache zu erwähnen. Die humanitäre Hilfe, die in Zusammenhang mit den Flüchtlingen nach Jordanien kommt, richtet sich nach einer Regierungsentscheidung nicht nur an die Flüchtlinge, sondern es gehen 30 % an arme jordanische Communities. Und das hat geholfen. Weil die Einheimischen auch etwas davon haben.

 
Am Gespräch beteiligten sich auch der Sozialanthropologe Pavel Borecký und die Schriftstellerin Petra Hůlová, die beim Interview dabei waren und ihre eigenen Fragen beigetragen haben. Das Interview ist im Rahmen des Projekts Carte Blanche Midlle East der Goethe-Institute in Prag und in Amman entstanden.