Marseille Erkenntnisse aus Marseille

Freiraum Marseille
© Ira Bliatka

Die kürzliche Exkursion, die die 3. Reise von IFD21 nach Marseille war, wollte die Forschungsebene des Projekts mit besonderem Augenmerk auf den Fall des berühmten Marche Aux Puces (Flohmarkt) im Norden von Marseille beleuchten.


Seit 1988 dient dieser Markt den Bedürfnissen der lokalen Gemeinschaft, einer der ärmsten Gegenden in Frankreich, wo billige Lebensmittel und gebrauchte Haushaltsgeräte verkauft werden. Außerdem befindet sich dort die größte Moschee der Stadt. Dies ändert sich, da der Markt in naher Zukunft als Bestandteil des Projekts EuroMediterranee II zur Renovierung vorgesehen ist, wobei es sich um eine öffentlich-private Partnerschaft für Stadterneuerung handelt. Wir besuchten vom 23. bis zum 28. September den Markt, die Büros von EuroMediterranee und andere Teile der Stadt, um den Bereich erleben zu können und um Interviews und Gruppendiskussionen mit Anwohnern, Flohmarkt-Verkäufern, Städteplanern und Soziologen zu führen. All dies war durch eine grundlegende Frage animiert: Wie gut verstehen die Städteplaner die Bedürfnisse der Einheimischen in den umzugestaltenden Bereichen und wie viel Mitspracherecht haben die Bürgerinnen und Bürger in Planungsentscheidungen?

Der Markt stellte sich uns als kompliziertes Gebilde von räumlichen Strukturen, Verknüpfungen und Sichtweisen auf die Gegenwart und die Hoffnungen für die Zukunft dar. Gelegen in einem alten Industriegebiet befindet sich der Markt in Privatbesitz und besteht aus verschiedenen Bereichen; einem muslimischen Lebensmittel-Markt (Souk), einer antiken Halle und Galerie, einem separaten Hangar mit gebrauchten Möbeln und Haushaltsgeräten, sowie einem informellen Außenbereich, wo Straßenverkäufer falsch zugeordnete Waren auf Decken und an provisorischen Ständen feilbieten. Viele Menschen, die dort arbeiten, kennen einander bereits 20 oder 30 Jahre, und die Atmosphäre erinnerte uns eher an ein kleines Dorf. Doch nicht jeder hatte Zugriff auf die gleichen Informationen über die Zukunftspläne für den Markt oder die gleichen Erwartungen. Während einige der "sesshaften" Verkäufer beispielsweise einige Ideen für Sanierungskonzepte hatten und eigentlich in Bezug auf die Möglichkeit, in einer frischen und sauberen Umwelt arbeiten zu dürfen, eher optimistisch waren, verfügten andere, vor allem diejenigen, die in formloser Weise als Verkäufer tätig waren, über nur wenige Informationen über die Zukunftspläne und hatten nur geringes Vertrauen in die Marktverwaltung, dass sie ihren Lebensunterhalt absichern könnte.

Zur gleichen Zeit liefen die Diskussionen in den Büros von EuroMediterranee in eine andere Richtung. Anstelle des Markts stellen sich diese Stadtplaner eine "Vermischung des Alten mit dem Neuen" innerhalb eines modernen Öko-Bezirkes vor - mit Parks, Bürogebäuden und Wohnanlagen. Sie sind zuversichtlich, nicht nur aufgrund ihres Wissens über die Stadt, sondern auch wegen ihrer bisherigen Erfahrungen. Seit 1995 renovierte EuroMediterranee über 310 Hektar im Zentrum von Marseille, vor allem rund um den alten Hafen im Zentrum der Stadt. Es gibt jedoch viele neue Faktoren, die EuroMediterranee II zu einem sehr andersartigen Unterfangen machen. Im Gegensatz zu den Maßnahmen während der 1990er und 2000er Jahre, als die Projekte zu einem großen Teil vom Staat  finanziert, geführt und kontrolliert wurden, hat heutzutage die Rolle der privaten Bauträger zugenommen, da sie 70 % der erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen. Diese neue Realität lässt weitere Fragen zur demokratischen Kontrolle in Sachen Stadtgestaltung, Vertretung des öffentlichen Interesses in Planungsentscheidungen und in Sachen Kommunikation zwischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit aufkommen. Obwohl unternehmensbasierte Methoden ein strukturiertes und besser reguliertes Umfeld für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bieten, scheint dieser Austausch tendenziell nur eingleisig zu laufen - mehr nur Gewähren von Informationen über bereits getroffene Entscheidungen, als Beratung und Mitgestaltung der Stadt als gemeinsamem Raum.

Wir nehmen diese Erkenntnisse in den nächsten Schritten des Projektes auf, die für November geplant sind. Mit Hilfe der Filmemacherin Eva Stotz organisieren wir eine Reihe von Film-Workshops mit lokalen Bürgern, die von den Rekonstruktionen im Rahmen von EuroMediterranee betroffen sind. Diese Workshops sollen den Teilnehmern beibringen, wie sie sich selbst filmen können, und sie werden gebeten, uns mit visuellen Mitteln ihre eigene gelebte Realität in dieser im Wandel befindlichen Stadt zu beschreiben.