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Gemischtes Doppel: Visegrad #4 | Polen
„Die Lage erinnert mich an die Zeit des Kommunismus“

Wie gehe ich mit dem politischen Druck um? Habe ich mich vielleicht auch schon in den Dienst der Politik einspannen lassen, ohne es zu merken? Solchen Fragen stellen sich heute viele polnische Journalisten. Die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus verschwindet, meint Monika Sieradzka.

Von Monika Sieradzka

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

wer die Medien in Polen verfolgt, wird schnell feststellen, dass viele Journalisten regelrecht zu Missionaren geworden sind, die Ideologien – rechte wie linke - verteidigen, anstatt zu berichten. Andere geben ihre eigenen Standpunkte ganz auf, lassen sich lieber von der Regierung an der kurzen Leine halten. Für mich sind das keine Journalisten mehr, sie sind zu Aktivisten geworden.

Immer wieder höre ich, die Menschen in den postkommunistischen Ländern hätten jegliche Orientierung verloren, dass sie auf die Transformation nicht vorbereitet waren, sich nach einer starken Hand sehnten und jetzt dringend Wegweiser bräuchten.

Unterliegen wir Journalisten jetzt auch diesem Trend? Für die Orientierungslosen gibt es ja mittlerweile fertige Rezepte, in Polen werden sie von den Öffentlich-Rechtlichen serviert.

„Die öffentlichen Medien sind dazu da, die Argumente des Regierungslagers zu verbreiten“ – so jedenfalls definiert Krzysztof Czabański die Rolle der nunmehr quasi-verstaatlichten Fernseh- und Radiosender. Czabański, selbst ehemaliger Journalist, steht seit 2016 an der Spitze des von der PiS-Mehrheit ins Leben gerufenen Rates Nationaler Medien, der die ehemals öffentlich-rechtlichen Sender kontrolliert.

Die öffentlichen Sender verkommen zum Sprachrohr der Regierung

Laut Czabański verwirkliche doch die Regierung ein Programm, das durch die Bürger in freier Wahl quasi abgesegnet wurde, folgerichtig wäre es seltsam, wenn es dem Publikum vorenthalten bliebe.

Es gibt Journalisten, die sich solche Interpretationen zu eigen machen. So verkommen die öffentlichen Sender zum Sprachrohr der Regierenden. Kann man dabei noch von Orientierungslosigkeit der Journalisten reden? Ist das der pure Zynismus? Oder ist es vielleicht nichts weiter als opportuner, radikaler Karrierismus einiger Kollegen?

Marton, Du hast mich vor einer Woche in Deiner Kolumne gefragt, ob ich je Solidarität mit Kollegen bei den staatlichen Medien empfinde. Meine Antwort lautet: Ganz, ganz selten. Wenn überhaupt, dann in sehr wenigen Fällen. Es gibt nämlich Kollegen, einsame Kämpfer, Outsider, die dort arbeiten und versuchen, ihr journalistisches Rückgrat zu bewahren. Es dominiert aber der Anpassungstrend und das Resultat sieht so aus, dass die ehemals öffentlichen Medien – seit gut zwei Jahren unter der Kontrolle der Regierung - zu Propagandainstrumenten geworden sind.

„Vielleicht sind wir der Freiheit nicht gewachsen“

Die Lage erinnert mich an die Zeit des Kommunismus. Die meisten Polen haben zwar über das System geklagt, doch schließlich musste jeder seinen Alltag meistern. Es gab nur ganz wenige, die den Mut und die Möglichkeiten hatten, faule Kompromisse abzulehnen. Jetzt gibt es in Polen kein totalitäres System mehr, jetzt haben wir Freiheit. Vielleicht sind wir aber dieser Freiheit nicht gewachsen, oder drohen sogar, wie Du, liebe Tereza, geschrieben hast, „Opfer unserer selbst und unserer noch nicht verdauten Freiheit“ zu werden. Sind wir also doch so orientierungslos, wie uns die Ideologen, die Radikalen, die Unwissenden glauben machen wollen?

Von ausländischen Kollegen werde ich gefragt, wieso die Gleichschaltung der öffentlichen Medien so einfach gelingen konnte. Eine Frage ist schwierig zu beantworten - außer man argumentierte mit der generell opportunistischen Natur der Menschen selbst. Das wäre naiv und zu kurz gegriffen. Immerhin sind Hunderte Journalisten aus freien Stücken gegangen, als absehbar wurde, in welche Richtung die öffentlichen Medien unter PiS-Einfluss steuerten. Es gab sogar heftige Proteste und Demonstrationen.

Und trotzdem ist es den Regierenden perfekt gelungen, die öffentlichen Medien unter staatliche Kontrolle zu bringen. Ähnlich macht es die PiS jetzt mit der Justizreform, die seit zwei Jahren von der Opposition und von Brüssel angeprangert wird. Trotz scharfer Kritik macht die PiS einfach stur weiter, das ist ihre Methode. Menschen, die sich nach der starken Hand und nach einer schwarz-weißen Welt sehnen, kaufen der PiS diese Methoden ab. Vom Liberalismus halten sie nichts, der würde zu viel Freiheit mit sich bringen. Offenbar ist aber genau das schwieriger zu ertragen als ein System voller Zwänge und Einschränkungen.

Journalisten auf Regierungslinie – aus Naivität und Opportunismus

Es sind nicht nur nationalkonservative Wähler, die den autoritären Führungsstil der Regierung unterstützen. Auch Kollegen schlucken ihn gerne. Vielleicht findet der eine oder andere seine persönlichen Wegweiser, wenn er dem Chef des Rates Nationaler Medien zuhört. Vielleicht hat mancher auch eine starke Hand vermisst: Jetzt ist sie endlich da.

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Menschen in den Dienst einer Propaganda einspannen lassen: Naivität, Opportunismus, Denkfaulheit, Zynismus.

Aus Journalisten werden Aktivisten, die es übrigens auf den beiden Seiten der polnisch-polnischen Barrikade gibt. Auch in links-liberalen Medien verkennen manche ihre Rolle und werden in erster Linie zu Vorkämpfern ihrer Ideologie.

So gibt es in Polen immer weniger Medienberichte, auf die man sich verlassen kann. Deshalb scheint der gute Journalismus, der „Slow-Journalism“, gute Aussichten zu haben. Unsere Geschichte hat gezeigt, dass wir Polen ein trotziges Volk sein können. Irgendwann werden die Menschen hier die Propaganda satthaben.

Je mehr Einschränkungen, desto mehr Kreativität, das hat schon das System der staatlichen Zensur gezeigt. Je mehr Propaganda, desto mehr Nischen für guten Journalismus. Hoffentlich.

Ich bin gespannt, wie diese Aussichten in der Slowakei aussehen. Was meinst Du, Michal?
 

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