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Gemischtes Doppel: Visegrad #6 | Tschechien
Ein Neo-Zeitgeist geht um in Europa

Wie kann es sein, dass in Tschechien die Alt-Kommunisten dem neureichen Oligarchen Andrej Babiš die Stange halten? Unsere Kolumnistin Tereza Semotamová hat sich auf der Suche nach einer Antwort an die Quelle zurückbegeben: Zum Kommunistischen Manifest.

Von Tereza Semotamová

Lieber Martón, liebe Monika, lieber Michal,

Tschechien hat eine neue Regierung! Juhú! Wow! Es hat 264 Tage gedauert, bis dieses ekelhafte Allerlei entstand. Und es ist wohl die schrecklichste Regierung seit 1989. Außerdem ist es eine Zäsur, denn die Koalition zwischen der ANO-Partei des tschechischen Ministerpräsidenten Babiš und den Pseudo-Sozialdemokraten darf nur dank der vierzehn Stimmen der kommunistischen Partei regieren. Ohne die Alt-Kommunisten hätten wir also gar keine Regierung (und auch viele andere Dinge nicht)!

Aber wir sollten uns nichts vormachen: Die Kommunisten waren schon über die gesamte postkommunistische Phase hinweg präsent, genauso wie ihre Wähler und ihr Vermächtnis. Seit jeher wurde im Prager Abgeordnetenhaus mit ihnen kooperiert und ihr totalitärer, unmenschlicher Spirit ist gedanklich noch immer weit verbreitet. In diesem Sinne ist die Unmenschlichkeit tatsächlich recht kommunistisch, großzügig, ausgiebig. Die Kommunisten unter uns sind nämlich für jeden Spaß zu haben, der ihnen selbst was bringt.

Diesmal haben sie also ein Toleranzpatent unterschrieben und unterstützen damit die Regierung des größten tschechischen Oligarchen, der sich berlusconiartig in alle möglichen Industriezweige einkauft: Brot, Joghurt, Hähnchenfleisch, Strom, Benzin, Nachrichten, you name it - eine Vielzahl der Dinge, die wir Tschechen im Alltag konsumieren und verbrauchen, stammen aus seinem Firmenimperium. Ich habe das Kommunistische Manifest zwar nie besonders aufmerksam gelesen, aber unser vermeintlicher Erlöser Andrej Babiš ist einfach die personalisierte Neo-Bourgeoisie schlechthin!

Ok, ich habe nochmal nachgeschlagen. Im Kommunistischen Manifest steht über Bourgeoisie folgendes: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen, und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘.“

Die Kommunisten sind in Tschechien also gerade ihr eigener Klassenfeind geworden. Sie sind nicht mal mehr sich selbst treu. Kann einem etwas Schlimmeres passieren?

Michal, du fragtest mich: „Tschechien hatte keinen Mečiar, die frühe Erfahrung mit gefährlichem Populismus fehlt dem Nachbarland. Sind gerade deswegen Miloš Zeman und Andrej Babiš so populär, und jetzt sogar gemeinsam mit den kommunistischen Altapparatchiks wieder an der Macht, liebe Tereza?“ 

Und ich muss sagen: Ich weiß es nicht. Ich habe einfach keine andere Wahl, als die Kompliziertheit der Welt zu akzeptieren. Wenn man ehrlich antworten will, gibt es eben keine einfachen Antworten. Ich würde eher sagen, es geht um einen Neo-Zeitgeist, der den Babišs, Trumps und AfDlern dieser Welt Mut macht. Die Lüge macht stark. Die anderen sind irgendwie lahm geworden. 

Ich schäme mich, wenn ich höre, was für Erklärungen die V4-Politiker bei ihren Treffen abgeben. Andauernd wollen sie dem „verknöchertem Europa“ etwas erklären. Klar, Europa hört uns vielleicht nicht immer gut zu. Und wenn einem nicht zugehört wird, dann sollte man die Art der Kommunikation ändern. Stattdessen aber treffen sich unsere vier Neo-Musketiere Babiš, Morawiecki, Orbán und Pellegrini mit dem gleichgesinnten österreichischen Bundeskanzler Kurz um zu lästern und Intrigen zu spinnen. Ihre Auftritte erinnern mich an das halbstarke Gebahren verfeindeter Cliquen aus meiner Teenagerzeit.

„Früher haben wir geglaubt, dass Europa unsere Zukunft ist. Heute spüren wir, dass wir die Zukunft Europas sind,“ sagte vor kurzem Ungarns Premier Orbán. Seine Gedanken sollen den neuen Zeitgeist verkörpern. Es ist einfach nur lächerlich, dass Orbán sich als Visionär sieht. Sein Interesse ist „nackt“. In der Wirklichkeit sind dies keine Gedanken, sondern böse Blasen. Was denkst du darüber, Márton? Ist es einfach nur altbackenes „nacktes Interesse“ oder bedient er damit ein zeitgeistiges Verlangen nach … was eigentlich? Recht und Gerechtigkeit?

Heute habe ich viel über ein Interview mit dem einflussreichen Historiker Pavel Kosatík nachgedacht, der die tschechischen Kommunisten nicht als grausame Diktatoren und deren Fanboys betrachtet, sondern als einfache Plebejer, die sich – im Gegensatz zum Rest von uns – nun mal nicht nach Freiheit und Individualität sehnen. 

Was sympathisch ist: Kosatík sieht sich als Publizist und Schriftsteller mitverantwortlich für die Fehler der 90er, vor allem für die Krümmung des Vermächtnisses von Masaryk und Havel, diesen in Stein gemeißelten, zu Karikaturen gewordenen Helden. Er spricht auch über die „alltägliche Arbeit“, der Gesellschaft nicht ein vereinfachtes Bild über diese Größen der tschechischen Geschichte zu vermitteln. Weniger Schwarz-Weiß, mehr Vorsicht, mehr Tiefe und mehr kritisches Hinterfragen: Es lebe die alltägliche Arbeit!

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