Im Gespräch mit Blixa Bargeld: Mein Name hat die Farbe blau

Blixa Bargeld & Teho Teardo
© Rabsch 2016

Der Name des Musikers Blixa Bargeld ist seit Anfang der achtziger Jahre in erster Linie mit der Band Einstürzende Neubauten verbunden, die half den Industrial als Musikrichtung zu definieren und gleichzeitig mit ihrem eigenen Schaffen dessen Grenzen deutlich überstieg. Bargeld befindet sich gegenwärtig auf Europatournee gemeinsam mit seinem italienischen Kollegen, Komponisten und Multiinstrumentalisten Teho Teardo. Dieses Jahr brachten sie ihr zweites gemeinsames Album Nerissimo heraus, das sie am Sonntag, den 18. September in Prag vorstellen.
 

PK: Es handelt sich eigentlich um Ihre einzige langfristige musikalische Zusammenarbeit neben der Band Einstürzende Neubauten. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Teardo seit der ersten gemeinsamen Platte Still Smiling entwickelt?
 
BB: Es gab einen Hauptgrund für die Entstehung unseres zweiten Albums. Das gemeinsame Spielen fing an uns Spaß zu machen: Wir waren mit dem ersten Album auf Tournee und haben gemerkt, dass das Live-Spielen gut funktioniert. Will man dann eine weitere Welle von Konzerten veranstalten, muss man auch ein weiteres Album anbieten. So läuft das in der Musikbranche. Also haben wir es getan. Selbstverständlich: Die Entstehung des Albums hat mir viel Spaß gemacht, auch das Album Nerissimo selbst habe ich sehr gern. Aber eigentlich haben wir einen Grund gebraucht, um weiter spielen zu können.
 
PK: Gut, das klingt nach einem rationalen Grund. Und daneben –
 
BB: Daneben gab es sicher eine ganze Reihe irrationaler Gründe.
 
PK: War es einfach für Sie das Repertoires so zu erweitern?
 
BB: Wenn das einfach wäre, wäre es für mich wohl nicht interessant, einfache Aufgaben locken mich nicht. Es war auf keinen Fall „einfach“. Zwischen den beiden Alben gibt es einige Unterschiede. Vor allem kam auf erste Album Material, das über eine längere Zeit entstanden war: Wir nahmen Text- und auch Musikideen auf, die uns vor einiger Zeit eingefallen, aber nicht umgesetzt worden waren und auf einmal sehr gut passten. Im Gegensatz dazu entstand für Nerissimo alles nur für dieses eine Album. Und das in einem kompakten, relativ kurzen Zeitabschnitt.
 
PK: Auf beiden Alben gibt es auch Titel auf Italienisch. Ist die Zusammenarbeit mit Teardo für Sie eine Gelegenheit, um Ihr Verhältnis zu Italien zu überprüfen oder neu zu überdenken? 

 
BB: Da ist was dran, aber eigentlich habe ich darauf keine Antwort. Seit 1993 singe ich in verschiedenen Sprachen, als wir mit Einstürzende Neubauten das Album Tabula rasa aufnahmen: Jedes Lied auf dem Album hat einen Text in mehr als einer Sprache, es wird auch auf Latein gesungen.  Die Mehrsprachigkeit begleitet mich seitdem – aber auf Italienisch zu singen ist für mich neu. Auf dem Album Still Smiling gibt es das Lied Mi scusi, wo ich mich im Grunde für meinen Akzent entschuldige. Und ich spreche darüber, wie es ist, auf einer anderen Sprache zu singen.
 
PK: Ja, Sie singen dort: „Wer bin ich in einer anderen Sprache?" und auch „Kann ich in einer anderen Sprache küssen?”. Irgendwie ist das ein typisches Lied für Sie. Kommen Ihnen das Denken und die Einstellung von Teho Teardo in irgendeiner Weise typisch italienisch oder südländisch vor?
 
BB: Nein. NEIN. Seine Einstellung kommt mir nicht südländisch vor. Sie kommt mir sehr ... nach Teho vor, nach seiner eigenen. Und auch sein Zugang zu Instrumenten scheint mir ähnlich zu meinem: Ihn interessiert der materielle Aspekt an einem Instrument, ihn interessieren Orte. Als im Tonstudio während der Aufnahmen die Klimaanlage ausfiel, war das erste, was er tat, dass er das Geräusch der kaputten Klimaanlage aufnahm. Das ist mir absolut nah.
 
PK: Nerissimo heißt „am schwärzesten". Sie singen in dem Lied zum Beispiel über eine blaue Stimmfarbe. Interessieren Sie sich für Synästhesie, verbinden Sie Farben mit Geräuschen?
 
BB: Ja, ich bin Synästhet. Wie meine Tochter auch.
 
PK: Was heißt das? 
 
BB: Wir spielen das Spiel oft im Auto. Wir sagen uns: Welche Farbe hat dieses Wort, dieser Buchstabe, diese Zahl? Ich gehe nicht so weit wie einige Komponisten, etwa Skrjabin, für die Farben Noten und Tonarten hatten, was dann in ihrer Musik eine Rolle spielte. So ist das bei mir nicht: Aber Buchstaben und Zahlen nehme ich in Farben wahr. Der Buchstabe A ist für mich seit jeher rot. Es war unterhaltsam zu sehen, dass meine Tochter, die jetzt acht ist, das von mir hat. Wir machen uns zusammen einen Spaß aus der Mama, weil sie keine Farben sieht, wo wir welche sehen. Aber die eigentliche Inspiration war ein palästinensisches Gedicht, dessen Autor sagt: Ich schreibe nicht mit blauer Tinte: Ich würde das ganze Meer aufbrauchen. Ich schreibe in Schwarz: um die Finsternis aufzubrauchen. Das hat mich beeindruckt: Und so habe ich mir eine Stimme vorgestellt, die schwarz singt – nicht um alles in eine finstere Atmosphäre zu stürzen, sondern im Gegenteil: um sie aufzubrauchen. 
 
PK: Welche Farbe hat Ihr Name? 
 
BB: Mein Name hat die Farbe blau! Es gibt aber keine Erklärung dafür. Meine persönliche Theorie besagt, dass dies mit der Zeit zusammenhängt, in der wir Lesen lernen. Und mit den verschiedenen Buchstaben und Formen, die wir lernen, dringt noch ein bisschen mehr ins Gehirn durch. Ich habe das Gefühl, dass jetzt, da ich 57 bin, die Farben, die ich schon mein ganzes Leben lang wahrnehme, anfangen blasser zu werden ...
 
PK: Wie ist das mit den Farben von Tönen in Ihrem neuen Album?

 
BB: Wie ich schon sagte, Teho Teardo arbeitet gern auf unkonventionelle Weise mit Instrumenten. Ich garantiere Ihnen, würden wir in einem Studio vor klassischen Cellisten spielen, würden diese erheblich leiden. Wir verlangen von den Spielern einigermaßen ungewohnte Dinge, die sie aus ihrer Komfortzone holen. Manchmal grenzt das an Folter: etwa beim Spieler der Bassklarinette. Er sitzt dort und bläst und bläst, wird rot vor Erschöpfung, aber der Komponist lässt ihn nicht in Ruhe, solange nicht das zu Ende gebracht ist, was der Komponist will.
 
PK: Wo wir gerade bei Folter sind: Das neue Album schließt mit dem Lied Defenestrazioni, in dem sie das anstrengende Tourneeleben beschreiben. Auch zitieren Sie hier eine Reihe von „stupiden“ Fragen: „Wirst du eines Tages wieder mit Nick spielen?“ „Ich finde, seit FM Einheit weg ist, ist eure Musik schwach.“ „War es nicht schrecklich durch die Mauer eingeschlossen zu sein?“
 
BB: All die dummen Fragen, die im Lied zitiert werden, wurden mir auch gestellt. Einige davon sind nicht einmal Fragen.
 
PK: Ist die Frage nach der Berliner Mauer auch so schrecklich überflüssig? 

 
BB: Für mich eigentlich schon. Ich wurde 1959 geboren, als die Mauer gebaut wurde, war ich zwei. Ich kannte keine andere Welt: Das Leben, wie es damals lief, war für mich normal. Es war wie auf einer Insel zu leben ...
 
PK: Ich würde gerne noch nach einem Ihrer älteren Stücke fragen. In Tschechien hat die Handelskette Hornbach einen festen Platz auf dem Markt. Vor einiger Zeit haben Sie für Hornbach in einer Werbekampagne mitgewirkt: Im Stil eines wissenschaftlichen Vortrages lesen Sie Fakten über giftige Spritzmittel und Farben aus dem Katalog. Warum haben Sie sich so entschieden? 
 
BB: Warum? Weil sie mir genug Geld gegeben haben! Und ich hatte ein gutes Gefühl, weil wir in Cannes auf den Festival für Werbefilme die silberne Medaille bekommen haben.
 

  • Blixa Bargeld & Teho Teardo © Rabsch 2016
    Blixa Bargeld & Teho Teardo: Nerissimo
  • Hans Holbein der Jüngere: Die Gesandten (1533) © Hans Holbein der Jüngere
    Hans Holbein der Jüngere: Die Gesandten (1533)
  • Teho Teardo & Blixa Bargeld © Rabsch 2016
  • Blixa Bargeld & Teho Teardo © Rabsch 2016
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