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Waldgänger© Goethe-Institut e.V.

Waldgänger

Der Wald und die Menschen im Spiegel der deutschsprachigen Literatur:  Neue Folgen des Literaturpodcasts.

Konzeption und Textauswahl: Martin Schröder

Fast alle Kinder mit der Muttersprache Deutsch kommen bereits in sehr jungen Jahren in Berührung mit dem literarischen Sujet des Waldes. Schuld daran ist nicht zuletzt die Hochzeit der Romantik im 19. Jahrhundert. Hier erlebte die Wald-Literatur wohl ihren Durchbruch, ihre Etablierung als beinahe eigene Textgattung. Die Hausmärchen der Gebrüder Grimm spielen großenteils ebendort und führen seitdem Generation um Generation von klein an in den Wald herein. Auch für die Älteren gab es nun Lesestoff zum Wald: Joseph von Eichendorff reizte das sich Selbst vergessen im Angesicht des Waldes, Ludwig Tieck die Einsamkeit. Die Zeit schien ihnen still zu stehen dort im Wald. Trotz revolutionärer Umbrüche, Aufklärung und Fortschritt. Das Sagen- und Märchenhafte, das Mystische schrieben sie in den Wald ein und prägten so das deutsche Bild vom Wald bis heute.
Robert Walser war kein Vertreter der Romantik. Dafür kam er viel zu spät. In seinem Schaffen spiegelt sich die neue Zeit, das heißt das Ende des langen 19. sowie die erste Hälfte des noch längeren 20. Jahrhunderts. Er war durchaus modern. Als einer der ersten überhaupt führte er die neue Schicht der Angestellten als Topos in die deutschsprachige Literatur ein. Vor allem aber war er ein Flaneur, ein Wanderer und Spaziergänger. Und da es trotz der weiter voranschreitenden Industrialisierung noch immer jede Menge Wald zu erlaufen gab, landete er – real und literarisch – auch immer wieder dort: im Wald. Was der Schweizer Literat dort fand, war stark geprägt von der romantischen Literatur. Walsers Wald ist stets – zumindest auch – romantisch. Er ist beseelt von Räubern, Magischem und Waldgängern wie ihm. Er bietet Raum für Träumerei, Stille, Einkehr und knisternde Erotik auf saftig grünem Moos. Das Furchterregende des romantischen Waldes jedoch übernimmt Walser nicht. Es ist nicht Grusel, der ihn in den Wald treibt, sondern das Gefühl, hier ganz bei sich zu sein. Frei nach Goethes Faust: Hier ist er Mensch, hier darf er‘s sein.

Die hier vorgestellten Gedichte entstammen dem Buch „Die Gedichte“ vom Suhrkamp Verlag, die Erzählung „Marie“ ist enthalten in der Robert Walser Gesamtausgabe des Verlags Helmut Kossodo. 

 

Übersetzung: Gedichte (Wald), Marie – Radek Charvát
Audio: Jakub Gottwald
 
Mit seinem dreibändigen Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ wurde der österreichische Schriftsteller Robert Musil weltberühmt. Mit ironischer Distanz arbeitet er sich darin an der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie am Vorabend des 1. Weltkriegs ab. Mit ähnlicher Distanz trat Musil auch den kleineren Themen entgegen. Zum Beispiel dem Wald.
Was ist der Wald? Ist er Natur? Aus dem Krankenlager im Sanatorium lässt Musil seinen Blick in den nahen Gebirgswald streifen, der die ans Bett Gefesselten wohl beruhigen und mit Gedanken an gute Luft und freien Blick füllen soll. Doch was er, der pointierte Kritiker und Ironiker, erkennt, ist eben nicht die sich selbst ordnende Natur. Es ist ein Forst. Von Menschenhand errichtet und gepflegt, um den Ansprüchen der Menschen – Erbauung, Zerstreuung und ökonomische Benutzung – zu entsprechen: „Ein deutscher Wald ist seiner Pflicht bewusst.“ Der Wald als Brettermagazin und Ausgangsort der Ameisensäuregewinnung. Da bleibt kein Raum für die mystische Wald-Erfahrung der Romantik. Oder etwa doch? Musil übt keine Kritik am Wald. Es ist für ihn der Ort, an dem der moderne Mensch und die von ihm errichtete Natur am saubersten ins eins fallen. Was er hier vor bald 100 Jahren aufs Trefflichste ironisierte, war die ideologische Überhöhung, der Selbstbetrug des Menschen im Angesicht des begrünten Holzreservoirs der Holzindustrie.

Der literarische Essay „Wer hat dich, du schöner Wald …?“ ist ein Auszug aus der Sammlung „Pärand eluaegu“ von 1936.


Übersetzung: Radek Charvát
Audio: Jakub Gottwald

 
Und plötzlich ist dort eine Wand, die man nicht mehr durchdringen kann. Vermutlich jeder von uns kennt diesen psychologischen Effekt, wenn wir uns gefangen fühlen in einer Situation, aus der wir – emotional oder körperlich – nicht entrinnen zu können glauben. Auch im Leben der Protagonistin von Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ taucht eine solche Wand auf. Eines Morgens ist sie plötzlich da; nicht sichtbar zwar, aber doch undurchdringlich. Die namenlose Frau ist eingeschlossen in einem Wald, ihr bleiben nur ein Jagdhaus, ein paar tierische Begleiter und der Rückblick auf ein Leben, das sie nicht auf dieses Stranden im Wald vorbereitet hat. Draußen, vor der Wand, versinkt die Zivilisation in Lautlosigkeit. Die Menschen erstarren, verschwinden. Lautlos und langsam werden die Anzeichen der menschlichen Existenz von der „Natur“ verschluckt.
Was klingt wie ein apokalyptischer Psychothriller, ist – je nach Deutung – eine fundamentale Zivilisationskritik und Ausdruck einer tiefgreifenden Zukunftsangst oder das Psychogramm einer feministischen Selbstermächtigung durch die Ich-Erzählerin. Immerhin ist es, ganz anders als bei den meisten anderen Waldgängern, eine Frau, die mit ihrer Rolle als menschliches Wesen im Wald konfrontiert wird.
So oder so, der 1963 erschienene Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer knüpft an zwei Themen an, die in den 1950er und 60er Jahren die deutschsprachige Öffentlichkeit bewegten: die Angst vor dem Atomkrieg und das sich verändernde Verhältnis der Geschlechter. Nicht zufällig war das Buch überaus erfolgreich und gehört bis heute zur Pflichtlektüre an vielen Schulen.
Der Ort für beides – Kritik an der alten Welt und Selbstermächtigung – ist nicht zufällig der Wald. Auf sich allein gestellt, eignet sie – die Frau - sich die Techniken an, die sie zum Überleben braucht. Zurückversetzt in die Natur fühlt sie sich freier, echter und bekennt gar eine heimliche Befriedigung darüber, dass die Natur die in ihren Augen verkommene Zivilisation überdauert. Der Wald ist kein Paradies, die Arbeit ist hart, Tod und Not sind stetig nah. Doch sie fühlt sich am richtigen Platz, im beinahe menschenleeren Wald.


Übersetzung: Kateřina Lepic
Audio: Anita Krausová
 
Marian war erfolgreich. Als Galeristin mit auserlesenem Geschmack und vorzeigbarem Mann gehörte sie zur Oberschicht ihrer österreichischen Stadt. Frei von existenziellen Sorgen bestand ihr größtes Problem darin, was die anderen wohl von ihr dachten. Aber, eigentlich war auch das in den meisten Fällen egal. Dann fällt sie, und zwar tief. Sie landet in einer kleinen, holzofenbeheizten Hütte am Waldrand in der Pampa Österreichs. Zurückgeworfen auf einen Zustand weit unter dem allgemein akzeptierten Existenzminimum muss sie sich arrangieren mit ihrer neuen Lage. Hier braucht sie keine Naturkosmetik, keinen Bio-Supermarkt und keine Designerkleider. Sie braucht Holz, sie braucht Essen. Der Wald übernimmt die Rolle des Versorgers in der Not.

Der 2015 erschienene Roman „Wald“ der österreichischen Autorin Doris Knecht knüpft eindeutig an Marlen Haushofers „Die Wand“ an, welches in der letzten Folge des Podcasts vorgestellt wurde. Der Wald als Raum der Selbsterfahrung, der Selbstermächtigung und der Abwendung von einer dysfunktionalen, kaputten Zivilisation – all diese Themen tauchen auch hier wieder auf. Doch es gibt auch Unterschiede: Während in „Die Wand“ die ganze Welt urplötzlich vor die Hunde geht und die Protagonistin allein zurückbleibt, ist das Desaster in „Wald“ subtiler und individueller zugleich: Die Weltwirtschaftskrise kostet Marian ökonomischen Wohlstand und gesellschaftliche Rolle, während sich die Welt, vielmehr die Zivilisation, scheinbar unbeeindruckt weiterdreht. Der Wald ist hier auch nicht menschenleer. Waldbesitzer, Bauern, Holzarbeiter tummeln sich dort. Die Abkehr von Zivilisation und Gesellschaft muss daher eine unvollständige sein. Auch der feministische Aspekt der weiblichen Selbstermächtigung funktioniert in „Wald“ nur bis zu einem bestimmten Punkt. Marian ist vielmehr darauf angewiesen, dass man – oder besser: DER Mann – sie überleben lässt, sie sich den Reichtums des Waldes aneignen darf. Das Ende aus „Die Wand“ wiederholt sich jedoch im Roman „Wald“: Es ist der Ausblick darauf, den Wald irgendwann einmal wieder zu verlassen.


Übersetzung: Eliška Dubcová
Audio: Anita Krausová
 
Unter den Bäumen des Waldes gibt es nicht nur Licht und Schatten. Vor allem tummeln sich dort mitunter jene Menschen, die der menschlichen Gesellschaft überdrüssig sind oder von ihr ausgestoßen wurden. War der literarische Wald früher bevölkert mit Räubern wie in Wilhelm Hauffs romantischem Märchenalmanach „Das Wirtshaus im Spessart“, mit ausgesetzten Kindern wie in „Hänsel und Gretel“ oder verrufenen Kräuterfrauen, Hexen also, so sind es heute noch immer die Unangepassten und Gescheiterten, die Freaks und die Suchenden, die sich in den Wäldern der Literatur versammeln. Ihnen folgen die Nicht-Gescheiterten (oder Noch-Nicht-Gescheiterten?). Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach einer Verbindung zueinander. So auch der Ich-Erzähler in Sebastian Brücks Geschichte. Nach Jahren begibt er sich mit seinem Onkel Heiner wieder in den Wald seiner Kindheit. Um Pilze zu suchen, Pfifferlinge, und damit der Oma ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Der Weg dorthin ist voller Dickicht. Verständnis und Verbindung finden sich nicht hinter jedem x-beliebigen Strauch. Pfifferlinge auch nicht. Doch: Unter Buchen wird nicht nur gesucht, sondern manchmal auch etwas gefunden.

Die Kurzgeschichte erschien im Jahr 2008 in der Wochenzeitung DIE ZEIT und 2019 in der Anthologie „Durch die Wälder“ von Anna von Planta.



Übersetzung: Radek Charvát
Audio: Jakub Gottwald
 
Der 1951 geborene Journalist und Schriftsteller Wolfgang Büscher nimmt uns in seinem autobiografischen Roman „Heimkehr“ mit in den Wald. Als kleiner Junge träumte er davon, in eine selbst gebaute Hütte in dem Wald vor dem elterlichen Haus zu ziehen. Nun, Jahrzehnte später, liegt Büschers Mutter im Sterben. Um ihr nah zu sein, zieht er für ein Jahr aus der Stadt zurück aufs Land, in eine kleine Jagdhütte in eben jenen Wald seiner Kindheit.
Das Wald-Bild, das uns Büscher präsentiert, ist noch deutlich gespeist aus der verklärenden Sicht des Kindes. Doch es wird erweitert um die erwachsene Erkenntnis, dass es im Wald schnell existenziell wird: Die Mutter stirbt. Der Wald leidet unter Käfern, Hitze und Unwettern. Es wird gerodet, aufgeforstet, gejagt und spaziert. Besonders ist dabei vor allem Büschers Blick auf die Menschen im Wald, die Waldgänger. Auf die Sammler, die Spazierenden, den Förster. Der Wald besteht hier nicht aus Holz allein. Es sind die Menschen, die ihn formen, bedrohen, schützen, nutzen. Büscher spürt in seiner „Heimkehr“ den Originalen nach, die sich zwischen Eichen, Fichten und Totholz tummeln und mit dem Wald verwachsen sind.

Der Roman „Heimkehr“ erschien 2020 im deutschen Rowohlt-Verlag.


Übersetzung: Eliška Dubcová
Audio: Jana Kozubková
 
Unter den Autoren, die sich heute mit dem Wald beschäftigen, ist Peter Wohlleben sicher der Bekannteste und Populärste. Seit 2007 verfasste der Diplom-Forstingenieur eine ganze Reihe von Büchern zu verschiedenen Aspekten des Waldes. Inzwischen ist Wohlleben auch im deutschen Fernsehen und im Kino präsent – immer im Dienste seiner Mission, den unbedarften, entfremdeten Menschen die Geheimnisse des Waldes zu erklären. Die Bäume des Waldes bilden bei ihm eine Waldgesellschaft, die sich schützt, hilft und interagiert. Jede biologische Reaktion ist für Wohlleben zugleich ein Zeichen dafür, wie groß, wie hochentwickelt das System Wald ist. Bei ihm bekommt der Wald ein beinahe menschliches Antlitz, einen individuellen wie gesellschaftlichen Charakter. Das trifft auch auf Kritik. Man muss Wohllebens vermenschlichender Interpretation der biophysikalischen Prozesse nicht in jedem Punkt folgen. Doch eines versteht Wohlleben wie kein zweiter: das Zusammenspiel der Organismen des Waldes so zu erklären, dass man es auch ohne forstwirtschaftliches Studium versteht. Mit seinen populärwissenschaftlichen Naturgeschichten hat er die Deutschen ein Stück weit wieder für den Wald begeistert und ihm zugleich „die Seele zurückgegeben, wie Jan Heidtmann in der Süddeutschen Zeitung schrieb. Auch wenn Wohlleben mit moderner Wissenschaft vieles erklärt, so bringt er doch die romantische Faszination am Wald zurück in deutsche Stadtwohnungen.

Der hier präsentierte Auszug stammt aus Wohllebens bekanntestem Buch Das geheime Leben der Bäume.


Übersetzung: Magdalena Havlová
Audio: Jana Kozubková
 
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