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Jahre 2003–2008
Ihr schafft das!

Die tschechische Hauptstadt Prag
Die tschechische Hauptstadt Prag | Foto: Colourbox

Stephan Nobbe leitete das Goethe-Institut in Prag zwischen den Jahren 2003 und 2008. Lesen Sie seinen sehr persönlichen Brief, den er an seine Prager*innen geschrieben hat, um ihnen zu zeigen, wie sehr er sich mit ihnen verbunden fühlt.

Von Stephan Nobbe

Liebe Freunde in Prag,
 
der Einladung, ein paar Erinnerungen an die mit Euch verbrachten Jahre aufzuschreiben, folge ich gerne. Ich muss allerdings um Nachsicht und Geduld bitten für den Versuch, Ordnung in ungeordnet und emotionell aus dem poetischen Gedächtnis drängende Gedanken und Erinnerungen zu bringen.
 
Ich will der Versuchung widerstehen, aus großer zeitlicher Distanz Jahresrückblicke oder kulturpolitische Überlegungen zu formulieren. Den Alltag und besondere Projekte unserer Arbeit kennen Sie ja. Wir haben sie gemeinsam entwickelt, diskutiert und kompetent gestaltet. Es waren Ihre Kenntnisse, Ihr Fleiß und Ihre Lebenserfahrung, ohne die unsere gemeinsame Arbeit ohne Sinn und ohne Echo geblieben wäre.
 
In den Jahren der Arbeit in Prag war mir und Ihnen immer bewusst, dass wir uns in der Tradition von Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte, kulturellen Lebens, fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer faszinierenden ästhetischen Vielfalt bewegten.
 
Es bedrohten aber auch religiöse, politische und ethnische Konflikte die Beziehungen unserer Völker. Leidvolle Erfahrungen prägten und trübten die gegenseitige Wahrnehmung. Das zu ändern half uns aber die Zuversicht, dass Begegnungen und die Beschäftigung mit den Gemeinsamkeiten statt dem Trennenden uns einander näherbringen würden.
 
Nur ein Projekt dafür, an dem wir alle mitgewirkt haben, will ich in Erinnerung bringen: das dreitägige Symposium, das sich 2005 der Rezeption von Schillers literarischem Werk und seiner Freiheitsphilosophie in Deutschland und Böhmen widmete. Besonders Schillers Idee der Bildung einer aufgeklärten Gesellschaft durch die ästhetische und die philosophische Erziehung der Menschen trug Früchte. Die neue „Verfasstheit“ förderte Bürgersinn und Freiheitsstreben – und auf diesen wiederum gründeten sich die bürgerlichen, republikanischen Verfassungen europäischer Staatswesen. 

  • Günter Grass im Goethe-Institut, 14. Dezember 2007. © ČTK / Michal Kamaryt
    Günter Grass im Goethe-Institut, 14. Dezember 2007.
  • Günter Grass (mitte) blickt hoch zu den Kaisergräbern. Foto: Stephan Nobbe
    Günter Grass (mitte) blickt hoch zu den Kaisergräbern.
  • Gäste vor dem Goethe-Institut, u.a. die Schriftsteller Arnošt Lustig und Jaroslav Rudiš Foto: Stephan Nobbe
    Gäste vor dem Goethe-Institut, u.a. die Schriftsteller Arnošt Lustig und Jaroslav Rudiš
  • Stephan Nobbe (rechts) mit seinem Nachfolger im Amt Heinrich Blömeke und Kolleginnen aus dem Regionalteam. Jahr 2008. © Goethe-Institut
    Stephan Nobbe (rechts) mit seinem Nachfolger im Amt Heinrich Blömeke und Kolleginnen aus dem Regionalteam. Jahr 2008.
Was können wir lernen und fortführen? Unsere Altvorderen haben sich das Leben oft schwer gemacht und gegenseitig viel Leid zugefügt. Sie waren in aller Rivalität aber außerordentlich kreativ und schätzten, was die Nachbarn schufen, sie kannten sich ja gut.
 
Lasst Euch nicht beirren, eine gemeinsame Zukunft auf dieser Kreativität, auf diesem Reichtum und dem sprudelnden Brunnen unserer Kulturen aufzubauen – und ein besser miteinander leben zu lernen. Ihr schafft das!
 
Was bleibt mir: Dankbarkeit und Dank für die Jahre mit Euch in Prag, viele gute Erinnerungen an Orte und Menschen, ein übervolles poetisches Gedächtnis.
 
Aber wenn Corona überstanden ist, sehen wir uns wieder: im Luxor oder im Café Slavia, um zu sehen, ob der Absinth-Trinker immer noch schief hängt, oder bei den Studenten im Café Montmartre oder an einem Tisch neben der Anlegestelle moldauaufwärts. Dann schauen wir bei Sonnenuntergang den Schwänen nach, die zu ihren Schlafplätzen fliegen, hängen leichten Gedanken und Erinnerungen nach – und wenn es mal weniger laut am Ufer ist, lauschen wir den Steinen am Grunde der Moldau.
 
Herzliche Grüße bis dahin, Gesundheit und alles Gute. Ich vermisse Euch alle!
 
Stephan Nobbe

Am Grunde der Moldau wandern die Steine.
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Bertolt Brecht: Das Lied von der Moldau

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