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Jahre 2000–2003
Ein Stück Heimat

Die Veranstaltung Verfassungsfragen im Europa von heute führte folgende Persönlichkeiten, wie den ehemaligen Außenminister Dr. Klaus Kinkel, den damaligen Generalsekretär des Goethe-Instituts Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard und von tschechischer Seite Jaroslav von Lobkowitz und Karel Fürst Schwarzenberg, zu einer Podiumsdiskussion unter der Moderation des Institutsfreundes Petr Brod, zusammen. Jahr 2003.
Die Veranstaltung Verfassungsfragen im Europa von heute führte folgende Persönlichkeiten, wie den ehemaligen Außenminister Dr. Klaus Kinkel, den damaligen Generalsekretär des Goethe-Instituts Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard und von tschechischer Seite Jaroslav von Lobkowitz und Karel Fürst Schwarzenberg, zu einer Podiumsdiskussion unter der Moderation des Institutsfreundes Petr Brod, zusammen. Jahr 2003. | © Goethe-Institut

Eine Jahrhundertflut, die fliegenden Augen Václav Havels und ein Westöstlicher Divan. All das findet ihr nicht in einem Film von Werner Herzog, sondern den Erinnerungen von Frau Gräfin Baudissin an Prag – eine Stadt die ihr zur Heimat wurde.

Von Ute Gräfin Baudissin

Meine kurzfristige Versetzung nach Prag, eine von mir mit großem Interesse und Begeisterung aufgenommene Veränderung meines vielfältigen Goethelebens, führte naturgemäß zu überraschenden Wendungen.

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert

Die Ankunft in Prag stürzte mich gleich in eine Fülle von Programmen und Begegnungen, die so zahlreich waren, dass ich hier nur einige werde erwähnen können. Gleich zu Beginn war der Auftritt des bereits weltberühmten Tanzensembles William Forsythe geplant. Dazu fehlten aber noch erhebliche Sponsorengelder, die ich als „Neuling“ einwerben musste. Dies verursachte große Kopfschmerzen, die allerdings mit Hilfe des in unmittelbarer Nachbarschaft residierenden CEOs von Škoda aufgelöst werden konnten!

Auch die Genesis der später sehr erfolgreichen Ausstellung Herzliche Grüsse – Srdečné pozdravy war nicht einfach. Dass wir sie zum Europäischen Jahr der Sprachen 2001 vorstellen konnten war nämlich nicht selbstverständlich. Wir sollten die vom Goethe-Institut und Inter Nationes für diesen Anlass entwickelte Ausstellung „später einmal“ ohne absehbaren Termin bekommen. Es gebe kein Geld für weitere Exemplare – Punkt! Das konnten wir nicht so stehen lassen. Es gelang, so viele und großzügige tschechische, österreichische, schweizerische und deutsche Sponsoren zu gewinnen, dass wir die nötigen ca. 400.000–500.000 DM für ein eigenes Exemplar der Ausstellung für die Region zusammenbekamen. Doch das kam in der Zentrale des Goethe-Instituts gar nicht gut an. Sie befürchtete den Verlust der Kontrolle über den Einsatz. „Aus dem Nichts“ gab es auf einmal doch ein zentral produziertes Exemplar, das wir einsetzen konnten. Das zwang uns auf nicht sehr schöne Weise, eine äußerst peinliche Absage-Runde bei den Sponsoren zu drehen. Glücklicherweise führte das zu keinen langfristigen Verstimmungen bei unseren Partnern.

Neben der Organisation einiger herausragender Ereignisse, konnten wir auch zu der kontinuierlichen Entwicklung der Sprachkurse beitragen. Unsere Deutschkurse waren 10 Jahre nach der Gründung des Instituts eine feste Größe im Bildungsangebot in der tschechischen Hauptstadt geworden. Die Jahr für Jahr mehr oder weniger stark steigenden Kursgebühren – eine Forderung der Zentrale zur finanziellen Unterstützung der Arbeit des Instituts als Ganzes – blieben erfreulicherweise ohne größeren Einfluss auf die Zahl der Einschreibungen und Kursabschlussprüfungen aller Stufen von A1 bis C2. Die überzeugende Qualität des Deutschunterrichts war dem hoch motivierten und äußerst qualifizierten Kollegium aus tschechischen und deutschen Lehrerinnen und Lehrern zu verdanken sowie der umsichtigen und kompetenten Leitung des Sprachkursbereichs.

Abende auf dem blauen Sofa

Als besonders erfolgreich entwickelte sich das im Jahr 2002 neu geschaffene Projekt des Westöstlichen Divans, erarbeitet von unserer Biblitohek gemeinsam mit Germanistikstudenten der Karlsuniversität, um junge Tschech*innen an die deutschsprachige Literatur heranzuführen. In diesem Zusammenhang ist besonders erinnerungswürdig der weithin beachtete Auftritt des gebürtigen Russen Wladimir Kaminer! Er las, auf dem blauen Sofa der Bibliothek sitzend, dicht umringt von jungen Tschech*innen und anderen hoch Interessierten, wie zum Beispiel dem Botschafter Dr. Líbal und seiner Frau, aus seinem Buch Russendisko, einem Bestseller!

Das Kulturprogramm betreffend, möchte ich möchte auch noch an das Kunstprojekt des damals noch jungen tschechischen Künstlers Milan Cais erinnern, der auf dem Dach des Goethe-Instituts weit sichtbar – bis hin zur Prager Burg – eine computergestützte Lichtinstallation mit zwei sich permanent bewegenden Augen erstellte; hierzu durften die Augen von Václav Havel verwendet werden, wodurch dieses medienwirksame Kunstspektakel besondere Aufmerksamkeit erlangte. Dieses Projekt brachte das Institut in aller Munde, nicht nur bei den Pragern, sondern auch bei zahlreichen begeisterten Besuchern aus der Provinz. Man schenkte dem Institut so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor und das Projekt war für Jung und Alt ein unvergleichliches Erfolgserlebnis!
  • Westöstlicher Divan mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer © Goethe-Institut
    Westöstlicher Divan mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer
  • Die Schriftstellerin Lenka Reinerová auf dem blauen Sofa in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Prag © Goethe-Institut
    Die Schriftstellerin Lenka Reinerová auf dem blauen Sofa in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Prag
Auch wenn ich unzählig viele Treffen mit interessanten Personen hatte, will ich doch einige hier nennen. Hierzu zählen etwa das Treffen mit Lenka Reinerova – an deren späterer Goethe-Medaillen-Verleihung ich selbst mitwirken konnte – und Eduard Goldstücker, unter anderem Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, sowie Botschafter František Černý, dem Grandseigneur der tschechischen Diplomatie, die ich als unvergesslich in Erinnerung behalte. Dazu war es sehr günstig, dass es dank der im Hause gelegenen großzügigen Institutsleiterwohnung, möglich war, dem offiziellen Programmteil noch einen privaten anfügen zu können; die dort geführten zahlreichen Gespräche mit Autoren, Referenten und Filmschaffenden sowie sonstigen Gästen des Instituts waren geprägt von großer Offenheit und Sympathie, aber auch kritischer Hinterfragung einzelner Programmpunkte.

Alle in einem Boot

Mit großer Dankbarkeit blicke ich zurück auf meine Zeit in Prag und möchte mich vor allem bei meinen Kolleginnen und Kollegen sehr herzlich bedanken für die mir entgegengebrachte Aufgeschlossenheit und Unterstützung! Gemeinsam haben wir für unser Institut erfolgreich gearbeitet.

Nicht vergessen möchte ich das großartige Wirken unserer Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung, die im Zuge der Flutkatastrophe im Sommer 2002 – während der Schließungszeit des Instituts! – durch ihr tatkräftiges Handeln Schlimmeres verhüten konnten. Es war ein besonderer Beweis für die Verbundenheit zu unserem Goethe-Institut in Prag, das für Viele auch ein Stück „Heimat“ bedeutet, wie auch für mich!
 

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