Filme Jürgen Böttcher: Martha & Helke Misselwitz: Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann?

Martha © DEFA-Stiftung Wolfgang Dietzel

Sa, 09.11.2019

Goethe-Institut London

50 Princes Gate
Exhibition Road
SW7 2PH London

In diesem Programm stellen wir zwei dokumentarische Portraits starker Frauen gegenüber - Jürgen Böttchers Martha (1978) und Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? (1989) von Helke Misselwitz. Wie unterscheiden sich diese beiden Frauen und ihre Umstände? Was haben sie gemeinsam? Wie begegnen Regisseur und Regisseurin ihren jeweiligen Sujets und wie setzen sie sie in ihren beiden Filmen, die etwas mehr als 10 Jahre auseinander liegen, in Szene?

Wir freuen uns, diese Veranstaltung in Partnerschaft mit dem Open City Documentary Festival präsentierten zu können.

Mit einer Einführung von Martin Brady.


Martha

Eine lange Kamerafahrt an neuen Wohnblöcken vorbei in einem ansonsten kargen Gelände. Ein Bulldozer kämpft sich einen Hügel aus Erde und Schutt hinauf. Ständiger Maschinenlärm. Und dann sehen wir sie - eingewickelt in einen Wintermantel, mit Wollmütze und Handschuhe.So ragt sie hinter dem Förderband hervor, auf dem das Trümmergemisch an ihr vorbeizieht. Aus dem sortiert sie heraus, was noch wertvoll ist. Die 68-jährige Martha Bieder ist seit Kriegsende eine Trümmerfrau, nun im Rummelsburger Sieb- und Brecherwerk, kurz Rummelsburger Kippe. Böttcher zeigt ihre Figur klein wie ein Zwerg zwischen den Maschinen, aber im Gespräch als Riesin mit viel Lebensmut und Schnauze. Er folgt ihr auch in die Wärme der Arbeitsbaracke, wo sie mit ihren Kollegen isst, alles Männer, alle jünger als sie. Wir hören, wie Böttcher Fragen stellt. Sie verraten sein herzliches Verhältnis zu Martha und dass die Situation offensichtlich inszeniert ist. Obwohl sie bescheiden ist, scheint es Martha Spaß zu machen, über ihr Leben und ihre Arbeit zu sprechen, manchmal von Böttcher selbst gedrehtes Filmmaterial von der Kippe oder historische Aufnahmen des zerstörten Berlins kommentierend. Wir sind auch da, wenn Marthas Arbeit zu Ende geht. Um ihren Ruhestand zu feiern, bringt sie Kuchen für ihre Kollegen mit. Wieder sitzen alle um den Tisch. Böttcher bittet sie, eine Vase mit bunten Blumen in den Bildausschnitt zu rücken…

Martha, DDR 1978, s/w, DCP (35mm), 56 Min. Mit englischen Untertiteln.
Regie:  Jürgen Böttcher, Kamera: Wolfgang Dietzel. Mit Martha Bieder.


Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann? © DEFA-Stiftung Thomas Plenert
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Eine private Kohlenhandlung im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg im Winter 1988/89. Die resolute Chefin führt mit Witz und Verstand das Regime und genießt den Respekt ihrer sieben männlichen Angestellten. Nach außen hin allesamt harte Kerle, offenbaren sie in den Schilderungen ihrer beruflichen und privaten Situation, abseits der schweren körperlichen Arbeit, auch die eigene Verletzlichkeit. Der Sozialstudie von Helke Misselwitz gelingt es durch behutsames Fragen, dass die Protagonisten sich bereitwillig „ins Herz blicken“ lassen: „Können so harte Hände zärtlich sein?“ Damit wirkt der Film zuweilen wie die Utopie einer solidarischen Gemeinschaft am sozialen Rand des sozialistischen Arbeiterstaats. Der Blick auf ihn „von unten“ rührt wiederholt an Tabus: Mauerbau und Republikflucht, Kindesmissbrauch und Suizid sind ebenso Gesprächsthemen wie Haftstrafen und Alkoholismus. Auf unbedingte Authentizität bedacht und darum in „antiquiertem“ Schwarzweiß gedreht, dokumentierte der Film ein bald darauf anachronistisches Gewerbe – und wurde darüber zur Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Widersprüche, wenige Monate vor der politischen Wende in der DDR. (Berlinale)

Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann? DDR 1989, s/w, DCP (35mm), 52 Min. Mit englischen Untertiteln.
Regie: Helke Misselwitz, Drehbuch: Helke Misselwitz, Thomas Plenert, Kamera: Thomas Plenert, Schnit: Gudrun Plenert (= Steinbrück), Musik: Brigitte Unterdörfer, Sound: Ronald Gohlke.

 
Dauer der Filme: 108 Minuten

Martin Brady ist emeritierter Dozent für Germanistik und Filmwissenschaft am King's College London. Er hat zum europäischen Film, zu Musik, Literatur, Behinderung, Architektur und bildender Kunst publiziert. Er ist Übersetzter von Victor Klemperers LTI – Notizbuch eines Philologen, arbeitet auch als freier Dolmetscher und als bildender Künstler.

Wenn Sie ein Ticket für diese Filmvorführung kaufen haben Sie Anspruch auf eine Preisermäßigung von 50% für die Veranstaltung Helke Misselwitz: Winter Adé & Aktfotografie, z.B. Gundula Schulze , die am gleichen Tag um 16:45 Uhr stattfindet. In der Buchungsbestätigung bekommen Sie einen Code, der Sie beim Ticketverkauf eingeben müssen.


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