Lauryns künstlerische Praxis ist experimentell und ein disziplinübergreifender Hybrid. Seit 2005 ist sie hauptsächlich daran interessiert, die westliche Dominanz der visuellen Ästhetik und Epistemologie zu untersuchen, indem sie vor allem die nicht-visuellen Sinne und deren Wahrnehmung erforscht. In diesem Zusammenhang erkundete sie den Einfluss der physischen und soziokulturellen Dynamik des Raumes auf die Körperwahrnehmung durch ortsspezifische Interventionen (z. B. Occupation Sonore, 2007) und taktile Klanginstallationen (z. B. Internal Earthquake, 2014).
Lauryn initiierte die Nomadentreffen des Think Tank (2007-8) und des Think & Action Tank (2014-15) und förderte informelle Diskussionen über diverse kreative Forschungsprozesse und Präsentationsformate. Seit 2016 kuratiert sie den Sensory Culture Club reading group, welcher sich mit der gesellschaftlichen und kulturellen Rolle der historisch unterdrückten Geruchs-, Geschmacks- und Berührungssinne auseinandersetzt. Zwischen 2018 und 2019 war sie Ko-Betreuerin eines Master-of-Science-Projekts zur Konsumentenforschung von Körpergerüchen in Lebensmitteln an der Universität Wageningen (NL).
Seit 2016 untersucht Lauryn die Politik des Körperduftes. In diesem Sinne legt sie Gefühle und Annahmen, die in Resonanz auf den Geruch sowie Körpergeruch anderer entstehen, frei. Lauryn unternimmt künstlerische Experimente, die sie mit interdisziplinären Umfragen kombiniert. Hierbei schöpft sie aus einer feministischer Perspektive und setzt sich kritisch mit Laborstudien der Psychologie und den Neurowissenschaften zur menschlichen Geruchswahrnehmung auseinander. In diesem Kontext präsentierte sie kürzlich ihre Projekte LoveSweat Love (2016), Eat Me (2018) und Smell Feel Match (2019). Zudem zeigte sie auf der interdisziplinären Human Olfaction Conference (2017) ihre ersten Forschungsergebnisse zur gefühlten Wahrnehmung der Körperdüfte anderer.
Während der bangaloREsidency wird Lauryn mit dem Srishti Institute of Art, Design and Technology zusammenarbeiten. Sie wird dort Ideen untersuchen, die mit Prozessen des „Othering“ verbunden sind, indem sie die menschliche Wahrnehmung von Körperdüften erforscht. Hierbei wird sie das „Othering“ zunächst als eine Form sozialer Ausgrenzung betrachten, bei der eine Person oder Gruppe „anders“ und folglich nicht als Teil der eigenen sozialen Gruppe wahrgenommen wird. Durch Recherchen und Diskussionen über postkoloniale Perspektiven des „Othering“ mit Inder*innen und der indischen Diaspora wird Lauryn künstlerische Experimente entwerfen, in denen die Teilnehmer*innen ihre Geruchsbeurteilung zu den Körperdüften anderer untersuchen können. Sie ist vorrangig daran interessiert eine aufgeschlossene Diskussion über die Wahrnehmung von Körpergerüchen anzuregen, die sie auch nach der Künstlerresidenz fortführen möchte.
Abschlussbericht
Als ich in Bangalore landete, war ich sehr bewegt. Ich hatte bereits seit einigen Jahren gehofft, die Stadt – insbesondere die Gerüche des Essens, der Menschen sowie der städtischen Umgebung – erkunden zu können. Meinen ersten einschneidenden Geruchseindruck erlebte ich am Flughafen, als uns das Goethe-Institut mit Jasminblütenketten empfang. Ich war fasziniert von dem leichten und zugleich intensiven Blumenduft.
Ich begann mein Projekt nach einer intensiven ersten Woche, in der ich krank war. Zunächst hatte ich die Absicht, Ideen zu erforschen, die in einem Zusammenhang mit Prozessen des „Othering“ stehen, indem ich die Gefühle, potenziellen Annahmen und Urteile von Menschen über die Körperdüfte anderer Menschen untersuchte. Unter Körperdüften verstehe ich dabei das gesamte Spektrum menschlicher Gerüche, wie sie im Alltag vorkommen. Körperdüfte können sowohl rein natürliche Körpergerüche sein als auch deren Veränderung durch hinzugefügte Produkte wie Duschgel, Aftershave, ätherische Öle oder Ähnliches. Insgesamt prägen alle Aktivitäten (wie Arbeiten, Bewegung, Essen etc.) sowie die Orte, die wir bewohnen und durchstreifen, unseren Körperduft. Darüber hinaus verstehe ich das Konzept des „Othering“ als eine Form der sozialen Ausgrenzung, die auf der Annahme beruht, dass eine andere Person oder Gruppe als „anders“ wahrgenommen und daher nicht als Teil der eigenen sozialen Gruppe betrachtet wird.
Da ich völlig neu in der indischen Kulturlandschaft war, schien es mir notwendig, zunächst ein Verständnis dafür zu erlangen, wie die Menschen ihre Welt durch den Geruch wahrnehmen und konstruieren. Zunächst beschloss ich, nach zeitgenössischen akademischen Texten zur Kulturgeschichte des Geruchs zu suchen. Zudem hatte ich mehrere wegweisende Gespräche mit Yashas Shetty und Suresh Jayaram. Zu meiner Überraschung entdeckte ich nur folgendes Buch in englischer Sprache: „Sandalwood and Carrion: Smell in Indian Religion and Culture“ (McHugh 2012), welches anhand von Sanskrit-Texten Einblicke in die Geruchswahrnehmung im vormodernen Südasien gibt. Hier werden Vergleiche zwischen hinduistischen, buddhistischen und jainistischen religiösen Praktiken in Bezug auf den Geruch angestellt. Der Autor zeigt auf, dass Urin, Leichen und Exkremente, die von Menschen stammen, sowie kranke Menschen im vormodernen Indien als übel riechend wahrgenommen wurden.
Je mehr ich über den Geruch in der indischen Kultur zu lernen begann, desto interessierter war ich herauszufinden, was akademische Texte in den Bereichen der Sozialwissenschaften, Psychologie und Neurowissenschaften zur sozialen Wahrnehmung menschlicher Körperdüfte in Indien berichten. Ich entdeckte in diesem Zusammenhang nur einen Artikel: „Theorising Sensory Cultures in Asia: Sociohistorical Perspectives“ (Low 2019). Dieser untersucht die Rolle der Sinne im historischen Kontext Asiens und erwähnt, dass „imperialistische Haltungen, die das sinnesorientierte Verhalten, das Eigentum und die Höflichkeit [...] [in Indien] bestimmen, bedeuten, dass lokale sinnesorientierte Verhaltensweisen als transgressiv und damit als pathologisch interpretiert wurden“ (Low 2019, S. 629, Übersetzung der Autorin). Über diesen Artikel hinaus ist die Literatur in englischer Sprache zu meinem erwünschten Thema sehr spärlich. Leider habe ich bisher keine zeitgenössischen wissenschaftlichen Texte finden können, die untersuchen, wie Menschen sich gegenseitig durch ihre Körperdüfte wahrnehmen.
Zu Beginn meiner Künstlerresidenz setze ich mir als Ziel, die soziale Wahrnehmung des Körperdufts von Menschen, die in Bangalore leben, zu untersuchen. Ich wollte hierbei ein neues olfaktorisches Performance-Experiment schaffen, welches auf dem Projekt „Eat Me“ (2018) aufbaut. Bei „Eat Me“ wurden die Teilnehmer*innen dazu aufgefordert, sich eine Welt vorzustellen, in der es normal ist, andere Personen über Geschmacks- und Geruchserfahrungen durch das Essen (retronasaler Geruch) zu erleben. Hierfür führte ich Interviews an der Universität Wageningen und fragte Personen, ob sie sich vorstellen könnten, Körperduft zu essen und, wenn ja, welche Textur, welchen Geschmack und welche Farbe sie diesem zuschreiben würden. Basierend auf den Antworten der Leute entwarf ich vier Snacks und ein Getränk, die ich dem Publikum servierte.
Diese Gespräche zeichnete ich mit einem Tonaufnahmegerät auf. In einem nächsten Schritt werde ich meine Gesprächspartnerinnen bitten, die Körperdüfte im Bereich um ihren Hals zu sammeln, damit diese chemisch analysiert werden können, denn mir scheint der Hals einer Frau der respektvollste Körperteil zu sein, um die soziale Wahrnehmung der Körperdüfte von Frauen in Bangalore zu erforschen. Der Hals kann sowohl offen gezeigt werden als auch durch Kleidung verdeckt sein. Die Gerüche des Halses einer Frau können bei der Begrüßung anderer Menschen, z.B. durch das Umarmen, aber auch in der Öffentlichkeit, beispielsweise während einer Fahrt in einem überfüllten Bus, wahrgenommen werden. Obwohl es sich um einen intimen Raum handelt, scheinen demnach die Körperdüfte des Halses einer Frau nicht so stigmatisiert zu sein, wie dies z.B. bei Düften der Achselhöhle einer Frau der Fall ist. Es ist meine Absicht, das Bewusstsein für die soziale Wahrnehmung der Körperdüfte von Frauen zu schärfen, indem ich darauf abziele, die bestehenden Stigmata hinsichtlich der Art und Weise, wie Frauen riechen, nicht zu verstärken.
Ein großes Dankeschön an das gesamte Team des Goethe-Instituts, an Max Mueller Bhavan, an Moira Heuer, an Charlotte Rauth, an Marie Knop, an Meena Vari und Yashas Shetty vom Srishti Institute of Art, Design and Technology, an Prof. Shannon Olsson und Srinivas Rao vom NICE Lab des National Centre for Biological Sciences, an Prof. Sobin George vom Institute for Social and Economic Change, an das Team von 1 Shanthi Road, Blank Noise, das Sandbox Collective, The Courtyard sowie an alle Frauen in Bangalore, mit denen ich Gespräche führte.
Bibliographie
McHugh, J 2012, Sandalwood and Carrion: Smell in Indian Religion and Culture, Oxford University Press, New York.
Low, KEY 2019, ‘Theorising Sensory Cultures in Asia: Sociohistorical Perspectives’, Asian Studies Review, vol. 43, no. 4, pp. 618-636, DOI: 10.1080/10357823.2019.1664985