Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

30 Jahre Wiedervereinigung
Ein Spaziergang durch das geeinte Deutschland

30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin
30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin | © Goethe-Institut Italien - Foto: Roberto Sassi

Deutschland feiert in Potsdam den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. Unter dem Motto „Wir miteinander“ lässt die EinheitsEXPO von 5. September bis 4. Oktober die wichtigsten Momente der jüngeren deutschen Geschichte Revue passieren – mit zahlreichen Veranstaltungen und einer Freiluftausstellung in Form eines Rundgangs durch die Straßen der Hauptstadt Brandenburgs. Roberto Sassi, Autor des alternativen Stadtführers „Guida alla Berlino ribelle“, hat sich die EinheitsEXPO angesehen.

Von Roberto Sassi

Ein Trabant auf Beinen

Als ich David Černýs Skulptur Quo vadis sehe, muss ich lächeln. Ich stehe vor einem Trabant mit vier Beinen und riesigen Füßen, der aussieht, als würde er jeden Moment einen Schritt vorwärts machen. Die Organisatoren haben beschlossen, ihn auf dem Steubenplatz aufzustellen, vor dem Hintergrund der Ringerkolonnade und der grünen Kuppel der Nikolaikirche.

30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Roberto Sassi Auf diesem dreieckigen Platz, der bis 1911 aufgrund der hier wartenden Kutschen Fiakerplatz genannt wurde, befindet sich die erste Station der EinheitsEXPO. Es ist der letzte Sonntag im Sommer, in der Potsdamer Innenstadt wimmelt es von Touristen, die meisten von ihnen Deutsche. Ich schnappe Gesprächsfetzen auf, erkenne Akzente aus unterschiedlichen Regionen. Auch die Touristen müssen lächeln, wenn sie die Skulptur von Černý sehen. Sie machen Fotos in lustigen Posen und treten näher, um den Titel des Werks und den Namen des Künstlers zu lesen. Während sie das seltsame anthropomorphe Objekt neugierig betrachten, frage ich mich, ob sie wegen der EXPO hier sind oder ob sie einfach nur das schöne Wetter genutzt haben, um Potsdam zu besichtigen.

Ich umrunde Quo vadis und nach einer kurzen Google-Suche wird mir endlich klar, worauf das Werk Bezug nimmt: Herbst 1989, die deutsche Botschaft in Prag. Während ich hier in der Sonne stehe, fällt mir ein alter Tagesschau-Beitrag ein, den ich vor einigen Monaten gesehen habe: die Rede von Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Botschaft, die Jubelrufe der Ostdeutschen, als sie das Wort „Ausreise“ hören, der Rest des Satzes, der im Getöse untergeht. Aus den Tiefen meines Gedächtnisses krame ich Bilder der Trabis, der echten Trabis hervor: die endlose Reihe an Autos mit DDR-Kennzeichen, die in der Prager Innenstadt in einer Straße unweit der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland zurückgelassen worden waren.

Der Weg zur Einheit 

Ich lasse Černýs Skulptur hinter mir, folge der auf der Karte eingezeichneten Route zum nächsten nummerierten EXPO-Standort und begreife sofort, wie naiv meine Zweifel an der Motivation der Touristen waren. Die Idee besteht gerade darin, Potsdam zu besichtigen und dabei gleichzeitig die Etappen der deutschen Wiedervereinigung Revue passieren zu lassen. Die jüngere Geschichte Deutschlands wird hier bewusst mit der Geografie und Architektur der Brandenburger Hauptstadt verwoben.

30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Roberto Sassi Auf der Breiten Straße, vor dem Marstall, sehe ich mir die Fotoausstellung 30 Jahre – 30 Paare an. Entlang des barocken Gebäudes, in dem seit 1981 das Filmmuseum Potsdam untergebracht ist, sind Porträts von dreißig Ost-West-Paaren aus Brandenburg ausgestellt. Ich bleibe stehen, um ihre Geschichten unter den Bildern zu lesen. Trotz ihrer Vielfalt habe ich den Eindruck, dass sie einander alle irgendwie ähneln. Und vielleicht soll die Ausstellung in gewisser Hinsicht ja genau das zeigen.

Die entlang der Route positionierten Stelen führen mich zur Ausstellung Weg zur Einheit, dem symbolischen Zentrum der EXPO in der Yorckstraße.

30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Roberto Sassi Dort, wo einst das Wasser des Stadtkanals floss, erstreckt sich eine riesige deutsche Fahne – bestehend aus farbigen Bändern, mit einem schwarz, rot, gelb bemalten Herz in der Mitte. Über eine Treppe in der Nähe der Waisenbrücke steige ich ins Bett des freigelegten Kanals hinunter, eine Tafel informiert mich, dass bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Havel-Fischer hier ihren Fang verkauften. Jetzt bin ich da, folge über einen für die Ausstellung angelegten Holzsteg dem „Weg zur Einheit“ und lese die Texte auf den großen Tafeln, die an die entscheidenden Ereignisse der Jahre 1989/90 erinnern.

30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Roberto Sassi Nach einer kurzen Mittagspause geht es weiter Richtung Brandenburger Tor und von dort in die Hegelallee. Von Zeit zu Zeit halte ich an, um mir die an den EXPO-Towers gezeigten Videos anzusehen. Ab hier ist die Ausstellung den politischen Institutionen Deutschlands und den sechzehn Ländern gewidmet, die sich den Besuchern in einer Reihe dreißig Quadratmeter großer City-Cubes präsentieren. In dem von Bayern interagiert eine junge Frau via Videokonferenz mit den Passanten, die sich auf deren Zurufe hin verwirrt umsehen. Auch ich sehe mich verwirrt um.

30 Jahre Wiedervereinigung - EinheitsEXPO, Berlin © Goethe-Institut Italien - Foto: Roberto Sassi Ich gehe das letzte Stück des EXPO-Rundwegs in der Friedrich-Ebert-Straße entlang, vorbei am Holländischen Viertel mit seinen einfachen, niedrigen Häusern, die im 18. Jahrhundert für die holländischen Einwanderer erbaut wurden. Wenig später stehe ich erneut auf dem Alten Markt, die Nikolaikirche dominiert den Platz, in dessen Mitte der EXPO-Cube des Landes Brandenburg aufgebaut wurde: ein Hausboot. Da es von hier nicht weit ist, beschließe ich, noch einmal nach dem Trabant von David Černý zu sehen. Er ist noch da. Neue Touristen betrachten ihn neugierig, machen Fotos in lustigen Posen und treten näher, um den Titel des Werks und den Namen des Künstlers zu lesen.

Top