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Techno
Eine (nicht ganz) deutsche Geschichte von 1989 bis heute

Nina Kraviz und Helena Hauff nach ihrem gemeinsamen Set am 9.4.2019 auf der Timewarp 25 in Mannheim.
Liebe, Frieden und Einigkeit: Nina Kraviz und Helena Hauff auf der Timewarp 25 in Mannheim. | © Katja Ruge

Techno ging von Detroit aus um die Welt, doch nirgendwo sonst fiel der futuristische Sound auf dermaßen fruchtbaren Boden wie in Deutschland. Als Soundtrack der Wende auf Berliner Dancefloors in Ost und West erlebte die Szene danach ein beispielhaftes Auf und Ab, bevor Ende der 2000er-Jahre ein neuer Frühling anbrach.
 

Von Kristoffer Cornils

Detroiter Wurzeln, internationale Begeisterung

Inspiriert von Kraftwerks Fahrten auf der Autobahn, dem Glam und Glanz italienischer Disco-Produktionen und dem futuristischen Funk von US-amerikanischen Künstler*innen wie Bootsy Collins spielten in den 1980er-Jahren einige Kids aus Detroit an japanischer Hardware herum. Mit den Singles Sharevari von A Number of Names im Jahr 1981 und No UFO’s von Juan Atkins’ Projekt „Model 500“ vier Jahre später wurden die Grundlagen für den Soundtrack einer neuen musikalischen Zukunft gelegt: Techno.

Dieser im globalen Miteinander entstandene Sound fand in Windeseile seinen Weg in die weite Welt. Während Acid House aus Chicago mit Umwegen über Ibiza eine ganze Bewegung lostrat, unterstrich spätestens im Jahr 1988 die Compilation Techno! (The New Dance Sound Of Detroit), dass auch die „Motor City“ dieser Welt eine neue Ästhetik zu bieten hatte – die begierig vom Publikum aufgenommen wurde.

Obwohl sowohl House als auch Techno als internationale Phänomene zu verstehen sind, lassen sie sich nicht ohne ihre spezifischen historischen, sozialen und kulturellen Kontexte und Traditionen erklären: Keine Chicagoer House Music ohne die Höhen und Tiefen der queeren Disco-Szene New Yorks, kein Techno ohne die Erfahrungen und Hoffnungen der Schwarzen Jugend Detroits, der Techno City, wie der Titel einer EP von Juan Atkins’ gemeinsamem Duo mit Richard „3070“ Davis lautet. Die Werke der deutschen Band Kraftwerk war Anfang der 1980er-Jahre wegweisend für die spätere Techno-Szene. Die Werke der deutschen Band Kraftwerk war Anfang der 1980er-Jahre wegweisend für die spätere Techno-Szene. | Foto: © picture alliance / Peter Boettcher / dpa Vor allem hat sich Techno jedoch als allumfassende Kultur behauptet, die immer neue Verästelungen erlebte und auf globaler ebenso wie auf regionaler Ebene Wechselwirkungen erzeugte. Eine einheitliche Geschichte von Techno kann daher nicht geschrieben werden – wie sich auch am Beispiel Deutschlands zeigt.

Westdeutschland am Synthesizer

Schon die deutschen „Krautrock“-Bands Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre hatten ein gesteigertes Interesse an Synthesizern und kosmischen Klängen an den Tag gelegt. Vor allem in der Kraftwerk-Heimatstadt Düsseldorf vertiefte die nachfolgende Generation ihre Auseinandersetzung mit den mittlerweile günstig erhältlichen Synthesizern, Sequencern und Drummachines: Gruppen wie D.A.F. werden gemeinhin der Neuen Deutschen Welle zugerechnet, legten aber ebenso den Grundstein für elektronische Tanzmusik aus der Bundesrepublik.

Noch bevor der Begriff „Techno“ aus Detroit hierzulande ankam, schrieb Andreas „Talla 2XLC“ Tomalla der Legende nach dieses Wort auf ein Fach des Plattenladens City-Music in Frankfurt am Main und ließ dem sogar eine Veranstaltungsreihe namens Technoclub folgen. In der kulturell stark von der Anwesenheit Schwarzer US-Militärs geprägten Stadt wurden ohnehin viele der Grundlagen für eine deutsche Interpretation der Techno-Kultur gelegt: Clubs wie das Dorian Gray und später das Omen, der DJ und Musiker Sven Väth und das von Thomas Koch alias DJ T. begründete Magazin GROOVE oder auch die im Rahmen der Technoclub-Veranstaltungen entstandene Zeitschrift Frontpage wurden zu wichtigen Eckpfeilern der frühen Szene.

1989: Der Wende-Punkt

Neben Frankfurt am Main gab es noch andere Keimzellen elektronischer Musikkultur in der Bundesrepublik, wie beispielsweise den schwulen Szene-Club Front in Hamburg. Aber nirgendwo sonst traf der neue Sound aus Detroit auf dermaßen viel Widerklang wie in Berlin. Nach dem Mauerfall kamen feierwütige West- und Ostberliner*innen auf dem Dancefloor zusammen – im wahrsten Sinne des Wortes ein Wende-Punkt für Techno in Deutschland. Die einen hatten bereits in den Kellerclubs von Schöneberg zu Acid House getanzt, die anderen über den Jugendradiosender DT64 eine Erziehung in Sachen West-Pop, Hip-Hop und Clubmusik genossen.

Der Leerstand der wiedervereinten Stadt wurde mit provisorischen Clubs befüllt und es ergaben sich temporär autonome Zonen, in denen auch die musikalische Gemengelage fast unüberschaubar war: In den Anfangstagen war noch unterscheidungslos von „Technohouse“ die Rede, dazu gesellten sich Breakbeats und andere Formen elektronischer Tanzmusik. Doch bald schon sollte sich unter anderem dank DJs wie Tanith und dem Tekknozid-Veranstalter Wolle XDP ein harter, unerbittlicher Sound für Langzeit-Raves herausbilden: Tekkno hieß die erste genuine Berliner Techno-Spielart.
Bis zur seiner Schließung 2005 war der „Tresor“ der bekannteste Berliner Techno-Tempel. Bis zur seiner Schließung 2005 war der „Tresor“ der bekannteste Berliner Techno-Tempel. | Foto: © picture-alliance/dpa/dpaweb/ XAMAX

Doch geschah auch das nicht ohne Wechselbeziehungen quer durch die Welt. Die Veröffentlichungen auf Labels wie R&S aus Belgien, Miss Djax’ Djax Records aus den Niederlanden und vor allem Underground Resistance aus Detroit wurden prägend für den Klang der Familie, wie ein Stück von Dr. Motte & 3Phrase hieß, das auch einer im Jahr 2012 veröffentlichten Erzählung über die frühe Berliner Szene ihren Namen verlieh.

Die Berlin-Detroit-Connection entstand vor allem zwischen dem von Dimitri Hegemann geleiteten Club Tresor und den Mitgliedern der Gruppe um „Mad“ Mike Banks und Jeff Mills, die den soften Grooves der ersten Welle des Detroit-Techno einen harten, unerbittlichen Sound entgegensetzten – und nicht nur das. Als „Underground Resistance“ standen sie auch für eine politische Deutung von Techno, die die Schwarzen Wurzeln des Sounds betonten und musikalische Härte mit minimalistischen Strukturen vereinten.

Die frühen 1990er-Jahre: Anarchischer Stilwildwuchs und Mainstreamisierung

Berlin war derweil nicht die einzige deutsche Stadt, in der sich eine eigene Szene gründete, die einen dazugehörigen Sound entwickelte. Über die Neunzigerjahre hinweg waren es vor allem Clubs wie das Stammheim in Kassel, das milk! in Mannheim, die bis heute bestehende Distillery in Leipzig oder die Szene um den Kölner Plattenladen und das spätere Label-Imperium Kompakt, die für einen anarchischen Stilwildwuchs im wiedervereinigten Deutschland sorgten. Doch die Diversität, die auch auf einem lebendigen Austausch untereinander basierte, wurde bald schon von dem immer größeren Erfolg elektronischer Tanzmusik nivelliert.

Sollte es so etwas wie eine Stunde Null für die Ankunft von Techno im deutschen Mainstream geben, dann ist es wohl die Veröffentlichung der Single Somewhere Over the Rainbow von Marusha aus dem Jahr 1994. Die langjährige DT64-Moderatorin landete mir ihrer Cover-Version des Klassikers einen Hit, der von einigen als Ausverkauf einer Subkultur, von anderen als größter Erfolg derselben gefeiert wurde. Mit DJ Marushas „Somewhere over the Rainbow” kam 1994 der Techno im Mainstream an – im Guten wie im Schlechten. Mit DJ Marushas „Somewhere over the Rainbow” kam 1994 der Techno im Mainstream an – im Guten wie im Schlechten. | Foto (Detail): ©picture alliance/Fryderyk Gabowicz Tatsächlich war die von Dr. Motte und Danielle de Picciotto erstmals im Jahr 1989 in Berlin ausgerichtete Loveparade zu dieser Zeit schon ein internationales Phänomen, das bald schon live im Musikfernsehen übertragen werden sollte. Auch hatten einige findige Großkonzerne die Rave-Kultur als idealen Werbeträger entdeckt. Ob als Fernsehreklame, im Radio, in den Charts und im Jugendzimmer: Techno-Kultur „made in Germany“ war bunt, schrill und überall zu sehen und zu hören. Wie über Nacht wurde sie zum Mainstream.

Waren aber von Tabakkonzernen finanzierte, in Flugzeugen ausgerichtete „Air Raves“ wirklich mit dem Underground-Ethos der Szene kompatibel? Was hatte das benebelte Treiben während der Loveparade noch mit den Zukunftsvisionen der Detroiter Kids wie Juan Atkins zu tun, der sich nach einer Phrase des Futurologen Alvin Tofflers als „techno rebel“ bezeichnet hatte? Entsprachen Starschnitte in der BRAVO der Ideologie von Underground Resistance, die ihren Techno lieber „faceless“ mochten und sowohl auf Werbung wie auch auf das Zeigen ihrer Gesichter verzichteten?

Nicht wirklich – denn Deutschlands Techno-Szene war von der Idee einer „ravenden Gesellschaft“ geleitet, von der auch WestBam, einer der tonangebenden DJs und Labelbetreiber der späten 1980er-Jahre, träumte. Die Ankunft im Mainstream war die logische Konsequenz dieses megalomanischen Verlangens - im Guten wie im Schlechten.

Die späten 1990er-Jahre: Die Ära der „Super-DJs“

Nachdem Techno Mitte der 1990er-Jahre seinen Zenit erreicht hatte, verlor es in Deutschland graduell an öffentlicher Wirkmacht, während sich die stilistische Bandbreite jedoch diversifizierte. Von Digital Hardcore und Gabber bis Drum’n’Bass, experimenteller Klangkunst auf Labels wie Mille Plateaux oder Trance, Schranz und Breakcore bildeten oder festigten sich bestimmte Nischensounds, und nicht wenige der noch recht jungen Communitys zogen sich in den Untergrund zurück.

Die späten 1990er-Jahre waren geprägt von einem nachlassenden Interesse an Techno im Mainstream, zugleich aber auch dem Aufkommen derjenigen Figuren, die WestBam rückblickend als „Superstar-DJs“ bezeichnen sollte. DJs wie Paul van Dyk waren global aktiv, bestens bezahlt und sorgten für Alleinunterhaltung im Stundentakt. So bildeten sich zwei Schichten der Techno-Bewegung: Der starr auf Authentizität pochende regionale Underground und eine Riege von international tourenden DJs, die sich mit prall gefüllten Bankkonten aus den Hochzeiten des Techno-Hypes ins neue Jahrtausend herüberretteten.

Die 2000er-Jahre: Minimalismus und ein zweiter Frühling

In kommerzieller Hinsicht mag die Zeitspanne nach Aufstieg und Fall von Techno als Mainstream-Phänomen für die über das Land verstreute Szene hart gewesen sein, auf kreativer Ebene brachte sie aber aufregende Neuerungen mit sich. Schon seit langer Zeit hatten Labels wie Source aus Heidelberg oder die Berliner Institutionen Chain Reaction und Basic Channel aus dem Umfeld des Plattenladens Hard Wax neue stilistische Impulse gesetzt, Techno um andere Sounds angereichert oder völlig abstrahiert. Um die Jahrtausendwende herum war die Zeit der Vertiefung gekommen. Das heißt: des Minimalismus.

„You have come here, you must think about minimalism“, begrüßte Sascha Kösch die Hörer*innen der Compilation Clicks_+_Cuts auf Mille Plateaux im Jahr 2000 in dessen Begleittexten. Die umfangreiche Anthologie setzte sich aus Beiträgen zusammen, die die Sounds des Computerzeitalters neu arrangierten und collagierten. Ähnliche Prinzipien wurden in neuen Genres wie Microhouse angewendet. Der neue Hang zum Minimalismus resultierte in einer Rückbesinnung: Minimal-Techno wurde zum Sound der Nullerjahre in Techno-Deutschland.

Der vom Detroiter Produzenten Robert Hood Mitte der 1990er-Jahre erfundene Minimal-Techno setzte auf eine reduzierte Klangästhetik und führte die Musik auf ihre eigentliche Funktion als Tanzmusik zurück: Repetitive Rhythmen, kombiniert mit leichten Verschiebungen, sollten über die Dauer eines Marathon-Raves die Tanzenden in Trance lullen. Einen besonders empfänglichen Nährboden fand dieser Ansatz in Berlin, wo in Clubs wie der Bar25 oder dem Berghain so manche Nacht zum Tag und umgekehrt gemacht wurde. Der Rave hörte dort scheinbar niemals auf. Das sprach sich bald herum.

Spätestens mit dem Film Berlin Calling und dem vom Hauptdarsteller Paul Kalkbrenner gemeinsam mit seinem Bruder, dem Sänger Fritz, veröffentlichten Titelstück Sky & Sand aus dem Jahr 2008 bekam die zuvor noch weitgehend als internationaler Geheimtipp gehandelte Berliner Szene wie über Nacht einen ungemeinen Aufschwung. Der schon zuvor laufende „Easyjetset“, wie es der Journalist Tobias Rapp nannte – die wöchentlich landenden Flugladungen von Techno-Tourist*innen aus aller Welt –, verstärkte sich noch, und Techno „made in Berlin“ wurde erneut zum Exportschlager. Gegen Ende der 2000er-Jahre brach ein zweiter Frühling an.

Die Nachgeschichte: Das Loveparade-Unglück 2010 und die Gentrifizierung des Dancefloors

Doch bewies unter anderem das Loveparade-Unglück am 24. Juli 2010 in Duisburg, als durch eine Massenpanik mehrere Menschen ums Leben kamen, dass mit dem Wiedereintreten der Techno-Kultur in den Mainstream und dem neu aufgeflammten Interesse großer Konzerne – ausgerichtet wurde die Parade von einer Fitnessstudiokette – neue negative Konsequenzen einhergingen.

Seit Anbruch der 2010er-Jahre erlebt Techno einen internationalen Aufschwung, von dem vor allem die alten und neuen Superstar-DJs – ob nun EDM-Megastars wie David Guetta oder aus dem Underground kommende Größen wie Charlotte de Witte, Kobosil oder Peggy Gou – profitieren, während der Underground weiterhin prekär lebt. Selbst in Berlin ist die Clubszene immer wieder von Verdrängung bedroht. Die Schneller-Höher-Weiter-Ideologie der deutschen Techno-Kultur, sie führte direkt zu einer Gentrifizierung des Dancefloors. Ausgang? Bisher ungewiss.

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