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Dresden: 2. Teil
Dresden: Stadt der Gegensätze

Das Militärhistorische Museum
Das Militärhistorische Museum | © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi

Im zweiten Teil seiner Reportage über die sächsische Hauptstadt richtet Roberto Sassi den Blick auf die Widersprüche der Stadt und erkundet mit Tänzerin und Tanzpädagogin Elena Cencetti die Altstadt.

Von Roberto Sassi

DIE ZWEI UFER DER ELBE

Auf dem Neumarkt strahlt die Sandsteinfassade der Frauenkirche in unerwartetem Sonnenschein. Es ist fast Mittag, einige Tourist*innen fotografieren einander unter dem Martin-Luther-Standbild, ein Stück weiter unterhält ein Straßenkünstler eine Gruppe von Kindern mit riesigen Seifenblasen. Hier, am repräsentativsten Platz Dresdens, vor jenem Gebäude, das am eindrücklichsten von der tragischen Geschichte der Stadt erzählt, kommt mir Coventry in den Sinn. Ich denke an das seltsame Schicksal, dass die beiden so weit voneinander entfernten und so unterschiedlichen Städte miteinander verbindet, und an die Städtepartnerschaft, die sie 1956 begründeten, nur neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Einige Historiker*innen behaupten, die Bombenangriffe auf Dresden seien ein Racheakt für die Zerstörung einer der schönsten Altstädte Großbritanniens im Jahr 1940 gewesen. Ich betrachte das goldene Kreuz auf der Kuppel der Frauenkirche, das vom englischen Schmied Alan Smith gefertigt wurde, und sage mir, dass die Realität manchmal die besten Geschichten noch übertrifft: Der Vater des Schmieds, Frank Smith, war einer der RAF-Piloten, die an den Bombenangriffen am 13. und 14. Februar 1945 beteiligt waren. Heute ist die Frauenkirche ein Symbol der Versöhnung, aber auch der Wiederauferstehung der sächsischen Hauptstadt. Bis Anfang der neunziger Jahre war die Kirche ein Trümmerhaufen, das letzte sichtbare Zeugnis des schrecklichen Krieges, eine Art Mahnmal. Erst 2006, sechzig Jahre nach ihrer Zerstörung, wurde die Kirche wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei genauerem Hinsehen erkennt man schnell den Abschnitt, der die Bomben überstanden hat, und die für den Neubau wiederverwendeten alten Steine, die dunkler sind als die übrigen.

Nachdem ich die Gegend rund um den Neumarkt erkundet habe, beschließe ich, das Touristenviertel zu verlassen. Ich habe Lust, die Elbe entlang zu spazieren, allerdings am anderen Ufer. Um dorthin zu gelangen, überquere ich die Augustusbrücke – eine der Brücken, die Altstadt und Neustadt miteinander verbinden. Als die Augustusbrücke Mitte des sechzehnten Jahrhunderts errichtet wurde, befand sich auf dem Gebiet der heutigen Neustadt noch eine unabhängige Stadt slawischen Ursprungs namens Altendresden. Aktuell wird die Brücke saniert, einige Arbeiter*innen schlagen mit Hämmern Pflastersteine in den Boden. Hinter ihnen wetteifern Kräne mit dem dunklen Glockenturm der Dreikönigskirche. Ich gehe zum Flussufer hinunter, hin und wieder kommt jemand auf dem Fahrrad vorbei, ein Junge übt einsam Tricks auf seinem Skateboard. Auf der anderen Seite des Flusses liegen Ausflugsboote für Tourist*innen bereit, dahinter sind die prächtige Brühlsche Terrasse und die barocke Architektur der Altstadt zu sehen, die Kuppel der Frauenkirche ragt zwischen den umliegenden Gebäuden hervor. Ich gehe ein paar hundert Meter weiter und auf der anderen Uferseite eröffnet sich mir ein ganz anderer Blick: eine lange Reihe grauer Plattenbauten. Der Bogenschütze aus Bronze am Eingang des Staudengartens zielt exakt in ihre Richtung. Als der Bildhauer Ernst Moritz Geyger die Statue im Jahr 1902 schuf, waren die gigantischen Wohnblocks noch nicht da, und doch sieht es aus, als wäre der Schütze absichtlich genau hier platziert worden, als würde er die Bauten mit seinem Pfeil zum Einsturz bringen wollen.

ELBFLORENZ

Ich bin mit Elena Cencetti am Eingang zum Kulturpalast verabredet. Um drei Uhr nachmittags warte ich bei einem Brunnen auf sie, vor mir erstreckt sich der Altmarkt, um den sich die Stadt im Mittelalter ausbreitete. Im Foyer des Kulturpalasts ertönt klassische Musik aus den Lautsprechern, Menschen aller Altersgruppen gehen durch das Haupttor ein und aus, einige wollen in die Zentralbibliothek, andere vielleicht ins Kabarett-Theater „Herkuleskeule“ oder in die Dresdner Philharmonie zu einer Aufführung oder einem Nachmittagskonzert. Elena ist vierunddreißig, kommt aus Florenz und lebt seit 2010 in Dresden. Sie ist Tänzerin und Tanzpädagogin und organisiert darüber hinaus kulturelle Projekte. Während wir die Schloßstraße entlang spazieren, frage ich sie, wie sie die lokale Kunstszene beschreiben würde. „Für eine Stadt mit etwa 550.000 Einwohnern bietet Dresden Musik-, Theater- und Tanzbegeisterten viele Möglichkeiten. Die Kultureinrichtungen werden sowohl von kommunaler als auch von staatlicher Seite gut subventioniert, im Sommer finden diverse Festivals statt und alles in allem sind die Veranstaltungen für alle Einkommensschichten bezahlbar“, erklärt sie mir. Dennoch macht sie wenig später keinen Hehl daraus, dass sie sich aufgrund der Wahlergebnisse in den vergangenen Jahren Sorgen um die Zukunft macht. „Die Wahl zur Kulturhauptstadt Europas 2025 wäre eine große Chance gewesen“, fügt sie hinzu. Aber 2019 wurde die Bewerbung Dresdens im Rahmen der Vorauswahl zugunsten anderer deutscher Städte abgelehnt – den Titel sicherte sich letztlich das benachbarte Chemnitz.
  • Die Brühlsche Terrasse © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Die Brühlsche Terrasse
  • Ein Biergarten am Neustädter Elbufer © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Ein Biergarten am Neustädter Elbufer
  • Die Statue des Bogenschützen im Staudengarten. Im Hintergrund die Plattenbauten am Käthe-Kollwitz-Ufer © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Die Statue des Bogenschützen im Staudengarten. Im Hintergrund die Plattenbauten am Käthe-Kollwitz-Ufer
  • Die Uferpromenade beim Rosengarten © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Die Uferpromenade beim Rosengarten
  • Die Albertbrücke © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Die Albertbrücke
  • Ein Touristenboot mit deutscher Flagge fährt unter der Albertbrücke hindurch © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Ein Touristenboot mit deutscher Flagge fährt unter der Albertbrücke hindurch
  • Das Militärhistorische Museum © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Das Militärhistorische Museum
  • Einer der Eingänge zur Frauenkirche hinter dem Martin-Luther-Denkmal © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Einer der Eingänge zur Frauenkirche hinter dem Martin-Luther-Denkmal
  • Die Altstadt vom Neustädter Elbufer aus gesehen © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Die Altstadt vom Neustädter Elbufer aus gesehen
  • Der Goldene Reiter © Goethe-Institut Italien| Foto: Roberto Sassi
    Der Goldene Reiter
Bei einem Spaziergang auf der Brühlschen Terrasse, einem Aussichtsplatz mit Blick auf die Elbe, erzählt Elena von ihrer Ankunft vor elf Jahren, von ihren ersten Eindrücken und davon, wie sie sich hier sofort zuhause fühlte. „Es gibt Ähnlichkeiten mit Florenz: die Größe der Stadt, den Fluss und die imposanten Gebäude im historischen Zentrum, die an Florenz erinnern, auch wenn die Unterschiede hinsichtlich Stil und Farben offensichtlich sind. Ganz zu schweigen davon, dass es sich um Nachbauten handelt …“ Ich höre ihr zu, wie sie die beiden Städte miteinander vergleicht, die seit 1978 eine Städtepartnerschaft unterhalten. In der Zwischenzeit spazieren auf der Terrasse langsam Tourist*innen vorbei, einige sitzen auf den hinter dem Geländer aufgereihten Bänken und genießen die Aussicht. Etwas später, im Zwingergarten, beschreibe ich ihr meine gegensätzlichen Eindrücke, insbesondere was die Architektur betrifft. „Dresden ist eine Stadt der Gegensätze“, sagt Elena. Ich meine zu ihr, dass das ein perfekter Titel für die Reportage wäre, die ich schreiben soll. Sie lächelt und erklärt mir, welche Gegensätze sie sieht. Sie erzählt von den jungen Generationen, die im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen sind, und denen, die in der DDR gelebt haben; von der AfD, die sich bei den vergangenen Wahlen als stärkste Partei behauptete, und einem Dresden, das versucht, mit Festivals, Theatervorführungen und Tanzkompanien an Europa festzuhalten. Wir sprechen lange über dieses Thema und trennen uns schließlich an einer Straßenbahnhaltestelle nicht weit vom Zwinger. Das Erste, was ich nach unserer Verabschiedung mache, ist, mir in meinem Heft den Titel zu notieren, den sie mir unbewusst geliefert hat.

DER GEBROCHENE VORSATZ

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Aufwachen, sehe ich in meiner Wetter-App eine Unwetterwarnung für Dresden – erwartet werden Böen von bis zu 130 Stundenkilometern. Grund ist das über Deutschland ziehende Sturmtief „Ignatz“. Um elf Uhr verlasse ich das Hotel, der Wind weht stark, rüttelt an den Bäumen und trägt Unmengen gelber Blätter davon. Nur mit Mühe erreiche ich die Neustadt, wo ich am goldenen Reiterstandbild von Friedrich August I. vorbeikomme und wenig später eine Markthalle betrete. Da sich die Lage draußen nicht zu bessern scheint und die Straßenbahn ausgefallen ist, beschließe ich, im Militärhistorischen Museum Zuflucht zu suchen.

„Das Museum wird von der Bundeswehr betrieben, setzt aber auf einen kritischen Zugang“, hatte mir Berit Weingart zwei Tage zuvor gesagt. Auf der Website weist das Museum darauf hin, dass „im Zentrum der Ausstellungen der Mensch und die Frage nach den Ursachen und Folgen von Krieg und Gewalt stehen“. Ich besuche die chronologisch aufbereitete Dauerausstellung, beginnend bei den mittelalterlichen Lanzen bis hin zu den Waffen und Uniformen der SS, die neben einer Reihe von Schuhen von Holocaust-Opfern ausgestellt sind. Auf dem Weg nach draußen habe ich das Gefühl, gerade mehr als nur ein militärhistorisches Museum gesehen zu haben: Dieses nüchterne Gebäude, das im 19. Jahrhundert als Arsenal errichtet wurde, ist ein perfektes Sinnbild dieser Stadt, die den Schrecken des Krieges erlebt und aufgearbeitet hat.

Später wage ich mich noch einmal in den Sturm, um meinen Zug zurück nach Berlin zu erreichen. In der Bahnhofshalle drängen sich zahlreiche Fahrgäste, aufgeregt verlangen sie von den Bahnangestellten Auskunft, die Antwort ist immer dieselbe: „Wir wissen noch nicht, wann der Betrieb wieder aufgenommen wird.“ Das Sturmtief Ignatz hat auch das Bahnnetz lahmgelegt. Drei Stunden später schaffe ich es in einen Intercity, im Gang der zweiten Klasse stehend blättere ich in Kurt Vonneguts Schlachthof 5. Als der Zug endlich den Hauptbahnhof Dresden verlässt, rufe ich mir meinen auf der Hinfahrt gefassten Vorsatz in Erinnerung, die vorherrschende Erzählung von den Trümmern und dem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit möglichst beiseitezulassen. Ein Vorsatz, den ich letztlich gebrochen habe.

Elena Cencetti

Elena Concetti Foto: © privat In Italien geboren (1987), schließt sie 2010 ihr B.A. in Germanistik und Romanistik zwischen den Partner-Universitäten Bonn und Florenz ab. Im selben Jahr beginnt sie ihr Studium der Tanzpädagogik an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden und 2014 erlangt ihr Bachelor of Arts. Seit 2014 ist sie freischaffende Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreographin in Dresden und leitete u.a. verschiedenen Tanz(Video)Projekte für die Kulturhauptstadtbewerbung Dresdens 2025 und Community Tanzprojekte für Kinder und Jugendliche.

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