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L’Orma Editore
Was ein Schachbrett mit Literatur zu tun hat

Lorenzo Flabbi und Marco Federici Solari
Lorenzo Flabbi und Marco Federici Solari | © L’Orma editore

Der Verlag L’Orma mit Sitz in Rom ist auf Übersetzungen aus dem Deutschen und dem Französischen spezialisiert. Die beiden Gründer, Marco Federici Solari und Lorenzo Flabbi, bringen dem italienischen Lesepublikum Autoren näher, die in Deutschland und Frankreich bereits fest etabliert, in Italien hingegen noch kaum oder gar nicht bekannt sind. Dabei kommt den beiden auch ihre Vergangenheit als Übersetzer zugute, ihr Konzept ist überaus erfolgreich.

Von Giovanni Giusti

Fünf Jahre nach unserer letzten Begegnung treffen wir Marco Federici Solari erneut zu einem kurzen Gespräch.

Französische und deutsche Autoren stehen bei L’Orma nach wie vor klar im Fokus. Oder hat sich in diesem Punkt etwas geändert?

Das Profil des Verlags ist dasselbe geblieben. Es ist sogar noch schärfer geworden, da wir uns nun zum einen Teil gezielt auf die französisch- und deutschsprachige Literatur konzentrieren, zum anderen Teil den Entwicklungen in der gesamteuropäischen Literaturszene nachspüren. Außerdem werfen wir einen neuen Blick auf die Phantastik, siehe die Entwicklung der Reihe zu E.T.A. Hoffmann. Die Phantastik ist ein Thema, das uns schon immer interessiert hat, sie ermöglicht es, die Realität auf eine besondere, transversale Weise zu hinterfragen. Gleichzeitig interessieren wir uns aber nach wie vor auch für das, was man als „das Reale“ bezeichnen könnte, denken wir etwa an eine Figur wie die Schriftstellerin Annie Ernaux, die sich an ihrer eigenen Biografie abarbeitet. Oder an Bücher wie Des chauves-souris, des singes et des hommes von Paule Constante, ein beunruhigend aktuelles Buch, in dem die Autorin mit einem, ich würde sagen, soziologischen Zugang von der Entstehung einer Epidemie erzählt. Vom Zeitpunkt des Überspringens des Virus vom Tier auf den Menschen bis zu seiner Ausbreitung.

KREUZVILLE: EINE GEOGRAFISCHE HYPOTHESE

Aus diesem ausgewogenen Programm aus Non-Fiction, Fiction, Phantastik und aktuellen Themen sticht insbesondere der Erzählband „Trappole e imboscate“ (Originaltitel: „Fallensteller“) von Saša Stanišić hervor, einem „unzuverlässigen Erzähler“ mit einem sehr gefälligen, modernen Stil. Der ursprünglich aus Bosnien stammende Autor wird in seiner Wahlheimat Deutschland sehr geschätzt und auch er ist in Italien praktisch unbekannt.

Das ist eines der zentralen Anliegen des Verlags: Autoren nach Italien zu holen, die sich in französisch- oder deutschsprachigen Ländern gerade einen Namen machen oder bereits einen gemacht haben, aber noch nicht in Italien angekommen sind. Stanišić hat dieses Jahr mit seinem jüngsten Roman den Deutschen Buchpreis gewonnen, das deutsche Pendant zum italienischen Premio Strega. Fallensteller ist ein außergewöhnlicher Erzählband, in dem gewisse Figuren immer wiederkehren und gewisse Themen in allen Erzählungen direkt oder indirekt präsent sind. Stanišić wirft einen etwas surrealen, oft amüsierten Blick auf die Welt, er sprüht vor Fantasie und spielt mit unterschiedlichen Stilen. Ich habe mich in dieses Buch verliebt, das übrigens auch perfekt das Konzept der Reihe widerspiegelt, in die wir es aufgenommen haben. Der Name der Reihe, Kreuzville, ist eine Verschmelzung von Kreuzberg in Berlin und Belleville in Paris, zwei Stadtteilen, die emblematisch für dieses neue, durchmischte, auch in Bezug auf die Zeit hybride Europa sind. Mit Menschen, die manchmal in unterschiedlichen Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten zu leben scheinen, auch wenn sie im selben Gebäude wohnen. Diese ein wenig utopische „geografische Hypothese“, die sich hinter dem Namen Kreuzville versteckt, findet sich sehr schön auch in den Erzählungen von Stanišić.

WAS EIN SCHACHBRETT MIT LITERATUR ZU TUN HAT

Eine neugierige Frage zum Abschluss. Was hat es mit den Schachkompositionen der Reihe Kreuzville auf sich?

Schach beschreibt in synthetischer Form das Weltbild, das dem Verlag zugrunde liegt. Am Ende eines Buches übersetzen wir seine Handlung oder ein Element daraus in die Sprache des Schachs. Wir wollen damit diese Parallele aufzeigen zwischen der Literatur, die eine Möglichkeit ist, von der Welt zu erzählen und sie zu interpretieren, und dem Schachspiel, mit dem Schachbrett als Quelle von Geschichten, als großartigem Erzähler. Um die Umsetzung kümmert sich mein Partner Lorenzo Flabbi, der ein begeisterter Schachspieler ist. Bevor er in die Druckerei geht, kreiert er eine Schachkomposition, die den Inhalt des Buches in dieser allegorischen Form darstellt.

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