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Frühstück im ​Literaturhaus Berlin
Übersetzen ist etwas Musikalisches

Frühstück mit Mirjam Bitter Foto apertura quer
In Zeiten von Corona ist das Li-Be eine lebhafte Welle | © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola

Das Li-Be ist seit dem 2.11.2020 für die Öffentlichkeit geschlossen. Ich habe die Erlaubnis, die Übersetzerin Mirjam Bitter im stilvollen Kaminzimmer im Erdgeschoss zu treffen. Dieses Mal bereite ich Kaffee und Kekse selbst zu. Bitter ist die deutsche Stimme von italienischen Autoren wie Stefano Benni und Fabio Genovesi. Ihre Leidenschaft für die italienische Sprache hat Wurzeln in ihrer Kindheit, als Jugendliche begeisterte sie sich für italienische Musik, und an der Universität wählte sie Italienisch als Studienfach. Ihre erste Übersetzung, Stefano Bennis Roman „Brot und Unwetter“, erschien 2012 im Wagenbach Verlag.

Von Giulia Mirandola

Was frühstückt Mirjam Bitter?

Ich stehe eigentlich ungern früh auf, aber seit meine Tochter in die Schule geht, klingelt der Wecker um 6 Uhr. Ich trinke einen Cappuccino und esse Müsli mit Joghurt und frischem Obst. Am Wochenende dagegen nehmen wir uns mehr Zeit und frühstücken Brötchen mit Marmelade und Honig. 
 
Wann waren Sie das letzte Mal im Literaturhaus Berlin?

Ich war lange nicht hier. Ich wohne in Neukölln, also nicht gerade um die Ecke. Zuletzt war ich hier für eine Veranstaltung der BücherFrauen, ich glaube genau hier im Kaminzimmer. Die BücherFrauen sind ein Verein mit Regionalgruppen in ganz Deutschland, der vor allem der Vernetzung dient. Das Netzwerk besteht aus Buchhändlerinnen, Verlegerinnen, Autorinnen, Übersetzerinnen, Vermittlerinnen von Büchern und feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Obwohl in der Buchbranche viele Frauen arbeiten, sind es häufig überproportional viele Männer, die die Leitungspositionen besetzen. Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, die aus patriarchalen Strukturen kommt. Zwei Frauen in der Leitung des Li-Be sind aber ein positives Signal!
 
Welcher Ort in Berlin ist für die Übersetzerwelt ein wichtiger Bezugspunkt?

Übersetzerinnen und Übersetzer treffen sich vor allem im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) am Wannsee. Hier werden Übersetzungen durch Aufenthaltsstipendien, Fortbildungen, internationale Übersetzertreffen, und Maßnahmen zur finanziellen Förderung von Übersetzungsprojekten unterstützt. Eine Zeitlang bin ich auch öfter ins Li-Be gekommen, als ich beim Wagenbach Verlag gearbeitet habe, der hier in der Nähe seinen Sitz hat. Ich habe dort direkt nach dem Studium als Praktikantin angefangen und war dann für ein Jahr Volontärin im Lektorat. In dieser Zeit ist Übersetzen für mich dann auch zu einem realen Beruf geworden. Bei Wagenbach habe ich meine erste Übersetzung publiziert, Stefano Bennis Brot und Unwetter (Originaltitel Pane e tempesta).
 
Was bedeutet für Sie „übersetzen“?

Übersetzen ist für mich die intensivste Form der Lektüre. Das Tolle daran ist, dass man so tief in den Text und dessen Worte eintaucht, nach dem passenden Ton, der passenden Sprache sucht und den Text dafür wieder und wieder liest. Dieser Prozess kann ziemlich lange dauern. Im Kopf ist die Übersetzung nie fertig, de facto ist sie dann abgeschlossen, wenn der Lektor und ich zufrieden genug damit sind, sie als Buch in die Welt zu entlassen.
 
Welche anderen Erfahrungen, außer der Übersetzung eines Buches, sind für eine Übersetzerin noch von Bedeutung?

Neben dem intensiven Kontakt mit der Literatur ist mir der Austausch mit anderen Übersetzenden sehr wichtig. Für Ende März 2020 hatte ich ein Stipendium für die „Italienisch-Deutsche ViceVersa-Übersetzerwerkstatt“ in der Schweiz gewonnen, wo wir, unter der Leitung von Andreas Löhrer (Hamburg) und Marina Pugliano (Florenz), zu zwölft an unseren eingereichten Übersetzungsauszügen arbeiten wollten: sechs mit Muttersprache Deutsch, sechs mit Muttersprache Italienisch. Wegen Corona wurde die Werkstatt auf Oktober verschoben und im letzten Moment ganz abgesagt, zumindest vor Ort. Wir haben sie dann digital gemacht, und es hat erstaunlich gut funktioniert.

  • Unter der Maske lächelt die Übersetzerin Mirjam Bitter. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    Unter der Maske lächelt die Übersetzerin Mirjam Bitter.
  • Das Wintergarten Café im Literaturhaus ist vorübergehend geschlossen. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    Das Wintergarten Café im Literaturhaus ist vorübergehend geschlossen.
  • Detail am bemalten Eingang des Li-Be. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    Detail am bemalten Eingang des Li-Be.
  • Das Programm des Li-Be im November, illustriert von dem Künstler Raby-Florence Fofana. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    Das Programm des Li-Be im November, illustriert von dem Künstler Raby-Florence Fofana.
  • Ein Detail des Kaminzimmers, wo das Gespräch mit Mirjam Bitter stattfand. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    Ein Detail des Kaminzimmers, wo das Gespräch mit Mirjam Bitter stattfand.
  • Der Kamin, der dem Kaminzimmer im Erdgeschoss des Li-Be seinen Namen gibt. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    Der Kamin, der dem Kaminzimmer im Erdgeschoss des Li-Be seinen Namen gibt.
  • Unser Team wünscht Ihnen alles Gute und vor allem Gesundheit. © Goethe-Institut Italien | Foto: Giulia Mirandola
    „Unser Team wünscht Ihnen alles Gute und vor allem Gesundheit.“
Parallel arbeiten Sie auch im Jüdischen Museum Berlin. Was genau machen Sie da?

Dort arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Online-Publikationen. Das Museum hat eine relativ große Website. Ich bin Teil eines Teams, das verschiedene Online-Formate entwickelt, um die Themen des Museums auch Leuten nahezubringen, die nicht selbst ins Museum kommen können. Gerade in diesen Zeiten ist das noch wesentlicher geworden.
 
Was ist für Sie ein Buch?

Für mich ist es die Möglichkeit, sich konzentriert in eine ganz andere Welt oder eine andere Sprache zu vertiefen. Jede Autorin, jeder Autor hat ihre eigene Art zu schreiben, und das Buch gibt uns die Gelegenheit, in dieses besondere Ambiente einzutauchen. Lesen ist dabei auch eine ästhetische Erfahrung.
 
Was ist Sprache?

Zum einen ist es die Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren. Aber für mich hat Sprache auch viel mit Ästhetik, mit Freude an der Artikulation, am Klang, am Rhythmus zu tun. Ich höre sehr gerne Leute reden, auch wenn ich selbst lieber schreibe. Das Musikalische an Sprache ist für mich besonders wichtig.
 
Welches Buch würden Sie gerne als nächstes übersetzen?

Ich hätte Lust, L’impero della polvere von Francesca Manfredi zu übersetzen, das in Italien beim Verlag La nave di Teseo erschienen ist: ein, wie ich finde, mutiger Text, der auf teils surreale und metaphorische Weise den Bruch mit der Kindheit und den Beginn der Pubertät anhand der biblischen Plagen erzählt.

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