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Luftverschmutzung
​Die Corona-Krise aus dem Weltall betrachtet

Stickstoffdioxid-Konzentrationen über Italien
Stickstoffdioxid-Konzentrationen über Italien | © ESA

Josef Aschbacher ist Direktor für Erdbeobachtung der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Das Goethe-Magazin spricht mit ihm über die Sichtbarkeit der Covid-19 Pandemie aus dem Weltraum, über unerwartete Folgen des Lockdowns und darüber, was wir aus der Krise für die Zukunft lernen können.

Von Christine Pawlata

Der Österreicher Josef Aschbacher ist einer von nur 15 der 850 Mitarbeiter der ESA-Niederlassung in Frascati, nahe Rom, die derzeit regelmäßig ins Büro kommen.
 
„Das Teleworking funktioniert erstaunlich gut,“ erzählt Aschbacher. „Ich glaube, der Teamgeist ist stärker geworden, weil wir uns alle gegen den Virus verteidigen müssen. Wir müssen uns jetzt auf das Notwendige konzentrieren, in erster Linie auf das Wohlbefinden. Aber auch darauf, trotz widriger Umstände maximale Fortschritte in der Arbeit machen zu können. Vieles an unnötiger Bürokratie ist damit ganz einfach weggefallen.“

 
Seit er 1969 als 7-jähriger Bergbauernsohn die Mondlandung auf einem flimmernden Fernsehschirm mitverfolgte, ließ Aschbacher die Faszination für die Raumfahrt nicht mehr los. Nach dem Studium der Meteorologie und Geophysik an der Universität Innsbruck, ging er für die ESA nach Bangkok, später nach Paris und Italien. Seit 2016 ist er Direktor des ESA Erdbeobachtungszentrum in Frascati.

Bessere Luftqualität und ein leerer Petersplatz

Die Satelliten, mit denen die Agentur unseren Planeten aus dem All vermisst, stellten ab dem Beginn der Corona-Lockdowns in verschiedenen Gegenden der Welt eine drastische Verringerung der Stickstoffdioxid-Werte fest. „Wenn Verkehr und Industrie heruntergefahren werden aufgrund von Lockdowns, dann wird diese Verschmutzung umgehend viel geringer. Wir wissen das natürlich aus der Theorie“, erklärt Aschbacher, „aber wenn man die Stickstoffdioxid-Messungen unseres Sentinel-5P Satelliten betrachtet, und plötzlich sieht, dass über Wuhan in China, über der Lombardei, in Rom, in Paris, aber auch in Deutschland, im Ruhrgebiet, in Madrid, in Barcelona, die Konzentration drastisch zurückgeht, in den meisten Bereichen um 50 Prozent, dann öffnet einem das die Augen.“
Der Petersplatz zu Ostern Der Petersplatz zu Ostern | © ESA Auch den Stillstand des gesellschaftlichen Lebens auf der Erde hielt die Weltraumagentur fest. „Wir haben ein Satellitenbild vom Petersdom in Rom am Ostersonntag 2011 genommen,“ erzählt Aschbacher. „Im Jahr 2011 war der Platz voll. Am Ostersonntag 2020 sieht man keinen Menschen auf dem ganzen Petersplatz. Man sieht das weiße Zelt, unter dem der Papst die Messe zelebriert. Wir haben auch im Fernsehen gesehen, dass er das vor einer leeren Fläche macht. Aber wenn man sieht, dass der Petersplatz am Ostersonntag komplett leer ist, obwohl man eigentlich weiß, wie voll er normalerweise ist, ist das einfach schockierend.“
 
Eine der überraschenden Folgen des Lockdowns war das Wegfallen von Messdaten für die Wettervorhersage durch den Einbruch des Flugverkehrs, denn Flugzeuge haben auch Wettersensoren an Bord. „Glücklicherweise misst unser Satellit AILOS weltweit die Windgeschwindigkeit in wolkenfreier Atmosphäre, und so konnten wir diese Datenlücke zum Teil schließen.“

Wie eine Atempause für Kettenraucher

Im Hinblick auf den Klimawandel zeigt sich Aschbacher weniger optimistisch:„Ich kann schon vorwegnehmen: Mit Covid-19 ist das Klima nicht gerettet.“ Die Klimagase CO2 und Methan seien viel zu gering und über einen viel zu kurzen Zeitraum zurückgegangen, um langfristig einen positiven Effekt haben zu können. „Ich vergleiche es gerne mit einem Kettenraucher: Wenn jemand 40 Jahre lang drei Schachteln Zigaretten pro Tag raucht und seine Lunge dadurch ruiniert, und jetzt zwei Monate nicht raucht, kann er oder sie vielleicht mal die Stiege leichter hochklettern. Aber wenn man wieder anfängt, Kette zu rauchen, ist der Effekt nach zwei Monaten natürlich null. Genauso ist das beim Klima. Wir verschlechtern das Klima jeden Tag. Natürlich ist es wünschenswert, mal zwei, drei Monate oder auch ein halbes Jahr weniger Schadstoffe und Treibhausgase in die Atmosphäre zu emittieren, allerdings ist die Wirkung sehr, sehr gering.“
 
Für den Erdbeobachter Aschbacher ist daher die dringendste Lektion, die wir aus der Coronakrise ziehen sollten, die Wichtigkeit unsere Umwelt zu schützen. „Natürlich will jeder aus dem Lockdown heraus und zurück in die Wirtschaft, zurück in eine funktionierende Gesellschaft, wo wir uns wieder sehen und treffen können. Aber ich glaube, dass es sehr wichtig sein wird, dass wir das Geld, das wir jetzt investieren, um die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen, wirklich so ausgeben, das es auch konform ist mit Nachhaltigkeit und dem Schutz unseres Planeten.“ 
Leere Lagune von Venedig Leere Lagune von Venedig | © ESA

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