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Gesellschaft im Wandel – Zwei Stadtplaner tauschen sich aus
Die Stadt von Morgen

So könnte die Stadt in Zukunft aussehen: Grüner, autofrei, sozialer.
So könnte die Stadt in Zukunft aussehen: Grüner, autofrei, sozialer. | Grafik (Detail): © Urbanista

Der Klimawandel verursacht eine der schnellsten Entwicklungen der Gesellschaft in der Geschichte. Erneuerbare Energien, vertical Farming und neue Arten der Mobilität werden unsere Städte prägen. Was kommt noch? Wie werden wir leben?

Von Sabine Oberpriller

Im Austausch zwischen den Stadtplanern Massimo Pica Ciamarra und Björge Köhler wird klar: Es gibt viel zu tun. Dabei wäre die Lösung recht einfach. Nur Geduld müssen wir haben.

Spazieren wir durch Hamburg und Neapel in 100 Jahren. Wie werden die Städte sein?
 
Massimo Pica Ciamarra: Mir kommt in den Sinn, wie die Karikaturisten des französischen Figaro sich Ende des 19. Jahrhunderts unsere Zeit ausgemalt haben. Einige ihrer Visionen haben sich bewahrheitet, andere überhaupt nicht. Manchmal ist es gefährlich in die Zukunft zu sehen. Und manchmal wiederum können wir uns die Zukunft erträumen. Wie der René Magritte, der Maler, der ein Ei betrachtet und vor dem inneren Auge einen Adler fliegen sieht. In dieser Situation befinden wir uns. Wir sehen, was wir haben und hoffen auf eine Zukunft, die ganz anders ist.
 
Björge Köhler: Ja. Solche Prognosen stoßen schnell an Grenzen. Es ist wichtig, dass wir eher Themen und verschiedene Möglichkeiten identifizieren.

M.PC: Neapel hat eine wunderbare Vergangenheit, auch weil die Stadt sich gut organisiert hat. Sie kann eine gute Zukunft haben, wenn es ihr gelingt, sich zu einer wahren Metropole zu entwickeln, indem sie sich zum Beispiel vielleicht in die sogenannte „5-Minuten-Stadt“ wandelt. In Neapel haben wir dieses Konzept bereits 1974 entwickelt, danach wurde es von der folgenden Verwaltung verworfen – und jetzt ist der Ansatz groß in Mode. Mittelfristig glaube ich, dass wir unsere Mentalität ändern müssen. Wir ersticken in exzessivem Individualismus.
 
B.K.:
Die „5-Minuten-Stadt“ entspricht dem Gedanken einer Slow Future, einer langsamen Zukunft. So sehe ich auch meine Stadt Hamburg vor mir. Eine Stadt, die langsamer, kleinteiliger und grüner funktioniert, mit dem Menschen als Kern des Ganzen. Wir müssen es wieder schaffen, dass jedes Quartier eine Grundversorgung sichert: Einkaufen, Schule, Arbeit, Soziales, Wohlbefinden. Studien zeigen, dass Quartiere, die eine gute soziale Mischung und Infrastruktur haben, resilienter sind. Dort gibt es weniger Todesfälle oder Schäden durch Naturkatastrophen, die Viertel erholen sich schneller.

Wir sind das Produkt einer Kultur der Trennung. Ich glaube, dass sich in diesem Jahrhundert die Kultur der Integration anbahnt.“

Massimo Pica Ciamarra

M.PC: Die europäische Kultur ist mit einer Vorstellung einer Stadt verbunden, die Raum für Beziehungen und Begegnungen ist. Seit der griechischen Antike gab es immer das Streben nach einer idealen Stadt. Das gibt es heute nicht mehr. In unseren Städten sind Prozesse der Umwandlung im Gange, die immer mehr die sozialen Entwicklungen und den Zustand der Umwelt berücksichtigen müssen, der heutzutage dramatisch ist. Die heutigen Gegebenheiten sind das Resultat der Stadtplanung der letzten Jahrzehnte.
 
B.K.: Das ist es, was Stadt ausmacht! Nicht das Gebaute, sondern die Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn Menschen sich begegnen, Handel treiben, auf dem Weg etwas entdecken. Städte sind nie fertig, sie verändern sich ständig. Im gesellschaftlichen Klima von Deutschland sind große Stadterweiterungen oder der Bau neuer idealer Städte nicht mehr denkbar und wünschenswert. Bei uns wird es darum gehen, das Bestehende weiterzuentwickeln, an den Klimawandel anzupassen. Die Pandemie macht in Deutschland viele Herausforderungen sichtbar, die erst in einigen Jahren so deutlich geworden wären: In der Arbeit, im Handel, auch die Polarisierung der Gesellschaft.
 
M.PC: Die europäischen Städte waren immer ziemlich kompakt, auf den Menschen zugeschnitten, bis die Revolution durch das Auto kam. Diese hat neue Arten zu bauen nach sich gezogen: Die Peripherien. Im Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ zieht der Verhaltensforscher Konrad Lorenz einen treffenden Vergleich. Er sagt, dass unsere Peripherien wie Krebszellen sind, die die Information verloren haben, die sie zusammenhält. Wir Zukunftsplaner müssen den urbanen Raum wieder „zivilisieren“, das heißt, Orten einen Sinn geben, die vorher nie einen hatten.
  • Zukunftsperspektiven: Aus einem alten Industriegelände im apulischen Terlizzi könnte eine lebenswerte 5-Minuten-Stadt werden. Foto: © Civilizzare l’Urbano – ETS
    Zukunftsperspektiven: Aus einem alten Industriegelände im apulischen Terlizzi könnte eine lebenswerte 5-Minuten-Stadt werden.
  • Statt Betonwüste könnte Terlizzi kühlendes Grün, Wasserreservoires und Energie aus Sonnenkollektoren prägen. Foto: © Civilizzare l’Urbano – ETS
    Statt Betonwüste könnte Terlizzi kühlendes Grün, Wasserreservoires und Energie aus Sonnenkollektoren prägen.
  • Keine Autos, mehr Grün: Die Simulation schafft eine Ahnung, wie das die Gassen von Terlizzi verändern könnte. Foto: © Civilizzare l’Urbano – ETS
    Keine Autos, mehr Grün: Die Simulation schafft eine Ahnung, wie das die Gassen von Terlizzi verändern könnte.

B.K.: Ein großer Fehler war auch, dass die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg sortiert wurde: Nach Arbeit, Produktion, Wohnraum, Raum fürs Grüne. Durch die Verkehrsadern für die Autos hat sich unsere Raumwahrnehmung verändert: Wir bewegen uns nur von einem Ziel zum anderen. Diese Verkehrsadern werden immer noch protegiert. Wir sollten sie aber wieder zu den Lebensadern der Städte machen. In Deutschland schaffen das Bürgermeister in kleineren Städten wie Hannover oder Rostock. Sie trauen sich viel und vermitteln, dass nicht einfach Menschen das Auto weggenommen, sondern Lebensqualität zurückgegeben wird.
 
Vor welche Herausforderungen stellt das 21. Jahrhundert die Städte in Deutschland und Italien?
 
B.K.: In unserem Projekt „Stadt von übermorgen“ haben wir 15 große Themenfelder identifiziert. Zentral ist z.B. die Klimakrise als absoluter Gamechanger. Damit verbunden Mobilität und Bauprozesse. Daneben Digitalisierung – Algorithmen werden unser Leben und Arbeiten wohl viel mehr prägen – und die Polarisierung der Gesellschaft, die uns in Deutschland entgleitet. Die Kinderarmut nimmt zu, ein Indikator für das Auseinanderdriften. In einigen Stadtteilen steigt Kinderarmut, in anderen nimmt sie ab.
 
M.PC: Die Stadt, in der wir heute leben, ist jene, die man sich vor 30 oder mehr Jahren ausgedacht hat. Wir müssen bedenken, dass wir sehr langsam mit der Veränderung unserer Städte vorankommen.
 
B.K.: Es gibt Schätzungen, dass wir nur ein bis zwei Prozent der städtischen Substanz im Jahr umbauen können. Das zeigt, dass wir fokussiert auswählen müssen, um etwas zu bewirken.
 
Und welche Herausforderungen bringt die Klimakrise für unsere Städte mit sich?
 
M.PC: Es ist nun notwendig, dass wir die Infrastruktur der Stadt unter dem Aspekt des Klimas neu bewerten. Wir müssen sämtliche Hitzequellen entfernen, zum Beispiel den Asphalt, und die Stadt kühlen: mit Grün, mit ökologischen Korridoren, indem wir Dächer intelligent nutzen und sie von den Gebäuden aus begehbar machen. Die Pandemie hat gezeigt, dass jede Wohnung einen Zugang zu einer Außenfläche haben muss. Wir müssen an die Luft denken, beobachten, wie der Wind sich in der Stadt bewegt. Wir müssen überlegen, wie wir Wasser speichern und wiederverwenden können, zum Beispiel in der Energiegewinnung.

Wir können es uns nicht mehr leisten, abzureißen und neu zu bauen.“

Björge Köhler

B.K.: In Deutschland hatten wir lange die Mentalität, dass der Klimawandel uns nicht so hart treffen wird. Jetzt merken wir, dass wir schon zu den betroffenen Regionen gehören: die Böden trocknen aus, Regen bringt Wassermassen, die nicht mehr zu managen sind. Es häufen sich Vorfälle, die wir eher aus der Berichterstattung aus Italien oder Spanien kannten: dass im Sommer Menschen in den Städten sterben, weil es zu heiß ist. Wasserkreisläufe, Begrünung werden auch in Deutschland essentiell. Zum Glück wird die Notwendigkeit erkannt und Geld investiert.
 
M.PC: Seit 2019 müssen in Italien die Häuser so gebaut werden, dass sie fast keine Energie mehr verbrauchen. Man baut aber sogar schon Häuser, die Energie erzeugen. Wir selbst entwerfen Häuser, die keine Klimaanlage mehr brauchen, indem sie den natürlichen Luftfluss nutzen. Heutzutage muss man über das hinaus arbeiten, was die Normen vorschreiben. Unser normatives System regelt alles. Aber Normen können nur die Objekte regulieren, nicht Systeme. Wir sind noch das Produkt einer Kultur der Trennung. Ich glaube, dass sich in diesem Jahrhundert die Kultur der Integration anbahnt. Wir brauchen eine systemische Vision und müssen auf mehreren Ebenen gleichzeitig arbeiten.
 
B.K.: In Deutschland sind wir auf einem ähnlichen Weg. Auch hier wurden Regularien so weiterentwickelt, Gebäude möglichst so zu bauen, dass sie klimapositiv sind. Leider berücksichtigen wir nicht die gesamte Energiebilanz. Der Energieverbrauch beim Bau, bei der Produktion und dem Transport der Baustoffe ist enorm! – Wird in den Normen aber nicht mitgerechnet. Wir können es uns nicht mehr leisten, abzureißen und neu zu bauen. Wir müssen erhalten und nutzen, was wir an Energie und Material fürs Bauen schon verbraucht haben.
  • Radfahren und Spielen statt Autos. Realexperimente wie hier in Hamburg machen erlebbar, was es bedeuten kann, wenn es in der Stadt keine Autos mehr gibt. Foto: © Urbanista
    Radfahren und Spielen statt Autos. Realexperimente wie hier in Hamburg machen erlebbar, was es bedeuten kann, wenn es in der Stadt keine Autos mehr gibt.
  • In der Stadt von übermorgen sind Wohnen, Arbeiten, Handel, Parks und Gärten kleinteilig durchmischt. © Urbanista
    In der Stadt von übermorgen sind Wohnen, Arbeiten, Handel, Parks und Gärten kleinteilig durchmischt.

Spannend: Verbessert man die Lebensqualität und das soziale Miteinander, gewinnt automatisch die Umwelt und andersherum!
 
M.PC: Das ist der Punkt! Alles ist verbunden! Die Ungleichheiten werden in einer Klimastadt abgemildert. Wir müssen begreifen, welchen Einfluss ein gut entwickelter Raum und die Qualität der Umwelt auf unser Glück, auf unser Wohlbefinden, unsere Sicherheit und unsere Wirtschaft hat.
 
B.K.: In Deutschland können wir nur schwer davon überzeugen, dass der ökologische Umbau und die Verkehrswende in den Städten notwendig und den Mut wert sind. Welche Resonanz gibt es in der italienischen Bevölkerung?
 
M.PC: Seit einigen Monaten gibt es sogar einen Minister für ökologische Transformation, das heißt auf politischer Ebene wird das Problem gesehen. Doch dieser Wandel ist sehr langsam, denn es ist schwer zu verstehen, dass wir für eine Verbesserung einige, vielleicht liebgewonnene, Gewohnheiten aufgeben müssen, um andere noch angenehmere zu erhalten. In meiner Stadt fahren Mütter ihre Kinder mit SUVs zur Schule! Ich denke, wir müssten mit der Umwelterziehung in den Grundschulen anfangen und den Kindern verstehbar machen, was die Qualitäten der Umwelt sind. Wenn sie das von klein auf mitbekommen, werden sie morgen hervorragende Bürger und Forderer.
 
B.K.: Schöne Gedanken! Wir sind Teil globaler Kreisläufe. Wenn es uns gelingt, das bauliche Maßnahmen nicht nur Infrastruktur sind, sondern auch Mehrwert haben für die Natur und das Zusammenleben, haben wir es geschafft.
 

Björge Köhler

Wir sind Teil der Kreisläufe. Egal was wir planen, wir müssen diese Kreisläufe verstehen.“

Björge Köhler Björge Köhler | Foto: © privat Als Projektleiter beim deutschen Stadtentwicklungsbüro urbanista liegt der Hauptfokus von Björge Köhler auf der Gestaltung urbaner Zukünfte, unter anderem im experimentellen Forschungsprojekt „Stadt von übermorgen“ für das deutsche Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Er hat Architektur in Hamburg und Oslo studiert und war im Fachbereich Architektur und Landschaft der HafenCity Universität Hamburg tätig. Privat ist er Teil einer Genossenschaft, die mit innovativen Praktiken ein Parkhaus zu einem Wohn- und Arbeitshaus umbaut.

 

Massimo Pica Ciamarra

Wir müssen systemisch denken und auf mehreren Ebenen arbeiten, um die Probleme zu lösen.“

Massimo Pica Ciamarra Massimo Pica Ciamarra | Foto: © privat Der Architekt Massimo Pica Ciamarra ist mit seinem Büro an der nachhaltigen Entwicklung des Zentrums von Caserta und des Vorortes Terlizzi beteiligt. Bis 2007 war er Professor für Architektur und Planung an der Universität von Neapel. Er ist u.a. im nationalen Vorstand der „Fondazione Italiana per la Bioarchitettura e l’Antropizzazione sostenibile dell’ambiente“ für Bioarchitektur und Nachhaltige Entwicklung, und Gründer der Initiative „Urbanen Raum zivilisieren“ (Civilizzare l’Urbano-ETS). Er doziert weltweit, z.B. beim zweiten Unesco-Weltkongress in Paris 2001 zum Thema „Urban Spaces for Life and Work“.

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