7 Fragen an Sandro Moraldo Der Stellenwert der deutschen Sprache in Italien

Der Stellenwert der deutschen Sprache in Italien
Der Stellenwert der deutschen Sprache in Italien | © Pixabay

Welchen Stellenwert nimmt die deutsche Sprache heutzutage in Italien ein? Mit Dr. Sandro M. Moraldo haben wir über Perspektiven und Herausforderungen des Deutschen zwischen Bozen und Palermo gesprochen. Er ist Professor für Neuere deutsche Literatur, Kultur und Sprache an der Universität Bologna, Vorsitzender von Alumni DAAD Italien (ADIT) und Herausgeber des Sammelbands „Die deutsche Sprache in Italien – Zwischen Europäisierung und Globalisierung“ (2017).

Der Name Ihres Sammelbands lautet „Die deutsche Sprache in Italien – Zwischen Europäisierung und Globalisierung“. Warum dieser Titel?
Der Titel geht auf Ulrich Ammon zurück. Ich fand ihn sehr passend: Er unterstreicht einerseits in Italien die Bedeutung der deutschen Sprache im europäischen Kontext, andererseits deren Wichtigkeit in einer globalisierten Welt. Deutsch hat zwar nicht den globalen Verbreitungsgrad wie Englisch, Spanisch oder Chinesisch, dennoch hat es einen hohen sprachpolitischen Stellenwert, der sich nicht in Zahlen allein ausrechnen lässt.

Warum ist sprachliche Vielfalt wichtig?
Die Bedeutung der Mehrsprachigkeit hat weltweit zugenommen. Alle Berufsbranchen agieren zunehmend international, die Anforderungen in der internationalen Kommunikation wachsen kontinuierlich. Fremdsprachen sind aber mehr als nur Kommunikation. Sie sind der Weg zum Verständnis anderer Kulturen. Harald Weinrich hat diesen Gedanken einmal so schön formuliert: „Zwei Fremdsprachen zu lernen kostet natürlich Zeit. Aber Zeit für andere Menschen zu haben ist das Kernstück aller Höflichkeit“.

Wie steht es um die Sprachenkenntnisse italienischer Schüler?
Mittlerweile gibt es auch in Italien ein Fremdsprachen-Bewusstsein. Fast alle Schüler lernen sehr früh zwei Fremdsprachen. Allerdings steht dem (noch) die Wirklichkeit der Sprach- und Sprechkompetenz gegenüber. Da gibt es noch einiges aufzuholen. Es müssen einfach mehr Muttersprachler in den DaF-Unterricht mit einbezogen werden.

Welche Perspektiven und Herausforderungen sehen Sie für Deutsch als Fremdsprache?
Seit der Fremdsprachenunterricht im Zuge des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens neu strukturiert und der Gebrauchswert der Geisteswissenschaften durch ein anwendungs- und berufsbezogenes Profil der Studiengänge den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst wurde, hat auch DaF davon profitiert. Aufgrund der ökonomischen Stärke Deutschlands setzen immer mehr klein- bis mittelständische Unternehmen auf den beruflichen Mehrwert der deutschen Sprache. Hier liegen meines Erachtens die großen Herausforderungen: Wir müssen sprachkompetenter ausbilden.

Welche Stellung nimmt die deutsche Sprache in Italien ein, beispielsweise in der Wissenschaft, für die berufliche Karriere, für den Tourismus?
Ich plädiere schon seit langem dafür, in Italien Deutsch als Wissenschaftssprache zu stärken. Leider stellen aber immer mehr Universitäten, insbesondere die technischen, ihre Studiengänge auf Englisch um. Aber bei direkten Geschäftsverhandlungen mit Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Deutsch ein wichtiges Kommunikationsmittel und ein fachspezifisches Sprachwissen immer häufiger erforderlich. Zudem ist der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Hier bieten berufliche Einsatzfelder, unter anderem Fremdenverkehrsämter, Reiseveranstalter, Messeorganisationen, das Hotel- und Gaststättengewerbe, die besten Chancen. Gute Deutschkenntnisse sind eine wertvolle Qualifikation für den beruflichen Einstieg und karrierefördernd.

Wie könnte man den Deutschunterricht an italienischen Schulen stützen und verbessern?
Ich finde, das Goethe-Institut mit seinem vielfältigen Angebot leistet hier wahrlich Unglaubliches. Das Methodenrepertoire zum Beispiel, das in Fortbildungskursen vermittelt wird, ist die beste Voraussetzung für einen abwechslunsgreichen und guten Unterricht. Das hilft, Routinen zu hinterfragen, die sich mit der Zeit zwangsläufig ergeben.

Was ließe sich im Hinblick auf die Deutschlehrerausbildung in Italien verbessern?
Die Universitäten müssen mehr als bisher ein Zentrum für die Lehrer(aus)bildung werden. Dabei steht der Staat als Arbeitgeber in einer ganz besonderen Verantwortung. Ohne einen eigens dafür geschaffenen Studiengang, ohne angemessene Fachdidaktik und ohne eine sinnvolle Verbindung von Praxisphasen mit dem Studium läuft die Ausbildung ins Leere. Außerdem muss die Mobilität für die inländischen Fremdsprachenlehrkräfte aus EU-Programmen verstärkt gefördert werden.