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Interview mit Martina Schöne-Radunski
„Als hätte man eine dritte Brust, nur einen Schritt weit tiefer“

Entrevista con Martina Schöne-Radunski

Der Produzent Oliver Jerke hatte eines Nachts einen Traum: seine Freundin penetriert ihn mit einem Penis und es stört ihn nicht – mehr noch, es gefällt ihm sogar. Aus diesem Traum ist die Beziehungskomödie „Kim hat einen Penis“ von Regisseur Philipp Eichholtz entstanden. So traumhaft unproblematisch geht es im Film jedoch nicht zu: Kim und Andreas führen eine liebevolle, friedliche Beziehung, bis Kim nicht nur mit einer Beförderung, sondern auch mit einem Penis nach Hause kehrt, ohne je vorher mit Andreas darüber gesprochen zu haben. Im Rahmen der Deutschen Filmwoche sprachen wir mit der Hauptdarstellerin Martina Schöne-Radunski über Penisse jeglicher Art: sei es in Form von Metaphern oder Epithesen.


Von Anastasia Parinow

GI: Dein Charakter Kim ist eine sehr starke, moderne Frau und trägt dadurch den Film, aber es schwingt auch eine leise Kritik an dieser Unabhängigkeit oder an dieser Beziehungsunfähigkeit mit, weil sie sich letztlich ein bisschen zu sehr mit ihrer „Scheiß‘ auf alles“- Einstellung durchsetzt.

Martina: Ich glaube es ist keine Kritik an der Unabhängigkeit an sich, sondern eher an der Ungleichzeitigkeit und dem Ungleichgewicht, das daraus entsteht. Es zeigt, dass man auch Rücksicht aufeinander nehmen muss, weil man in einer Partnerschaft Verantwortung füreinander trägt. Es ist wichtig, bei allem Individualismus, den man ausleben möchte, dennoch Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen und dafür seine Sensorik freizuhalten. Es gibt dieses Meme mit einer Katze und dem Spruch „I do what I want“ drauf. Das ist auch gut so, aber man muss über accountability nachdenken und nicht sein ganzes Leben wie ein fucking Teenager durch die Welt rennen. Ich glaube es geht um Rücksichtnahme und Kommunikation - unabhängig soll man natürlich bleiben. Partnerschaft heißt natürlich immer, dass man irgendwo seine Freiheit einschränkt,…

GI: …Absprachen trifft, Kompromisse eingeht, einsteckt.

Martina: Genau. Aber die Frage ist, ob man bereit ist, den Preis für diese intime Erfahrung zu zahlen. Vielleicht muss Kim auch einfach Single sein. Das stand ja auch im Raum. Philipp wusste ganz lange nicht, wie der Film ausgeht: Bleiben sie zusammen oder trennen sie sich? Es war bis zum letzten Drehtag nicht klar. Philipp hat immer demokratische Abstimmungen gemacht: „Kameramann, was denkst du?“ Und dann hat der Kameramann seinen Senf dazu gegeben mit seinen eigenen Beziehungserfahrungen: „Nee, also ich glaube nicht, dass sie noch zusammen bleiben.“ Und ich dann auch: „Also würde ich jetzt auch sagen: Da ist eigentlich nichts mehr zu machen. Aus die Maus und Tschüßikowski.“

GI: Da fragt man sich: Einerseits, absurde und witzige Story, aber andererseits: kann man sich sowas als Paar wirklich verzeihen? Sie haben sehr viel Mist an einem Tag gebaut.

Martina: Ja, aber das ist unconditional love. Und vielleicht ist Andreas zu verzeihend, aber das ist das was „unconditional“ ausmacht: man schaltet sein Ego aus. Schluckt Sachen runter, die man vielleicht nicht schlucken müsste.

GI: Apropos schlucken. Der Film wird von Kritiker*innen gerne in die „Freud-Ecke“ geschoben. Zwar sagt Andreas ausdrücklich: „Ein Penis ist nie eine Metapher. Ein Schwanz ist immer ein Schwanz“, letztlich wird er doch auf die Metaebene gehoben und somit zum Phallus. Der Penis ist nicht mehr der Buddy des Mannes, sondern sein Rivale. Warum haben heterosexuelle Männer Angst vor Penissen – ist es Kastrationsangst? Oder die Angst davor, dass der Schließmuskel reißt?

Martina: Ich glaube letzteres, weil sonst wären wir ja wieder bei fucking Freud.

GI: Wenn es jetzt um die bildliche Entmännlichung ginge: Andreas ist ja an sich total zufrieden mit der „passiven“ Rolle. Wie du schon richtig sagtest, er schluckt so einiges für Kim und ihre Partnerschaft. Dennoch fürchtet er sich wahnsinnig vor dem bevorstehenden Analsex.

Martina: Ich habe ein Problem mit dem Wort „passiv“. Ich glaube er ist einfach liebender, wärmer und stabiler als Kim. Es sieht vielleicht passiv aus von außen, aber Andreas ist einfach in sich ruhender und zufriedener, weniger neurotisch als Kim. Er weiß, was er will und ist nicht von YOLO zombiefiziert. Führten die beiden eine toxische Beziehung, wäre die Situation zwischen ihnen anders zu bewerten. Tun sie aber nicht. Sie lieben sich, durchlaufen aber gerade einfach eine absurde Phase. 

GI: Gleichzeitig kritisierst du, dass er auch nie den Mund aufmacht und es seine Schuld ist, dass er nicht den Dialog sucht, bis es zur großen Eskalation kommt.
Martina: Ja, das stimmt, er ist konfliktscheu. Aber ich glaube auch, dass es schlichtweg damit zu tun hat, dass Männer Angst vor Penetration haben (lacht). Und teilweise kommunikationsscheuer sind. Ich weiß nicht, welcher Umstand zuerst Probleme bereitet hat.

GI: Aber ist das dann wieder gesellschaftlich bedingt? Haben Männer einfach Angst entmännlicht zu werden?

Martina: So meint es die Verhaltensforschung. 

GI: Na toll, dann sind wir ja doch wieder bei Freud.

Martina: Ich kann’s dir nicht beantworten und wenn man potentiell Betroffene fragt, bekommt man wohl keine repräsentative Antwort. Aber vielleicht liegt das auch an der Art, wie ich gefragt habe (lacht). Verständnis und Empathie sind die abstraktesten Begriffe überhaupt. 

GI: Zurück zum konkreten Penis: Wie war das für dich in den Szenen, in denen du die Epithese getragen hast? Wurde sie extra für dich angefertigt?

Martina: Ja, wurde sie. Man hat sie mit drei verschiedenen Sorten von Kleber angebracht. Man musste haarfrei sein und den Intimbereich mit Alkoholpads saubermachen, das brennt wie Sau. Und dann hab ich natürlich aus Spaß alle vom Team sideways gerubbelt wie ein Jack Russell Terrier mit Dominanzabsichten (lacht). Ich gehe als Frau normalerweise nicht zu Leuten und reibe meine Genitalien an denen. Aber sicherlich tun das auch nur wenige Männer. Sagen wir mal, man probiert seine Grenzen an seiner Umwelt aus. Ein neues Eintreten in die Pubertät. 

GI: Also statt analer Phase hast du eine androgyne Phase durchlebt?

Martina: Ja, gleichzeitig habe ich mich aber auch viel weiblicher gefühlt und es war unangenehm so ein Ding zwischen den Beinen zu haben, weil es einfach so unhandlich ist. Brüste sind auch unhandlich, sie sind irgendwie immer im Weg. Und plötzlich hat man zusätzlich einen Penis, der auch im Weg ist und man fühlt sich so eingeschränkt, als hätte man eine dritte Brust, nur einen Schritt weit tiefer.

GI: Ich finde diese Diskrepanz zwischen alle sideways rammeln und sich gleichzeitig weiblich fühlen irgendwie paradox.

Martina: Es gibt ja nicht nur ein Oder/Oder. Es ist alles eine Vermischung und insgesamt eine sehr sinnliche Erfahrung auf mehreren Ebenen - alles gleichzeitig eben. 

GI: Was hat es an sich mit diesen Epithesen auf sich?

Martina: Die Frau, die diese Epithesen in Hamburg macht, ist die einzige Spezialistin in ganz Deutschland, die hyperrealstische Geschlechtsteile machen kann und sie macht es für alle Leute, die eine operative Geschlechtsangleichung niemals überstehen würden und nach einer bestmöglichen Alternative suchen. Diese Frau möchte den Menschen diesen Druck und dieses Leid, das daraus entsteht, nehmen. Manche lassen sich direkt mehrere Epithesen machen: Es gibt da die verschiedensten Penisse, welche die halbsteif sind oder ganz steif. Man könnte also auch Sex mit denen haben, aber der Kleber ist nicht so gut. Was in sich selbst tragisch ist. 

GI: Wenn es nicht in die Freud-Ecke gesteckt wird, dann aber in die Queer/Transecke: Dabei ist es offensichtlich eine heteronormative Beziehungskomödie, von einem heterosexuellen Team geschaffen. Seid ihr da nicht in Kritik geraten? Gab es nicht Menschen, die sich angegriffen fühlten? Oder Menschen, die daraus einen zynischen Kommentar zur Genderdebatte lasen?

Martina: Nein, die meisten Leute sehen, dass das absolut ein Film über ein Hetero-Paar ist. Der Film ist dafür ja auch zu wenig radikal. Natürlich gab es auch kritische Kommentare, z.B. mein Kumpel Yony Leyser, der den Film „Desire will set you free“ gedreht hat, sagte, dass meine Rolle von einem schwulen Mann gespielt hätte werden sollen, weil es etwas ganz Schmerzhaftes ist, solche Rollen mit Heterosexuellen zu besetzen. Aber darum geht es in „Kim hat einen Penis“ nicht. Das ist kein Queer-Film, sie hätte sich auch einen Besen an die Stirn kleben können oder eine Badewannenente auf den Rücken. Ich kann „Kim hat einen Penis“ nicht als einen ernstzunehmenden Film über Geschlechtsanpassung ansehen, weil er die Realität von Transgendermenschen weder zu treffen vermag, noch sucht. Es wäre naiv, ihn so lesen zu wollen. Der Penis hierbei ist ein Katalysator. Kim geht es nicht um den wirklichen Wunsch, ein Mann zu sein und ihr/sein Geschlecht anzupassen. Kim ist im Kopf immer eine Frau. Ihre Identität ist weiblich. Der Penis ist für sie eine sinnlich-sexuelle Spielart und dadurch nur auf seine physische Beschaffenheit reduziert - so wie eine Badewannenente auch nur auf ihre physische Beschaffenheit reduziert ist. Kims Umwandlung, und ich benutze hier bewusst das Wort Umwandlung, da es sich um keine Anpassung handelt, fördert Perspektive: Die heterosexuelle Perspektive, sich neuen Gangarten zu öffnen. Tradierte Begriffe wie Familiengründung oder Häuslichkeit weniger eng zu definieren und als Herausforderung zu akzeptieren, eine weniger oberflächliche Konversation über heterosexuelle Konstellationen zu bewerkstelligen. Streit fördert Entwicklung. Wer nicht streitet, stagniert und bleibt oberflächlich. Denn das finde ich: Die Kommunikation innerhalb gleichgeschlechtlichen Paaren oder Paaren, in denen die Geschlechteridentität nicht eng definiert ist, ist per se progressiver. Und das haben alle Menschen zu lernen. Das ist die Aufgabe für die nächsten Jahre. Nicht-Kommunikation zwischen Menschen war schon immer konfliktbeladen und wir müssen es besser machen. 

GI: Der Film kann durchaus ambivalent verstanden werden. Ich würde ihn als einen Film mit genderpolitischer Ansage und dekonstruierenden Absicht sehen, aber andererseits reproduziert der Film Binaritäten. Andreas kocht und macht die Hausarbeit, Kim wiederum ist die Pilotin, die Geld verdient und bestimmt wo man wohnt - und nun hat sie zusätzlich noch einen Penis! 

Martina: Ich will nichts schön reden, aber vielleicht ist es einfach diese natürliche Gebung von dem Ernie/Bert-Verhalten. Wenn der eine laut ist, ist der andere immer ein bisschen leiser - phasenweise. Kim ist die laute Hauptfigur, die zeitweise ihre Sensorik für ihren Partner verloren hat, rücksichtslos wurde und sich durch die Auswirkungen von Andreas’ Seitensprung  mit Anna wieder zurückbesinnt. 

GI: Also du würdest nicht sagen, dass ihr während des Drehbuchschreibens eigentlich die uralten Rollen bedient – nur Penis und Brüste vertauscht? Dekonstruktion heißt ja eigentlich Binaritäten abbauen.

Martina: Jein. Ich finde die Frage nicht schlecht, sie ist auf jeden Fall berechtigt. Aber ich würde der Idee, die Sinnlichkeit frei ausleben zu können, ungern die Freiheit entziehen. Vielleicht wurde dieses Hindernis gerade gestellt, damit der Film überhaupt ein Film sein kann. Wenn da zwei Rookies wären, der eine hat einen Penis und die Olle nun auch, dann wär der Film in fünf Minuten vorbei (lacht). Wahrscheinlich gäbe es einen Hahnenkampf. Andreas ist einfach ein retardierendes Moment, er bringt die Ruhe rein, die Besonnenheit und die Rationalität. Durch seine Langsamkeit und Passivität wird die Geschichte erst möglich. Vielleicht ist er der Geschmacksträger für den Film: Er ist das Fett und der Penis ist das Gewürz (lacht).
 
Kim hat einen Penis: Komödie, Deutschland 2019, von Philipp Eichholtz, mit Martina Schöne-Radunski, Christian Ehrich, Stella Hilb, Lana Cooper.
 

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