10. April 2016 Erinnerung an Henrike Grohs

Prof. Dr. h.c. Klaus-Dieter Lehmann auf der Trauerfeier für Henrike Grohs im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

Das Jahr 2016 hatte für Henrike Grohs in Abidjan voller Tatendrang und Optimismus begonnen. Sie war als Institutsleiterin des Goethe-Instituts an ihrem Ort angekommen, hatte einen wunderbaren Freundeskreis aufgebaut und exzellente Projekte und Initiativen entwickelt.  Und dann trafen sie die Kugeln der Mörder, ein brutaler, willkürlicher und sinnloser Terrorakt. Sie trafen eine Frau, die den Menschen in großer Herzlichkeit und Offenheit zugewandt war, die all ihre Kraft für ein sinnvolles Leben und Zusammenleben einsetzte. Sie war eine Ermöglicherin im besten Sinn, voller Energie und Lebensfreude, voller Ideen und praktischer Umsetzung, offen für Inspiration und Teilhabe der Partner vor Ort, dabei  qualitätsbewusst, unbestechlich und selbstkritisch.

Afrika und seine Menschen waren ihr großes Thema. Sie kannte den Kontinent in seinen verschiedenen Facetten. Schon 1983/1984 reiste sie im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres nach Botswana. Es folgten Aufenthalte im Senegal und in Mali, in Sierra Leone und Kenia. Seit 2009 arbeitete Henrike Grohs für das Goethe-Institut, bis 2013 als Referentin für Kultur und Entwicklung am Goethe-Institut in Johannesburg und seit Dezember 2013 als Institutsleiterin in Abidjan, Elfenbeinküste.

Ihre offene und herzliche Art mit Menschen umzugehen, machte ihr das Einleben an neuen Orten leicht, ermöglichten ihr aber auch sensibel auf die jeweiligen lokalen kulturellen Gegebenheiten einzugehen und mit großer Akzeptanz aufgenommen zu werden. Die Menschen vertrauten ihr, emotional und professionell. Und so entstanden enge Partnerschaften auf  allen kulturellen Gebieten, die neue Erfahrungen ermöglichten, Antworten gaben und Wertschätzung vermittelten.

Diese Wertschätzung kam auch nach ihrem Tod zum Ausdruck. Mehr als 500 Menschen kamen zu Aussegnung  vor der Überführung nach Deutschland zusammen, darunter der Kultusminister und die Ministerin für Solidarität, die ihr posthum den Nationalorden verliehen. Das ist nur ein Beispiel für die große Anteilnahme.

Aber Henrike Grohs war nicht nur eine große Förderin der Künste und der Künstler vor Ort. Die vielfältigen Erfahrungen mit afrikanischen Menschen, Orten und Institutionen befähigten sie, über die lokalen Horizonte hinaus zu wirken. Sie befeuerte das panafrikanische Projekt „Moving Africa“, das Kulturakteure und Künstler aus ganz Afrika zusammenbrachte und zu einer Erfolgsgeschichte werden ließ. Sie hob „Music in Africa“ mit aus der Taufe, eine digitale Austausch-Plattform, die afrikanische Musiker bekannt und ihre Musik zugänglich macht. Und sie war eine wunderbare Moderatorin für das Operndorf-Projekt von Schlingensief in Burkina Faso.  Und die von ihr ausgebildeten Kulturmanager leiten heute erfolgreiche Kulturzentren auf dem Kontinent – von Lubumbashi bis Dakar. Sie hatte nicht nur für Abidjan Bedeutung. Sie war für Afrikas Zukunft eine Hoffnungsträgerin.

Ich habe sie in Johannesburg getroffen und mit ihr später auch über das Operndorf gesprochen, und noch früher erlebte ich sie in Ihrer Tätigkeit bei den Berliner Philharmonikern, wo sie sich im Education Programm um Kinder aus Problemkiezen und ihren Zugang zur Musik und zum Tanz in all ihrer Begeisterung kümmerte. Sie war überall von einer unglaublichen Präsenz.

Henrike Grohs ist immer unkonventionelle Wege gegangen, bewusst auch Nebenwege, die ihr vieles erschlossen, was anderen verborgen blieb. Ihr Wegweiser war nicht Statusdenken oder Karriere sondern persönliches Interesse und Leidenschaft. Sie glaubte an die Kraft der Kultur. Für sie war Kultur nicht die private Spielwiese der Künstler und der Intellektuellen sondern die Grundlage der Gesellschaft. Dafür hat sie dann auch in jeglicher Form Verantwortung übernommen. Schon immer hat sie Künstler in ihrer Qualität erkannt, sie gefördert und an sie geglaubt. Solche Beziehungen wurden von ihr nicht nur initiiert, sie wurden weiterhin auch gepflegt. Daraus ergab sich ein ganz eigenes persönliches Netzwerk in der Welt. Es war ihre große Familie! In dieser Familie konnte sie sich wiederfinden, nicht nur ernsthaft sondern auch mit Spaß und Albernheiten. Sie hatte sich bei all den Mühen der Ebenen eine unverstellte Leichtigkeit bewahrt.

Wir haben mit ihr nicht nur eine hoch geschätzte und geliebte Kollegin verloren, sondern auch einen Menschen, der durch seine Auffassung und sein Wirken Hoffnung in eine schwierige Welt getragen hat. Wir sind ihr zutiefst dankbar und werden sie nicht vergessen.

Ihrer Familie und ihren Freunden spreche ich mein tief empfundenes Beileid aus. Die Kolleginnen und Kollegen, die in Abidjan selbst mitten in ihrem Leben durch diese grausame Bluttat getroffen sind und die menschenverachtende Brutalität mit dem Tod von Henrike Grohs erlebt haben, wünsche ich Trost und eine friedliche Zukunft. Eine solche Zukunft zu gestalten ist die Aufgabe von uns allen.

Es gilt das gesprochene Wort.