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Deutsch-Israelische Literaturtage 2019
Nur weg mit den Sauertöpfen!

Die Autorin Maayan Ben Hagai ist zu Gast bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen 2019
Die Autorin Maayan Ben Hagai ist zu Gast bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen 2019 | Foto: Yael Ilan

Rhetorik kann Andere ausschließen, verletzen und bestimmen, schreibt die israelische Autorin Maayan Ben Hagai. Sie ist zu Gast bei den deutsch-israelischen Literaturtagen, die das Goethe-Institut gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet.

Von Maayan Ben Hagai

Der Junkie, dem man noch immer ansieht, dass er mal blendend ausgesehen haben muss, und der spitz zulaufende Schuhe trägt, läuft wieder durch den Waggon der Straßenbahn in Jerusalem. „Eine wohltätige Spende“ verlangt er von einer strenggläubigen Frau, „etwas Geld, um Essen für die Kinder zu kaufen“. Einem Jugendlichen mit gehäkelter Kippa vertraut er an: „Ein Araber hat mir mein Geld gestohlen.“ Der schaut ihn verlegen an, und der durch die eigenen Worte in Rage versetzte Junkie ruft erbittert: „Guck dir das an, nur weil ich Jude bin, hat er mich beklaut.“ Und ehe die Bahn die nächste Haltestelle erreicht und er mit leeren Taschen wieder aussteigt, blafft er uns alle an: „Behandelt man so einen ehemaligen Offizier?“

In Sekundenschnelle den Schwachpunkt finden

Der bettelnde Junkie muss, genau wie ein Werbetexter oder ein um seine nicht nur politische Zukunft kämpfender Ministerpräsident (hinter Gefängnismauern oder außerhalb davon), mit scharfen Sinnen und einer gehörigen Portion Wagemut den Schwachpunkt derjenigen freilegen, von denen sein Leben abhängt. Muss die Stellen orten, unter denen sich eine Schicht aus Mitgefühl, Schmerz oder Angst offenbart. Dabei schreckt er nicht davor zurück, sich zum Gespött zu machen, unaufrichtig und derb zu wirken. Wesentlich ist die „Motivierung zum Handeln“, denn er hat nur einen Sekundenbruchteil lang Gelegenheit, uns dazu zu bringen, die Hand in die Hosentasche zu stecken, nach der entsprechenden Auslage im Supermarkt oder dem richtigen Wahlzettel hinter dem Sichtschutz der Wahlkabine zu greifen.

Auf jeden Erfolg kommt eine Bedrohung

Nur rund einen Kilometer von der Straßenbahnhaltestelle entfernt hielt Benjamin Netanjahu im Oktober 2017 zur Eröffnung der Wintersitzungsperiode der Knesseth seine berühmte „Sauertopfrede“. Ein erstes Feuerwerk anlässlich der Festivitäten zum 70-jährigen Bestehen des Staates Israel gewissermaßen. Wie üblich begann er mit der Aufzählung von Ereignissen in der Geschichte des jüdischen Volkes und stellte sich selbst als letzten in eine Reihe großer Staatsmänner, die die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Land vorangetrieben hatten. Danach zählte er seine Erfolge und Errungenschaften auf: Cyber und Hightech, eine nie da gewesene Entwicklung im Verkehrswesen, welche „den Begriff der Peripherie vergessen macht“, militärische Stärke und florierende außenpolitische Beziehungen, einen Rückgang der Arbeitslosigkeit, eine Zunahme der Touristenzahlen und Satelliten im All.
 
Den Regeln des Genres getreu folgten auf die Erfolge sogleich die ewig gleichen Bedrohungen: Kriege, Arbeitsmigranten und illegale Einwanderer, die Israels Grenzen belagern, Iran und sein Kernwaffenprogramm, radikaler Islam und Antisemitismus. Die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch Donald Trump wurde als Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Torte präsentiert, mit einem vor Glück strahlenden Gesichtsausdruck, in den sich Schadenfreude mischte. Bitte schön, Netanjahu hatte seinen Wählern bewiesen, er war ein Staatenlenker, der den Großmächten ihre Tagesordnung diktierte.

Todernst, übertrieben und grotesk

„Israels Bürger wissen, Israel ist ein wunderbares Land“, frohlockte der Premier. Wenn sie aus dem Ausland zurückkehrten, würden alle sagen: „Nichts geht über unser Land!“, stellte Netanjahu fest und schien die Heimatliebe der Bürger zu ihrem Land zu seinem ganz persönlichen Verdienst machen zu wollen. „Doch all dies“, fuhr er fort, „vermag nicht die heimische Depressionsindustrie zu beeindrucken.“ Und ging zum Angriff über: Die Sauertöpfe im Lande hätten immer zu mäkeln, alles gehe vor die Hunde – und das zwischen ihrem nächsten Flug nach Berlin und der Rückkehr von einem Wochenende in London.
 
„Die Sauertöpfe bleiben auf ewig sauertöpfisch, nur weil wir keine Siedlungen geräumt haben“, verspottete er all jene, die einen territorialen Kompromiss zur Beendigung des Konflikts fordern, und stellte sie als die undankbare Verwandtschaft dar, der es schlicht an Lebensfreude fehlt. Wie im Fall des Bettlers, der den Fahrgästen in der Straßenbahn kein Geld für den nächsten Schuss abgeschwatzt bekommt, ist jeder, der Netanjahu nicht unterstützt, automatisch verächtlich. Und wie das gesamte jüdische Volk ist auch der Regierungschef permanenter Verfolgung ausgesetzt, von außen und innen gleichermaßen.
 
Wie der Auftritt des Junkies ist auch Netanjahus Populismus immer ein Schauspiel, das sich genussvoll dem Trash hingibt, zugleich aber todernst, übertrieben und grotesk daherkommt. Denn anders als der bettelnde Junkie verfügt Netanjahu über Powerpoint-Präsentationen, über Fotos mit Soldaten und über Hubschrauber an der Nordgrenze.
 
Der Text ist eine gekürzte Fassung. Erschienen ist er am 2. September 2019 im Der Tagesspiegel.
Die Deutsch-Israelischen Literaturtage 2019 finden am 4. und 8. September in Berlin statt Die Deutsch-Israelischen Literaturtage 2019 finden am 4. und 8. September in Berlin statt | Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

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