Talmatschi
„Wer zur Übersetzung greift, lässt sich ein auf eine spezielle Dreiecksbeziehung“

Unsere neue Rubrik Тalmatschi möchte sich vertieft und aus erster Hand mit der Übersetzungsarbeit auseinandersetzen, indem wir mit Übersetzer*innen aus dem Deutschen und dem Bulgarischen in verschiedenen Interviews über Literatur, über die Besonderheiten der Übersetzung literarischer Texte sowie über ihren Beruf als Übersetzer*innen sprechen. Hier werden wir euch Übersetzer*innen aus Bulgarien und den deutschsprachigen Ländern vorstellen und den Versuch wagen, den Vorhang zu lüften und einen Blick hinter die Fassade der Übersetzungsarbeit zu werfen.

In unserem nächsten Interview sprechen wir mit dem Übersetzer aus dem Russichen, Bulgarischen und Tschechischen Andreas Tretner. Seine Übersetzung des Romans „Die Sanftmütigen“ von Angel Igov wurde in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert.

Von Mélody Gugelmann

Andreas Tretner Foto: © Verein Zuger Übersetzer
Sie übersetzen vor allem aus dem Russischen, aber auch aus dem Bulgarischen und Tschechischen. Welche Sprache macht Ihnen am meisten Spaß?

Die Abwechslung macht es. Wobei ich immer noch den Eindruck habe, dass im Bulgarischen besonders viel zwischen den Zeilen steht und man sich daher am leichtesten vertun kann; schon daher ist es für mich am spannendsten. Und weil das in die Hochsprache eingeflossene Amalgam aus dialektalen Varianten und nachbarschaftlichen Einflüssen eine besondere „Würze“ ergibt, die schwer im Deutschen nachzuahmen ist.
 
Sie haben zusammen mit anderen ÜbersetzerInnen, die ins Russische oder aus dem Russischen übersetzen, einen Film über das Übersetzen mit dem Titel „Spurwechsel“ produziert. Der Film macht deutlich, dass Übersetzen eine facettenreiche Kunst ist und dass „keine Sprache sich eignet, in eine andere übersetzt zu werden.“ (so die Übersetzerin Svetlana Geier) Stimmt das?

Man kann es so sehen – wenn man bedenkt, dass kein Gedanke seine Grammatik so einfach abschütteln kann. Aber darüber streiten die Gelehrten, während Übersetzer*innen sich pragmatisch am Möglichen orientieren. Dabei ist es wichtig, die Grenzen des Möglichen genau zu kennen, will man sich daran abarbeiten. Zu glauben, dass einem das Meer nur bis zu den Knien geht, ist keine gute Einstellung für das Übersetzen.
 
Ist das Übersetzen nur ein Verlustgeschäft? Oder bietet die Übersetzung gewollt oder ungewollt neue Blickwinkel, neue Möglichkeiten mit der Sprache zu spielen und dadurch neue Gewinne?

Kommt eben ganz auf die Perspektive an. Wer das Original pur haben will, muss das Original lesen. Und selbst dann liest er es nur so, wie er es versteht. Wer zur Übersetzung greift, lässt sich ein auf eine spezielle Dreiecksbeziehung zwischen Leser*in, Autor*in und Übersetzer*in. Das lässt sich bedauern – oder genießen.
 
Wie gehen Sie als Übersetzer mit den Verlusten beim Übersetzen um und wie kompensieren Sie diese?

Mit Saldorechnung funktioniert das nicht. Für mich gilt in jedem Moment, so nah wie möglich am Original zu bleiben und so weit wie nötig weg und eigene Wege zu gehen. „Wenn der Kopf ab ist, muss man der Mütze nicht nachweinen“, sagt Kollegin Geier im selben Film. Die Verlustrechnung müssen hinterher andere aufmachen.
 
Sie wurden in diesem Jahr für Ihre Übersetzung von Angel Igovs Roman „Die Sanftmütigen“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ein Buch, das in Bulgarien einen Tabubruch mit einem historischen Thema veranlasst hat. Sie haben den Geist des Romans meisterhaft und mit viel Erfindungskraft ins Deutsche transportiert. Warum ist diese Buch so wichtig für die zeitgenössische bulgarische Literaturlandschaft?

Darüber ließe sich viel sagen, ich will es auf einen kurzen Nenner bringen: An einem heiklen, folgenreichen Punkt der bulgarischen und europäischen Geschichte – September 1944, umstrüppt von Mythen und Fälschungen – hebt es die Wahrheit der Archive ans Licht und erweckt sie zum Leben – auf bemerkenswert leichtfüßige, beinahe elegante Weise, in einer stringenten Möglichkeitsform.
 
Der Originaltext ist sprachlich sehr dicht und konsequent. Was waren die sprachlichen Herausforderungen für die Übersetzung?

Die formale Innovation dieses Buches besteht in einem kollektiven Erzähler, sozial markiert und zugleich hochartifiziell, der autonom agiert, seinen Gestus beständig verschiebt, sich plötzlich in Luft auflöst und wieder einschaltet, wenn man nicht an ihn denkt ... Man darf ihn als Übersetzer keine Sekunde aus den Augen lassen.
 
Hängen bulgarische Autor*innen finanziell von den Übersetzungen ihrer Bücher und deren Verbreitung auf dem westlichen Markt ab?

Ich denke, die Verkaufserlöse aus übersetzten Büchern bringen niemanden in Bulgarien auf den grünen Zweig, es ist allenfalls eine Prestigefrage, und das vor allem im eigenen Land.
 
Bulgarische Namen tauchen zunehmend in internationalen Festivalprogrammen und Literaturbesprechungen auf, trotzdem ist über die bulgarische Literaturlandschaft im deutschsprachigen Raum wenig bekannt. Wie schätzen Sie diese Situation ein? Und was brauchte es, um der bulgarischen Literatur einen populäreren Platz im Bewusstsein der deutschsprachigen Leser*innen einzuräumen und welche Rolle spielen dabei die deutschsprachigen Verleger*innen und Übersetzer*innen?

Die Crux ist, dass das Verlegen bulgarischer Literatur in den letzten 30 Jahren immer „Glücksfall“ war, Stückwerk, es ergibt kein Gesamtbild, keine Entwicklung, und vor allem ist keine Tradition erkennbar, keiner weiß, worauf die heutigen AutorInnen aufbauen. Dafür wäre so etwas wie eine Bulgarische Bibliothek hilfreich. Ein kanonischer Fundus von zwei, drei Dutzend Titeln aus zweieinhalb Jahrhunderten, vieles davon in der DDR schon übersetzt, aber längst nicht mehr greifbar, neu zu fassen und zu kommentieren. Überschaubarer Aufwand, ein lohnendes Werk – aber wer geht es an ...
 
Drei Literaturreihen mit tschechischen, polnischen und türkischen Werken in deutscher Übersetzung wurden unter den Namen Tschechische Bibliothek, Polnische Bibliothek und Türkische Bibliothek bereits herausgegeben. Drei schöne Beispiele, wie osteuropäische Literaturlandschaften dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden können …

Das sehe ich ganz genauso: Sie nennen drei Paradebeispiele, wo es geklappt hat. Die Entstehung der Tschechischen Bibliothek konnte ich aus nächster Nähe verfolgen, es war ein Traum. Das Problem dabei ist die Nachhaltigkeit, die Bibliothek müsste deutlich länger lieferbar gehalten werden, als der Markt es gemeinhin zulässt. Aber dafür ließen sich Modelle entwickeln, meine ich.
 
Sie sagten, vieles wurde bereits übersetzt, ist aber nicht mehr verfügbar. Warum ist das so?

Naja, eigentlich ein normaler Vorgang, dass Bücher vergehen. Die aus der DDR halt etwas schneller. Wenige westliche Bibliotheken haben sie gesammelt, gedruckt sind sie auf schlechtem Papier ... aber mit etwas Mühe findet man sie noch. Vor allem zwei Übersetzer waren es, Norbert Randow und Hartmut Herboth, die da herkulisch gewirkt und Großes geleistet haben.

Sie haben ihre Übersetzerkarriere in der Landschaft der schönen Literatur mit der Übersetzung von Jordan Raditschkows „Dem Herrgott vom Wagen gefallen“ (Erzählungen, Reclam Leipzig, 1987) begonnen. Woher kam damals Ihr Interesse für bulgarische Literatur und Sprache?
 
Ein Akt bürokratischer Willkür, um ehrlich zu sein: Die Studienverwaltung der Leipziger Universität hat das für mich entschieden. So lief das in den 1970er Jahren in der DDR, wenn man Sprachen studieren wollte. Erst war ich stoisch genug, es hinzunehmen, und später ganz froh damit. Inzwischen hatte ich nämlich die alten Männer und Frauen auf den bulgarischen Dörfern entdeckt: wie die einen beim Erzählen um den Finger wickelten. Und einen Autor, der daraus große, welthaltige Literatur machte: eben Raditschkow. Spätestens da wurde es ernst.
 
Welche zeitgenössischen bulgarischen Autor*innen, die nicht übersetzt sind, sollten unbedingt ins Deutsche übersetzt werden?

Wollen Sie wirklich, dass ich drei nenne und dreiunddreißig andere mir deswegen zu Recht gram sind? Aber gut: Ich nenne Zdrawka Ewtimowa. Milen Ruskow. Plamen Dojnows politische Gedichte, die auf den Nägeln brennen ... Die Kolleginnen und Kollegen, die Sie hier hoffentlich auch noch interviewen, werden andere nennen, die es ebenso lohnen. Wir bleiben dran, so hoffe ich.
 
Andreas Tretner wurde 1959 in Gera geboren und hat nach dem Diplom zunächst als Industrieübersetzer gearbeitet. In der Wendezeit war er Lektor für slawische Literaturen im Reclam Verlag Leipzig, danach Kinderradiomacher, Mitbegründer des Leipziger Bürgerfunks Radio Blau. Seit 1991 arbeitet er als Literaturübersetzer. Die Literatur der Gegenwart steht im Zentrum seines übersetzerischen Werks. Zu den übersetzten Autoren gehören Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin, Michail Schischkin, Pjotr Ilitschewski, Josef Škvorecký, Jáchym Topol, Christo Karastojanow, Alexander Wutimski und Pejo Jaworow.

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