Residenzprogramme
Künstlerresidenzen: das globale Feld der Solidarität

Künstlerresidenzen ermöglichen kreatives Schaffen in einer neuen Umgebung.
© Unsplash / Timo Wielink

Rückzugsorte außerhalb des Alltags, Labors für neue Ideen, Begegnungsformen, wo Austausch und nachhaltige Vernetzung mit Kolleg*innen aus aller Welt stattfinden – das sind Künstlerresidenzen, deren Anzahl in den letzten Jahren weltweit stetig zunimmt. Ingo Arend, Autor und Kritiker, in Berlin lebend, über den Zweck von und Erfahrungen mit Residenzprogrammen als eine neue Form der Weltgesellschaft, die physische und geistige Grenzen überwindet.

Von Ingo Arend

„Man will wissen, wie er darüber denkt, die eigene Unruhe, Abneigung oder Angst abwägen am anderen… Man hat den Eindruck, als hätten sie vor sich selber Angst und wollten das von einem Außenstehenden bestätigt wissen und dann doch wieder nicht“. 1989 war der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom zu Gast in Berlin. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wohnte er ein Jahr lang in der Stadt. Ungewollt wurde er Zeuge eines dramatischen historischen Augenblicks: Der deutschen Wiedervereinigung. Rastlos kreuzt er durch das umbrechende Deutschland.

Nooteboom fallen die „aggressiven Raser“ auf den deutschen Autobahnen auf. Er sinniert über deutsche Weinnamen wie "Randersackerer Ewigleben". Und er findet das bizarre Bild von dem „riesigen Beuteltier Kohl, in das die DDR mit Haut und Haar leicht hineinpaßt". Immer wieder befragen ihn die Menschen, die er dabei trifft, nach seinen Eindrücken. Von dem Fremden wollen sie wissen, wie er die Epochenwende und sein Gastland sieht. In seinem schnell zum Bestseller avancierten Suhrkamp-Bändchen „Berliner Notizen“ legt der Autor Zeugnis von diesen Begegnungen und Erlebnissen ab.

Nootebooms Beispiel zeigt beispielhaft den Vorteil des Fremden Blicks, der ein Residenz-Aufenthalt mit sich bringen kann. Im Spiegel des Anderen erkannten die Deutschen sich besser, als sie sich selbst vielleicht hätten wahrnehmen können. Im Vergleich zu den Zeiten Nootebooms ist die Anzahl der Residenzen heute sprunghaft gestiegen – in Deutschland und weltweit. „Residency Unlimited“, der Name eines New Yorker Residenzprogramms liest sich plötzlich wie die unfreiwillige Beschreibung der Lage. Denn dieses Institut ist gleichsam zum Normalfall der künstlerischen Existenz geworden.

Künstler- und Kurator:innen eilen heute von einem Stipendium im NRW-Künstlerdorf Schöppingen zur Villa Kamogawa in Japan, vom brandenburgischen Schloss Wiepersdorf zur prestigereichen Villa Massimo. Manche klagen gar schon über das Hamsterrad der dafür notwendigen Bewerbungen.

Residenzen dienen nicht nur der Existenzsicherung: Neben Stipendien, Lesungen und Projekt-Aufträgen sind sie ein unverzichtbarer Baustein des unerklärten Künstler:innengehalts geworden, das über dieses dicht gewobene Netz an Zuwendungen ausgeschüttet wird, ohne es so zu nennen. Mit ihm lässt sich manchmal ein halbwegs normales Leben führen beziehungsweise zusammenbasteln. Zudem sind sie ein wichtiger Punkt der Karriereplanung. Keine Künstler:innen-Vita kommt heute mehr ohne drei, vier erfolgreich absolvierte „Residencies“ aus.

Dieses Institut zu charakterisieren, gleicht der Quadratur des Kreises. „Eine Residenz ist kein Museum, keine Bibliothek, kein Theater, keine Schule“, sondern „eine Institution ohne Lehrer, ein Rückzugsort außerhalb des täglichen Lebens, ein Labor, eine Networking-Maschine“ definierte einmal Pierre Joly, der Gründer und ehemalige Leiter der Akademie Schloss Solitude.

Heute unterscheiden sich die diversen Programme in Durchführung und Idee. Bei einigen geht es mehr um internationale Vernetzung, andere setzen auf kreative Inspiration. Das obligatorische Programm ist überschaubar: Mehr oder weniger verbindliche Anwesenheit vor Ort, regelmäßiger Austausch, ein Abschlussbericht am Ende des Aufenthalts. Anders als bei der „Academie de France, die „Sonnenkönig“ Ludwig XIV 1666 in Rom gründete, damit französische Künstler:innen lernen, römische Statuen zu kopieren, steht heute jedoch der Freiraum im Vordergrund. Eine Zwischenphase, in der, mag sie auch projektbezogen sein, Künstler:innen auch einmal scheitern können.

Im Kern sind Residenzen jedoch Labore der Kooperation, Keimzellen des offenen Blicks, von Internationalität und Kosmopolitismus. Nicht nur weil Künstler:nnen dabei oft und weit reisen müssen, sondern wegen des Perspektiv- und Standortwechsels, den sie dabei vollziehen und ihrer Umgebung spiegeln. Und weil sie neue Allianzen eingehen. Dieser mentale spin-off-Effekt von Residenzen bleibt auch dann unverzichtbar, wenn die globale Covid-Pandemie den internationalen Kulturbetrieb zwingen wird, seine ökologischen und gesundheitlichen Nebenwirkungen kritisch zu reflektieren.

Je nach Anlage und der Reichweite vor Ort fungieren Residenzen als Brückenköpfe des Interkulturellen. Über die Begegnungen und oft nachhaltigen, noch Jahre später andauernden Beziehungen, die sich dabei ergeben, ließen sie sich als eine Kulturpolitik von unten bezeichnen. Entsteht doch neben dem gouvernementaler Interaktionen ein davon (fast) unabhängiges Netz nichtstaatlicher Akteure. Das verhindert zwar keine Kriege, bildet aber eine eigene Ebene des Austauschs und der Vermittlung aus.

Das Residenzwesen ist der Vorschein einer Weltgesellschaft, die physische und geistige Grenzen überwindet. Wenn auch nicht institutionell gesichert, bildet es doch ein globales Feld der Solidarität.

Die Idee, angesichts der inflationären Anwachsens der „Residencies“ – ähnlich wie im Fall der Biennalen – radikal zu begrenzen und zu fokussieren, läuft angesichts dieser unersetzlichen Funktion ins Leere. Wohl aber ließen sich Residenzen weiterentwickeln und qualifizieren. Zum einen über die Art der Teilhabe.

Die 1907 im US-Bundesstaat New Hampshire gegründete „MacDowell Colony“ wirbt zwar mit den paradigmatischen Worten „MacDowell makes a place in the world for artists because art makes the world a better place“ für ihre Einrichtung.

Residenzen sollten jedoch nicht ein Privileg der happy few im Kunstbetrieb bleiben.

Im Jahr des 100. Geburtstages von Joseph Beuys gewinnt auch dieses Institut eine neue Aktualität. Klingt nicht das MacDowell-Motto „Freedom to create“ wie Beuys‘ Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“?

Zu diesem Zweck sollten Residenzen auf weitere, bislang nicht erfasste Protagonisten der nichtkommerziellen Kreativszene ausgedehnt werden. Es wäre auch denkbar, ein Laienelement in das Residenzwesen dergestalt aufzunehmen, dass einzelne, ausgewählte Nicht-Künstler:innen in die Programme integriert werden. Residenzen sollten generell mehr auf Gegenseitigkeit basieren. Und am jeweiligen Standort sollten gezielt mehr nichtkünstlerische Akteure in den Austausch einbezogen werden.

Schließlich soll das Spezielle der künstlerischen Weltsicht und – erforschung möglichst vielen Menschen vermittelt werden. In Zeiten eines grassierenden Nationalismus kann es nicht schaden, wenn mehr Menschen in den Genuss des Gefühls kämen, das Cees Nooteboom verspürte, als er zum ersten Mal seine Heimat verließ: „Ich streckte den Finger in die Luft und öffnete meinen Geist für die Verschiedenheit“.
 

Ingo Arend, Politologe und Historiker, arbeitet seit 1990 als Kulturjournalist und Essayist für Bildende Kunst, Literatur und Politisches Feuilleton. Von 1996 bis 2010 war er Kulturredakteur des „der freitag“. Von 2007 bis 2009 sein Redaktionsleiter. Redakteursstationen bei taz und Deutschlandfunk Kultur. Seither Autor und Kritiker. Mitglied des Präsidiums der neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (nGbK). Spezialgebiet: Global Art, Kunst und Politik, Kunst und Geschichte, Kunst und Kultur der Türkei.

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