Theateraufführung Rike Reiniger: Zigeuner Boxer

Rike Reiniger: Zigeuner Boxer
©Jakub Jíra

Die Bühne ist voller Mehl, das auch auf den Schuhen der Zuschauer in den vorderen Reihen haften geblieben ist. Auf den Fliesen an der Wand laufen ein paar Tropfen Flüssigkeit herunter, rot wie Blut. In einem Blecheimer qualmen noch leicht ein paar verkohlte Stücke Papier. Die Menschen, jung und alt, haben verschleierte Blicke. Einige blicken auf den Boden, andere holen tief Luft. Die beschmierte Fensterscheibe klirrt noch vom Echo der letzten Worte, die Emotionen sind fast greifbar. Mehrere Dutzend Zuschauer stehen und applaudieren. Im Brünner Buranteatr endete gerade die tschechische Premiere des Theaterstücks „Zigeuner Boxer“ der deutschen Autorin Rike Reiniger unter der Regie von Gabriela Krečmerová.
 

Frau Krečmerová, Sie haben in der Tschechischen Republik eine starke Geschichte aus der deutschen Vergangenheit wieder aufleben lassen. Womit denken Sie, können die Schicksale der Sportlegende der Weimarer Republik, dem Roma Boxer Johann „Ruki“ Trollmann, das moderne Publikum erreichen?
 
Wissen Sie, ursprünglich hatten wir nur über eine szenische Lesung nachgedacht. Zusammen mit dem einzigen Hauptdarsteller Filip Teller haben wir aber schnell gemerkt, dass die Geschichte des deutschen Box-Meisters, der wegen seiner Roma-Herkunft verfolgt und schließlich im KZ ermordet wurde, mehr ist und eine eigene Inszenierung verdient. Es geht nämlich nicht nur um eine Erinnerung an das historische Ereignis. Im Stück können wir auch die Geschichte von Hans erleben, Trollmanns Freund, der nicht nur über das Schicksal des „Zigeuner Boxers“, sondern auch über sein eigenes moralisches Versagen erzählt.
 
Ja, das stimmt, die Figur Johann Trollmann treffen wir auf der Bühne selbst nicht, mit seinem tatsächlichen Schicksal werden wir durch die Monologe des fiktiven Charakters, dem deutschen Hans, vertraut gemacht. Die Autorin Rike Reiniger hat ihn ins Spiel gebracht, weil sie sich als Deutsche nicht die Perspektive des Opfers aneignen wollte. Wie war es für Sie an einem Stück zu arbeiten, das zwischen Dokument und Fiktion aufgebaut ist?
 
Sehr gut. Gerade der fiktive Charakter, der die eigentliche Geschichte erzählt, ist in diesem Fall für die Regie sehr interessant und nützlich. Ich bin froh, dass die Geschichte nicht Ruki, das Opfer, selbst erzählt. So hätten wir leicht dem Pathos verfallen können, dem Erfinden von Fakten, dem Fabulieren darüber, wie Johann Trollmann sich wohl gefühlt haben könnte. Das wissen wir nicht. Durch die Annäherung seitens einer fiktiven Figur, auf der zusätzlich Schuld lastet und die sich manchmal zerbrechlich, manchmal sehr rasant auf seine Erinnerungen bezieht, können wir der Geschichte mehrere Nuancen und Ebenen verleihen.
 
Welche dieser „Nuancen“ war für Sie am schwierigsten zu erfassen? Was war für Sie an der Arbeit mit dem Stoff am anspruchsvollsten?
 
Wie bereits gesagt, geht es dem Stück nicht nur darum, das Schicksal von Johann Trollmann zu beschreiben, es hat eine breitere Botschaft. Wenn Hans auf der Bühne über Ruki und über Rukis Rolle in seinem Leben erzählt, überbrückt er mehr als 20 Jahre: Wir hören die Geschichte eines 12 Jahre alten Jungen, der für jeden Ausdruck der Sympathie, für jeden geschenkten Apfel dankbar ist. Am Ende des Stücks trennen wir uns von einem erwachsenen Mann, der sich mit dem grausamen Schicksal und mit seinen eigenen Handlungen abfinden muss. Für uns war am schwierigsten, zwischen der Erzählung von dem Hans zu unterscheiden, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, der Hoffnung und Freude in sich trägt und die erste Begegnung mit Ruki noch einmal durchlebt. Und zwischen dem Hans, der seinen Freund verraten hat und auf Ruki und sich selbst zurückblickt.

  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Jakub Jíra
    Filip Teller als Zigeuner Boxer | Buranteatr, Brno
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer © Lenka Grossmannová | Museum der Roma-Kultur
    Rike Reiniger - Autorin
  • Rike Reiniger: Zigeuner Boxer_Regie © Jakub Jíra
    Gabriela Krečmerová - Regie
 
Wie das Leben von Johann „Ruki“ Trollmann ausgesehen haben mag, ahnen wir bereits. Aber wie wird das Leben des Theaterstücks Zigeuner Boxer weitergehen? Welches Interesse daran erwarten Sie in der Tschechischen Republik?
 

Wir wollen Zigeuner Boxer mindestens einmal im Monat im Brünner Buranteatr aufführen. Aber das kommt natürlich auch auf das Zuschauerinteresse an, das bis jetzt noch nicht so überwältigend ist. Die Premiere war ein großer Erfolg, aber für die erste Reprise hätten mehr Tickets verkauft werden können. Wir würden Zigeuner Boxer gerne nach Prag bringen und natürlich auch in die Regionen. In Jihlava haben wir zum Beispiel bereits eine Aufführung ausgemacht. Das Museum der Roma-Kultur, das das Stück initiiert, erhielt einen Zuschuss für drei Aufführungen für Schulen. Also glaube ich, dass wir den „Boxer“ nicht nur der Öffentlichkeit vorstellen werden, sondern auch Grund- und Sekundarschülern.
 
Planen Sie dafür zum Beispiel Regieänderungen? Werden Sie das Stück für unterschiedliche Zielgruppen irgendwie anpassen oder reicht Ihnen das Originaldrehbuch aus?

Das Stück lebt, wir wollen es innerhalb der Reprisen weiterentwickeln - zum Beispiel denken wir darüber nach, dass wir neben Tschechisch, der Sprache des Stücks, und der deutschen Sprache, die für die  Authentizität an vielen Orten erscheint, auch ein paar Worte auf Romani einbauen. Johann Trollmann hat bestimmt welche benutzt. Größere Änderungen planen wir allerdings nicht, wir wollen das Stück in der Tschechischen Republik so zeigen, wie es geschrieben worden ist.
 
Die Autorin des Stücks Rike Reiniger wurde von dem Erfolg überrascht, den der „Boxer“ in der Türkei hatte. Auch sie spricht davon, dass in Gesellschaften, in denen Minderheiten unterdrückt werden, die Geschichte vom „Zigeuner Boxer“ Johann Trollmann immer noch aktuell ist. Kann das Stück ihrer Meinung nach in einem aktuellen europäischen Kontext wahrgenommen werden?
 

Die Aktualität des Stücks liegt in der Tatsache, dass auch wir heute die Möglichkeit haben, Hans zu sein –  nichts zu tun, Ruki nicht zu helfen und es später zu bereuen. Ruki können wir in dem Fall als Metapher für die tschechischen Roma oder die Flüchtlinge sehen. Bei der Premiere kam es zum Beispiel zu der Meinung, dass es aufgrund der Radikalisierung der politischen Szene in der Slowakischen Republik nützlich wäre, auch dort an Rukis Schicksal zu erinnern. Die Geschichte des Boxers Johann „Ruki“ Trollmann endet nicht im Jahr 1944. Sie lebt weiter und auch die nächste Generation und andere Gesellschaften, nicht nur die deutsche, müssen sich damit auseinandersetzen. Ich bin froh, dass dies auch durch unser Theaterstück passieren kann.