Frankfurter Buchmesse Europa sucht sich in der Literatur

Frankfurter Buchmesse 2017
Frankfurter Buchmesse 2017 | © Frankfurter Buchmesse, Foto Christoph Seubert

Die diesjährige Buchmesse in Frankfurt hat es gezeigt: Europa will sich kulturell neu finden, schwört auf die Vielfalt der Sprachen und Literaturen. Stimmen aus Tschechien gehören dazu und verdienen mehr Gehör. Gerade im benachbarten Deutschland.
 

Ach, Europa. Ein leiser Seufzer bleibt zurück, nachdem das größte Buchevent des Jahres, die Frankfurter Buchmesse, zu Ende ging. Verstummt sind die Reden, die Interviews, die Aufregung rund um Stars der Weltliteratur, von Nicholas Sparks über Dan Brown bis hin zu Margret Atwood. Sie und viele andere waren da. Mehr als eine Viertelmillion Literaturfreunde wälzten sich durch die Hallen, in denen 7 000 Aussteller Bücher, Bücher, Bücher zeigten. Im Mittelpunkt von all dem Getriebe stand Frankreich, das diesjährige Gastland, das eine ganze Bücherstadt nach Frankfurt mitgebracht hatte. Und einen Troß von 180 Autoren. Sage und schreibe 1400 Titel sind allein in diesem Herbst aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt worden. Doch im Brennpunkt stand in diesem Jahr nicht ein europäisches Land allein, es ging um mehr – um den ganzen Kontinent. Um Europa, das im Umbruch ist, das sich neu sucht. Wer sind wir? Wo gehen wir hin? Was verbindet uns? Bange Fragen.

Autoren, die sich in der vorherrschenden Krisenstimmung an eine Zeitdiagnose oder soziologische Analyse heranwagen, ist die Aufmerksamkeit sicher. Leila Slimani, die Pariserin marokkanischer Herkunft, gehört zu ihnen. In ihrem Bestseller „Chanson douce“ thematisiert sie soziale Ungleichheit, Ausbeutung. Das schlägt ein. Im sogenannten postfaktischen Zeitalter, da der Glaube an die Objektivität der Nachrichten längst verflossen ist, scheint die Literatur an Kraft zu gewinnen. Ganz anders als die Nachrichtenflut kann das Erzählen die Welt erklären, das Verborgene aufdecken, die Gesellschaft zusammenhalten. Die europäische Gesellschaft. Dieser Anspruch spiegelt sich auch in aktueller deutschsprachiger Literatur wider –  ob in Daniel Kehlmanns Wälzer „Tyll“, der dem Europa des 30jährigen Kriegs gewidmet ist, oder in Robert Menasses „Die Hauptstadt“, einem Roman, der in Brüssel spielt und sich mit der Bürokratie der EU auseinandersetzt.

Wir Europäer, das inoffizielle Motto der Buchmesse klingt nach – vor allem auch in Ländern, deren Literatur schwer um die internationale Aufmerksamkeit zu kämpfen hat. Es sind diejenigen Europäer, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Ankunft der Demokratie feiern durften und sich durch Jahrzehnte von Diktatur quälen mussten. Zu ihnen gehört auch Tschechien, Deutschlands Nachbarland. Die Nachbarschaft und gemeinsame Geschichte spiegeln sich nur wenig in der Anzahl der jährlich ins Deutsche übersetzten tschechischen Titel. Eine unerfreuliche Tatsache, die Tschechien mit anderen Ländern des ehemaligen so genannten Ostblocks verbindet. Dabei wird gerade jetzt das Europa der vielen Sprachen und des gegenseitigen Verstehens beschworen. Nur einige wenige Stimmen aus Tschechien dürfen dazu beitragen. Eine der markantesten gehört dem Autor Jáchym Topol, der Zentralfigur des diesjährigen tschechischen Auftritts auf der Frankfurter Buchmesse. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. In Deutschland hat sie der Berliner Suhrkamp-Verlag ins Programm aufgenommen.

In seinem gerade erschienenen Roman „Der sensible Mensch“ erzählt Topol, Träger des Staatspreises für Literatur, vom heutigen Europa aus dem Blickwinkel der tschechischen posttotalitären Gesellschaft. Die deutsche und die französische Herausgabe sind in Vorbereitung. Auch die Autorin Bianca Bellová überschreitet Grenzen. Für ihr Buch „Der See“, einen postapokalyptischen Roman, erhielt sie in diesem Jahr den Literaturpreis der Europäischen Union. Übersetzungen in 14 Sprachen folgen. Im deutschsprachigen Raum hat sich der feine schweizer Verlag Kein&Aber des Buchs angenommen. Auf eine deutsche Veröffentlichung wartet hingegen ein anderer Träger des EU-Literaturpreises – Jan Němec, der Verfasser des Romans „Eine Geschichte des Lichts“, der bereits in acht Sprachen übersetzt wurde. Gewidmet dem Leben eines herausragenden tschechischen Fotografen des 20. Jahrhunderts, František Drtikol, trägt der Roman zur modernen Kulturgeschichte Europas bei.

Werden bald diese und andere Stimmen aus Tschechien ihre deutsche Premiere feiern? Einen Anlass jedenfalls gibt es: Das Land wird 2019 im Mittelpunkt der Leipziger Buchmesse stehen. Um das bevorstehende Event drehten sich in Frankfurt etliche Gespräche. Insbesondere kleinere deutschsprachige Verlage lassen sich ansprechen, solche, die gegen den Hauptstrom schwimmen. Zu ihnen gehören die beiden österreichischen Verlage mit slowenischen Wurzeln Wieser und Drava. Zwei Romane tschechischer Autoren sind dort in Vorbereitung: „Mein Weg ins Verlorene“ von Martin Vopěnka erzählt von einer schicksalhaften Reise durch Süd- und Südosteuropa, die zugleich eine Seelenreise ist. Das zweite Werk ist der europäischen Geschichte gewidmet. „Die große Nachricht vom entsetzlichen Mord an Simon Abeles“ von Marek Toman handelt von einem Kriminalfall aus Prag des 17. Jahrhunderts, bei dem ein religiöser Konflikt im Vordergrund stand.

Auch der Berliner KLAK Verlag widmet sich den sogenannten kleinen Literaturen und weitet den  literarischen Horizont Deutschlands. Dort wird der Roman der tschechischen Bestseller-Autorin Kateřina Tučková „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ erscheinen, der an ein sudetendeutsches Schicksal erinnert. Selbst Lyrik, das Stiefkind des Buchmarkts, hat im Verlag seinen Platz. So werden deutsche Leser zu Leipzig 2019 Verse der tschechischen Dichterin Sylva Fischerová kennenlernen dürfen. Ihre Lyriksammlung „Die Welt-Turmuhr“, die eben in Tschechien erscheint, bietet einen poetischen Spaziergang durch europäische Städte.

Ach, Europa. Im großen Stil wird die gemeinsame Kultur heraufbeschworen, um ihre Definition gerungen, wie eben in Frankfurt geschehen. Tschechien, das Land in Europas Herzen, ist davon nicht wegzudenken.