Franz Kafka Kafkaeskes Echo in der tschechischen Kultur

Franz Kafka: Verwandlung
Franz Kafka: Verwandlung | © Theater Divadlo Josefa Kajetána Tyla v Plzni

„Ich habe, wie ich im Bett liege, die Gestalt eines großen Käfers, eines Hirschkäfers oder eines Maikäfers, glaube ich (…) Eines Käfers große Gestalt, ja. Ich stellte es dann so an, als handle es sich um einen Winterschlaf, und ich preßte meine Beinchen an meinen gebauchten Leib…“ Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (1907/08)
 

Käfer - nicht nur im Kopf

Als Franz Kafka am Sonntag, den 17. November 1912 erwacht, hat er schlechte Laune. Seine Verlobte Felice Bauer hat nicht auf seinen Brief geantwortet. Er bleibt im Bett und in seinen Gedanken taucht ein Käfer auf. Das ist nicht das erste Mal. Der Gleiche ist schon vor fünf Jahren in der unvollendeten Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ erschienen. Eine Metapher für die eigene Existenz? Er weiß, dass er weiterschreiben sollte. Aber „Der Verschollene“ muss warten. Der Käfer geht ihm den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Als am Abend alles still wird, setzt er sich an den Schreibtisch. „Die Verwandlung“ wird ihn in den drei kommenden Wochen komplett gefangen nehmen. Die unheimliche Novelle, die die Zeitschrift Die weissen Blätter im Herbst des Jahres 1915 veröffentlicht, wird zur Inspiration für künftige Leser werden. Den Beginn macht „Die Rückverwandlung von Gregor Samsa“, die im Juni 1916 im Prager Tagblatt veröffentlicht wird. Der Autor ist Karl Brand, das Pseudonym für Kafkas Weggefährten, den jungen, vorzeitig verstorbenen, expressionistischen Dichter Karl Müller. Welche Emotionen die Geschichte über Gregor, der von Brand von der Müllkippe zurück zu den Menschen geschickt wurde, damals wohl bei Kafka ausgelöst hat?

Der virtuelle Kafka

Dass der weltbekannte Literaturgigant auch noch heute Wissenschaftler und Künstler über alle Genres hinweg beschäftigt, ist sicher. „Das Interesse an Kafka in jeder Form, ob Teile von Kafkas Gesamtwerk, Erzählungen, Romane, Briefe oder Comics, populäre Lehrbücher, Lebensläufe, Kinder- oder humoristische Bücher, steigt langsam, aber beständig. Als würden Verleger und Autoren nun auf eine gewisse Scheu verzichten, Kafka auf andere Art zu behandeln“, erläutert die Direktorin der Franz-Kafka-Gesellschaft, Markéta Mališová. Sie bekräftigt ihre Aussage damit, dass hier erst vor kurzem die neuste Publikation zu Kafka getauft worden sei: das deutsch-tschechisch-englische Buch der „Kafkorismen“ mit dem Titel „Meine Tasse Kafka“ und Karikaturen des zeitgenössischen, tschechischen Künstlers Jiří Slíva. Die Bibliothek von Franz Kafka öffnet ihre Türen für Interessierte aus der Heimat und aus der ganzen Welt – Literaten, Schauspieler, Regisseure und Studenten, die Kafka bis heute nicht schlafen lässt. „Letztens kam ein Professor für Literatur aus Hanoi zu uns. Er hat uns die Erzählungen „Der Prozess“, „Das Schloss“ und „Amerika“ auf Vietnamesisch mitgebracht und berichtet, dass Kafka bei ihnen zu den populärsten ausländischen Autoren zähle“, erinnert sich Direktorin Mališová. Die Franz-Kafka-Gesellschaft, die unter anderem durch eine Replik der Bibliothek Franz Kafkas die einzigartige Sammlung von Buchtiteln und Periodika pflegt, die Kafka besaß, las und studierte, half bei der detaillierten Rekonstruktion der Buchtitel, die wir im außergewöhnlichen Modell des Zimmers von Gregor Samsa finden, das gerade im Prager Goethe-Institut ausgestellt wird. Im Rahmen des einzigartigen Projekts VRwandlung können Franz Kafka-Liebhaber hier mit Hilfe der virtuellen Realität in Gregors Welt eintauchen, wobei sie durch sein Zimmer laufen und dieses „abtasten“ können. Und noch mehr: Sie können selbst ein paar Minuten lang zum Käfer werden und dabei mit einem Quäntchen Glück auch den versteckten Schlüssel finden.

Kafkas Werk ist ein natürlicher Bestandteil der deutschsprachigen Kultur und somit auch des Prager Goethe-Instituts, das unter anderem die Übersetzung der umfangreichen, dreibändigen Kafka-Biografie des deutschen Literaturhistorikers Reiner Stach unterstützte. Im Jahr 2014, in dem wir uns an die Herausgabe von Kafkas „Der Prozess“ vor 100 Jahren erinnerten, wurde im Altstädter Rathaus die große Ausstellung „Franz Kafka: Prozess 2014. Original und Verwandlung“ gezeigt. Vier Jahre später kommt das Goethe-Institut auf Kafka zurück. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Regisseur und künstlerischen Leiter der Prague Film School, Mike Johnson, wurde der einleitende Teil von Kafkas „Die Verwandlung“, in dem Gregor als ekelige Kreatur erwacht, in die virtuelle Welt übertragen. „Gregors Zimmer, in dem wir uns mit einem Mal befinden, ist eine Kopie des Raums, den Kafka in seinem Text detailliert beschreibt, inklusive Mobiliar, Büchern, der Musterkollektion von Tuchwaren, der Fahrpläne, den Briefen Robert Musils, dem Bild von der Dame mit Pelzhut oder der Schachtel mit Zeitungsausschnitten über Amerika. Für jemanden, der Kafka nicht gelesen hat, wird das sicherlich ein eindrucksvolles Erlebnis sein. Wenn Sie Kafkas Werk jedoch kennen, finden Sie hier auch zahlreiche Hinweise, die Sie weiter voranbringen. Und das ist ein zusätzlicher Wert dieser einzigartigen, virtuellen Exkursion“, erklärt Tomáš Moravec.

Das beeindruckende Erlebnis im virtuellen Raum wird unter anderem durch drei VR-Brillen ermöglicht. Mit deren Hilfe können Kafka-Freunde den in der heutigen Zeit wahrscheinlich anerkanntesten Autor von Kafkas Biografie, den bereits erwähnten Reiner Stach, treffen, der sie durch das Goethe-Institut begleitet und dabei die wichtigsten Stationen in Kafkas Leben erläutert. „Die Verwandlung“ hält er für eines der intrinsischsten schriftstellerischen Werke, das ohne die Verknüpfung mit dem Leben des Schriftstellers nicht verständlich wird. Was reizt ihn so an Kafka? „Dieser Autor ist unerschöpflich. Ich beschäftige mich schon jahrzehntelang mit ihm und hatte dabei noch nie das Gefühl, am Ende angelangt zu sein. Ständig eröffnen sich neue Dimensionen, Kafkas umfangreicher Nachlass hält immer neue Überraschungen bereit. Gerade das ist an ihm so faszinierend. Ein literarischer Kosmos, durch den man kreuz und quer reisen kann, ohne an seine Grenzen zu gelangen“, schwärmt Stach. Den Grund, warum Kafkas Texte auch gegenwärtig Leser anziehen, sieht er hauptsächlich in deren Modernität und Aktualität sowie darin, dass sie im Gegensatz zu Kafkas Zeitgenossen wie Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Hugo von Hoffmansthal nicht mit einem zeitlichen Bezug belastet sind. Nach dem Germanisten Michael Braun spiegeln Kafkas Texte die Nervosität einer Zeit wider, die mit dem damaligen Beginn der Modernisierung zusammenhängt. Dieselbe Unruhe fühlen die Menschen heutzutage ebenfalls. Auch deshalb soll uns Kafka so nah sein.
 
  • VRwandlung im Goethe-Institut © Goethe-Institut
    VRwandlung im Goethe-Institut
  • VRwandlung im Goethe-Institut © Goethe-Institut
    VRwandlung im Goethe-Institut
  • Kausa Kafka in České Budějovice © Michal Siroň
    Kausa Kafka in České Budějovice
  • Kausa Kafka in České Budějovice © Michal Siroň
    Kausa Kafka in České Budějovice
  • Theater Dejvické divadlo: Kafka24 © Hynek Glos
    Theater Dejvické divadlo: Kafka24
  • Theater Dejvické divadlo: Kafka24 © Hynek Glos
    Theater Dejvické divadlo: Kafka24

Kafka auf der Bühne

Künstlerischen Reaktionen auf das Phänomen Franz Kafka als Literat und Mensch begegnen wir auf Schritt und Tritt, sei es Theater, Ballett, Literatur, Musik oder bildende Kunst. Seit 2014 ist Kafkas Stück „Die Verwandlung“ Teil des Repertoires des Švandovo-Theaters in Prag, wo es der Regisseur Dodo Gombár als schwarze Komödie über die männliche Revolte gegen die Erwartungen, auf Arbeit und im eigenen Kopf, aufgefasst hat. „Kafka ist ein Autor vieler Interpretationen. Deshalb überrascht es mich nicht, dass er mit seinen Texten sowohl die kreativen Gestalter als auch die Zuschauer anspricht. Interessant ist, dass sich die Wahrnehmung seines Werks in jeder Lebensphase völlig unterscheidet“, meint Gombár. „Das, was mich gerade bei diesem Text so fesselt, ist die Erkundung von Kafkas ausgeklügeltem System, welches Witz und Humor beinhaltet. Es ist erstaunlich, wieviel Humor sich in ihm verbirgt. Kafka ist ein durch und durch existenzialistischer Autor und die Bedrängung des Einzelnen durch die äußeren Umstände oder vielleicht auch durch das Leben selbst schreit geradezu aus seinen Texten. Genauso wie Beklommenheit und Unverständnis. Eine solche Lebensphase muss naturgemäß jeder junge Mensch durchmachen“, fasst Dodo Gombár zusammen.
 
Die weitere originelle Inszenierung, „Die Verwandlung oder Gregor hat genug davon“, wird im Studio Ypsilon gezeigt. Regisseur Arnošt Goldflam hat sie als Gleichnis über einen Menschen ausgelegt, der von der täglichen Schufterei auf Arbeit, von der Gesellschaft und auch von seinen Nächsten erschöpft ist. Das Ergebnis ist eine wohlwollende Komödie mit Elementen des absurden Theaters und mit einer Vielzahl von Liedern und Bewegungskreationen, in denen Goldflam die Metamorphose auf seine Art dargestellt: Zu Beginn der Vorstellung kommt Gregor von einem Maskenball im Käferkostüm nach Hause.
 
Die Kammerinszenierung Kafka24 des Prager Theaters Dejvické divadlo akzentuiert die problematische Beziehung des Schriftstellers zu Frauen und zerstört die teilweise vereinfachten und oft verzerrten Vorstellungen über Kafkas Person. Der Autor des Stücks, Karel František Tomášek, kommentiert: „Als Ausgangsmaterial haben wir das letzte Jahr in Kafkas Leben ausgewählt, also das Jahr 1924, als Kafka seine menschliche Gestalt verliert. Daraus ist ein Mythos entstanden, ein Objekt philosophischer Spekulationen und eine Ikone für den Tourismusbetrieb. Wir haben versucht, den lebenden Menschen zu entdecken. Wir haben uns nicht um die äußerliche Übereinstimmung mit überlieferten Fakten bemüht, sondern darum, was sich hinter ihnen verbirgt. Schon deshalb, weil die Lebensgeschichte eines der literarisch einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts einen universelleren Ausklang hatte.“
 
Zu den jüngsten Bühnenadaptionen von Kafkas Prosa gehört auch „Ein Bericht für eine Akademie“, die die Theaterregisseurin Katharina Schmitt für das Studio Hrdinů in Prag vorbereitet hat. Warum gerade diese Erzählung? „Das hängt mit Kafkas Text zusammen, weil die der Erzählung zu Grunde liegende Situation ein Drama ist. Sie beschreibt einen Affen, der vor der wissenschaftlichen Gemeinschaft eine Vorlesung darüber hält, wie er zum Mensch geworden ist. Der zweite Grund ist das Thema der Identität und des Tiers im Menschen, der Zwiespalt zwischen der vermeintlichen Zivilisation und des Instinkts ist für mich ein extrem inspirierender und unterhaltender Punkt für die Arbeit mit den Schauspielern. Während der Vorstellung, die als Rauminszenierung konzipiert wurde, spaziert das Publikum durch das Studio Hrdinů. Visuell hast uns die Entstehungszeit der Erzählung inspiriert, als sich Medizin und Varieté teilweise überschnitten haben. Wissenschaftliche Vorlesungen hatten den Charakter einer Vorstellung und öffentliche Operationen waren Unterhaltung für das Volk“, erklärt Katharina Schmitt. Die Aktualität von Kafkas Prosa sieht sie im brutalen Humor und der Hellsichtigkeit, mit der der Autor immerwährend aktuelle Widersprüche beschreibt.
 
  • Theater Divadlo Josefa Katetána Tyla in Pilsen: Verwandlung © Martina Root
    Theater Divadlo Josefa Katetána Tyla in Pilsen: Verwandlung
  • Theater Divadlo Josefa Katetána Tyla in Pilsen: Verwandlung © Martina Root
    Theater Divadlo Josefa Katetána Tyla in Pilsen: Verwandlung
  • RockOpera Prag: Der Prozess © Hanka Brožková
    RockOpera Prag: Der Prozess
  • RockOpera Prag: Der Prozess © Hanka Brožková
    RockOpera Prag: Der Prozess
  • Studio Ypsilon, Prag: Die Verwandlung oder Gregor hat genug davon © Pavel Vácha
    Studio Ypsilon, Prag: Die Verwandlung oder Gregor hat genug davon
  • Studio Ypsilon, Prag: Die Verwandlung oder Gregor hat genug davon © Pavel Vácha
    Studio Ypsilon, Prag: Die Verwandlung oder Gregor hat genug davon

Kafka hinter dem Mikrofon

An eines der wesentlichen Werke Kafkas, die vielschichtige Erzählung „Der Prozess“, wagte sich die Prager RockOper. Ihre charakteristische Metal-Interpretation, die das jüngere Publikum anlocken und das Werk Franz Kafkas schmackhaft machen soll, wurde Ende 2016 mit dem Untertitel „Život je kafkárna!“ (dt. etwa „Das Leben ist eine Kafkerei!“) vorgestellt. „Das Stück „Der Prozess“ fassen wir als vergnügliche Unterhaltung auf. Der Großteil der Bearbeitungen war eher trübsinnig, obwohl Kafka bei seinen Werken gelacht hat. Er schrieb aufs Geradewohl zu, zu einigen Kapiteln ist er wiederholt zurückgekehrt, im Text hat er das reflektiert, was ihm im Alltag begegnet ist. Das Schreiben war eine Form, sich den Leuten gegenüber zu positionieren, die ihn beispielsweise bei der Arbeit als Angestellter in Besitz nahmen. Und auch beim Ausruhen“, beschreibt der Regisseur Roman Štolpa seinen Zugang zum Ausgangstext.

Dass die Verbindung von Musik, literarischen Texten und Gestaltung erfolgreich funktionieren kann, belegt die Kafka Band, die per Zufall vor vier Jahren bei der Vernissage der erwähnten Kafka-Ausstellung im Altstädter Rathaus entstand. Die Musikgruppe, die der Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor und Publizist (und nun auch Träger des deutschen Preises der Literaturhäuser 2018) Jaroslav Rudiš und der Künstler und Komponist Jaromírem 99 leiten, knüpft an die von David. Z. Mairowitz und Jaromír 99 gestaltete Comic-Adaption von Kafkas Werk „Der Prozess“ an. Die Band, die dem Publikum das Musiktheaterprojekt „Das Schloss und Amerika“ vorgestellt hat, schätzt Kafkas besonderen Sinn für Humor: „Vor allem in Tschechien wird Kafka als düsterer, existenzialistischer Autor betrachtet. Es wird vergessen, dass sich „Die Verwandlung“ oder auch „Das Schloss“ sich ebenfalls mit Humor lesen lassen. Dass sie Momente beinhalten, bei denen man lachen muss. Und gerade das wollten wir hervorheben. Deswegen spielen wir in „Das Schloss“ beispielsweise gerade eine tschechische Polka in dem Moment, als K. erscheint“, erklärt Jaroslav Rudiš.   

Tanzender Kafka

Während uns Kafka-Adaptionen auf den Theaterbühnen recht häufig begegnen, ist die Darstellung der schriftstellerischen Texte durch Tanz und Musik viel schwieriger und damit auch seltener. Zu den besonders gelungenen Vorstellungen gehörte vor einigen Jahren das Ballett Kauza Kafka (dt. Die Causa Kafka), das vom Südböhmischen Theater in Budweis dargeboten wurde. Der Choreograf Attila Egerházy hat darin den außergewöhnlichen Blick des Schriftstellers auf die Welt, seine Beziehung zur Gesellschaft und seine Meinung über Macht eingefangen. Die unverbrauchte Verwandlung von Kafkas „Die Verwandlung“ in ein Ballett zeigte das J.K. Tyl – Theater in Pilsen in einer Ausgabe mit der jüngsten Tanzgeneration, den Dekkadancers. „Nachdem die Absurdität die Situation des Käfers eingeleitet hat, ändert sich nicht nur das Geschehen auf der Bühne, sondern auch die Art und Weise, wie diese Verwandlung vom Publikum wahrgenommen wird. Diese absurde Situation geht in eine rein komödiantische über und dann zurück in eine realistische. All diese Stimmungsänderungen geschehen auf natürliche Art“, erklärt der Regisseur des Balletts, Štěpán Benyovszký und fügt hinzu, dass Kafkas schwere Themen sich am besten in Form der Groteske einfangen ließen, die dem Ensemble Dekkadancers sehr nah seien.

Kafka auf Reisen

Wenn man Kafka als wissbegierigen Ausflügler und Reisenden kennenlernen möchte, sollte man sich in die Galerie Kafka in Siřem in der Region Žatecko aufmachen. Der Fotograf Jan Jindra und die Publizistin Judita Matyášová zerstören dort den Mythus des depressiven Schriftstellers, der über seinen Texten leidet und seine Heimatstadt nicht verlässt. „Sein Werk war bei uns einige Jahre lang verboten, nach 1989 wurde er in die Liste der Pflichtlektüre aufgenommen und findet sich nun als Maskottchen auf den Souvenirs für Touristen wieder. Im Rahmen unseres Projekts zeigen wir den Besuchern Fotografien von den Orten, in denen Kafka im Urlaub oder die er auf Dienstreisen besucht hat, wo er es sich bei einem vegetarischen Mittagessen schmecken lassen hat, auf welchen Wegen er auf dem Motorrad gefahren ist, wohin er ins Kino gegangen ist und warum er die Metro in Paris bewundert hat“, beschreibt Judita Matyášová das Siřemer Projekt „Die Wege des Franz Kafka“. Auf dem dortigen Hof in der damals deutschen Gemeinde (früher Zürau, Anm. d. Übers.) blieb Kafka acht Monate. Gerade Zürau sollte die Vorlage für „Das Schloss“ sein.

Kafka in Bildern und auf der Messe

Auf Franz Kafka stößt man aktuell ebenfalls nur ein paar Schritte vom Goethe-Institut entfernt, im legendären Theater Viola auf der Straße Národní třída. Sein Foyer schmückt die eindrucksvolle Sammlung von großformatigen Zeichnungen des Zyklus „er“K von Jana Kremanová. Die Künstlerin beschäftigt sich seit Ende der 1980er Jahre mit Kafka, als sie „Die Verwandlung“, „Der Prozess“ und „Fürsprecher“ künstlerisch als Bilder umgesetzt hat. „Ihre Kultiviertheit und ihr innerer Reichtum deuten an, dass die Malerin in Kafka aufrührende Empfindlichkeit, Verzweiflung entdeckt hat, aber all das ausgewogen mit einem unerwarteten Sinn für Humor, oft mit gewürzter Ironie oder Sarkasmus. Und das kommt ihr wunderbar entgegen, weil sie die Welt ähnlich wahrnimmt“, charakterisiert die Kunsthistorikerin Jana Orlíková – Brabcová die Werke Kremanovás.

Kafkas Spuren führen auch zur Leipziger Buchmesse 2018, wo die tschechischen Schriftsteller vorgestellt werden, deren Texte sich mit der Persönlichkeit Franz Kafka und dem einzigartigen Genius Loci von Kafkas Geburtsort beschäftigen: Außer dem bereits genannten Jaroslav Rudiš wird hier auch Michal Ajvaz lesen. In seinem Roman „Die andere Stadt“ streift der zentrale Held ähnlich wie Gregor zwischen Traum und Realität umher. Sylva Fischerová nähert sich Gregor als Objekt philosophischer Überlegungen an. Zwei Protagonisten philosophieren über ihn in einer Gaststube beim Bier in ihrer Erzählung „Kafka-Krakeele im Café Kafka“. Zu welcher überraschenden Schlussfolgerung kommen sie wohl?