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franz kafka
„Die Verwandlung“ als Ballett

Die Verwandlung als Ballett
Die Verwandlung als Ballett | © Martina Root / DJKT

Gregor Samsa als tanzender Käfer? Im Pilsner Tyl-Theater scheut man sich nicht davor, Klassiker ganz unklassisch zu inszenieren – und transformiert Franz Kafkas „Die Verwandlung“ in ein Ballett.
 

Von Miroslava Tolarová

Die Verwandlung. Ein Klassiker. Franz Kafka. Prager deutscher Schriftsteller. Sein bekanntestes Werk. Eine Erzählung. Pflichtlektüre in der Schule. Gregor Samsa. Ein riesiger Käfer. Das weiß doch jeder. Einschließlich mir, ich habe sie ja gelesen. Genau das ging mir durch den Kopf, als ich erfahren habe, dass das Josef-Kajetan-Tyl-Theater dieses Werk auf die Bühne holt. Dazu als Ballett, was eine ungewöhnliche Kombination ergibt.

Wahrscheinlich gerade weil das Stück so bekannt ist, fehlt im Programm die Inhaltsangabe in der Form, wie es Ballettbesucher sonst gewöhnt sind. In dem Moment, als mir das auffiel, begann ich mich zu erinnern, wovon „Die Verwandlung“ eigentlich handelt ...

Die Vorstellung beginnt, doch zunächst tanzt niemand. Ist das nicht eigenartig? Ja, aber dieses Vorspiel hilft den Zuschauern das Geschehen an sich besser zu verstehen.

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Aus Lautsprechern ertönt mehrmals die Stimme des Erzählers, den Jiří Lábus spricht, und ersetzt damit praktisch die fehlende Beschreibung der Handlung im Programm. Sie hilft, stört nicht, ergänzt.

Inhalt. Ich kann und werde nicht beschreiben, was sich auf der Bühne genau abspielt. Zudem weiß das doch sowieso jeder, oder nicht?

Bühne. Sie ist schlicht, einfach, ausreichend. Die Tänzer kommen lediglich mit einem Bett und Klebeband aus. Klar, prägnant, anschaulich. Daumen hoch!

Kostüme. Diese sind nur schwarz und weiß und erzeugen so eine großartige Spannung zwischen dem schwarzen Insekt und den anderen Figuren. Erst beim großen Finale kommen andere Farben ins Spiel, was in mir das Gefühl hervorruft: Alles ist wieder zur Realität zurückgekehrt.

Darstellung von Gregor als ungeheuerliches Insekt. Wunderbar! Sechs Tänzer, die eine vollkommene Illusion mithilfe vieler, durch Klangeffekte verstärkter Beine schaffen und mich als Zuschauer sehr gut unterhalten. Sie sind perfekt eingespielt, treten als ein Insekt auf und die Chemie zwischen ihnen stimmt einfach. Richard Ševčík, der dem Käfer Gregor sein Gesicht leiht, schafft auf seine Art ein recht sympathisches Geschöpf.

Atmosphäre. Die Vorstellung beginnt als fröhliches Possenspiel, das Fangen spielen der Familie mit dem Käfer ist witzig, unterhaltsam und grotesk. Mit der Zeit aber überkommt auch den Zuschauer eine düstere Stimmung, Beklommenheit und Düsternis. Hoffnungslos, ausweglos, keine Chance auf Besserung oder eine Wende. Dieser Übergang passiert so schleichend, dass ich ihn überhaupt erst rückblickend wahrnehme.

Ausgang. Nach dem Ende hatte ich den Kopf voller Gedanken. Und einer von ihnen ließ mich die ganze Zeit nicht los: Verdammt, wie endet „Die Verwandlung“ eigentlich? Stirbt Gregor? Oder läuft er nur davon? Wie ist es überhaupt möglich, dass ich mir so unschlüssig bin? Ich muss „Die Verwandlung“ erneut lesen und mein Gedächtnis auffrischen.

Interpretation. Es gibt Dutzende und Hunderte Interpretationen der „Verwandlung“ und keine ist schlecht oder richtig. Nur Franz Kafka wusste, was er sich dabei dachte, und das ist auch gut so, denn der Leser (in diesem Fall Zuschauer) hat so selbst die Gelegenheit, über die Bedeutung nachzudenken. Die Darstellung des Ensembles DekkaDancers unterstützt meiner Meinung nach die Theorie, dass Gregor die gesamte Begebenheit nur geträumt hat.

Dauer. Die Vorstellung dauert insgesamt keine Stunde und das ist meiner Meinung nach ihre einzige Schwäche. Sie ist zu kurz! „Die Verwandlung“ müsste viel länger dauern. Auch wenn die Bühne praktisch leer ist, schaffen es die Tänzer, den Raum zu füllen und ich habe mich nicht einen Augenblick lang gelangweilt.

Resümee. „Die Verwandlung“ ist einen Besuch wert. Einmal, zweimal, mit etwas zeitlichem Abstand vielleicht auch drei- oder viermal. Aber ihr größtes Potenzial liegt in den Schulen. Die Vorstellung ist nämlich das ideale Stück für Schüler, die Kafka und „Die Verwandlung“ durchnehmen. Sie ist relativ kurz und dank dem Erzähler auch für die verständlich, die um Ballett bisher eher einen Bogen gemacht haben. Und darüber hinaus gelingt ihr etwas Schönes – sie bringt Menschen zum Nachdenken. Darüber, was Kafka mit seiner Erzählung sagen wollte. Darüber, was man an Gregors Stelle getan hätte. Darüber, was man an Stelle von Gregors kleiner Schwester gemacht hätte. Darüber, warum man „Die Verwandlung“ bisher noch nicht gelesen hat. Wenn ich in der Haut eines Schülers stecken würde, der von der Kleinen Bühne des Josef-Kajetan-Tyl-Theaters nach Hause geht, und mir jemand jenes schmale Büchlein mit dem Titel „Die Verwandlung“ in die Hand drücken würde, dann würde ich sofort beginnen, mich darin zu vertiefen ...
 

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