Kulturtipp DDR-Dokumentation „Vom Wir zum Ich“

Dreharbeiten Vom Wir Zum Ich
Dreharbeiten Vom Wir Zum Ich | Foto: © http://cultural-opposition.eu/

Wie lebt es sich im real existierenden Sozialismus? Vom Wir zum Ich erzählt von Ostdeutschland vor und nach dem Mauerfall. Im Oktober ist der Film im Rahmen des Festivals der Dokumentarfilme COURAGE-PAREVO in Prag zu sehen.

Eine Reise im Oktober 1987 führt das erste und einzige britische Filmteam, das jemals zum Dreh eines Dokumentarfilms in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) eingeladen wurde, nach Rostock. Bei seinem Besuch geht das Team der Frage nach, wie der Alltag für Menschen im DDR-Sozialismus aussieht. Die Filmer treffen auf Mitglieder der Fischereigenossenschaft Warnemünde und Kranfahrerinnen der Warnemünder Warnowwerft. Ganz unzensiert gewähren die Menschen Einblick in ihr Leben, ihre Pläne und Träume im real existierenden Sozialismus.

Gleich im Jahr darauf wurde jene Momentaufnahme im britischen Fernsehen gezeigt und zu dieser Zeit sogar kurz in einigen Kinos in der DDR. Hier lief der Film gemeinsam mit dem DEFA-Film Diese Briten, diese Deutschen von Barbara und Winfried Junge.

Das Leben nach der Wende

Mehr als 25 Jahre später kehrt das Team zurück. Seit dem letzten Besuch ist einiges geschehen. Mit dem Fall der Berliner Mauer, ein Jahr nach Erscheinen des Films, wird das Ende der DDR besiegelt und eine eigene Welt verschwindet nahezu über Nacht. Das Team ist auf der Suche nach den Protagonisten ihrer Dokumentation. Wie ist es den Menschen ergangen?

Es gelingt ihnen, acht der Männer und Frauen ausfindig zu machen. Für sie hat sich seit der Wende viel geändert: Die Fischerei existiert nicht mehr und auch das Schiffbaugewerbe hat sich verkleinert.

Den Einstieg in den Film bildet eine kurze Vorstellung der individuellen ProtagonistinInnen. Sie schauen sich später gemeinsam mit den Filmemachern Ausschnitte aus der Originaldokumentation aus den 1980er Jahren an. Wie reagieren die ehemaligen HafenarbeiterInnen auf ihre damaligen Aussagen zum Leben im Sozialismus? Hat sich ihre Meinung geändert?

Angst vor dem Stasi Regime

Der Film widmet sich damit auch der Frage nach einer eventuellen Zensur auf beiden Seiten: Veranschaulicht wird nicht nur, wie sehr das Filmteam in seiner Arbeit eingeschränkt war, sondern auch das Misstrauen der ArbeiterInnen gegenüber den potenziellen Spitzeln – alles aus Angst vor dem Stasi-Regime. Vom Wir zum Ich zeigt, was mit der deutschen Einheit gewonnen und verloren wurde.

Der Film wird im Rahmen des europaweiten Festivals der Dokumentarfilme COURAGE-PAREVO gezeigt. Das Festival hat es sich zum Ziel gesetzt, osteuropäische Independent-Dokumentationen ausfindig zu machen und diese für ein breites internationales Publikum zugänglich zu machen. Dabei macht das Festival zwischen Mai und Dezember 2018 Halt in vier großen europäischen Städten: Budapest, Bukarest, Prag und Warschau.

Die Bandbreite der beteiligten Filme ist groß: Gezeigt wird alles zwischen Kurzdokumentation und preisgekrönten Filmen. Sie alle drehen sich um die Gegenkultur im ehemals sozialistischen Osteuropa. Im Mittelpunkt stehen unter anderem zum Schweigen gezwungene Künstler, die Punkbewegung in Budapest, Protest-Graffitikunst in Polen und die Generation von 1968. Wenig beachtete Geschichten, die halb Europa veränderten.
 
Dreharbeiten Vom Wir Zum Ich Foto: © http://cultural-opposition.eu