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Nachhaltigkeit
Der (ewige) Kreislauf unserer Lebensmittel

Jahr für Jahr werden im großen Stil nicht nur Äpfel, sondern auch weitere Obst- und Gemüsesorten, Milchprodukte, Fleisch, lebende Tiere, Eier und Honig umherkutschiert
Jahr für Jahr werden im großen Stil nicht nur Äpfel, sondern auch weitere Obst- und Gemüsesorten, Milchprodukte, Fleisch, lebende Tiere, Eier und Honig umherkutschiert | Foto: Colourbox

Es ist wie Tischtennis, aber statt eines Balls wird mit tausenden Tonnen Lebensmitteln gespielt. Tschechien und Deutschland führen gegenseitig hunderte Tonnen Äpfel und Hektoliter Sahne sowie zehntausende Eier ein und aus. Ähnliches spielt sich zwischen Tschechien und der Slowakei oder Polen ab. Die Liste der Auswirkungen dieses „Essensaustauschs“ ist lang: durch Verkehr und unnötige Lagerung verursachte Verschmutzung, gestresste Tiere, geschmackloses Obst und kaputte Autobahnen.

Von Petra Pospěchová

Binnen eines Jahres führen die Tschechen 6.104 Tonnen Butter nach Deutschland aus. Die Deutschen senden ihnen im selben Jahr in die Gegenrichtung 6.708 Tonnen Butter. Die Slowakei beliefert Tschechien jährlich mit 9.919 Tonnen Speiseäpfeln, die Tschechen exportieren im gleichen Jahr 9.216 Tonnen Speiseäpfel in die Slowakei. Das klingt absurd? Ähnliche „Lebensmitteltauschgeschäfte“ gibt es innerhalb Europas viele.

„Das Hin- und Herfahren von Lebensmitteln belastet die Umwelt erheblich. Wir haben berechnet, dass im Jahr 2019 ungefähr 2.500 Lkws mit Äpfeln Tschechien verlassen haben, weitere 4.200 Lkws mit Äpfeln sind wiederum in Tschechien angekommen. Wenn jeder dieser Lkws durchschnittlich 1.000 Kilometer zurücklegt, dann haben allein die Äpfel, die von uns exportiert oder zu uns importiert werden, 7,7 Millionen Kilometer zurückgelegt“, veranschaulicht der Vorsitzende der Obstbau-Union (Ovocnářská unie) Martin Ludvík das Problem.

Jahr für Jahr werden so im großen Stil nicht nur Äpfel, sondern auch weitere Obst- und Gemüsesorten, Milchprodukte, Fleisch, lebende Tiere, Eier und Honig umherkutschiert. Die direkten Auswirkungen liegen klar auf der Hand: Luftverschmutzung, mit unnötigen Logistikzentren bebaute Flächen und Straßen in miserablen Zuständen.

Schweinestall auf Rädern

Weitere Konsequenzen betreffen die Lebensmittelqualität direkt. Auch derjenige, den das Leiden der Tiere durch die langen Transporte nicht berührt, bevorzugt Fleisch von nicht gestressten Tieren. Die Gründe für einen Teil der Transporte erläuterte vor einiger Zeit der damalige Vorsitzende des Tschechischen Verbands für Fleischverarbeitung (Český svaz zpracovatelů masa) Jaromír Kloud: „Rindfleisch wird oft nach Deutschland verkauft, wo höhere Preise für den Abkauf gezahlt werden. Jedoch wollen die Deutschen dabei hauptsächlich Fleisch für Steaks. Der Rest wird nicht verwendet, Rindfleisch wird bei ihnen nach der BSE-Affäre fast nicht mehr zu Würstchen oder Leberwurst verarbeitet. Und so verkaufen sie uns den Rest des Fleischs zur Wurstherstellung wieder.“ So wird das lebende Tier also nach Deutschland gefahren und kommt dann zu großen Teilen zerlegt zurück. Und das betrifft nicht nur Rindfleisch: Auf die gleiche Art und Weise fahren zehntausende lebende Schweine und unzählige Tonnen gekühlten und gefrorenen Schweinefleischs aneinander vorbei.

Zehntausende lebende Schweine und unzählige Tonnen gekühlten und gefrorenen Schweinefleischs fahren aneinander vorbei Zehntausende lebende Schweine und unzählige Tonnen gekühlten und gefrorenen Schweinefleischs fahren aneinander vorbei | Foto: Colourbox Auch auf den Geschmack von Obst und Gemüse hat das Hin- und Herbefördern Einfluss. Die Früchte werden wegen der langen Strecken, die sie auf den Autobahnen zurücklegen, noch unreif gepflückt, anschließend lässt man sie in einer kontrollierten Atmosphäre ausreifen. Das Ergebnis ist, dass sie zwar schön aussehen, aber dabei einen großen Teil ihres Duftes und Geschmacks verlieren. „Die Bildung von Aromastoffen hängt mit der Reifung zusammen und diese wird durch die Atmosphäre mit einem verminderten Sauerstoffanteil verlangsamt. Für die Konsumenten ist das keine gute Lösung“, erläutert Professor Goliáš von der Mendel-Universität für Land- und Forstwirtschaft Brünn das Vorgehen.

Ähnlich wie Tschechien und die Slowakei sich Äpfel hin- und herschicken, werden mit Deutschland Äpfel zur Saftherstellung „ausgetauscht“. Nach Deutschland wandern aus den tschechischen Gärten jährlich rund 21.000 Tonnen, in die Gegenrichtung sind es über 17.000 Tonnen. Mit den Slowaken haben die Tschechen auch einen wertvollen Partner für einen ausgewogenen Austausch von Birnen (1.727 und 1.363 Tonnen pro Jahr), Nektarinen und Pfirsichen (2.546 und 2.892 Tonnen jährlich).

Während bei Obst die erwähnte kontrollierte Atmosphäre mit einem niedrigen Sauerstoffanteil eingesetzt wird, um die Reifung nahezu anzuhalten, werden hingegen beim Gemüse – beispielsweise bei Salaten – verschiedene Desinfektionsmittel verwendet, damit es beim Transport nicht verdirbt. Dass auch dies bei dem Endverbraucher keinen größeren kulinarischen Hochgenuss mit sich bringt, muss nicht weiter erwähnt werden.

Verarbeiten und zurückschicken

Dass ein Teil des Rindfleischs erst exportiert wird und dann dasselbe Fleisch wieder zurückkommt, ist keine Ausnahme. Ähnlich legen auch Milchprodukte und Äpfel weite Strecken zurück. Milch und Äpfel verlassen Tschechien als Rohstoff und kehren in verarbeiteter Form zurück. „Sie werden nach Deutschland oder nach Polen ausgeführt, dort beispielsweise in Saft verwandelt oder Marmeladen beigemengt und kommen so nach Tschechien zurück. Bei uns werden Äpfel eigentlich nur zu Babynahrung verarbeitet“, erläutert Martin Ludvík.

Mit Milch ist das genauso. Die Berichte zur aktuellen Situation und zu den Aussichten für die Zukunft, die in diesem Bereich durch das tschechische Landwirtschaftsministerium herausgegeben werden, besagen: „die Verarbeitungsbetriebe in der Tschechischen Republik stehen dem Export großer Rohmilchmengen und gleichzeitig dem übermäßigen Import von Milchprodukten gegenüber“.

In der Praxis heißt das, dass aus Tschechien Rohmilch ausgeführt wird und diese dann wieder nach Tschechien zurückkommt: allerdings als Joghurt oder beispielsweise als Sauermilchgetränk. Einen Löwenanteil an diesem Milchkreislauf haben Molkereien, deren Mutter- oder Tochtergesellschaften ihren Sitz in Tschechien haben. Manchmal werden die Rohstoffe im Ausland sogar nur verpackt. Dazu reicht es, sich die Details der entsprechenden Statistiken anzuschauen. Nach Deutschland exportiert Tschechien 5.726 Tonnen Sahne, in die Gegenrichtung werden 6.354 Tonnen Sahne gefahren. Die tschechische Sahne wandert in Deutschland jedoch in Zisternen und kehrt dann zu einem großen Teil für den Endverbraucher verpackt zurück.

Milch im Supermarket Milch im Supermarket | Foto: Colourbox

Unter Druck durch die Kunden

Tschechien und Deutschland, beziehungsweise die Slowakei und Polen, sind in diesem unlogischen Lebensmittelaustausch nicht allein. Einer der krassesten Fälle ist der Fleischhandel zwischen den Niederlanden und Großbritannien (so war es zumindest bis zum Brexit). Die alarmierend hohe Menge an Schweine- und Lammfleisch, die zwischen beiden Ländern zirkulierte, veranlasste die britische Grünen-Abgeordnete Caroline Lucas vor einiger Zeit sich in dieser Angelegenheit zu engagieren und schlug Regulierungen zur Mäßigung der Situation vor.

Konkret legte sie einen Antrag vor, durch den in die Preise der in Supermärkten verkauften Lebensmittel ausnahmslos auch ihre CO2-Bilanz eingerechnet werden sollte. Es ist bisher allerdings noch nicht gelungen, den ambitionierten Plan erkennbar in die Praxis umzusetzen. Die Gründe dafür sind vorwiegend finanzieller Art. Für die transnationalen Supermarktketten, die große Mengen einkaufen, ist es lukrativer, billige Lebensmittel zu erwerben – selbst, wenn sie nur minimal günstiger sind und transportiert werden müssen –, anstatt der regionalen Herstellung den Vorrang zu geben.

Als effektiver als die in Erwägung gezogenen Regulierungen erweist sich schließlich die Aufklärung des Endverbrauchers. Regionale Lebensmittel werden im Rahmen der Diskussionen über den Klimawandel zu einem wichtigen Thema. Und dort, wo es über Jahre nicht gelungen ist, Regelungen gesetzlich zu verankern, zeigt nun ein wirkungsvolleres Geschütz seine Wirkung: die Nachfrage der Verbraucher. Auch in tschechischen Supermärkten sind bereits Regale mit den Aufschriften „regionale Lebensmittel“ zu sehen und so wird aus einem Großteil der tschechischen Waren nun ein Aufhänger für die Werbung.

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