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Literatur
Paul Celan 2020: Fünfzig* plus Fünfzig+ ist Hundert

Paul Celan im Jahre 1941
Paul Celan im Jahre 1941 | © gemeinfrei

Im November 2020 jährt sich der Geburtstag von Paul Celan zum 100. Mal, der als bedeutendster deutschsprachiger Lyriker der Nachkriegszeit gilt. Gleichzeitig sind im Frühjahr fünfzig Jahre seit dem Tag vergangen, an dem er sein Leben durch einen Sprung in die Seine beendete (23. 11. 1920 Czernowitz – 20. 4. 1970 Paris).

Von Jana Dušek Pražáková

Das Gedicht Corona vermittelt dem Leser nun in der Corona-Zeit ein sonderbares Gefühl: „Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße: […] Es ist Zeit, daß es Zeit wird. Es ist Zeit.“ Aber Paul Celan war nicht die Art von Lyriker, die in der heutigen Zeit ein Gedicht mit einem solchen Titel schreiben würde, so war seine absolute Poesie, die durch den Symbolismus, Expressionismus und Surrealismus unterfüttert war, ja nicht gerade durch Geradlinigkeit gekennzeichnet. Da das Gedicht aber nun einmal 1952 im Gedichtband Mohn und Gedächtnis erschienen ist – der Teil eines Verses verlieh ihm sogar den Titel –, können wir versuchen, unsere Neugier durch die Suche nach vermutlichen Inspirationsquellen zu stillen.

Hans Christoph Buch führt in seinem Artikel für Die Welt an, dass in Petris Fremdwörterbuch von 1889 zum Stichwort Corona „Krone, Kranz, Tonsur, Mannschaft, Sippschaft, syphilitischer Ausschlag“ vermerkt sei. Außerdem würde der Begriff auf das Sternbild der Corona verweisen, die in der griechischen Mythologie die Krone der Ariadne darstellt. Nach diesem im Hellenismus weit verbreiteten Katasterismos platzierte der Gott Dionysos, der Ariadne heiratete, die Krone am Himmel. Literaturwissenschaftler sehen in dem Gedicht vor allem den Ausdruck Celans Liebe zur österreichischen Schriftstellerin und Dichterin Ingeborg Bachmann.

Der Dichter „aus einer Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“

In der Poesie von Paul Celan dominieren jedoch vor allem drei Themen, die der Zweite Weltkrieg mit sich brachte: der Verlust der Heimat, der Verlust der Eltern und damit einhergehend das Gefühl der Schuld. Celan kam aus Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die sich heute über das Territorium Rumäniens und der Ukraine erstreckt. Bei einem Blick zurück in die Geschichte des Landstrichs fällt auf, dass Czernowitz nacheinander auf den Karten Österreich-Ungarns, der Ukraine, der Sowjetunion und Rumäniens erschien. Bis zum Krieg war diese Region ein Ort, an dem verschiedene Sprachen und Nationalitäten zusammenlebten und die deutschsprachigen Juden, zu denen auch Celans Familie gehörte, bildeten einen bedeutenden Anteil daran.

Der außergewöhnlich tolerante, multikulturelle Charakter des Gebiets, in dem es völlig normal war, mehrere Sprachen zu beherrschen, zeigt sich auch im umfangreichen literarischen Schaffen der dort lebenden Autoren. Nachdem Celans Eltern im Konzentrationslager umgekommen waren – der Vater starb an Typhus und die Mutter wurde erschossen –, konnte der Dichter nicht damit aufhören, sich Vorhaltungen zu machen, dass er ihren Tod zum Teil mitverschuldet hatte: es war ihm nämlich nicht gelungen, sie vor der Deportation rechtzeitig zur Flucht in ein Versteck zu überreden.

Das Wehklagen über den Verlust der Eltern und der Heimat geht mal in das Anzweifeln des eigenen Lebenssinns bzw. -verlustes über: „Was wär es, Mutter: Wachstum oder Wunde - / versänk ich mit im Schneewehn der Ukraine?“ (aus Winter [Es fällt nun, Mutter, Schnee, in der Ukraine], S. 16; das Zitat aus dem Gedicht stammt in diesem Artikel aus der von Radek Malý übersetzten Gedichtsammlung Černé vločky (dt. Originaltitel: Schwarze Flocken; Archa 2016) und mal in das Gefühl der Beschmutztheit der eigenen weiteren Existenz und der Worte überhaupt (s. Kterýkoliv kámen zvedneš, dt. Originaltitel: Welchen der Steine Du hebst; S. 50). Celans Schaffen wurde allerdings nicht nur grundlegend vom Holocaust beeinflusst, sondern zu einem wesentlichen Teil auch durch die Werke anderer Dichter wie Rainer Maria Rilke, Georg Trakl oder Stefan George, sowie Hölderlin und Heinrich Heine.

Interessant ist zudem, dass sich Celan auch auf Geschehnisse, die Tschechien betreffen, bezieht. Die Gedichte Ein Leseast und Kalk-Krokus aus der Gedichtsammlung Schneepart reagieren beispielsweise auf die Okkupation im August 1968. Das Gedicht In Prag hingegen schwört die alchemistische Vergangenheit der Stadt unter der Herrschaft von Rudolf II. wieder herauf („Knochen-Hebräisch, / zu Sperma zermahlen, / rann durch die Sanduhr“, S. 102). Im Gedicht Es ist alles anders macht sich das lyrische Ich auf einen imaginären Weg zu den Orten auf, die für Celans Eltern zu Zufluchtsstätten während der Unruhen in der Bukowina zur Zeit des Ersten Weltkriegs geworden waren: in die Mährische Senke (seine Großmutter väterlicherseits war in Gaya begraben) und Außig, wo seine Mutter drei Jahre verbracht hatte. Er wollte sich Prag auch selbst einmal anschauen, wie sein Brief vom 5. 8. 1965 belegt, der an die deutsche Studentin und Freundin Gisele Dischner adressiert ist (Wie aus weiter Ferne zu Dir – Briefwechsel, Suhrkamp 2012, S. 14–15).
Deutschsprachiges Celan-Gedicht in Leiden Deutschsprachiges Celan-Gedicht in Leiden | Foto: Tubantia, CC BY-SA 3.0

„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt.“ Zerfließende Grenzen für geläufige Begriffe

Während der Autor den Lesern in seinen frühen Texten sprachlich keine wesentlichen Hürden in den Weg gelegt hat, löst das Durchleben qualvoller Erfahrungen eine radikale Wende in seinem Zugang zur Sprache aus, die sich oberflächlich in erster Linie durch die Lockerung der Strukturen und die Zerteilung des Rhythmus äußert. Die Gedichtsammlungen, die nach dem halbjährigen Aufenthalt in Wien und der Übersiedlung nach Paris 1948 entstanden sind, verkünden einzig und allein: Der Holocaust und die Welt lassen sich auf die herkömmliche Weise nicht mehr begreifen. Die einzige Rettung bietet die vollkommene Umstülpung der Ausdrucksmöglichkeiten, eine zerschlagene Syntax, das sprachliche Experiment, durch Oxymora und Anagramme gestützte Expressivität. Durch schwer verständliche Verse voller intransparenter Chiffren stellt Celan gebrochen die Wirklichkeit dar, die die Grenzen jeglichen Begreifens überschritten hat.

Das literarische Werk aus dem letzten Jahrzehnt von Celans Leben ist das komplizierteste. Es macht vor allem die Verschlechterung seines geistigen Zustands und die Paranoia ersichtlich, die durch das mediale Lynchen verursacht wurde, welches einsetzte, nachdem Yvan Golls Witwe ihn mit Plagiatsvorwürfen beschuldigte. Nach zahlreichen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten, in die er in den 1960er Jahren eingewiesen wurde, mündete Celans Erkrankung durch einen Sprung in die Seine, an deren Ufer sein Leichnam am 1. Mai 1970 aufgefunden wurde, schließlich im Selbstmord. Die Gedichtsammlungen Die Niemandsrose (1963), Atemwende (1967), Fadensonnen (1968) und Eingedunkelt (1968) enthalten einerseits nicht mehr so viele explizite Verweise auf den Holocaust, andererseits hüllt sich das lyrische Ich in einen immer undurchdringbarer werdenden Nebel voller abgehackter Andeutungen und Botschaften, die hier und da in Hinweise auf das Judentum und die Wurzeln seiner Abstammung übergehen, sich aber auch auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und das literarische Geschehen beziehen. Machtvolle Gesten, widerspenstige Kräfte, im Gegensatz zum Schein und zum Auflodern gestellter Schemen stehend: Der Autor sieht in der Flucht in die Sprache die Chance zur Schaffung einer alternativen, utopischen Welt.

„Die Käfer der Nacht kommen. Sie wandern über deine Hände in die Welt.“ [Celans] Lebenslied verstummt nicht

Die Rezeption von Celans Werk findet nun auch in Hinblick auf das Jubiläumsjahr intensiver statt - verdientermaßen. Ein tieferes Verständnis seines Denkens und seiner Wahrnehmung ermöglichen die Briefwechsel des Dichters: mit seiner Ehefrau Gisèle Lestrange, mit der erwähnten Ingeborg Bachmann (Čas srdce, dt. Originaltitel: Herzzeit, 2013) und Gisela Dischner, der Jugendfreundin Ilana Shmueli, der Dichterin Nelly Sachs und auch mit einem gebürtigen Prager, dem Dichter Franz Wurm. Viele bisher nicht veröffentlichte Briefe enthält der neue, umfangreiche Titel Etwas ganz und gar Persönliches (2019), in dem Barbara Wiedemann ausgewählte Briefwechsel Celans biografisch anordnete.

Wenn auch laut den Autoren des Celan-Handbuchs. Leben – Werk – Wirkung (2012) die Poesie des Dichters nach den vorhandenen Übersetzungen die meiste Aufmerksamkeit in Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen und Russland erregt, so steht die tschechische Rezeption ihnen in nichts nach. Schon Jan Skácel, Jiří Gruša, Ludvík Kundera (Sněžný part, dt. Originaltitel: Schneepart; 1986) und Věra Koubová haben damit begonnen, Celans Gedichte ins Tschechische zu übertragen. Dem Thema der tschechischen Rezeption Paul Celans widmeten sich auch Radek Malý (in einigen Studien und der Monografie Domovem v jazyce) und Josef Hrdlička. Die tschechische Buchindustrie hat im Übrigen im letzten Jahrzehnt einen regelrechten Celan-Boom erlebt. Die Übersetzungen von Eva Syřišťová in der Ausgabe Báseň – domov v bezdomoví Paula Celana (2012) mit ausgewählten Gedichten, die Übersetzungen von zwei Gedichtbänden von Miloš Tomasco: Mříž hovorny. Růže nikoho (Malvern/H+H 2015) und der bereits erwähnte Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann Čas srdce (dt. Originaltitel: Herzzeit; 2013, übersetzt von Vlasta Dufková / Michaela Jacobsenová) bringen dem tschechischen Leser den genialen Lyriker näher.

Den größten Erfolg für die literaturkritische Reflexion verbuchte bisher die Gedichtauswahl Černé vločky (dt. Originaltitel: Schwarze Flocken), welche durch den Übersetzer Radek Malý erarbeitet und 2016 durch den Zlíner Archa Verlag herausgegeben wurde (alle Zitate in diesem Artikel stammen aus dieser Veröffentlichung). Das Buch enthält einen Querschnitt durch alle publizierten und postum veröffentlichten Gedichtsammlungen des Autors, einschließlich Gedichten aus den noch während des Krieges in der Bukowina entstandenen Gedichtbänden aus den Jugendjahren sowie die Texte zweier Vorlesungen, die Bremer Rede und Den Meridian.

Der deutsche Philosoph Theodor Adorno proklamierte, dass es barbarisch sei, Gedichte über Auschwitz zu schreiben. Jedoch nur bis zu dem Moment, in dem er sich mit der Todesfuge vertraut machte. Das berühmteste Gedicht Paul Celans beweist, dass Poesie nicht einfach so etwas aus dem Nichts entstehen lässt. Die durch den Holocaust erzwungene Umbesetzung der Sprache ging stattdessen auch ein wenig gegen den Willen seines Autors (aus Angst vor einer Ästhetisierung und vielleicht auch wegen des Bewusstseins, dass er das motivische Durcheinander der Gedichte aus der kollektiven Autorenschaft von den Dichtern aus der Bukowina schöpft) in die Geschichte der Weltliteratur ein – diese sieht Celans freiwilligen Abschied aus dem Leben im Übrigen als Spätfolge der Shoa.

Viele von Celans Gedichten sind vertont worden – die Lyriker reagierten auf Adornos Postulat vor allem mit einer Änderung der textlichen Musikalität (als Beispiel für die Nähe zur Musik wird im Celan-Handbuch (2012) das Gedicht Corona erwähnt). Im Jahr 2001 entstand sogar eine Oper mit dem Namen Celan, die Peter Ruzicka (Musik) und Peter Mussbach (Libretto) für die Dresdner Semperoper verfassten. Angelehnt an den Briefwechsel von Paul Celan mit Ingeborg Bachmann drehte die Regisseurin Ruth Beckermann mit der Drehbuchautorin Ina Hartwig 2017 den Film Die Geträumten.
Paul Celan im Alter von 18 Jahren. Passfoto, 1938 Paul Celan im Alter von 18 Jahren. Passfoto, 1938 | © gemeinfrei

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