Future Perfect Sich in die Augen schauen

Die obdachlosen Köchinnen Zuzana und Helena am Moldauufer
Die obdachlosen Köchinnen Zuzana und Helena am Moldauufer | Foto: Zdeňka Hanáková

Wenn obdachlose Frauen für die Öffentlichkeit kochen, schmelzen die Vorurteile. Die Organisation Jako doma verschafft den Köchinnen viele Bühnen in Prag – und eine Stimme.   

Auf der Straße zu landen ist einfach. Es reicht ein falscher Schritt - manchmal noch nicht einmal der. Es reicht, wenn der Partner stirbt und Schulden hinterlässt, wenn man aus dem Haus geworfen wird oder wenn man, nachdem man das Waisenhaus verlässt, keine gesicherte Unterkunft hat. Das bestätigen auch Eva, Helena, Kačka und Zuzka, Mitarbeiterinnen der Organisation Jako doma (Wie zu Hause). Sie betreuen das Projekt der Mobilen Küche, in der Essen und auch die Lebensgeschichten von obdachlosen Frauen angeboten werden.

In der Tschechischen Republik gibt es eine Reihe von NGOs, die sich mit dem Thema Obdachlosigkeit befassen. Keine von ihnen hilft allerdings explizit Frauen, auch wenn in Tschechien etwa 6.000 Frauen obdachlos sind. „Wir wussten von anderen feministischen Themen und unseren Recherchen, dass Frauen Sozialdienstleistungen nicht wahrnehmen, wenn sie für Männer und Frauen zusammen bestimmt sind. Oft haben Frauen Erfahrungen mit Gewalt gemacht und deshalb Angst“, sagt Lexa Doleželová, die das Projekt Jako doma im Jahr 2012 mitgegründet hat.

Charity mal andersherum

Die Prager Uferpromenade Náplavka lebt. Das gepflasterte Ufer ist voller Bars, Leute sitzen in Straßencafés oder direkt auf dem Boden, Musik ist zu hören, die Sonne geht unter. Direkt neben der Kultbar Bajkazyl schlagen die Köchinnen ohne Obdach ihr rotes Zelt auf. Auf dem Tisch die Früchte des heutigen Kochtages: Gemüsesuppe, Topinky (geröstetes Brot), Bublanina (Obstauflauf). Die Köchinnen ohne Obdach kochen vegan nach eigenen Rezepten. Obdachlose bekommen das Essen kostenlos, alle anderen können freiwillig spenden. Die Köchinnen tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Ich bin ein Straßenelement und rote Schürze", sie lächeln freundlich und werben die Passanten zum Probieren an. „Kochen macht mir Spaß. Es ist Arbeit, und wir können unter normalen Menschen sein“, sagt Zuzana.

Die Köchinnen ohne Obdach kann man regelmäßig hier auf der Prager Uferpromenade antreffen, aber auch auf zahlreichen anderen Veranstaltungen in ganz Prag. „Wir hatten von Anfang an die Vision, unser Angebot mit Kochen zu verbinden. Uns inspirierte das Kopenhagener Bistro, in dem Freiwillige und Obdachlose mit Lebensmitteln kochen, die ansonsten entsorgt worden wären. Wir machen Charity mal andersherum. Obdachlose Frauen kochen für die Öffentlichkeit. Und ich muss sagen, dass die Resonanz positiv ist. Die Leute kaufen das Essen von unseren Mädchen gerne“, sagt Lexa Doleželová.

Das erste Mal wurde im Frühjahr 2013 auf den Bauernmärkten im Prager Stadtteil Karlín gekocht. Die roten Essenszelte mit den ungefähr 15 Köchinnen sind seither ein Treffpunkt der Öffentlichkeit und Obdachlosen. Das sind sonst zwei sehr weit entfernte Planeten. Die obdachlosen Frauen schämen sich oft für ihre Situation und werden von der Öffentlichkeit stigmatisiert. Dank des guten Essens aber werden die Barrieren kleiner, die Menschen haben die Möglichkeit, den Frauen in die Augen zu schauen, sich ihre Geschichten in Kürze anzuhören und so in sich selbst ein bisschen mehr Menschlichkeit und Solidarität zu entdecken. Helena fügt hinzu: „Sobald ich meine Schürze anhabe und unter dem Schutz von Jako doma bin, ist alles gut. Die Leute akzeptieren mich, geben mir die Hand, hören mir zu und nehmen von mir Essen. Sobald ich die Schürze abnehme, meinen Rucksack aufziehe und die Plastiktüte in die Hand nehme, bin ich wieder die räudige Frau, die sich nicht alleine helfen kann.“   

Auf der Straße fehlen die Türen

„Es ist der 23. Dezember, Mittwochmorgen. Um 6:30 Uhr werden wir wieder in die Kälte hinausgeworfen. Wie jeden Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Mein Weg führt direkt zum Kurzzeitjob. Heute mussten wir nur ein bisschen putzen, also waren wir schnell fertig, und ich gehe in die Penerka-Unterkunft, um mich aufzuwärmen. Ich trinke ein Käffchen und schlafe direkt danach ein. Es ist warm hier, und das wirkt Wunder für meine Grippe. Als ich aufwache, bringe ich direkt erst mal den Stand der Belegung für den Schlafsaal in Erfahrung. Zu meiner großen Freude erfahre ich, dass es noch einen letzten Platz gibt. An Heiligabend werde ich in einem Bett aufwachen.“ Das Tagebuch der Eva Kundrátová, eine weitere Köchin ohne Obdach, ist voll von ähnlichen Beobachtungen.

Die Straße hat Eva die Illusionen über Menschen genommen, ihr aber eine andere Perspektive auf die Welt und eine größere Sensibilität gegeben. Und sie machte ihr Lust, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, zu verbreiten und den Blick der anderen auf Menschen ohne Dach über dem Kopf zu ändern. Eva und ihr Notizheft sind eine Art Spiegel der überfressenen Konsumgesellschaft. „Man muss immer mit einem offenen Auge schlafen und ständig auf der Hut sein, da sie einen sonst verprügeln oder ausrauben. Sicherheit ist, wenn man nach Hause kommen und die Tür hinter sich zu machen kann. Auf der Straße fehlen diese Türen aber“, sagt Eva Kundrátová in ihrem Grußwort auf einer Prager Konferenz zum Thema Obdachlosigkeit.

Eine Stimme, ein paar Beine

Neben der gezielten Unterstützung verleiht die Organisation Jako doma auch eine Stimme an Frauen in schwierigen Situationen. Sie sollen für sich selbst sprechen, aktiv werden und sich für ihre Rechte einsetzen. „Dank der Mädchen von Jako doma kam ich in die schönsten Häuser Prags, da dort die verschiedenen Konferenzen stattfinden, auf denen ich spreche. Ich war auch in Wien bei der Preisverleihung der SozialMarie, jetzt mache ich mit dir ein Interview. Das hätte ich sonst nie erlebt. Also ohne Jako doma und ohne, dass ich auf der Straße leben würde. Ich bin eine stolze Obdachlose“, sagt Eva mir in einem Café im Prager Stadtteil Žižkov.

„Nach zwei Jahren auf der Straße habe ich gemerkt, wie wenig ich zum Leben brauche. Nur ein wenig Geld und gute Beziehungen zu Menschen. Am meisten stört mich, wie viel Essen weggeworfen wird. Zum Beispiel die Supermärkte: Anstelle, dass sie das überschüssige Essen den Menschen auf der Straße geben, zertreten sie es mit den Füßen oder gießen Reinigungsmittel drüber. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.“ Nach dem Interview geht Eva zu einer Dame, die auf der Straße lebt und noch dazu im Rollstuhl sitzt. Eva sagt, sie sei die neuen Beine der Frau. Eva hofft, dass sie eines Tages offizielle Streetworkerin wird. Da sie auf der Straße aktiv ist und die Leute sie kennen, kann sie - im Gegensatz zum System und der Bürokratie – da helfen, wo es am meisten benötigt wird.