Goethes Pfadfinder Gleise, wohin man nur schaut

Zu Beginn möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Milada, ich bin Buchhalterin und lebe in einer kleinen Stadt nicht weit entfernt von Domažlice. Zu Zügen hatte ich nie eine enge Beziehung, vielleicht nur die, dass ich jeden Tag darin in die Schule pendelte und dass wir einmal auf irgendwelchen stillgelegten Gleisen im Wald spazieren gingen. Aber das ist auch schon alles. Das Angebot, ins weit entfernte Hamburg zu fahren, um mir die größte Modelleisenbahn Europas anzugucken, überraschte mich daher ziemlich. Aber weil ich ein neugieriges Mädchen bin und weil ich gerne neue Dinge kennenlerne, nahm ich das Angebot an.

 Foto: Rene Schwietzke © Flickr unter Lizenz von CC BY 2.0 Von einer Modelleisenbahn habe ich dank meines Ex-Mannes eine klare Vorstellung. Sie ist klein, leuchtet, hupt, manchmal qualmt sie auch und wenn sie in einen Tunnel fährt, treibt das die männlichen Zuschauer in den Wahnsinn. Fachkundig diskutieren sie über jede noch so kleine Signaleinrichtung, schwärmen davon, wenn die winzigen Schranken hochgehen und sind begeistert, wenn zwei Bonsai Züge sich auf Nachbargleisen treffen. Ich weiß auch, dass es sie in verschiedenen Größen gibt. Von dem komplett winzigen Modellchen, das in eine Glühbirne passt (das habe ich tatsächlich einmal in einer Zeitschrift gesehen), bis zu den Garteneisenbahnen, auf denen man, glaube ich, sogar fahren kann. Das war es dann aber auch schon mit meinem Wissen.

Auf die Reise wollte ich mich gut vorbereiten. Zunächst fragte ich meinen 18-jährigen Sohn Martin, ob er sich nicht mit mir zusammen Züge angucken fahren wollte. Er stimmte zu, aber das hatte ich auch ein wenig erwartet. Doch dann kam der schlimmere Teil, der Ticketkauf. Ich wählte stilvoll die Variante mit dem Zug. Einerseits, damit der Modelleisenbahn-Schock nicht so groß wird, andererseits auch wegen der Entfernung. Auf der Autobahn sind es von uns fast 800 Kilometer bis nach Hamburg und das mit dem Auto zu fahren, ist schon etwas anstrengend.

Die Tschechische Bahn hat optisch sehr schöne und funktionierende Webseiten, so dass wir innerhalb kurzer Zeit unsere Tickets von Prag nach Hamburg gebucht hatten. Nur wäre es preislich unvorteilhaft gewesen, noch am gleichen Tag zurückzureisen, weil die Rückfahrkarte am selben Tag teuerer gewesen wäre, als am nächsten Vormittag. Also beschlossen Martin und ich, dass wir uns in Hamburg ein Hotel suchen und erst am nächsten Morgen nach Hause fahren würden. Die Reservierung für das Wunderland (das ist der offizielle Name für die Modelleisenbahn-Ausstellung) sowie die Hotelbuchung haben wir dann mit drei einfachen Mausklicks vollbracht. Und fingen an, uns zu freuen.

Am besagten Tag kamen wir früh am Morgen nach Prag, parkten und scheiterten direkt in der Bahnhofshalle. Die Tschechische Bahn hat nämlich ein zwanghaftes Bedürfnis danach, ihre Fahrgäste in ständiger Spannung und Alarmbereitschaft zu halten und so verraten sie einem das Gleis, von dem der Zug abfährt, erst im allerletzten Moment. Als also auf der Informationstafel erschien, dass der IC von Bahnsteig sechs fährt, sprinteten wir mit den anderen Unglücklichen auf die anderen Seite der Bahnhofshalle. Der Zug fuhr natürlich rechtzeitig ab und geleitete uns einige Momente später entlang der in Morgennebel gehüllten Elbe in die Bergpässe des Grenzgebietes.

Dresden – Berlin – Hamburg


 Foto: Bert Kaufmann © Flickr unter Lizenz von CC BY 2.0 In Dresden bewunderten wir die Struktur der Metallträger in der Haupthalle und freuen uns auf Berlin, wo wir fast eine Stunde Zeit hatten, das Gebäude des Berliner Hauptbahnhofs zu besichtigen. Das schätzte vor allem Martin, der ein Fan von allem ist, was auch nur leicht mit modernen Architektur zu tun hat. Auf dem Tablet googelte er sofort die Geschichte des Gebäudes und Fotos von dem Bahnhof, der ursprünglich dort stand. Ich fand sehr interessant, dass das Gebäude entgegen der Pläne der Architekten um hundert Meter verkürzt wurde, damit man es schaffte, vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft mit dem Bauen fertig zu werden. Sonst hätten wahrscheinlich manche Tore nicht gezählt ... Wie auch immer, die maßgefertigten Metallbalken für den nicht gebauten hundert Meter langen Teil der Halle sind angeblich irgendwo gelagert. Es ist also möglich, dass der Bau, vielleicht, irgendwann in der Zukunft zu Ende gebracht wird.   Foto: Dieter Titz © Flickr unter Lizenz von CC BY-ND 2.0 Ach ja, fast hätte ich es vergessen, in den Berliner Hauptbahnhof fährt der Zug durch den U-Bahn-Tunnel ein, was meiner Meinung nach eine interessante Sache ist. Fünfzehn Meter unter der Oberfläche befinden sich acht Bahnsteige für den Fernverkehr und die U-Bahn, vier Etagen weiter oben sind in Kreuzform angeordnet die Bahnsteige für den Regional- und Stadtverkehr. Dazwischen ist eben diese Glashalle mit Metallträgern und jeder Menge Treppen und Aufzügen. Es erinnert doch recht stark an fortschrittliche Science-Fiction-Filme.

Von Berlin rasten wir dann mit einer Geschwindigkeit von rund 220 km/h mit dem ICE nach Hamburg. Die Landschaft war jetzt nicht mehr so interessant, denn sie war immer gleich - flach. Und dann waren wir auch schon in Hamburg. Wir fuhren über den Hauptbahnhof weiter bis zur Endstation, Hamburg-Altona. Draußen regnete es stark, der Wind wehte und es war kurz gesagt ... eklig. Unter dem Regenschirm versteckt versuchen wir zur Modelleisenbahn zu laufen, aber an der ersten S-Bahnstation (U-Bahn bei uns) gaben wir auf und gingen lieber in den Untergrund. Nach einem kurzen Kampf mit dem Ticketautomaten (Ich hatte gehofft, dass es alle Texte auch auf Englisch gibt, aber Pustekuchen.) stiegen wir in den modernen Zug und fuhren zwei Stationen Richtung Zentrum. Irgendwie hatten wir uns daran gewöhnt, uns auf Gleisen fortzubewegen und für eine Weile ohne sie zu sein bedeutete Stress.

Jetzt komme ich aber endlich zu dem Hauptgrund, warum wir eigentlich nach Hamburg gekommen waren, die Modelleisenbahn.

Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, an welchem Ort es sein würde, wie es dort aussehen würde und so weiter, aber die Wirklichkeit haute mich um. Die ganze Uferpromenade von einem der Kanäle war mit großen hanseatischen Häusern gesäumt und in einem davon war das Miniatur Wunderland. Wir fuhren mit dem Aufzug, kauften die Tickets (die Dame war sehr nett und es störte sie überhaupt nicht, dass wir 2 Stunden vor der eigentlichen Reservierung da waren) und ... Ich werde nicht lügen, mir ist fast die Kinnlade heruntergefallen. Fast drei Stunden verbrachten wir dort und Martin und ich waren überwältigt. Ich werde versuchen, es so genau wie möglich zu beschreiben:

Miniatur Wunderland Hamburg


 Erstens, Gleise, wohin man nur schaut. Modellgleise, natürlich. Auf ihnen fahren überall Miniaturzüge herum, so gut gemacht, dass man sie von den echten Zügen kaum unterscheiden kann. Und dann Figuren. Es müssen ungefähr eine Million sein. Oder besser gesagt, zwei. Die kleinen Männchen sind überall. Ein Zugführer guckt aus seiner Kabine, die Polizei pfeift auf einer Pfeife, in den Fenstern der Bürogebäude sieht man einen Angestellten, wie er auf seiner Tastatur auf dem Tisch haut, ein Kletterer beobachtet, wie ihm die Axt herunterfällt. Im Stadion findet gerade ein Konzert von DJ Bob statt, im Publikum sitzen Zehntausende von Fans, die mit der Kamera blitzen und auf einem kleinen Bildschirm wird ein Video projiziert. Im skandinavischen Teil manövriert eine riesige Fähre im Fjord mit echtem Wasser unter einer Hängebrücke, darunter, am Boden, lässt ein Taucher Blasen aufsteigen und eine Krabbe winkt mit einer Schere.   Das Modell der südschwedischen Stadt Kiruna ist perfekt, ich war dort einmal im Urlaub und erinnere mich gut daran, sonst würde ich nicht darüber schreiben. Am Flughafen starten und landen Flugzeuge, in den Schweizer Bergen (über 6 Meter hoch!) tummeln sich Skifahrer unter der fahrenden Seilbahn, Dampflokomotiven schnaufen in den Tunnel und aus dem Gefängnis fliehen die Insassen...

Es ist eine unglaubliche Welt voll von aufwendig gestalteten Details, von denen viele per Taste am Geländer in Betrieb gesetzt werden können. Auch ein Bungee-Jumper springt tatsächlich vom Kran. Die deutsche Gründlichkeit hat sich hier buchstäblich entfesselt und ist zum Ausbruch gekommen. Man kann es nicht einmal richtig beschreiben, man muss es sehen.

Ich denke, dass das nicht unser letzter Besuch war und dass wir bestimmt hierher zurückkommen werden. Aber dann nicht nur für einen Nachmittag. Mindestens für eine Woche.