„Die Welt ist voller Geheimnisse, voller Rätsel und Überraschungen. Immer wieder geschah und geschieht es, dass sich im Leben des Menschen Dinge ereignen, die über seinen Verstand, über sein Verständnis hinausgehen.“ Mit diesen Worten beginnt das außergewöhnliche Buch
Zwölfe hat’s geschlagen von Otfried Preußler. Das 1988 im Thienemann Verlag erschienene Buch hat inzwischen mehrere Auflagen erfahren. 2018 wurde es unter dem Titel
Odbila dvanáctá hodina von Eva Pátková mit Bravour ins Tschechische übertragen. Die Übersetzung erschien im Argo-Verlag und wurde vom Goethe-Institut finanziell unterstützt.
Zwölfe hat's geschlagen
| © Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Den mit vielen Preisen ausgezeichneten Autor von
Die kleine Hexe (1957),
Der Räuber Hotzenplotz (1962) und
Krabat (1971) – um nur die allbekanntesten Titel zu nennen – muss man dem interessierten Publikum wahrscheinlich nicht vorstellen. Wer das schmale Buch
Zwölfe hat’s geschlagen zur Hand nimmt, wird bestimmt nicht enttäuscht sein. Denn es handelt sich hierbei nicht nur um eine Sammlung von Volkssagen (mit stellenweise stark märchenhafter Prägung), um „dreimal dreizehn Geschichten aus der Welt der Sagen“, wie der Umschlag bekundet. Nein, der geborene Erzähler Preußler nimmt uns in eine unglaublich belebte Welt mit, in alte Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat. Die Sagen von Schatzgräbern und verwunschenen Schätzen, von Menschen, die sich (aus Leichtsinn, Wissbegier oder Habgier) der Urkräfte unbesonnen bedienen wollen, und von unerlösten, verdammten Seelen frevelhafter Menschen, die nach dem Tod ihr Unwesen zur Strafe als Geister treiben, werden mit einem für den Autor typischen schalkhaften Ton erzählt und zugleich kommentiert. Somit erhält das Ethnographische und Dokumentarische dieser Gattung ein passendes literarisches Kleid. Wie immer bedient Preußlers Erzähler sich eines feinen, menschenfreundlichen Humors, ja man spürt geradezu seine Lust am Menschlichen. Ohne jeden moralinsauren Beigeschmack führt er uns die Essenz des Humanen vor Augen: Glücksuche, Armut, Sehnsucht, Hab- sowie Raffgier, Neid, Leichtsinn, Blödheit, Stumpfsinn, Unachtsamkeit, Aberglaube, Leichtgläubigkeit u.v.m. Die meisten Leute sind seiner Meinung nach jedoch „zum Glück weder durch und durch gut noch ganz und gar böse: eine Tatsache, die das Zusammenleben erträglich macht.“ Der Leser sollte die Augen daher sperrangelweit offen haben, es menschelt in diesem Buch ja gewaltig.
Somit geht es dem Autor – genauso wie in vielen anderen Büchern – keineswegs um ‚bloße‘ Erbauungs- bzw. Unterhaltungsliteratur für Nicht-Erwachsene. Es ist vielmehr ein Buch für alle, die sich noch daran erinnern können, auch mal ein Kind gewesen zu sein.
Was Preußler offensichtlich reizt, ist, das Vergrabene ans Licht kommen zu lassen, mit dem lustvollen Erzählen seiner kleinen Geschichten das Zeitgemäße im Unzeitgemäßen zu entdecken. Man muss immer wieder staunen, wie aktuell, wie wirklichkeitsbezogen seine scheinbar zeitentrückten Geschichten sind. Genauso wie die Protagonisten seiner Sagen und märchenhafter Erzählungen beschwören auch wir, die Menschen des fortschrittlichen 21. Jahrhunderts, ja allzu oft dunkle Mächte herbei, handhaben gewaltige Urkräfte mit größtem Leichtsinn und rufen dann (manchmal vergebens) wie der Zauberlehrling nach dem Meister: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, wird ich nun nicht los.“ Ja, die Geschichten lehren uns, dass es nicht nur gilt, durch die Lüfte zu rasen, man müsse auch landen können, und dass die Unterschrift nie „bloß eine Unterschrift“ sei. Denn der „Tod lässt sich nicht bezwingen, von keinem Sterblichen lässt sich der Tod überwinden.“
Kurzum: Es ist ein gutes Buch.
© Lukáš Motyčka
Der Autor ist Übersetzer und Journalist.