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Neue Erfahrungen schaffen

Dia:Formen: Nika Radić
© Maja Bosnić | Nika Radić

Unsere Serie der Berliner Geschichten, bzw. der Gespräche mit in Berlin ansässigen und in der deutschen und/oder europäischen Kunstszene aktiven Künstlerinnen und Künstler, beginnen wir mit Nika Radić.

Diese multimediale Autorin studierte Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste Zagreb sowie Kunstgeschichte in Wien. Das jedenfalls interessanteste im Bezug auf Nikas Opus ist die Tatsache, dass sie durch verschiedene Medien gleich engagiert und autorisch konzentriert wirkt: durch Videoarbeiten, Fotografie, räumliche und multimediale Installationen. Ihre künstlerische Praxis baut Radić über den Zugang zu Projekten durch Kommunikation mit dem Publikum und/oder dem Raum, in dem sie ausstellt, auf, dabei ständig die Art hinterfragend, auf die die Kunst die Wirklichkeit dokumentieren kann. Kommunikation, Interpretation, Austausch, Dialog und Rezeption sind wichtige Segmente ihrer Arbeiten, und ihr Interesse ist häufig auf zwischenmenschliche Beziehungen und ihr Verhalten und die fragilen und naheliegenden Grenzen des Öffentlichen und des Privaten orientiert.

Als vorherrschendes Anliegen ihrer künstlerischen Arbeit hebt sie die wechselhafte und ständig fluide Zwischenbeziehung zwischen dem Beobachter und dem Werk selbst hervor und verwendet den Beobachterprozess in ihren Werken, wobei sie mit den Elementen des Alltäglichen spielt und unter die Oberfläche der wohlbekannten und gewöhnlichen Momente und Verhalten sieht, um offensichtliche, aber oft versteckte Bedeutungen zu entdecken.

Hinsichtlich der Tatsache, dass sie auch selbst oft umzog und in verschiedenen Ländern lebte, führte ihre persönliche Erfahrung zum Interesse daran, wie verschiedene Menschen die gleichen Dinge auf verschiedene Art wahrnehmen, wobei sie besonders hinterfragt, wie unsere Auffassung der Welt gerade dadurch bestimmt ist, woher wir kommen. Neben ständigen Ausstellungen und ihrer Präsenz in der kroatischen Kunstszene baut Nika Radić in den letzten zehn Jahren ihren Kunstopus in Berlin als Sitz auf. Wir haben sie in ihrem Berliner Zuhause, das gleichzeitig ein Arbeits- und Lebensraum ist, besucht. Wie ihre Berliner Geschichte aussieht und mehr über die Reihe von sonstigen Themen, über die wir gesprochen haben - die Berliner und Zagreber Szene, die Notwendigkeit des Standortwechsels, Multimedialität, deutsche Bürokratie, japanische Erzählung und Hypnose - lesen sie nachstehend.
 

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Ich möchte gerne mit deinem „deutschen Anfang“ beginnen, bzw. dass wir uns auf dein künstlerisches Wirken in Berlin und deine Ankunft in Deutschland konzentrieren. Wann geschah das und wie kam es dazu?
 
Nika Radić: Ich glaube, dass ich zum ersten Mal einen Monat nach dem Mauerfall nach Berlin kam. Aller sah mir super, interessant und anders aus, weswegen ich während der Neunziger sehr oft hierher kam. Ich glaube, dass Deutschland schon damals sehr viel Geld in Kultur investierte, und für verschiedene Projekte luden sie Leute aus West- und Osteuropa ein. So nahm ich an einigen Ausstellungen und Workshops teil. Das war noch die Zeit, als ich mich größtenteils mit Skulpturen beschäftigte, und gleichzeitig studierte ich in Wien Kunstgeschichte. Wie sich mein Studium seinem Ende näherte, enstand in mir irgendwie eine Unzufriedenheit mit Wien, und gerade ungefähr um diese Zeit bekam ich von einer Freundin eine E-Mail mit einer typischen Berliner Geschichte: diese besagte, dass ihre Kollegin ihre Wohnung für einige Monate vermietete, weil sie wegen eines Residenzprogrammes oder eines Workshops verreiste... Ich kam zu der Schlussfolgerung, dass dies eine hervorragende Gelegenheit für mich ist, umzuziehen! Ich brauchte nicht besonders lange, um meine Entscheidung zu treffen - es war eine sehr, sehr impulsive Reaktion.
 
Ich würde sagen, dass für einen guten Teil deiner Kunstprojekte die Umgebung, in der du dich befindest, wichtig ist. Inwiefern hat Berlin, als eine Stadt, die beträchtlich größer und natürlich auch dynamischer und vielfältiger ist als Zagreb, und sogar auch als Wien, deine Praxis beeinflusst?

 
Nika Radić:
Zuerst würde ich sagen, dass ich mich hier privat viel besser fühle, da ich nicht mehr „komisch“ bin (lacht)! Im Laufe meines Lebens lebte ich in verschiedenen Ländern, da ich noch als Kind mit meiner Familie oft umzog. Ich wuchs zuerst in England und dann auch in Kanada, wonach ich wieder nach Kroatien zurückkehrte... Diese Tatsache, dass jemand nicht eine vollständige, ausschließliche nationale Identität hat, ist in Berlin irgendwie weniger komisch. Es beschäftigt sich einfach niemand damit, es gibt so viele Menschen von überall her, sodass das überhaupt nicht wichtig ist. Das kann natürlich manchmal auch ein Gesprächs- und Interessenthema sein, jedoch gibt es viel weniger Vorurteile darüber, wie die Menschen sein sollten nur deswegen, weil sie von einem bestimmten Ort kommen. Und mir ist das sehr angenehm! Ich würde sagen, dass sich eine solche Situation auch direkt in der Arbeit widerspiegelt ist - mir scheint es, als würde in Berlin auch dieses Nichtgehören zu einer bestimmten Szene, Arbeitsweise, Praxis... weniger komisch sein, dass all das ebenfalls weniger ungewöhnlich ist. Das ist mir sehr wichtig.
 
Deine Multimedialität ist mir sehr interessant. Du hast Bildhauerei und danach Kunstgeschichte studiert, und heute arbeitest du im Medium des Videos, der Fotografie, der Rauminstallationen, des Films, der Audioinstallationen... Es scheint mir, dass in Kroatien eine solche Form von Engagement in mehreren verschiedenen Medien von der Szene sehr häufig nicht vollständig akzeptiert und mit einer Distanz betrachtet wird, während es in der internationalen Szene, vor allem in Berlin, immer mehr Autoren gibt, die zwischen mehreren Medien balancieren. Wie würdest du das kommentieren?
 
Nika Radić: Die Tatsache, dass ich gerne in verschiedenen Medien arbeite, ist wohl ein Vorteil davon, dass jemand nicht allzu sehr auf dem Markt profiliert ist, weswegen dann da dieses Imperativ fehlt, dass er vom Galeristen gesagt bekommt, „was er braucht“. Ich kann tun, was ich möchte und was mich interessiert, in dem Medium arbeiten, welches sich gerade im Fokus meiner Aufmersamkeit befindet, und so werde ich zum Beispiel in meinem nächsten Projekt Menschen hypnotisieren... (lacht), und das freut mich sehr! Einerseits bringt dies unvermeidbar die Prekaritäten des Lebens mit sich, aber mir macht es außerordentlich Spaß. Wenn ich manchmal unter Leuten bin, die mit den Fragen anfangen: „was würdest du machen, wenn du deinen Beruf wechseln würdest“, weiß ich nicht, was ich sagen würde, da ich innerhalb desselben Berufs meine Praxis ändern kann. Ich habe diese Freiheit, dass ich im Rahmen von all dem, womit ich mich beschäftige, wegen der unterschiedlichen Medien das tun kann, was ich will!
Was Kroatien betrifft, scheint der Feedback für meine Arbeiten ein solcher zu sein, dass es den Reaktionen nach so aussieht, dass den Leuten immer besser das gefallen hat, was ich früher machte (lacht)... Jedoch habe ich mir keine besonderen Gedanken darüber gemacht. Warum sollte ein Mensch / ein Künstler dieses Privilegium, das er hat, verlieren, und zwar gerade das zu tun, was er möchte?
 
Wenn wir schon über die Unterschiede zwischen der Berliner und der Zagreber Kunstwelt sprechen, während wir im Sinne behalten, dass die Kontexte anders sind, und damit auch jede Art von Vergleich sich eigentlich nicht lohnt, würde mich trotzdem interessieren, ob du einen Vergleich zwischen der Berliner und der Zagreber Kunstszene ziehen könntest? 
 
Nika Radić:
Ach, das ist eine sehr schwierige Frage. Berlin hat nicht nur eine Szene für bildende Künste, sondern es hat sehr viele, was jemandem viele Möglichkeiten eröffnet, zu sehen, zu wählen, zu entscheiden und selbst Teil von verschiedenen Sachen zu sein. Natürlich gibt es in einer so riesigen Szene auch einen Teil, der sehr schlecht, durchschnittlich und uninteressant ist, aber das gibt auch mir und allen anderen die Möglichkeit der Wahl. Gleichzeitig ist die hiesige Szene sehr offen für neue Sachen, was ich als hervorragend und sehr wichtig erachte. Mir scheint es, dass in der Zagreber Szene der bildenden Künste eine gewisse Resignation herrscht, und da die Kultur in der Gesellschaft keine wichtige Position einnimmt, akzeptieren die Leute, bzw. die Künstler (mit seltenen Ausnahmen) sehr leicht einen solchen Zustand und fangen an, sich selbst und ihre eigene Arbeit nicht ernst zu nehmen! Das ist nicht gut!

Der Vorteil von Zagreb ist diese gewisse Dosis an Provinziellem, und das ist insofern günstig, da die Menschen auf andere Umgebungen schauen und neugierig sind, zu sehen, was woanders vor sich geht. Wien ist, wir können sagen, selbstbewusster als Zagreb, aber das kann auch schlecht sein, weil dann passiert, dass eine relativ kleine Umgebung eine Art von „Größen“ generiert. Dann glauben die Leute, dass dies überall allgemeine Positionen sind, und dabei sind sie es nicht. Die Leute denken dann, sagen wir, dass alle wissen, wer Bruno Gironcoli oder Elke Krystufek sind, die in der österreichischen Szene außerordentlich wichtige Namen sind, jedoch haben die Leute schon in Bayern keine Ahnung, von wem die Rede ist. In Kroatien ist der Unterschied wiederum der, dass niemand auch erwarten würde, dass unsere „große“ Namen weltweit bekannt sind. Im Gegenteil - oft wundern sie sich, wenn es doch der Fall ist. Und in Berlin scheint es mir, als würde dieses Bewusstsein darüber existieren, dass es mehrere Welten gibt.
Dia:Formen: Nika Radić Dia:Formen: Nika Radić | © Maja Bosnić


Das war mir schon immer interessant, diese Dosis von Provinzialität in kleinen, aber auch sehr starken Zentren, wie New York und London, wo die etablierten Künstler vollkommen davon überzeugt sind, dass sie auf der ganzen Welt wichtig sind und sich nicht vorstellen können, dass vielleicht irgendwo jemand anders nicht von ihnen gehört hat. In diesem Vergleich mit New York oder London ist Berlin, glaube ich, nicht so eigenständig, dass die Leute sich hier verkapseln und nur innerhalb von Berlin leben könnten. Hier gehen alle die ganze Zeit irgendwo hin, sie kommen und gehen, viele Leute kommen von woanders her, wir alle haben Kontakte, Ausstellungen und Projekte mit den Ländern, aus denen wir kommen, und auch mit Drittländern, und das schafft eigentlich eine viel wertvollere und interessantere Umgebung für unsere Tätigkeit. Und deswegen sind die Leute hier daran interessiert, zu sehen, was anderswo vor sich geht, sie verwerfen nicht alles a priori und denken nicht „alles, was nicht bei uns daheim ist, ist nicht gut“. 
 
Gerade deswegen, da die Szene sehr groß ist und parallel eine Reihe von unterschiedlichsten Szenen existiert, wie du mir selbst ein konkretes Bespiel genannt hast, kann es oft vorkommen, dass du in eine Galerie kommst und mehr oder weniger den Kontext der Leute kennst, die hier ausstellen oder besuchen, und nur einige Gebäude weiter, in einer anderen Galerie, kennst keine einzige Person! Glaubst du, dass dieser Networking-Kontext gerade aus diesem Grunde entscheidend sein kann? Mir scheint es, dass gerade die Vernetzung den größten Einfluss auf den Erfolg und die Etablierung von manchen neuen Namen hat, oft auf Kosten der Qualität, jedoch kann in manchen kleineren Umgebungen Qualität trotzdem schwierig unbemerkt bleiben?
 
Nika Radić: Vielleicht würde ich dem zustimmen, jedoch denke ich gleichzeitig, dass das auch in Zagreb passieren kann. Ich kenne manche Leute von der Akademie, die sehr gut waren, später jedoch einfach verschwanden, gerade weil sie irgendwie nicht mit den anderen aus der Szene verbunden waren. Andererseits geben Leute häufig aus sehr banalen Gründen auf. Ihre Lebenssituationen lassen es ihnen nicht mehr zu, der Arbeit viel Zeit zu widmen.

Ein großer Vorteil Berlins ist die Tatsache, dass es für das Leben wesentlich günstiger ist als beispielsweise London oder New York, und es ist hier einfacher, als selbständiger Künstler oder überhaupt als Einwohner Berlins zu überleben - die Leute können hier sein, ohne zwölf Stunden am Tag arbeiten zu müssen, um die Miete zu bezahlen.

Künstler, und wahrscheinlich auch alle anderen Menschen, brauchen Zeit, um neue Ideen zu entwickeln, um gegenseitig im Kontakt zu sein, um Dinge zu tun, die sie vielleicht auch aufgeben werden. Die Vernetzung ist wichtig, aber nicht nur, um Verbindungen spielen zu lassen, sondern eher als ein Ideenaustausch.

Wenn wir schon von Karriere sprechen - natürlich braucht man eine gewisse Menge an Erfolg, damit man ausstellen kann. Es ist unmöglich zu überleben, wenn du nur daheim, nur für dich selbst arbeitest, aber auch finde ich es ziemlich dumm, Kunst zu machen, um erfolgreich zu sein! Es ist vollkommen falsch, wenn Studenten auf der Akademie sich die Erfolge eines Gerhard Richter vorstellen, der der teuerste lebendige Künstler ist, jedoch auch selbst gesagt hat, dass es eigentlich dumm ist, dass seine Arbeiten so teuer sind.
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Obwohl es wahr ist, dass woanders das Gras immer grüner ist, ist es trotzdem eine Tatsache, dass in der deutschen Gesellschaft das Bewusstsein über Kunst und Kultur wesentlich mehr präsent ist und dass dadurch unvermeidbar die Investitionen unvergleichbar höher sind?
 
Nika Radić:  Es gibt sicherlich viele Unterschiede im Verhältnis zur Kunst. Deutschland hat eine etwas stabilere Gesellschaft, was für die Beziehung zur Kultur gut ist. Andererseits ist sichtbar, dass die abrupten Veränderungen, die in Ostdeutschland vor sich gingen, auch nicht gerade günstig für die Kultur sind. Vergleichsweise geht im Westen viel mehr vor sich. Das ist natürlich nicht deswegen, weil dort die Leute intelligenter oder sofistizierter sind, sondern es gibt übliche Förderungsweisen und das Leben ist gut genug, damit sich die Leute nicht vor den täglichen Ausgaben fürchten müssen. Es sieht wohl so aus, dass noch etwas Zeit vergehen muss, damit die Leute einsehen, dass sie die Kultur wirklich brauchen und dass diese nicht auf die gleiche Art und Weise gefördert werden kann wie es bei jedem anderen Wirtschaftszweig der Fall ist. Mir persönlich ist aufgefallen, dass es in Deutschland einfacher ist, Abrechnungen für Projekte durchzuführen, und dass die Förderungen wirklich daran angepasst sind, was die Künstler benötigen.
 
Wenn wir schon von Finanzen sprechen, interessiert mich auch der hiesige Markt - verkaufst du deine Arbeiten?
 
Nika Radić: Ja, natürlich verkaufe ich: Fotos, Videos, Raumskulpturen... Jedoch muss ich anmerken, dass meine Einnahmen als Künstlerin sehr unterschiedlich sind, ich habe keine kontinuierlichen Einnahmen und sie können sich von Monat zu Monat sehr unterscheiden.
 
Wie ist deine rechtliche Position? Die deutsche Version der Gemeinschaft der Künstler Kroatiens ist die KSK - Künstlersozialkasse, zu welcher gehörst du? Wie komplex oder einfach ist dieser Prozess - die Bürokratie des Künstlerstatus?
 
Nika Radić: Ich glaube, dass du eine Bescheinigung haben musst, dass du die Fakultät abgeschlossen hast, oder dich durch deine Arbeiten präsentieren sollst, oder beides, und beweisen, dass du mit deiner Kunst Geld verdienst. Es gibt einige Unterschiede zur kroatischen Gemeinschaft, die vielleicht interessant sind. So gibt es zum Beispiel die obere und untere Verdienstgrenze. Wenn jemand weniger als eine bestimmte Summe im Jahr verdient, dann wird gerechnet, dass die Kunst ein Hobby ist und diese Personen bekommen keine Unterstützung von der KSK. Ebenso ist es, wenn sie eine Obergrenze überschreiten, da dann gerechnet wird, dass sie ausreichend verdienen und keine Hilfe benötigen. Das ist eigentlich eine große Sache in Deutschland, da die Versicherungen für Freiberufler ansonsten ziemlich teuer sind. Es ist interessant, dass sie zum Großteil wieder aus dem Künstlerhonorar finanziert werden. Alle, die ein Honorar bezahlen, müssen einen kleinen Prozentsatz in die KSK bezahlen. Dann beschweren sich die Arbeitgeber ständig darüber, dass dies ihnen lästig ist und dass sie vergessen, wann sie einen Künstler bezahlt haben, und wann jemand anderen, und dass es geändert werden soll. Ich glaube, dass es immer noch nicht geändert wurde, aber um ehrlich zu sein, verfolge ich das nicht so genau.
 
Nun genug über die Bürokratie, kommen wir wieder zur Berliner Position, bzw. zum Anfang zurück. Wie ging dein Affirmationsprozess vor sich, wie bist du zu deinen Ausstellererfahrungen hier gekommen? Erinnerst du dich an die erste?
 
Nika Radić: Hmm, um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht, ich hatte keine besonderen Kontakte, ich kannte drei Leute... Jedoch ist die Stadt offen und man trifft und lernt immer neue Leute kennen. Eigentlich, wenn ich es mir besser überlege, ist es nicht ganz so gewesen! Bevor ich nach Berlin kam, arbeitete ich mit einer deutschen Galeristin zusammen, die noch heute eine Freundin von mir ist, jedoch etwas völlig anderes macht. Zu dem Zeitpunkt war sie schon daran, die Galerie zu schließen, sie lud mich aber ein, meine Arbeit Drei Fenster (eine dreikanalige Videoarbeit) an der Außenwand der Galerie vorzuführen. Das stellten wir am Eröffnungstag des Berliner Biennales auf, und zufällig kam dort Susa Pop (Public Art Lab) vorbei. Sie sah die Arbeit, die ihr sehr gefiel, weshalb sie mich zu ihrem Projekt „Festival der Medienfassaden“ einlud. Eigentlich traf es sich ziemlich günstig, dass ich kurz nach meiner Ankunft hierher diese Ausstellung bei den Medienfassaden hatte - dort war eine Menge von Künstlern an vielen Orten, und alle lernten sich kennen. So fing wohl alles an! (lacht). 
 


Findest du Berlin, hinsichtlich der Größe und Vielfältigkeit der Stadt, immer noch inspirativ?
 
Nika Radić: Ja, natürlich. Manchmal scheint es mir, als hätte ich mich ein bisschen allzusehr an all das gewöhnt und wäre deswegen etwas passiv geworden. Aber man muss gegen seine eigene Faulheit und Bequemlichkeit ankämpfen, um zu vermeiden, immer in den gleichen Kreisen zu bleiben. Was die Stadt betrifft, so ist sie immer inspirativ, jedoch kann das oft zu einem Problem werden, da es so vieles gibt, das hier passiert, dass man jeden Tag woanders gehen und etwas anderes tun, besuchen, konsumieren könnte... Oft hast du das Gefühl, als würdest du etwas verpassen, daher ist es wichtig, abzuwägen, was!
 
Ein unverzichtbarer Punkt in zeitgenössischen künstlerischen Praktiken, und so auch deiner, sind Residenzaufenthalte. Wie sehr zieht dich eine solche Arbeitsweise an und wie sind deine bisherigen Erfahrungen? Tut der Umzug deiner Arbeit gut?
 
Nika Radić: Ich glaube, dass es für jeden Künstler, und auch in jeder Art von Arbeit, in der man sich etwas Neues „ausdenken“ muss, furchtbar wichtig ist, immer wieder das gesamte „System“ erneut zu starten. Deswegen ist der Umzug in eine andere Umgebung sehr günstig, weil es da viel wenigere soziale Kontakte gibt, was einem auch viel Zeit „rettet“. Die Dinge funktionieren auf einmal nicht so, wie du es gewohnt bist, und das ist eigentlich sehr günstig in neuen Umgebungen. Du besuchst Ausstellungen, die anders sind, Menschen und Orte, die anders sind, schaffst dir vollkommen neue Kriterien... Meine Residenzen umfassten meistens sehr viel Stadtbesichtigung, und dann produziert man oft eine Arbeit, die den lokalen Kontext, in dem man sich gefunden hat, wiedergibt. Bei Residenzprogrammen produzierte ich sehr häufig gute Arbeiten.
 
Die letzte Residenz bei der du warst, in Japan, kam gerade über das Goethe Institut zustande. Kannst du uns etwas mehr darüber sagen?
 
Nika Radić: Die Residenz ist im Goethe Institut in Kyoto, Japan. Ich glaube, dass sie jedes Jahr ausschreiben und drei Mal pro Jahr je vier Künstler annehmen. Das ist nicht nur für bildende Künstler, sondern es können sich auch Schriftsteller, Musiker, Architekten bewerben... Es ist wichtig, dass sie in Deutschland ansässig sind. Die ausgewählten Künstler erhalten eine bezahlte Reise, eine Wohnung und ein für das Leben ausreichendes Stipendium, sowie die gesamte, für ihre Produktion notwendige infrastrukturelle Unterstützung - die wirklich beeindruckend war.

Ich bin sehr mit allem, was ich dort geschaffen habe, zufrieden! Einen Teil der bei dieser Residenz entstandenen Arbeiten stellte ich diesen Herbst im Multimedialen Kulturzentrum Split aus, wie die Klang-Installation und Fotos. Als ich noch in Kyoto war, hatte ich beim Kyoto Institute of Technology eine Ausstellung, bei der ich Videos zeigte, die ich auch dort gemacht hatte. Mein Partner Corin Arnold und ich fingen dort auch mit der Arbeit an einer LP-Schallplatte an, die gerade herauskommt.

Was mir an dieser Residenz besonders gefallen hat, was offensichtlich einen hervorragenden Effekt verursachte - ist die Tatsache, dass wir nicht dazu verpflichtet waren, irgendein konkretes Ergebnis zu produzieren - im Gegenteil. Eine solche Entspanntheit hatte sowohl bei mir, als auch bei den anderen Künstlern, die dort waren, ein ausgeprägtes Engagement und eine aktive Produktion zum Ergebnis. Also diese ganze Japan-Geschichte wurde am Ende zu einer ziemlich großen Sache und brachte eine Reihe von Projekten hervor, was nicht möglich gewesen wäre, wenn mir jemand nicht alle notwendigen Bedingungen und Unterstützung zur Verfügung gestellt und mich gelassen hätte, in Ruhe ein Paar Monate zu arbeiten! Worauf ich mich am meisten freue ist der dort entstandene Film „Wir reisen viel“, der jetzt auf einigen Festivals gezeigt werden sollte.
 
Ich würde sagen, dass es sich dabei um eine sehr treue, aber gleichzeitig auch ironische, kritische, humorvolle und lehrreiche Arbeit handelt, die die zahlreichen Probleme mit Vorurteilen im Alltag betont, vor allem diejenigen, die auf Reisen auftreten?
 
Nika Radić: Der Film ist eigentlich eine Slideshow von 1.500 Fotos, die sich abwechseln. Er dauert 17 Minuten und darin spreche ich die Narration auf Japanisch aus. Ich versuchte, diesen Text zu lernen, jedoch war es zu komplex, und es ist besser, dass ich nicht erkläre, wie ich diese Narration ausführte (lacht). Außer diesem Ton brauchte ich zur Vollständigkeit auch verschiedene andere Töne, wie Aufnahmen der Stadt, des Lärms, des Stimmengewirrs... Da Corin, mein Partner, der Musiker und DJ ist, zur gleichen Zeit dort war, geschah uns ein gemeinsames Projekt. Ich nahm meine Töne auf und er seine, und dann entwickelte sich diese Arbeit am Ton an sich allein zu einer besonderen Geschichte. Neben meinem Soundtrack mit Erzählung auf Japanisch und Corins Komposition, die durch die Montage und Verarbeitung einer Reihe von Audioaufnahmen und begleitender Fotografie entstand - entstand eine künstlerische Edition, die aus einer Schallplatte, einem Foto und einem Heft besteht.
 
 
Das letzte Mal sprach ich vor vollen drei Jahren mit dir, und zwar für die niemals gezeigte Sendung Transfer, die vom Kroatischen Fernsehen abgeschafft wurde, und der Anlass war deine ständige Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe. Damals beriefst du dich auf die Themen der Teilung und Beschränkung des Privatraums, den wir immer mehr verlieren? Interessiert dich dieses Thema immer noch?
 
Nika Radić:
Einigermaßen ja, diese Geschichte aus Japan hat etwas damit zu tun. Der Text im Film spricht darüber, wie ich leben würde, wenn ich in Japan wohnen würde. Dieses Bewusstsein über die Unmöglichkeit, Teil von etwas zu sein, das fasziniert mich enorm... So viele Menschen würden lieber woanders leben, aber jemand erlaubt es ihnen nicht. Diese Menschen sind bereit, zu Fuß über einen ganzen Kontinent zu laufen und in Booten Ozeane zu überqueren. Die Gedanken darüber, wo die Grenzen einer Gesellschaft sind, wohin jemand kann, und wohin er eigentlich nicht kann... All das sind große politische Themen, die sich auch in den täglichen Details, die wir häufig nicht bemerken, widerspiegeln.
 
Nun hast du auch einen neuen Trigger, der die Grundlage deines nächsten Kunstprojektes sein wird, und es handelt sich um Hypnose? Wie kam es dazu? In einem der Interviews las ich, dass du gesagt hast, es sei für dich immer interessant, was du mit einem potenziellen Publikum gemeinsam haben kannst. Das wird in diesem Fall noch interessanter sein?
 
Nika Radić: Diese Geschichte mit der Kommunikation ist etwas, worauf ich schon seit Jahren beharre! Ich fand Niklas Luhmann und seine Kommunikationstheorie furchtbar interessant. Ich habe ihn schon viele Male zitiert, wenn er sagt, dass Kommunikation eigentlich bedeutet, festzustellen, was gemeinsam ist, und erst dann sei es möglich, einzelne Überraschungen innerhalb dieses Gemeinsamen zu artikulieren. Das ist vollkommen logisch, denn wenn wir nichts gemeinsam haben, können wir nicht kommunizieren.

Als ich verschiedene Bücher zum Thema Kommunikation las, begegnete ich irgendwo Milton Erickson, der in Amerika in den 60-er und 70-er Jahren als Psychotherapeut anfing, Hypnose anzuwenden. Heute ist es eine einigermaßen akzeptierte Methode, jedoch fand ich daran interessant, dass dies eigentlich nur eine andere Art von Kommunikation darstellt, egal, ob es sich um einen Hypnotiseur aus Spaß oder einen Hypnotherapeuten handelt. Der Hypnotiseur und der Hypnotisierte gehen also eine Art Kommunikation ein. Erickson behauptete, dass man die Menschen verwirren muss - manchmal würde er einen Haufen Unsinn oder mit einem komplizierten Wortschatz sprechen oder er würde sie einfach schockieren. Auf eine dieser Weisen würde er ihre übliche Wahrnehmung verschieben, sodass sie anfangen würden, anders wahrzunehmen. Das ist es gerade, was mich interessiert, im Sinne der Wahrnehmung künstlerischer Arbeit. Hypnose ist ein fokussierte Art von Konzentration, sie ist eher der Meditation ähnlich. Wir sprechen also nicht über einen Zustand des Unbewusstseins, sondern einer großen Fokussiertheit.

Die Botschaft, die Erickson bei der Hypnose kommunizieren wollte, sprach er nicht als direkte Anweisung aus, sondern er sagte sie in Metaphern oder unbestimmt. Deshalb habe ich dieses Buch über Paracelsus auf dem Tisch. Das sind eigentlich alte okkulte Geschichten, die besagen, dass etwas, das nicht direkt ist, präziser ist! Und mir scheint es, als würde darin eine Parallele zur Kunst bestehen; dass darin der Unterschied zwischen Propaganda und Kunst liegt. Wenn der Mensch anfängt, direkt zu sagen, „das ist gut, und das nicht“, dann wird das zur Dozierung.

Wir können jedoch eine Situation aufstellen, in der der Mensch, bzw. Rezipient, selbst verstehen kann, dass etwas gut oder schlecht ist, und das fängt dann an, für diese einzelne Person einen Wert zu haben, da es im Rahmen der Erfahrungen, die die Person schon gemacht hat, eine Bedeutung hat. Wir verstehen die Dinge sowieso immer nur als Teil unseres eigenen Kontextes. Die Behauptung, dass wir eigentlich unsere eigene Erfahrung in dem abbilden, was wir in der Kunst sehen, ist etwas, das ich in meiner Arbeit Die Botschaft zu beweisen ersuchte, die ich jedesmal änderte, wenn mir jemand von den Besuchern seine Interpretation sagte. Jedoch haben wir auch manche dieser Erfahrungen, die wir haben und mit uns nehmen, irgendwo gemacht.

Ich denke, dass darin der Unterschied zwischen der Kunst und anderen Kommunikationsformen liegt. Ich bin der Ansicht, dass die Kunst eine neue Erfahrung schaffen kann, weshalb mir diese Etappen von Hypnose als eine Art von Anweisungen darüber erscheinen, wie ein Kunstwerk geschaffen wird, und nun habe ich beschlossen, das auszuprobieren.
 
Kannst du uns am Ende dieses Gesprächs etwas über deine Pläne für 2018 sagen? Woran arbeitest du gerade, bereitest du neue Ausstellungen vor? Können das Berliner und Zagreber Publikum irgendwo bald deine neuen Arbeiten sehen?
 
Nika Radić: Ich fahre jetzt in einer Woche nach Malmö, um gerade etwas mit dieser Hypnose, die wir erwähnt haben, zu machen. Ich sage nicht gerne, dass es sich um eine Performance handelt, weil ich denke, dass ich nicht gerade Performance mache, obwohl dies eigentlich die beste Erklärung wäre. Es handelt sich um eine Videoprojektion mit einem Vortrag und danach Demonstrationen von Hypnose. Im April habe ich eine Ausstellung in der AŽ-Galerie in den Ateliers Žitnjak in Zagreb, worauf ich mich sehr freue. Diesen Raum habe ich sehr gerne und ich mag die Atmosphäre, die bei dortigen Ausstellungen herrscht. Gegen Ende des Jahres werde ich in der L40 in Berlin ausstellen (Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz). Da ich auf der Fassade auch ein Video aus Japan ausstellen werde, muss ich auf lange Nächte warten. Es gibt noch einige Pläne, aber sie sind jetzt noch viel zu vage, weshalb ich lieber über sie sprechen werde, wenn sie konkreter werden.
 
 

Nika Radic,

geboren 1968 in Zagreb, hat, neben ihrer Heimatstadt, in London, Toronto, Mailand, Wien und Berlin gelebt. Nicht vollständig zu einem Kontext zuzuordnen und gewohnt, nicht nur aus unterschiedlichen Sprachen zu übersetzen, sondern auch aus eigenen und anderer Menschen Erfahrungen: so reflektiert sie auch ihre Erfahrungen in der Kunst.


 

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