Die Künstlerin und Fotografin Raisa Galofre, geboren 1986 in Barranquilla, und der Fotograf Marvin Systermans, geboren 1990 in Köln, leben und arbeiten gemeinsam in Berlin. Mit ihren unterschiedlichen Bildsprachen, der inszenierten und dokumentarischen Fotografie, werden die beiden Fotograf*innen während ihrer bangaloResidency in einen visuellen Dialog treten.
In ihren künstlerischen Arbeiten bedient sich Raisa Galofre der erzählerischen Merkmale des lateinamerikanischen magischen Realismus, und hinterfragt vorherrschende – meist westlich geprägte – visuelle Darstellungen und Klischees von Geschlecht, Identität und historischen Ereignissen, indem sie neue Narrationen entwickelt. Ihre Fotografie ergründet das Spannungsfeld zwischen realen und fantastischen, rationalen und mystischen Elementen, die sie in Form von fotografischen Inszenierungen und Skulpturen umsetzt. Ihre Arbeiten wurden 2018 in die Shortlist des Lucie Foundation Fine Art Scholarship Awards aufgenommen und 2015 war sie eine der Gewinner*innen des Profifoto New Talents Awards.
Zur Zeit arbeitet er als freischaffender Fotograf in Berlin. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich hauptsächlich mit urbanen Räumen, strukturellem Wandel und menschlichen Lebensräumen im Allgemeinen. Seine Arbeiten wurden 2017 in die Shortlist des Sony World Photography Award und des Felix Schoeller Photography Award aufgenommen und waren schon auf der 1ra Design Biennale in Havanna und zahlreichen Gruppenausstellungen in Deutschland zu sehen. Seine aktuelle Arbeit über den Strukturwandel in der Lausitz „Zur Lage der Region“ wird vom BFF – Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter – gefördert.
Während der bangaloResidency erarbeiten die beiden Fotograf*innen eine Fotoserie, in der sie die Konzepte von Modernität und Kolonialität und deren Präsenz in der Verwendung verschiedener Materialien – aus denen die urbanen Räume der Stadt zusammen gesetzt sind – reflektieren. Ausgehend von Aníbal Quijano’s These: „Es gibt keine Modernität ohne Kolonialität“, arbeiten sie fotografisch die Begegnungen zwischen westlich- und nicht westlich geprägten, organisch gewachsenen und hypermodernen Strukturen heraus. Ihre Arbeit schlägt dabei eine Brücke zwischen dokumentarischer und inszenierter Fotografie.
ABSCHLUSSBERICHT
Schon die Fahrt vom Flughafen zu unserer Unterkunft für die kommenden acht Wochen fühlte sich surreal an. Die Stadtlandschaft Bangalores wirkte auf seltsame Weise vertraut und gleichzeitig völlig neu. Das tropische Klima, die Vegetation, die Menschen, aber auch das Chaos und der Lärm in Bangalore erinnerten uns immer wieder an die karibische Küste Kolumbiens, Heimat und Bezugsort für uns. Das Gefühl der Vertrautheit kam und verschwand immer wieder in unregelmäßigen Abständen, während wir begannen in diese berauschende Stadt und ihre Räume, Straßen, Landschaften, Farben, Materialitäten einzutauchen. Wir ließen uns von der Stadt aufnehmen und inspirieren.
Unser Projekt besteht aus einer zweischichtigen Erkundung des Stadtraums: einmal aus der Perspektive des Dokumentarfotografen und gleichzeitig ausgehend von der Imagination und Interpretation der künstlerischen Fotografin. Das bedeutete, dass wir uns von Anfang an mit vielen verschiedenen Herausforderungen auseinandersetzen mussten, wie z.B. der Erkundung der Stadt zu Fuß, dem Auftreiben aller möglichen Materialien und eines Studioraums für die Inszenierungen. Gleichzeitig gab es auch Herausforderungen einer anderen, persönlicheren Art, die die Arbeit manchmal schwierig machten, wie beispielsweise die Notwendigkeit, sich als Frau anders als gewohnt durch den städtischen Raum zu bewegen.
Marvins Erfahrung
Nur wenige Tage nach unserer Ankunft verließ ich das Gästehaus bereits für meinen ersten Spaziergang durch die Stadt, um mit dem Fotografieren zu beginnen. Zu Beginn jedes Projekts finde ich mich in der gleichen Situation wieder, in der ich durch neue Orte wandere, mit einem Konzept im Kopf und ohne eine Idee, wie ich es in Bilder umsetzen kann, wo ich hinschauen und worauf ich mich konzentrieren muss. Jeder Ort bietet etwas anderes, andere Oberflächen, Kompositionen, Farben, Dynamiken, Architekturen, Zeichen usw.
Um meine visuelle Erzählung zu entwickeln, lief ich die ersten Tage mit weit geöffneten Augen durch die Stadt, mit der Kamera in der Hand und einer Flasche Wasser in meiner Tasche. Wer schon einmal in Bangalore war, weiß, wie schwierig es sein kann, die Stadt zu Fuß zu erkunden, da der Verkehr allgegenwärtig und chaotisch ist und die meisten Autofahrer nicht darauf warten, dass Fußgänger die Straße überqueren. Dies und der häufige Mangel an funktionierenden Bürgersteigen, die heiße Sonne und die staubige Luft machten jeden Ausflug fordernd, aber gleichzeitig auch umso spannender. Meine Belohnung war stets die reiche Vielfalt an Situationen, Kompositionen, Bildern, Strukturen, die ich beobachtete und mit meiner Kamera einfangen konnte, wobei ich versuchte, nicht nur meinen eigenen Erfahrungen, sondern dem allgemeinen Gefühl, der Dynamik und dem Wesen von Bangalore gerecht zu werden.
An manchen Tagen wählte ich ein bestimmtes Viertel aus und verbrachte einen ganzen Tag damit, durch seine Straßen zu wandern, während ich mich an anderen Tagen für einen Anfangs- und einen Endpunkt entschied und von einem Viertel zum anderen lief, um zu erkunden, was dazwischen liegt. Eine der größeren Herausforderungen bei diesem Projekt war für mich das Bestreben, so viele der verschiedenen Aspekte dieser Stadt zu fotografieren wie möglich, von den älteren Vierteln bis zu den IT-Parks, von überfüllten Orten bis zu den abgelegeneren, von dem grünen Antlitz der Stadt bis zu den grauen Betonwüsten, von den reichen zu den armen Vierteln und so weiter.
Um dieses herausfordernde Ziel zu erreichen, gibt es auch jetzt noch viele Orte, die ich besuchen möchte und die ich nicht besuchen konnte, obwohl wir mehrere Wochen lang fast jeden Tag an der Serie gearbeitet haben. Ich freue mich darauf, nach Bangalore zurückzukehren, um diese Arbeit fortzusetzen. Im Moment ist mein fotografischer Output als Bezugspunkt gedacht, der Raisas visuelle Konversation über und Interpretationen von Bangalores urbanen Räumen kontextualisiert, sowie als Dokumentar- und Zeitdokument über den Zustand der urbanen Räume der Stadt als menschliche Lebensräume.
Raisas Erfahrung
Nach der herzlichen und interessanten Einführungswoche mit allen anderen Residents und dem Team des Goethe-Instituts, in der wir die Möglichkeit hatten, historische und kulturelle Orte der Stadt kennen zu lernen, begannen Marvin und ich in der zweiten Woche, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Während Marvin fotografierte, beobachtete ich die Materialien, die in den verschiedenen Stadtlandschaften, die wir durchwanderten, verwendet wurden, im Detail. Ich achtete auf die visuellen Kompositionen, die sie zusammengesetzt hatten, und betrachtete sie als einzelne Objekte oder als "Requisiten" für eine fotografische Szenerie. Ich beobachtete auch die Kombination von Farben, Texturen und vor allem, welche Ideale der Moderne sie "konstruierten", darstellen und wo und wie das menschliche Element und die menschliche Arbeit in all dem eingeschlossen oder ausgeschlossen sind. Auf diesen Spaziergängen machte ich Skizzen von Kompositionen und viele Listen der Materialien, die ich besorgen musste, um mit dem Fotografieren beginnen zu können.
Als erstes Ergebnis unseres Aufenthaltes haben wir eine Auswahl des produzierten Materials unter dem Titel der Ausstellung „Concrete Discontinuities - Erzählungen vom Leben und Werden in der Stadt" getroffen.
Die Ausstellung gab einen ersten Einblick in die nichtlineare visuelle Erzählung, die sich aus unserem fotografischen Dialog und der kontinuierlichen Erforschung der verschiedenen Stadtlandschaften, denen wir in Bangalore begegneten, entwickelte. Der Schwerpunkt lag auf den Räumen zwischen dem Öffentlichen und dem Privatisierten, zwischen dem so genannten Traditionellen und Modernen und dem Zustand des endlosen Werdens. Die Ausstellung näherte sich der Vielzahl von Oberflächen, Konstruktionen, Artefakten und Materialien an, denen wir mit einer dokumentarischen und einer fiktiven Bildsprache begegneten, und verwob so verschiedene Erzählungen und Interpretationen des Urbanen.