Sophie-Therese Trenka-Dalton
bangaloREsident@Pepper House

Dubayyland – Blick von der anderen Seite:
Während ihres Aufenthaltes in Kerala wird die bildende Künstlerin Sophie-Therese Trenka-Dalton ihr Langzeitprojekt «Dubayyland»  einem neuen Kapitel fortführen: «Gulfi» Darin bleuchtet sie die ökonomischen Beziehungen zwischen Kerala und den VAE.

Sophie-Therese Trenka-Dalton © Joseph Devitt Tremblay Sophie-Therese Trenka-Dalton (*1979, Berlin) lebt in Berlin und studierte bis 2007 Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin und Cooper Union, New York. Nach dem Studium folgten Projektreisen innerhalb Europas, nach Los Angeles und in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo die Künstlerin zentrale Aspekte ihrer Arbeitsweise entwickelte.

Trenka-Dalton untersucht in ihren recherchebasierten Installationen kulturelle Verschiebungs- und Aneignungsprozesse, die im Zuge der Implosion und Neuformierung von Machtzentren entstehen. Entlang von Objekten, Gebäuden und Geschichten zeichnet sie die kontinuierliche Migration kultureller Motive nach. Für Ausstellungen entwickelt sie architektonische Displays, die gesammelte Artefakte, Skulpturen, Photographie und Video präsentieren. Bildvorträge erweitern den Kontext der Motive und visuellen Assoziationsketten, die sich durch ihre Arbeit ziehen.

Mit der Projektreise nach Kerala im Rahmen der BangaloREsidency setzt die Künstlerin ihr Langzeitprojekt Dubayyland (seit 2009) fort und wird das neue Kapitel Gulfi entwickeln, in dem sie die kulturellen und ökonomischen Verbindungen zwischen Kerala und den VAE recherchiert. Ausgehend von der These in Dubayyland, dass Dubai als Miniatur und unmittelbare Materialisierung der zeitgenössischen Welt und ihrer Prozesse gelesen werden kann, wird Gulfi verschiedene keralische Lebensrealitäten nachvollziehen, die durch Arbeitsmigration spezifisch in die VAE und dem daraus resultierenden Auslandskapital entstehen.

Sophie-Therese Trenka-Dalton Arbeiten wurden unter anderem im basso, Berlin, in der Serpentine Gallery, London, in der Klaus von Nichtssagend Gallery, New York, im Kunstraum Michael Barthel, Leipzig, im Heidelberger Kunstverein, Heidelberg, im KW Institute for Contemporary Art, Berlin, in der Alserkal Avenue, Dubai, und im Neuen Berliner Kunstverein, Berlin, ausgestellt. 2016 erschien ihr Katalog PALMS beim Textem Verlag Hamburg über Projekte und Ausstellungen seit 2005. Ebenfalls 2016 wurde sie in den Vorstand des berufsverbands bildender künstler*innen berlin (bbk berlin) gewählt, wo sie sich kulturpolitisch für die faire Bezahlung künstlerischer Arbeit einsetzt.
 

Abschlussbericht

Im Rahmen der bangaloREsidency des Goethe-Instituts Bangalore habe ich 10 Wochen im südindischen Bundesstaat Kerala verbracht, um für mein Projekt „Gulfi“ die spezifische Beziehung zwischen Kerala und den Golfstaaten zu recherchieren. Die Kochi Biennale Foundation unterstütze mein Projekt dabei mit einer Artist Residency im Pepper House in Fort Kochi.

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Während der Zeit in Kerala suche ich nach Referenzen an die Vereinigten Arabischen Emirate bzw. Golfstaaten. In Gesprächen stellt sich schnell heraus, dass im Grunde jede und jeder Verwandte hat, die dort zum Arbeiten leben oder gelebt haben. Die zwei Taxifahrer, mit denen ich am häufigsten fahre, haben beide in Saudi Arabien als family driver gearbeitet, die Ehefrau des einen Fahrers arbeitet zur Zeit noch bei einer Bank in Bahrain. Auf einer unserer Fotofahrten stellt er sie mir kurz auf seinem Telefon per Videochat vor. Auch mein favorisierter Kioskbesitzer zeigt mir auf seinem Telefon Fotos von seiner Tochter und seinem Sohn, die beide verheiratet in Dubai leben. Der Sohn der Homestay-Familie, bei der ich wohne, hat in einem Beach Resort neben Dubais Freihafen Jebel Ali gearbeitet und einer der Gründer der Kochi Biennale Foundation erwähnt, dass zwei seiner Brüder in den Emiraten leben. Arbeiten und Familie in den Golfstaaten zählen zum Alltag der Menschen in Kerala. Während meines Aufenthalts erfahre ich viel über die spezielle gesellschaftliche, politische und kulturelle Konfiguration von Kerala, die auch die Basis dieser spezifischen Arbeitsmigration der letzten Jahrzehnte in die Golfstaaten bildet.

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Ein zentrales Motiv im Selbstverständnis und Mythos Keralas ist die Seefahrt: Gewürzhandel, Fischerei, Bootsbau und Religionen, die sich über den Seeweg an der Malabarküste etablierten. Einen ersten Anknüpfungspunkt an meine vorhergehende Arbeit in Dubai finde ich direkt vor dem Fenster der Pepper House Residency. Mein Arbeitsraum liegt direkt am Wasser mit Blick auf den Containerhafen von Kochi auf der gegenüberliegenden Insel. Der Containerhafen wird von Dubai Ports World betrieben, einer emiratischen Firma, die weltweit Industrie- und Freihäfen betreibt und entwickelt. Ich verbringe in den folgenden Wochen viel Zeit damit, den Containerhafen und den Schiffsverkehr aus Ausflugsbooten, Containerschiffen, Fähren, Öltankern, Kriegsschiffen und Fischerbooten vor meinen Fenstern zu beobachten und zu filmen.
Später folge ich einer Reihe von Empfehlungen, die mich in die Stadt Kozhikode und den Distrikt Malappuram nördlich von Kochi führen, der innerhalb von Kerala als die Gegend mit der höchsten Dichte muslimischer Bevölkerung gilt. In den kleinen Ortschaften von Malappuram dokumentiere ich zahlreiche Geschäfte, Firmenschilder und Werbeplakate mit direktem Golf-Bezug in Wort und Bild, wie zum Beispiel das Juweliersgeschäft „Dubai Gold and Diamonds“, Märkte mit Namen wie „Gulf Bazaar“, Restaurants wie „Sharjah Palace“ oder die Autowerkstatt „Abu Dhabi Motors“.

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Im Kontrast zum Mikrokosmos von Malappuram entstehen in Kochi später noch Videoaufnahmen im Umfeld der monolithischen LuLu Mall, die eine viel zitierte Erfolgslegende repräsentiert: Anfang der 1990er begründet ein Geschäftsmann aus Kerala die Supermarktkette LuLu Hypermarket in Abu Dhabi. 20 Jahre später, mittlerweile Milliardär, eröffnet er LuLu Mall in Kochi, die größte, oder, je nach Quelle, eine der größten Malls in Indien. Für den Einzelhandel definitiv nicht rentabel ­– bis auf den brummenden LuLu Hypermarket im Erdgeschoss herrscht in den Brand Stores gähnende Leere – funktioniert LuLu Mall primär als Sozial-Event für junge Menschen, die in Massen zu Werbeveranstaltungen wie „LuLu Beauty Queen 2017“ strömen. Neben der Mall entstand zeitgleich ein 5-Sterne Marriott Hotel Tower – ohne Alkoholausschank, mit Shisha-Lounge am Pool und Helipad auf dem Dach. Beim Frühstücksbuffet fragt ein junger Mann im Rollstuhl, seiner Kleidung nach eindeutig Khaleeji, für seine Mutter nach Arab food. Durch das Foyer des Hotels zieht ein Schwarm Flugpersonal von Gulf Air.

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„Gulfi“ wird im Rahmen der Pepper House Residency Exhibition präsentiert, die parallel zur Kochi-Muziris-Biennale im Dezember 2018 in Kochi eröffnet.