Ukrainische IT-Initiativen In der schwierigen Zeit helfen

Das kumulative soziale Netzwerk "Social Hyperlink" verbindet Menschen für Projektrealisierung
Das kumulative soziale Netzwerk "Social Hyperlink" verbindet Menschen für Projektrealisierung | Foto: www.social-hyperlink.org

Datenbanken der Blutspender, erste Hilfe für Verwundete - IT-Aktivisten füllen die Lücken in der Informationsarbeit, die der Staat hinterlassen hat. Außerdem schaffen sie Plattformen für Sach- und Geldspenden sowie für das Zusammenwirken der Bürger in Netzwerken.

Heute spielt die digitale Komponente in sozialen Projekten eine außerordentlich wichtige Rolle. Manche Initiativen bauen ausschließlich auf IT-Lösungen auf.

Lebenswichtige Information

Eigentlich spezialisiert sich das Unternehmen Win Interactive auf Computerspiele. Aber gerade Mitarbeiter dieser Firma entwickelten eine Anwendung, die eine detaillierte Vorgehensweise liefert, wenn man eine Blutung stoppen, Verwundete reanimieren oder eine Wunde verbinden muss.

Unter Kriegsbedingungen ist diese Information lebenswichtig. „Viele Verwundete können gerettet werden, wenn die Hilfe rechtzeitig und richtig erfolgt", sagen die Entwickler der Anwendung Vormedizinische Hilfe. Diese kurze und schnörkellose App erklärt anschaulich, wie man schnell und korrekt erste Hilfe leistet, bevor die Ärzte eintreffen.

Alle Schritte sind ausführlich bebildert, es gibt auch eine Möglichkeit, schnell die Nothilfenummer anzurufen. Die medi­zinischen Hintergrundinformationen, die für die App verwendet wurden, stammen aus den  Infoblättern, die das ukrainische Gesundheitsministerium herausgegeben hat. Wie die Entwickler der App betonen sei der Aufbau und die Navigation der Vormedizinischen Hilfe derart gestaltet, dass die Antworten und Empfehlungen möglichst schnell erfolgen. Dementsprechend kann in Notsituationen den Verwundeten schneller geholfen werden.

„Von einer schnellen Reaktion und rechtzeitigem Handeln hängen oft Menschenleben ab. Deswegen ermöglichen wir unseren Nutzern, sich bei uns sehr einfach anzumelden“, sagt Iryna Slawinska, Präsidentin des Vereins der jungen Blutspender der Ukraine. Der Verein hat ein Internet-Projekt initiiert, bei dem das Blutspenden im Mittelpunkt steht. 2015 ging die Internet-Seite Donor.UA an den Start. Sie ist momentan die einzige digitale Datenbank mit Informationen über Blutspender und über Patienten, die auf diese Spenden angewiesen sind.

Ein vergleichbares Projekt sei in der Ukraine noch nie umgesetzt worden, behaupten die Entwickler von Donor.UA. Die Webseite ist auf einem komplizierten Mechanismus aufgebaut, trotzdem wirkt das Ergebnis visuell attraktiv und benutzerfreundlich und erfüllt ein weiteres Projektziel, das Blutspenden in der Ukraine zu popularisieren. 

Täglich registrieren sich dort drei bis fünf potentielle Blutspender. Insgesamt konnten in den ersten drei Monaten, seit Donor.UA online ist, fast 200 Blutspender und 100 Freiwillige gewonnen werden. „In unsere Datenbank werden aber nur diejenigen aufgenommen, die auch tatsächlich mindestens einmal Blut gespendet haben. Im System registrieren wir also nur geprüfte Blutspender,“ erklärt Iryna Slawinska: „Es ist sehr wichtig, den Prozess der Blutspende einmal zu durchlaufen, um für sich persönlich klarzustellen, ob man auch wirklich bereit ist, Blutspender zu werden.“

Mithilfe eines neuen Systems ermöglicht die Webseite einen blitzschnellen und automatisierten Kontakt zwischen Blutspendern und Patienten. Donor.UA hilft auch den Blutspendestellen, nach geeigneten Spendern zu suchen.

Das Projekt entwickelte sich nicht ohne Schwierigkeiten. Einerseits war der Weg zur gewünschten IT-Lösung schwierig. Andererseits wurde die Kooperation mit den einzelnen Blutspendestellen durch die Korruption erschwert. Der Sieg bei einem Hackathon, der sich thematisch Sozialprojekten widmete, half das Projekt zu finanzieren. Donor.UA hat als Sieger eine Geldprämie erhalten, was für einen guten Start ausgereicht hat. Im Moment ist Donor.UA eine reine Webseite, die in der Zukunft durch mobile Anwendungen erweitert wird.

„Klar haben wir auch weiterhin Schwierigkeiten, doch wir sind bereit, sie zu überwinden. Schließlich verkaufen wir keine Filzstifte oder Röcke, sondern arbeiten an einer automatischen Lösung, die dabei hilft, Menschen­leben zu retten“, sagt Iryna Slawinska. Sie kann vom Erfolg sprechen, da vieles, was sie vorhatten, ihnen geglückt ist. „Unser wichtigster Gewinn sind aber die Menschen, die uns vertrauen, sich bei uns anmelden und dann wirklich Blut spenden“.

Wohltätigkeit durch Weiternutzung

Dmytro Fedorenko hatte so viele Sachen, dass er dafür einen neuen Schrank bestellen musste. Dann dachte er an Ameisen. So betitelte der Gründer der Marketingagentur Studio7 eine E-Commerce-Plattform, die er ins Leben gerufen hat. Die Webseite hilft Nutzern diejenigen Sachen zu verkaufen, die sie nicht mehr brauchen, aber die noch zu wertvoll sind, um in der Mülltonne zu landen. 

In praktisch jedem Haushalt gibt es Sachen, die man nicht mehr benutzt, aber auch nicht wegwerfen will. Meistens können diese Sachen von anderen noch sehr gut weitergenutzt werden. Wie man den Weg zu denen findet, die sie brauchen könnten, wissen die Ameisen

Am Projekt haben viele mitgewirkt – sowohl freiwillige Helfer als auch Partner der Agentur. Alle haben gemeinsam die Webseite aufgebaut und zu deren Popularisierung im Internet beigetragen. Angefangen haben die Ameisen mit fünf Partnern, jetzt arbeiten im Projekt über 50 Menschen mit.

Das Geld, das der Käufer der Sachen zahlt, wird an Wohltätigkeitsorganisationen gespendet, die sich mit den Folgen des Krieges im Osten der Ukraine beschäftigen. Dabei hoffen die Ameisen sehr, dass die Erlöse der Seite bald ausreichen, um auch andere Initiativen jenseits der Kriegsproblematik unterstützen zu können. 

Die Plattform CherryTea verkauft auch gespendete Sachen, aber nur ein Drittel davon, um das Projekt weiterentwickeln zu können. Die meisten Sachspenden werden unter Bedürftigen verteilt oder an Wohltätigkeitsvereine weitergegeben.

Seit ihrer Gründung konnte die Plattform schon etwa 1,5 Tonnen Sachspenden sammeln. Zurzeit bearbeitet das Projektteam etwa 50-70  Anträge monatlich und hilft Menschen aus anderen Städten die Stellen zu finden, wo ihre Sachspenden gebraucht werden können.

Am Anfang haben die Gründer Sachen selbst abgeholt und zu Bedürftigen gebracht, erinnert sich die Projektleiterin Viktorija Bondar, die auch als Direktorin der Ukrainischen Wohltätigkeitsbörse aktiv ist.

Der große Traum des Teams von CherryTea ist es, eine kluge und moderne Kultur der Wiederverwendung in der Ukraine zu etablieren. Schließlich, wie die Projektbeteiligten immer wieder betonen, können schöne gebrauchte Sachen mit neuer Billigware sehr gut konkurrieren.

Hilfeleistung verbindet

TaskRabbit ist bekannt. Diese Webseite aus den USA hatten die Begründer des ersten ukrainischen Dienstes für Kleindienstleistungen Kabantschik vor Augen, als sie an ihrem Projekt arbeiteten. Diese Anwendung funktioniert nach dem gleichen Prinzip – das Projekt verbindet Menschen, die kleine alltägliche Dinge wie Putzen, etwas im Haushalt schnell reparieren oder Kurierdienste erledigt haben möchten mit denen, die diese Arbeiten gegen kleine Bezahlung gerne machen.

Anders ausgedrückt – es hilft den einen schnell und einfach ein Zuverdienst zu finden und den anderen – Zeit und Geld zu sparen, da sie keine privaten Dienstleistungsfirmen beauftragen müssen.  
 
Das Projekt hat im September 2012 gestartet. Jetzt werden täglich bis zu 300 Aufträge online gestellt. „Unser Service gibt Arbeit einem großen Teil der Arbeitslosen. Eben das ist unsere wichtigste Mission“, erklären die Gründer von Kabantschik.

Diejenigen, die Hilfe brauchen, mit denen zu verbinden, die diese Hilfe leisten können – in Form einer Beratung, notwendiger Information oder auch von körperlichem Kraftaufwand - das ist das Ziel von Social Hyperlink. Die Initiatoren bezeichnen ihr Projekt als kumulatives soziales Netzwerk der nächsten Generation.
 
Die Plattform funktioniert ganz einfach: man bestimmt die Struktur des Projektes, beschreibt es, danach erscheint die Info über das Projekt auf der Plattform. Wie man die Unterstützung erreicht, hängt allein von der Kreativität des Ideengebers und des Bereiches ab, um den es geht. 
 
Der Begründer von Social Hyperlink Walerij Jawtuschenko führt ein Beispiel von einem Metallwerk an. Arbeiter füllen mit Schaufeln die Kohle in die Öfen. Gleich neben diesem Werk fahren Autos, die von der Sonnenenergie betrieben werden. „Dieses Werk ist unser Land, in dem es sowohl Menschen gibt, die Veränderungen anstreben als auch Menschen, die diese Veränderungen umsetzen können,“ erklärt er „Das Problem ist nur, dass diese Menschen sehr oft voneinander nichts wissen, zwischen ihnen fehlt die wichtige Verbindung, der entscheidende Link.“ Social Hyperlink versucht die Grundlage für solche Verbindung zu schaffen, indem er viele Bausteine zur Verfügung stellt, aus denen das entsprechende System gebaut werden kann.

Während der Proteste auf dem Kiewer Maidan gehörte Walerij Jawtuschenko zu den Koordinatoren des IT-Zeltes. Dort hat man mehrere soziale Initiativen entwickelt, wie etwa GiveMeALift, um Leute zum Kiewer Hauptplatz zu bringen. Später entwickelte sich diese Idee in einen Service zur Suche nach Mitfahrgelegenheiten. Man hat dort sogar einen Maidan-Hackathon organisiert, bei dem die Idee von CherryTea gewonnen hat.

Seitdem wächst die Zahl der Initiativen stetig, die ukrainische IT-Gemeinde gehört zu den aktivsten Gruppen, die soziale Veränderungen im Land vorantreiben.

Im Rahmen des Projektes „Zeitgeist“ mit dem Magazin „Platfor.ma“.