Berlinale 2017 Oleg Sentsov auf der Berlinale: in Herzen und Gedanken der Zuschauer

Publikum beim The Trial
Foto: Natalia Pysanska © RadioSvoboda.Org (RFE/RL)

Der Dokumentarfilm des russischen Regisseurs Askold Kurov The Trial: The State of Russia vs Oleg Sentsov hat in Berlin seine Weltpremiere erlebt. Er wurde in der Sektion „Berlinale Special“ gezeigt und hat sich wirklich als ein besonderes Ereignis erwiesen. Der Saal war voll: Politiker, Kulturschaffende und Filmemacher sind dem Aufruf der European Film Academy gefolgt – „Solidarität statt Blumen“. Am 30. Jubiläum der Akademie waren Worte zur Unterstützung des ukrainischen Regisseurs statt Glückwunsche zu hören.
 

Die European Film Academy appelliert an die russische Regierung, Oleg Sentsov freizulassen. Ihre Leiterin Agnieszka Holland bezeichnete den Regisseur als Opfer politischer Verfolgung. Die European Film Academy gründete eine Sentsov-Stiftung, um seine Familie finanziell zu unterstützen. Gemeinsam mit Amnesty International organisiert sie jährliche Solidaritätsaktionen. So wurde auch der Film The Trial unter dem Dach der Akademie gedreht.

Unter den großen Filmfestivals gilt die Berlinale als das politischste. Auch diesmal hat der Festivalleiter Dieter Kosslick seine Bühne für den Schutz des Kollegen zur Verfügung gestellt. Dabei bekam er Unterstützung von zahlreichen Schauspielern und Kulturschaffenden, die zur Weltpremiere kamen und an einem Flashmob „Free Oleg Sentsov“ teilnahmen.

Im Anschluss an die Vorführung fand eine Diskussion statt, an der sich Natalija Kaplan, Cousine von Oleg Sentsov, der Anwalt des Regisseurs Dmytro Dinse, die Leiterin der European Film Academy Agnieszka Holland sowie der Regisseur von The Trial, Askold Kurov, beteiligten.



Der Kinosaal war überfüllt und das Publikum reagierte tief beeindruckt auf den Film: die Rede von Oleg Sentsov vor dem russischen Gericht nach der Urteilverkündung – 20 Jahre Haft – wurde mit Applaus aufgenommen. Während der Szenen mit der Mutter des Regisseurs konnten einige Zuschauer ihre Tränen nicht zurückhalten.

Gleichzeitig hat der Film zahlreiche Diskussionen angestoßen. Nach der Filmvorführung schlug eine Zuschauerin vor, die Frage nach der Schuld von Oleg Sentsov auf der Sicherheitskonferenz in München zu stellen. Ein Zuschauer kritisierte die Einmischung der European Film Akademy in die Politik. Er wurde ausgepfiffen, und der Moderator der Diskussion erklärte, dass gerade diese „Einmischung“ das Ziel sei und die Filmvorführung ein Zeichen der Solidarität setze. 

Nach der Filmvorführung wurden die Autoren mit Applaus begrüßt. Die Zuschauer hoben Zettel mit der Aufschrift "Free Oleg Sentsov“.

Viele äußerten ihre Hilfslosigkeit nach dem Film und ihre Begeisterung über Anständigkeit und Mut von Sentsov, der zum Opfer „eines seelenlosen Systems und politischer Ereignisse“ geworden ist. Diese Meinung äußerte auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck:

„Wenn ich auf die Ereignisse in meinem Leben zurückblicke, halte ich mich für einen recht unerschrockenen Menschen. Aber als ich den Film gesehen habe, habe ich mich geschämt. Denn die Standhaftigkeit von Oleg Sentsov ist unglaublich! Wir sind verpflichtet, alles zu tun, damit er freigelassen wird“, - sagte die deutsche Politikerin.

Nach dem Gespräch im Saal war klar, dass viele Zuschauer nicht zufällig kamen, sondern den Fall von Sentsov und Koltschenko regelmäßig verfolgen. Die Cousine von Oleg Natalija Kaplan befürchtet, dass die Aufmerksamkeit für den Bruder heute nachlässt. In diesem Zusammenhang haben die Besucher der Filmpremiere erklärt: man muss weiterhin Druck auf die internationale Gemeinschaft ausüben, damit das Schicksal des ukrainischen politischen Gefangenen nicht in Vergessenheit gerät. Die Vorführung schloss mit der Unterzeichnung einer Petition für die Unterstützung von Oleg Sentsov.