Industriekultur in Deutschland Umnutzung ehemaliger Industrieorte

Zeche Carl in Essen
Zeche Carl in Essen | © Frank Vinken

Heute spielt hier die Musik, früher wurde Kohle gefördert – die Zeche Carl in Essen ist nur ein Beispiel für die Umnutzung ehemaliger Industrieorte. Viele der brachliegenden Flächen werden inzwischen für Kulturprojekte genutzt.

Nicht erst seit den 1990er-Jahren hat auch in Deutschland ein umfassender Strukturwandel in Wirtschaft und Industrie stattgefunden. Aufgrund der sich ändernden Produktionsbedingungen und der fortschreitenden Globalisierung mussten viele Standorte aufgegeben werden. Am deutlichsten zeigt sich dieser Wandel im Ruhrgebiet, wo der Bergbau an Bedeutung verlor, und viele Zechen geschlossen werden mussten. Aber auch in anderen Regionen Deutschlands gibt es eine große Zahl von brachliegenden Flächen. Als stumme Zeugen einer untergegangenen Industriekultur prägen sie den Charakter einer Stadt und erzählen von ihrer Geschichte. Viele der Gebäude stehen unter Denkmalschutz und warten auf eine neue Nutzung. Investoren und Behörden aber haben die Zeichen der Zeit erkannt, und so sind in den vergangenen zwanzig Jahren überall in Deutschland Projekte entstanden, in denen historische Industrieanlagen neu genutzt werden.

Muffatwerk München

Internationaler Kunst- und Kulturtreffpunkt für München
Zellstraße 4, 81667 München
48°7'59''N, 11°35'23''O (48.132825, 11.589176)

Der Jugenstilschornstein des Muffatwerkes in München ist weithin zu sehen. Das Werk liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gasteig, dem Deutschen Museum und dem Müllerschen Volksbad direkt an der Isar. Das Muffatwerk wird seit 1992 als Kulturzentrum genutzt. 1837 ursprünglich von Stadtbaurat und Architekt Franz Karl Muffat als Brunnhaus für die Wasserversorgung des Stadtteils Haidhausen erbaut, wurde es seit 1893 als Dampf- und Wasserkraftwerk betrieben. 1973 wurde es stillgelegt.

In der ehemaligen Turbinenhalle des Wasserkraftwerkes befinden sich heute die Muffathalle, in der Konzerte und Theateraufführungen stattfinden, sowie das Muffatcafé. Im klassizistischen Baustil gehalten ist das ehemalige Kesselhaus – heute umgestaltet zum Club Ampere.

Zeche Carl Essen

Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, 45326 Essen
51°29'47''N, 7°0'40''O (51.496372, 7.011775)

Die Zeche Carl in Essen-Altenessen gilt als herausragendes Industriedenkmal des Ruhrgebiets – zum Beispiel mit einem der ältesten noch erhaltenen Malakow-Fördertürme aus den Jahren 1856/57.

Die Kohleförderung auf Carl wurde 1929 eingestellt, später zog die Bergbauschule ein. Anfang der 1970er-Jahre kam das Aus für den Bergbau in Altenessen. Die kulturelle Nachnutzung begann kurz darauf: Auf die Initiative von Bürgern hin entstand ein Kulturzentrum im Casinogebäude, im Laufe der Jahre entwickelte sich ein wichtiges soziokulturelles Zentrum für die Region.

Seit 2009 gibt es einen neuen Träger. Die Zeche Carl ist überregional bekannt für Konzerte, Kabarett, Parties und Lesungen – auch Vereine und Sozialprojekte nutzen die Räumlichkeiten. Die Zeche Carl bietet niederschwellige Angebote für Bürger verschiedener Herkunft und Generationen.

Landschaftspark Duisburg-Nord

Emscherstraße 71, 47137 Duisburg
51°29'2''N, 6°46'52''O (51.480730, 6.783616)

In Duisburg-Meiderich haben sich Natur und Mensch ein 200 Hektar großes Industrie-Areal zurückgeholt: 1901 entstand hier ein Hüttenwerk für die Produktion von Roheisen, gebaut von August Thyssen in unmittelbarer Nähe seiner Kohlefelder. Bis 1985 wurde es betrieben. Engagierten Bürgern gelang es, den geplanten Abriss abzuwenden, und so entstand ein Landschaftspark: In umfunktionierten Bauten wie der „Kraftzentrale“, eine 175 mal 35 Meter große Halle, in der früher Maschinen den sogenannten Hochofenwind produzierten, finden heute Konzerte und Veranstaltungen statt.

Die Industriebrache bietet neben kulturellen Veranstaltungen auch eine Reihe sportlicher Aktivitäten: An alten Türmen wird geklettert, im früheren Gasometer getaucht.

Kulturbrauerei Berlin

TLG Immobilien GmbH
Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin
52°32'17''N, 13°24'46''O (52.538182, 13.412591)

1853 übernahm Jobst Schultheiss eine kleine Brauerei und gab ihr seinen später berühmten Namen. Die Schultheiss-Brauerei entwickelte sich im Zeitalter der Industrialisierung prächtig – ein ganzes Karree nahmen die Gebäude schließlich ein, bis 1967 wurde hier Bier hergestellt. Heute lässt sich noch gut die ursprüngliche Nutzung erkennen: Die Gebäude, die über sechs Innenhöfe miteinander verbunden sind, tragen noch ihre Originalbeschriftungen.

Schon 1970 öffnete mit dem Frannz Club der erste Kulturbetrieb seine Pforten. Den Namen Kulturbrauerei trägt das Ensemble mitten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg seit 1991. Das ehemalige Kesselhaus wird heute für Vorstellungen und Livekonzerte genutzt, es gibt ein Kino, Theater, Clubs, Restaurants. Im Sommer wird der Innenhof zur Veranstaltungsfläche.

Radialsystem V Berlin

New Space for Arts and Ideas
Holzmarktstraße 33,10243 Berlin
52°30'38''N, 13°25'43'O (52.510339, 13.428896)

Während andere Kulturbetriebe entlang der Spree in Zeiten steigender Immobilienpreise um ihre Existenz bangen, hat das Radialsystem als Veranstaltungsort für Konzerte, Theater, Oper, Ballett oder Ausstellungen einen festen Platz in der Berliner Kulturszene.

Das ehemalige Pumpwerk wurde 1881 errichtet und war damals Teil des Stadtentwässerungssystems. Durch das Wachstum Berlins war ein Umbau bereits 1905 nötig, und so wurde aus dem Bauwerk eines der größten Abwasserpumpwerke der Stadt. Der Gebäudeteil, den der Zweite Weltkrieg nicht zerstörte, wurde noch bis 1999 genutzt und steht heute unter Denkmalschutz. 2006 wurde umgebaut: Maschinenhalle und Kesselhaus wurden zu Konzerthalle und Saal, ein zweistöckiger Kubus umschließt seither den Altbau.

Spielkartenfabrik – Förderverein Jugendkunst e. V.

Katharinenberg 35, 18439 Stralsund
54°18'40''N, 13°5'8''O (54.31129, 13.08560)

Im Zeitalter von Internet und Smartphones kann man sich nur schwer vorstellen, dass Kartenspiele wie Skat und Doppelkopf einmal zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in Deutschland zählten. Die Spielkartenfabrik in Stralsund fühlt sich dieser Tradition jedoch bis heute verpflichtet. Wer das alte Backsteingebäude betritt, lässt sich auf eine Zeitreise ein, die bis ins Jahr 1860 zurückführt. Im alten Speichergebäude, das wie die gesamte Stralsunder Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt, ist eine Museumswerkstatt entstanden, in der sich historische Produktionsbedingungen und Handwerkstechniken nachvollziehen lassen. Auch Workshops werden angeboten, in denen Kinder und Erwachsene individuell gestaltete Spielkarten herstellen können. Technisches Highlight ist eine voll funktionstüchtige Linotype-Setzmaschine aus dem Jahr 1961.

Hinweis: Die Spielkartenfabrik befindet sich in der Altstadt von Stralsund. Östlich vom Hauptbahnhof gelegen, ist sie zu Fuß in etwa 15 Minuten zu erreichen.

dkw – Kunstmuseum Dieselkraftwerk

Uferstraße / Am Amtsteich 15, 03046 Cottbus
51°45'34''N, 14°20'19''O (51.75950, 14.33861)

Mitten in Cottbus, von der Spree umrahmt, liegt die Mühleninsel mit dem Goethe-Park. Früher versah dort ein Dieselmotor mit 1.450 PS seine lautstarke Arbeit, um die Cottbuser mit Strom zu versorgen. Heute beherbergt das frühere Dieselkraftwerk mit rund 23.000 Objekten die wichtigste Sammlung jüngerer und zeitgenössischer Kunst in Brandenburg. Entstanden ist das Kraftwerk in den 1920er-Jahren – nach Entwürfen von Werner Issel, einem der bedeutendsten deutschen Industriearchitekten. Noch heute fasziniert der denkmalgeschützte Klinkerbau durch seine eigenwillige Linienführung und die fast sakrale Ausstrahlung, doch Maschinen- und Schalthaus haben seit 2008 eine neue Funktion: Auf 1.250 Quadratmetern bieten sie Platz für das abwechslungsreiche Ausstellungsprogramm – mit Schwerpunkten auf Malerei, Fotografie und Plakatkunst.

Hinweis: Das Dieselkraftwerk liegt mitten in Cottbus. Nordöstlich vom Hauptbahnhof gelegen, ist es in wenigen Minuten zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Raum 13

Deutz-Mühlheimer Straße 147-149, 51063 Köln
50°56'38''N, 6°59'2''O (50.95282, 6.98981)

Der Kölner Stadtteil Deutz war fast 150 Jahre lang Standort für eines der wichtigsten Industrie- und Gewerbegebiete im ganzen Rheinland. Doch der in den 1990er-Jahren einsetzende Strukturwandel vernichtete fast 15.000 Arbeitsplätze. Zurück blieb eine 160 Hektar große Industriebrache, aus der das frühere Verwaltungsgebäude des Motorenbauers Klöckner-Humboldt-Deutz noch heute hervorsticht. Seit 2011 residiert in den weitläufigen Räumen ein alternatives Kunstprojekt. Initiatoren von Raum 13 sind die beiden Tanz- und Theaterpioniere Anja Kolacek und Marc Leßle. Mit ihren Choreografien erwecken sie das alte Gemäuer wieder zum Leben und lassen neue Möglichkeiten von Kommunikation entstehen. Theater und Konzerte sind hier ebenso zuhause wie wechselnde Installationen und interaktive Projekte – fernab der traditionellen Guckkastenbühne.

Hinweis: Raum 13 finden Sie auf der rechten Rheinseite im Stadtteil Deutz. Vom Hauptbahnhof fahren Sie mit der U3 oder U4 bis zur Station Stegerwaldsiedlung, von dort weiter zu Fuß.

Baumwollspinnerei Leipzig

Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig
51°19'38''N, 12°19'10''O (51.32786, 12.32023)

Schon im 19. Jahrhundert war Baumwolle ein einträgliches Geschäft – auch in Leipzig, wo seit 1884 die größte Baumwollspinnerei des Kontinents entstand. Tag für Tag wurden hier bis zu fünf Millionen Kilogramm Garn gesponnen, oft von Frauen, die mit ihren Familien direkt neben den Fabrikhallen lebten. Noch bis ins Jahr 2000 wurde fleißig weiter gesponnen, allerdings in stark abnehmendem Maße. Dass es die Spinnerei noch heute gibt, ist privaten Investoren zu verdanken, die das riesige Gelände zu einem Dorado für Künstler, Architekten, Designer, Schmuck- und Modemacher verwandelten. Zu den ersten Mietern gehörten der Maler Neo Rauch und andere Mitglieder der „Leipziger Schule“. Inzwischen ist aus der Fabrikstadt eine der interessantesten Produktions- und Ausstellungsstätten für zeitgenössische Kunst und Kultur in Europa geworden.

Hinweis: Vom Hauptbahnhof fahren sie mit der S1 in Richtung Miltitzer Allee bis zum S-Bahnhof Plagwitz. Alternativ auch mit der Straßenbahn Linie 14. Dann links halten und weiter zu Fuß.

E-Werk Erlangen

Fuchsenwiese 1, 91054 Erlangen
49°36'2''N, 11°0'6''O (49.60060, 11.00192)

Auch das Elektrizitätswerk in Erlangen hat in seiner über 100-jährigen Geschichte einen tiefgreifenden Nutzungswandel erfahren. Dennoch steht das E-Werk weiter „unter Strom“. Im Sanierungsgebiet Nördliche Altstadt gelegen, hat sich der 1902 errichtete Industriebau seit den frühen 1980er-Jahren zu einem soziokulturellen Zentrum entwickelt, das mit einem breitgefächerten Programm jedes Jahr bis zu 280.000 Menschen anzieht. Regelmäßige Filmvorführungen und Partytermine gehören genauso zum Angebot wie Rock- und Popkonzerte, Lesungen oder Kabarett. Gefördert durch das bundesweite Projekt „Soziale Stadt“, ist in den alten Trafohallen nach und nach eine Kulturoase entstanden, die ganz bewusst auch ethnischen und sozialen Minderheiten offensteht, und deren Bedeutung inzwischen weit über Erlangen hinausreicht.

Hinweis: Das E-Werk ist nördlich vom Hauptbahnhof und Busbahnhof gelegen und in etwa 10 Minuten zu Fuß zu erreichen.