Deutsche Ostmoderne
Zwischen Abriss und Denkmalschutz

Kulturpalast Dresden
Kulturpalast Dresden | © Copyright: Konzert- und Kongressgesellschaft mbH Dresden

Zwei gegensätzliche Positionen haben in den vergangenen Jahren die Auseinandersetzung um das bauliche Erbe der DDR bestimmt. Während die einen in den sozialistischen Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre nur hässliche Relikte der SED-Diktatur sahen, verteidigten andere sie als identitätsstiftende Zeugnisse der ostdeutschen Lebenswelt. Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wird die Debatte nun sachlicher und differenzierter.

Um kein Gebäude wurde nach der politischen Wende in Deutschland so erbittert gestritten wie um den inzwischen abgerissenen Palast der Republik auf dem Berliner Schlossplatz. Der 1976 fertiggestellte multifunktionale Bau beherbergte mit der Volkskammer das Parlament der DDR und war Schauplatz von SED-Parteitagsinszenierungen, wurde aber auch als Kulturhaus genutzt. Konzerte, Shows, Theater, Restaurants, Cafés und Bowlingbahn machten den Palast zum meist besuchten Ort im Ostberliner Zentrum. Symbol der SED-Diktatur – oder offenes „Volkshaus“ für Kultur, Freizeit und Entspannung? Die hochideologisch geführte Debatte um Abriss oder Erhalt war ein Streit um Vergangenheitsdeutungen und Zukunftsperspektiven. Und dabei ging fast unter, dass das erste und letzte frei gewählte Parlament der DDR 1990 im Palast der Republik die Vereinigung der beiden deutschen Staaten beschlossen hatte. 2006–2008 wurde das Gebäude nach einem entsprechenden Beschluss des Deutschen Bundestages abgerissen. Am Schlossplatz soll nun eine Rekonstruktion des barocken Berliner Stadtschlosses entstehen. (Der Baubeginn wurde aus finanziellen Gründen auf 2014 verschoben.)

Vergangenheitsdeutungen und Zukunftsperspektiven

Anders verlief die Geschichte des 1969 eröffneten Kulturpalasts in Dresden, einst der größte Mehrzweckbau der DDR. Vor einigen Jahren wurde noch über den (Teil-)Abriss des quaderförmigen Flachbaus aus Beton, Stahl und Glas diskutiert. Seit 2008 steht das Gebäude als Solitär der Nachkriegsmoderne in Dresden unter Denkmalschutz – inklusive des monumentalen Wandbildes „Der Weg der roten Fahne“ an der Westseite. Der Veranstaltungssaal im Kulturpalast wird demnächst modernisiert und umgebaut, das äußere Erscheinungsbild und die Foyerbereiche bleiben dabei unverändert.
 
  • Palast der Republik und Fernsehturm © Bundesarchiv/Foto: Heinz Junge
    Palast der Republik und Fernsehturm
  • Kino International, Fassade © Kino International
    Kino International, Fassade
  • Kino International, Saal © Kino International
    Kino International, Saal
  • Visualisierung Kulturpalast Dresden, neuer Festsaal © Generalplanungsgesellschaft mbH gmp von Gerkan, Marg und Partner
    Visualisierung Kulturpalast Dresden, neuer Festsaal
  • Kulturpalast Dresden © Konzert- und Kongressgesellschaft mbH Dresden
    Kulturpalast Dresden
  • Ehemalige SED-Bezirksparteischule Erfurt © Mitteldeutsche Medienförderung GmbH
    Ehemalige SED-Bezirksparteischule Erfurt
  • Ehemalige SED-Bezirksparteischule Erfurt © Mitteldeutsche Medienförderung GmbH
    Ehemalige SED-Bezirksparteischule Erfurt
  • Dresden, Prager Straße © Dresden Marketing GmbH/Foto: Christoph Münch
    Dresden, Prager Straße
  • Berlin, Karl-Marx-Allee, Frankfurter Tor © Land Berlin/Thie
    Berlin, Karl-Marx-Allee, Frankfurter Tor
In der Frage, welche Bauten der Ostmoderne denkmalwürdig seien, gelte grundsätzlich dasselbe, wie für Gebäude anderer Epochen auch, sagt Andrea Pufke, Geschäftsführerin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz. „Die Experten müssen in jedem Einzelfall untersuchen, ob das Gebäude einen herausragenden baukünstlerischen Wert hat oder ob es als besonderes historisch-politisches Zeugnis einen – möglicherweise auch unbequemen – Ausschnitt unserer Geschichte widerspiegelt.“ Diese Bewertung fällt mit wachsendem zeitlichen Abstand leichter, dann also, wenn die Erinnerung an das frühere Leben in diesen Gebäuden (nach einem Wort von Pierre Nora) nicht mehr qualmt, sondern zur Geschichte abgekühlt ist.

DDR-spezifische Bauaufgabe

So ist die ehemalige SED-Bezirksparteischule in Erfurt inzwischen ein eingetragenes Kulturdenkmal, als Beispiel einer DDR-spezifischen Bauaufgabe, die es in der Bundesrepublik nicht gab. Ein markanter blauer Kubus über dem Haupteingang dominiert den 1972 entstandenen Schulkomplex mit Internat; das Arrangement der einzelnen Bauten um den Innenhof vermittelt den Eindruck klösterlicher Geschlossenheit.

Unter Denkmalschutz steht auch das 1967–1969 errichtete Hotel Panorama im thüringischen Oberhof, dem Wintersportort, der nach dem Willen Walter Ulbrichts zum „sozialistischen Sankt Moritz“ werden sollte. Die architektonische Form des bis heute als Hotel genutzten Hauses erinnert an zwei riesige Sprungschanzen. Das Hotel Panorama wurde so zum Auftakt der „Bildzeichen-Architektur“ der späten 1960er-Jahre in der DDR. Zu dieser Art von „lesbarer“ Architektur gehört auch das City-Hochhaus Leipzig, das 1968–1972 errichtet und ursprünglich von der Universität Leipzig genutzt wurde. Mit seinen drei langen, leicht nach innen gewölbten Längsseiten kann das 142 Meter hohe Gebäude von der Straße aus als ein aufgeschlagenes steinernes Buch gesehen werden. Mittlerweile gehört das umfassend sanierte Hochhaus einer US-Investmentbank, Mieter ist unter anderen der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR).

Der 1969 eröffnete Berliner Fernsehturm ist mit 365 Metern nicht nur das höchste Gebäude der Hauptstadt, sondern auch eine Ikone der Ostmoderne. Der schlanke Turm mit der unverwechselbaren Silberkugel zeugt bis heute von der damaligen Begeisterung für Technik und Raumfahrt.

Stadträume

Die Architektenkollektive der DDR schufen nicht nur einzelne Gebäude mit unverwechselbaren Formen, sondern auch ganze Stadträume mit (ost-)modernen Qualitäten. Ein typisches Beispiel für die offene Baustruktur mit Läden, Hotels und Wohnungen entlang eines breiten „sozialistischen“ Boulevards ist die Straße der Nationen in Chemnitz. Auch die Prager Straße in Dresden ist ein nach diesen Prinzipien errichteter Stadtraum. 1963 bis 1970 wurde die kriegszerstörte Straße als Vorzeigequartier der DDR wiederaufgebaut: eine Fußgängerzone mit Hotels, Läden, Springbrunnen, Hochbeeten, Rundkino und Restaurants. Auch diese Bauaufgabe war an die sozialistische Gesellschaftskonzeption gekoppelt, trotzdem ließen sich die Planer von westlichen Vorbildern inspirieren. Insbesondere die Anfang der 1950er-Jahre fertiggestellte Rotterdamer Lijnbaan, die erste Fußgängerzone Europas, beeinflusste die Neugestaltung der Prager Straße. Ein entscheidender Unterschied zum niederländischen Vorbild: Die Dresdner bauten auch Wohnungen in diesem für den Autoverkehr geschlossenen Bereich der Innenstadt.

Aufschlussreiches Kulturdenkmal

Ein in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreiches Kulturdenkmal ist die Berliner Karl-Marx-Allee. Denn wer den 1952–56 errichteten ersten Bauabschnitt der Allee entlang flaniert, hat die der DDR-Moderne vorangehende Phase des „Nationalen Bauens“ vor Augen: den „Zuckerbäckerstil“ der Arbeiterpaläste, deren architektonische Ordnung und ornamentale Details klassizistischen Vorbildern folgen. Der zweite Bauabschnitt der Allee (1959–65) ist dagegen durch offene Stadträume, Plattenwohnhäuser sowie Geschäfts- und Kulturbauten in der schlichten Stahl- und Glas-Eleganz der Moderne gekennzeichnet. 1961–63 entstand das Kino International. Mit seiner großen verglasten Front ist das ehemalige DDR-Premierenkino das markanteste Gebäude in diesem Abschnitt der Karl-Marx-Allee. Gegenüber liegt das zeitgleich gebaute Café Moskau: Das einstige russische Spezialitäten-Restaurant ist jetzt ein Veranstaltungs- und Kongresszentrum. Äußerlich hat sich das zweigeschossige Gebäude mit den hohen, ungeteilten Glasscheiben kaum verändert. Originalelemente wie das sozialistische Wandmosaik und der Schriftzug „MOCKBA“ auf dem Dach blieben erhalten.

Spröder Charme

Es ist weniger die etablierte Denkmalpflege als eine jüngere Generation von Fotografen, Architekten, Filmemachern, Designern und Künstlern, die den spröden Charme ostmoderner Konzeptbauten zu schätzen weiß. Durch Veranstaltungen, Ausstellungen, Um- und Zwischennutzungen tragen die Kreativen dazu bei, die ästhetischen und funktionalen Qualitäten der DDR-Moderne neu zu entdecken.

Als im Januar 2010 Pläne zum Abriss der 1982 eröffneten „Mensa im Park“ der Bauhaus-Universität Weimar bekannt wurden, gründeten Studenten die Blog- und Diskussionsplattform mensadebatte.de. Die Initiatoren halten die Weimarer Mensa für ein wichtiges Zeugnis der späten DDR-Moderne. Ihr Ziel, eine kritische Debatte über die formalen und funktionalen Pluspunkte der Kantine anzustoßen, haben sie erreicht. Das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie prüft inzwischen die Denkmalwürdigkeit des Gebäudes.