Streetart Zwischen Gesellschaftskritik und animalischem Markiergehabe

Banksy: One Nation Under CCTV

Über Kunst schreiben ist wie zu Architektur tanzen. – Stimmt dieser Satz, dann ist über Streetart zu urteilen so schwer wie einen Wirbelsturm einzufangen. Dennoch werden an diese Kunst mit dem rebellischen Charakter klare Erwartungen geknüpft. Streetart steht in der Gesellschaft für eine aufbegehrende Jugend, Revolution und politische Querdenker. Kann die Straßenkunst dieses Versprechen überhaupt halten?

Es klingt idealistisch und leicht revolutionär, wenn Cemnoz, ein Münchener Graffitikünstler der „ersten Generation“, über seine Theorien spricht. Für ihn ist jede gesellschaftliche Handlung eine politische, also auch Kunst auf der Straße.

Der politische Akt bei Streetart liege darin, bewusst Grenzen nicht zu akzeptieren und öffentlichen Raum ungefragt im Zuge der freien Meinungsäußerung mitzugestalten. „Alle bewachen nur ihr persönliches materielles Eigentum und begrenzen sich damit selbst. Wir Sprayer brechen diese Schranken der Gesellschaft“ begründet der Künstler sein Handeln.

Auch Marc Scherer, der Leiter der „ATM Gallery“ in Berlin, ist sich einer politischen Dimension der Streetart sicher: „Wo sonst, wenn nicht auf der Straße, sollte man die Gesellschaft kritisieren? Warum haben nur millionenschwere Konzerne das Recht, unser aller Umfeld mit grellen Werbeplakaten zu plakatieren?“

Wer ein Beispiel für gesellschaftskritische Streetart sucht, wirft am besten einen Blick in die Straßen von London, wo Banksy, die Streetart-Ikone aus Bristol, sein Revier markiert. Beinahe jedes von Banksys Motiven hat eine klar kritische Aussage. Thematisch legt er sich nicht fest. Von Neandertalern mit Fast-Food-Fraß, über sich leidenschaftlich knutschende Polizisten bis hin zu „One nation under CCTV“-Schriftzügen sind seine Aussagen unmissverständliche Appelle. Er selbst meinte in einem Interview mit dem ADbusters Magazine:„Modern art is a disaster area. Never in the field of human history has so much been used by so many to say so little.” Aber ist Banksy vielleicht deswegen so berühmt, weil er durch die gesellschaftskritische Ader in seinem Metier eine so große Ausnahme darstellt?

Nur noch kunterbunte Männchen

Die drei Personen bestätigen also die Vorstellung, dass Streetart eine gesellschaftskritische Idee in sich trägt. Ganz so einstimmig wird die Meinung dann doch nicht vertreten. Für den bekannten Berliner Straßenkünsterler Bronco, der vor allem durch seine gesellschaftskritischen Schablonensätze bekannt geworden ist, sind konsumkritische Haltung wie bei Cemnoz und Banksy eine Ausnahme.

Wo viele in den Zeichen an den Wänden der Großstädte immer noch die letzte Bastion des zivilen Ungehorsams sehen wollen, sieht Bronco nur noch rosa Kaninchen. „Klar ist Streetart meist illegal und dadurch rebellisch“, aber seiner Meinung nach gehe es vielmehr um das „ich bin da“, um den „Kick“, als um gesellschaftskritische Motive. „Streetart ist zu einer unreflektierten Rebellion geworden.“, behauptet er resigniert. Anstatt neue politische Aussagen zu formulieren, rutsche die Szene zu sehr in comichafte Motive: „Ich kann diese ganzen bunten Männchen nicht mehr sehen. Für mich ist das keine Streetart.“ kritisiert er so manchen Künstler-Kollegen. Laut Bronco ist die Kunst auf der Straße im Allgemeinen zu niedlich geworden, zu schön. „Die ästhetischen Muster von Streetart werden von der Gesellschaft mittlerweile gemocht, gefordert und was das schlimmste ist: bezahlt.“

Streetart: Kunst ohne Grenzen

Und doch birgt die Streetart ihre ganz eigene Dimension der gesellschaftlichen Rebellion. Der Sprayer Dusty ist sich sicher: „Man labert nicht lange, sondern wird von Anfang an aktiv, greift dort an, wo das Leben spielt und konfrontiert die Menschen direkt.“

Streetartists sprayen damit nicht nur gegen die Gesellschaft sondern auch gegen die traditionellen Kunstformen. „Unsere Kunst findet nicht in Museen und Bilderrahmen statt, sie entsteht nicht aus künstlerischem, intellektuell vorher bedachtem und ästhetischem Anspruch heraus.“ Cemnoz beschreibt Streetart eher als ein emotionales Bedürfnis. Damit ist Streetart auch ein Kampf gegen kommerzielle Kunst und gegen Akademie- und Galerienkunst. „Die Straße ist unsere Galerie“, schwärmt Dusty. „Nirgendwo anders kann man so leicht so viele Menschen erreichen. Das ist eine Chance, etwas loszuwerden, sich mitzuteilen.“

Entgegen dem bourgeoisen Vorurteil, Streetart sei untrennbar mit Gesellschaftskritik verbunden, wird diese Ausdrucksmöglichkeit aber nicht primär politisch genutzt. Obwohl man gerade in diesen Zeiten, in denen Menschen sich an Schienen ketten und gegen Niedriglöhne demonstrieren, ein Aufblühen der Streetart erwarten könnte, hinkt sie hier ihrem Klischee hinterher. Was ihr jedoch bleibt, ist die Freiheit, die sie ihren nächtlichen Schwärmern schenkt.

Streetart lässt sich nicht in inhaltliche Rahmen zwingen und es können auch keine gesellschaftlichen Erwartungen an sie gestellt werden. Somit bleibt Streetart das was sie ist: Kunst. Und über die lässt sich bekanntlich ja streiten.