Kommerz gegen Kultur Pilsen protestiert

Haus der Kultur in Pilsen
Haus der Kultur in Pilsen | Foto: Christian Rühmkorf

Dům hrůzy u Radbuzy – so schön gereimt schimpften die Pilsener Bürger Jahrzehnte lang den vielkantigen Klotz gleich neben der denkmalgeschützten Altstadt: Haus des Grauens am Fluss Radbuza. Jetzt soll er nach dem Willen des Investors einem riesigen Einkaufszentrum weichen. Die Pilsener Bürgergesellschaft schlägt Alarm.

Dům kultury, Haus der Kultur, nennt sich die graue Stahlbeton-Konstruktion an der Americká-Straße offiziell: Ein typisches Beispiel für architektonische (Un-)Kultur der ausgehenden sozialistischen Ära in den 1980er Jahren. Aber so gruselig-grau dieses Monstrum den Pilsenern auch ins Auge sticht – irgendwie ist ihnen sein Inneres ans Herz gewachsen. Generationen von Abiturienten und Absolventen der Universität haben hier feierlich ihre Weihe für das Erwachsen- und Berufsleben empfangen. Und wenn im Februar Ballsaison war, dann verwandelte sich das Haus des Grauens in ein tanzendes Haus. Der Kern birgt einen riesigen sechseckigen Konzert- und Festsaal. Um diesen reihen sich zahlreiche Läden sowie ein Theater.

Dem Einkaufszentrums Einhalt gebieten

Das alles ist nun Vergangenheit. Ende Juni 2011 erlebten die letzten Uni-Absolventen ihre Promotionsfeier im Kulturák, wie das Haus der Kultur auch genannt wird. Die Betreibergesellschaft Amadeus Real hätte das Gebäude schon längst abgerissen und ein modernes Mega-Einkaufszentrum an seine Stelle gesetzt, wenn, ja wenn die Pilsener nicht plötzlich den Aufstand geprobt hätten. An die Spitze der Proteste setzte sich die Bürgervereinigung „Kulturák vítezí!“ (der Kulturák siegt!).

„Der Vorteil ist, dass sich ein Neubau an diesem Ort nicht an das anpassen muss, was hier schon steht“, sagte im Februar Ladislav Severa von Amadeus Real. Außerdem sei das Haus der Kultur hässlich, ein Neubau könne nur besser werden, die Proteste seien ihm unverständlich. Verständnis zeigen hingegen immer mehr Pilsener. Die Petition, die dem Bau des Einkaufszentrums Arena Einhalt gebieten soll, haben schon fast 10.000 Menschen unterschrieben.

Die Initiatoren, junge Pilsener Architekten, schmeißen dem Investor nun Knüppel zwischen die Beine, wo es nur geht. Den Protestlern geht es dabei gar nicht so sehr um den Erhalt des Kulturhauses. Wirklich schön findet es niemand. „Wir wollen vor allem, dass die kulturelle Funktion des wertvollen Grundstücks nahe des historischen Stadtkerns gewahrt bleibt“, erklärt Jakub Mareš, Architekt und Mitglied der Bürgerinitiative. Kultur statt Kommerz also. Man befürchtet einen unerträglichen Anstieg des Autoverkehrs und der ohnehin schon grenzwertigen Emissionen. Und überhaupt: Braucht Pilsen ein weiteres Einkaufszentrum in der Innenstadt

Kulturhauptstadt ohne Haus der Kultur?

Das Haus des Grauens, gleich neben dem historischen Zentrum Das Haus des Grauens, gleich neben dem historischen Zentrum | Foto: Christian Rühmkorf Die Stadtverwaltung scheint sich weitgehend heraushalten zu wollen und fordert nur die Einhaltung von Normen und ein Mitspracherecht bei Planung und Umsetzung. Die Erstellung eines neuen Bebauungsplans und die Auslobung eines Architektenwettbewerbs für das Areal – wie von der Bürgerinitiative gefordert – wurden vom Stadtrat abgelehnt.

Bis Ende des Jahres soll die erforderliche Umweltverträglichkeitsprüfung (EIA) des geplanten Einkaufszentrums abgeschlossen sein. Genau da hakt die Bürgerinitiative jetzt nach. Anfang November zerpflückten die Aktivisten die vom Investor ausgearbeitete EIA-Dokumentation während der öffentlichen Verhandlung. Amadeus Real musste einen Fehler nach dem anderen einräumen. Am Zug ist nun das Kreisamt. Falls es trotz der gravierenden Einwände grünes Licht gibt, hilft den Gegnern nur noch eines: „In Pilsen wird die Stimme der Öffentlichkeit nicht erhört, daher haben wir ein weiteres Mittel der Bürgergesellschaft gewählt – ein Referendum“, begründet Barbora Ottová von der Initiative „Kulturá(k) vítezí!“.

Und das bereiten die Kulturkämpfer von Pilsen schon seit einiger Zeit vor. Die Stadt soll gezwungen werden, doch noch einen Architektenwettbewerb auszuschreiben. 47.000 Pilsener Bürger müssten sich dabei für eine Änderung des Bebauungsplanes aussprechen. 

Beton-Baukultur aus der ausgehenden sozialistischen Ära Beton-Baukultur aus der ausgehenden sozialistischen Ära | Foto: Christian Rühmkorf Ursprünglich sollte die Einkaufs-Arena schon Ende 2013 stehen. Wie auch immer der Kampf ausgeht, dieser Termin ist wohl nicht mehr einzuhalten. Im Jahr 2015 wird Pilsen als europäische Kulturhauptstadt im Rampenlicht stehen. Was dem Besucher dann an der Americká-Straße ins Auge fällt – das alte Haus des Grauen, ein weitläufiger Park oder doch ein riesiges Einkaufszentrum – das steht in den Sternen.

Auf der Straße umgehört

Goethe.de/tschechien fragte bei den Pilsener selbst nach, wie es um ihr Verhältnis zum Haus des Grauens ist steht und was ihrer Meinung nach in Zukunft mit dem Kulturhaus geschehen sollte:

Veronika Z. lebt erst seit zwei Jahren in Pilsen. Als sie das Kulturhaus zum ersten Mal sah, bekam sie einen Schrecken. Mittlerweile repräsentiert es für sie eine eigene Architektur-Phase, sie wünscht sich den Erhalt des Gebäudes mit neuer Konzeption. Ein neues großes Einkaufszentrum würde die umliegende Architektur der 1930er Jahre stören.

Er habe keinen Bezug zum Kulturhaus, es sei ein architektonischer Unfall, meint Pavel D. Er plädiert für den Abriss und hält ein neues Einkaufszentrum an dieser Stelle nicht nur für interessanter, sondern auch für sinnvoll, da der Bahnhof nicht weit entfernt liegt.

Alena kommt jeden Tag am Kulturák vorbei und findet ihn hässlich. Aber ein Abriss? Nein, denn auch dieses Gebäude habe mittlerweile einen gewissen Wert als Beispiel sozialistischer Architektur. Ein weiteres, neues Einkaufszentrum hält sie für absolut überflüssig, auch wenn es für die Investoren durch die Bahnhofsnähe ein guter Standort sei.

Ein schrecklicher Betonklotz sei das Kulturhaus, aber sie seien mit ihm aufgewachsen, erzählen Lucie und Petra. Erhaltenswert sei für sie die kulturelle Funktion des Gebäudes. Was das geplante Einkaufszentrum betrifft, gehen die Meinungen der beiden Frauen aber auseinander: Lucie lehnt es ab, es gebe schon genug von ihnen. Petra würde ein Einkaufszentrum begrüßen.

František S. war ein paar Mal im Kulturhaus zu Konzert- oder Theaterveranstaltungen. Innen sei das Gebäude zwar funktional, von außen aber hässlich. Ein neues Einkaufszentrum lehnt er aber entschieden ab. Es gebe ohnehin schon zu viele davon. Wenn man dort ein Neues baue, dann solle es wenigstens etwas kleiner sein.

Das Kulturhaus gefalle ihr nicht, sagt Frau M. Zwei Mal habe sie dort eine Abschlussfeier der Universität erlebt und drei kulturelle Veranstaltungen besucht. Ein Einkaufszentrum wolle sie an dieser Stelle aber auf gar keinen Fall. Das Kulturhaus könne man erhalten, wenn man es instand setze oder in ein neues Konzept einbeziehe.