DIE MANNS UND DIE TSCHECHOSLOWAKEI Zur tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft Heinrich und Thomas Manns

Die Stadt Proseč

Vor 80 Jahren, im Laufe des Jahres 1936, wurden die großen deutschen Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann und mehrere weitere Familienangehörige Bürger der Vorkriegs-Tschechoslowakei.

Heinrich Mann (1871 – 1950) wurde die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft am 14. März 1936 von den Prager Behörden erteilt. Am 24. April desselben Jahres auf dem tschechoslowakischen Konsulat in Marseille die Dokumente entgegen und legte seinen Treueschwur auf die ČSR ab. In seiner Autobiographie (Ein Zeitalter wird besichtigt) erinnert er sich daran wie folgt:"Ich sprach die tschechischen Worte nach, falsch natürlich, denn ich kannte sie nicht. Wer war ich, dass diese Nation den Mann, verstossen aus der seinen, ehrenvoll aufnahm und für ihresgleichen gelten ließ bis hinein in ihre eigene Verlassenheit?“[1] Thomas Mann (1875 – 1955) erhielt die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft auf dem tschechoslowakischen Konsulat im schweizerischen Zürich am 19. November 1936. Das Heimatrecht, das zu jener Zeit die Bedingung für die Verleihung der Staatsbürgerschaft war, war den beiden Brüder von der ostböhmischen Stadt Proseč gewährt worden.
 
Die von T. G. Masaryk a E. Beneš initiierte und international großflächig kommentierte Verleihung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft an Thomas und Heinrich Mann war eine Demonstration der Haltung eines Staates, der als Insel der Demokratie in Mitteleuropa galt.
 
Kontakte mit der Tschechoslowakei
 
Heinrich Mann besuchte Prag erstmals noch vor der Eigenstaatlichkeit des Landes im Jahre 1916 und die Tschechoslowakei dann in der Folge bis 1934 im Zusammenhang mit Vorträgen, der Inszenierung seines Stückes Madam Legros am Theater in den Weinbergen u.ä. mehrfach. 1924 wurde er als hoch geschätzter Gast in Lány von Präsident Masaryk empfangen. 18.10.1934 führt er in einem Interview für den tschechoslowakischen Rundfunk an. In diesem Interview erklärte er, dass er Masaryk verehre. Glücklich sei der Staat, an dessen Spitze ein Denker stehe, meinte er. Im selben Jahr konnte er sich mit dem Präsidenten wegen dessen Gesundheitszustand bereits nicht mehr treffen, in seiner Autobiographie schreibt er dazu: „ 1934 [...] besuchte ich Prag, konnte meinen kranken Freund nicht sehen, aber sein Kanzler übermittelte mir seine Zusage, mich einzubürgern.“
 
Thomas Mann besuchte Prag erstmals im Jahre 1905 im Rahmen von Autorenlesungen und dann wieder in den Jahren 1912, 1923 und 1932, als er sich mit Karel Čapek, Max Brod und weiteren bedeutenden Schriftstellern und Politikern traf. Zu seinem Verhältnis zur tschechischen Kultur äußerte er sich mehrfach, z.B. bei einem Auftritt im Prager Rundfunk (Gruß an Prag, 21.1.1936) oder in einem Brief an den Germanisten und Übersetzer Bedřich Fučík. Er führt an, dass seine Unkenntnis der schönen tschechischen Sprache bewirkt habe, dass er nicht tiefer mit der tschechischen Nationalliteratur bekannt werden konnte, und so habe die tschechische Musik ihren Platz eingenommen, von der er Smetana und Dvořák aufgrund ihrer deutlich nationalen und dabei mitreißenden Melancholie schätze, die sich später auch in der Musik Janáčeks und Weinbergers ausgedrückt habe. Auch manches aus der modernen tschechischen Literatur in deutschen Übersetzungen wirke auf ihn, Hašeks Švejk, die Prosa Karel Čapeks, den er sehr schätze, und die Dramen F. Langers, die in Deutschland damals häufig inszeniert wurden. Ein Verständnis für die besondere Atmosphäre Prags verdanke er jedoch besonders den deutsch-böhmischen Dichtern und Schriftstellern Rilke, Kafka, Werfel, Brod u.a..
 
Zur tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft für Heinrich Mann
 
Heinrich Mann, dessen Name gleich auf der ersten Liste in Deutschland verbotener Schriftsteller stand und dem bald auch die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde, floh 1933 vor Hitler nach Frankreich. Wie bereits gesagt, hatte ihm zuvor Präsident Masaryk die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft versprochen. Um das Heimatrecht zu bekommen, wandte er sich an die Kreisstadt Liberec, die jedoch fest in den Händen von Heinlein-Anhängern war, weswegen sein Antrag 1935 keine Chancen hatte, positiv beschieden zu werden. Daher gab Heinrich Mann in einem Artikel im Prager Tagblatt (5.7.1935) bekannt, er wolle ihn zurückziehen, was besonders von der tschechischen und deutschen Presse ausführlich kommentiert. Nach der Veröffentlichung des Artikels gab Liberec die Ablehnung seines Antrags bekannt.
 
Daraufhin wandte sich die Stadt Proseč mit dem Angebot an Heinrich Mann, ihm auf das Heimatrecht zu verleihen. Ein großes Verdienst in dieser Sache kommt Rudolf Fleischmann zu, der in Proseč als Buchhalter in Kosiners Stickereibetrieben arbeitete und aktives Mitglied der [tschechischen! A.d.Ü.] national-sozialistischen Partei [strana národně socialistická] war. Fleischmann gewann für die Heimatrecht-Zusage die wichtige Unterstützung des Pfarrers Jeřábek und der Volkspartei [lidová strana], was zusammen mit den Stimmen der Vertreter der sozialistischen Parteien in der Gemeinde ausreichte, um beiden Schriftstellern das Heimatrecht zuzusprechen. Im Unterschied zu anderen Gemeinden, die den Manns ebenfalls das Heimatrecht anboten, gelang es ihm, alle für die Verhandlung der Staatsbürgerschaft notwendigen Dokumente zusammenzubekommen und vorzulegen. R. Fleischmann wurde während des Krieges in Abwesenheit von einem deutschen Gericht zum Tode verurteilt. Im letzten Moment floh er jedoch unter dramatischen Umständen über Deutschland und Belgien nach England.
 
Mit dem Angebot, ihm das Heimatrecht zu erteilen, wandte sich die Stadt Proseč also schriftlich an Heinrich Mann und forderte ihn auf, einen diesbezüglichen Antrag an die Stadt Proseč zu richten. H. Mann antwortete aus Nizza positiv und so konnte die Versammlung der Gemeindevertretung auf Initiative des Bürgermeisters Jan Herynek am 21. August 1935 die Erteilung des Heimatrechts an Heinrich Mann verhandeln. Der Antrag wurde mit 9 von 15 anwesenden Stimmen angenommen.
 
Thomas Mann

Als Hitler an die Macht kam, lebte Thomas Mann mit seiner Familie in der Schweiz. Seine Situation war von Anfang an ganz unterschieden von derjenigen seines Bruders – seine Bücher wurden nicht zerstört und es gab offensichtliche Bemühungen, ihn von der übrigen emigrierten Nazi-Gegnern zu isolieren. Seine Werke konnten in Deutschland noch zu den Lesern sprechen, wobei auch er selbst ein Interesse daran hatte, dass sein letztes Werk Joseph und seine Brüder dort erscheinen konnte. Einen sichtbaren Bruch stellt in diesem Zusammenhang ein Interview vom 17. Mai 1936 dar, das er der Prager Wochenzeitung Die Wahrheit gab, wo er sagt: „Ich fühle mich als zu jener Emigration gehörig, die für ein besseres Deutschland kämpft. Ich gehöre dazu.“
 
Die Staatsbürgerschaft der Schweiz anzunehmen, wo Thomas Mann lebte, erwies sich für ihn als unmöglich, da er die erforderliche Aufenthaltsdauer im Land nicht aufbrachte. Die österreichische Staatsbürgerschaft erschien T. Mann nicht als passende Lösung.
 
Anlässlich der Übernahme der Ehrenbürgerschaft der Stadt Proseč auf der Prager Burg forderte Präsident Beneš im Jahre 1936 Rudolf Fleischmann auf, Thomas Mann in Küsnacht zu besuchen und ihm seinen Wunsch zu übermitteln, auch er möge die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft annehmen. Der Besuch Rudolf Fleischmanns in Küsnacht fand am 6. August 1936 statt. Fleischmann hatte für Thomas Mann eine Vertretungsvollmacht und einen Antrag an die Gemeindevertretung von Proseč auf Erteilung des Heimatrechts zur Unterschrift vorbereitet, die er am folgenden Tag mit den weiteren vorgeschriebenen Unterlagen in Prag zur behördlichen Verhandlung übergab.
 
Über die Erteilung des Heimatrechts an Thomas Mann verhandelte die Gemeindevertretung von Proseč am 18. August 1936. In den Aufzeichnungen der Verhandlung heißt es, dass J. Herynek, Bürgermeister der Gemeinde, den Antrag von T. Manns Bevollmächtigtem, Herrn Rudolf Fleischmann, verlesen habe und dass sich anschließend sein Stellvertreter K. Fritz lebhaft dafür ausgesprochen habe, Herrn Thomas Mann das Heimatrecht der Gemeinde Proseč zuzusprechen. Dies wurde mit 12 Stimmen von 16 Anwesenden genehmigt.
 
Am 4. November 1936 stellte der Abgeordnete Prof. Jan Blahoslav Kozák, ein Freund Rudolf Fleischmanns, bei der Landesbehörde in Prag einen Antrag auf beschleunigte Verhandlung der Staatsbürgerschaft Thomas Manns, da es sich um eine Angelegenheit handele, die von den höchsten Vertretern des Staates verfolgt werde. Daraufhin erschien der Erlass der Landesbehörde bereits am 9. November und wie bereits aufgeführt, konnte Thomas Mann am 19. November 1936 in Zürich seine Dokumente über die tschechische Staatsbürgerschaft in Empfang nehmen und den Treueschwur ablegen.
 
Die Zusage des Heimatrechts in Proseč erhielten am 18.8.1936 auch Thomas Manns Ehefrau Katharina (Katia) Mann und ihre Kinder Elisabeth, Michael und Gottfried. Sein Sohn Klaus Mann hatte eine solche Zusage bereits am 1. August 1936 erhalten, als ein dahingehender Vorschlag, den Herr Tomášek vorgelegt hatte, von 10 der 15 anwesenden Stimmen genehmigt wurde. Der Antrag Klaus Manns war von dem Abgeordneten Prof. Kozák empfohlen worden. Die Tochter Monika erhielt am 20.3.1937 das Heimatrecht in Proseč. Die Tochter Erika war zu dieser Zeit mit einem britischen Staatsbürger verheiratet und hatte die britische Staatsbürgerschaft inne. Thomas Mann äußerte sich zu diesem Ereignis für den Prager Illustrierten Montag (11.1.1937), wie glücklich und froh er sei,  Bürger dieses Staates zu sein. Er sei stolz darauf, einem Staat anzugehören, dessen politische und geistige Haltung seinen Ansichten entsprechen.
Thomas Mann blieb 8 Jahre lang Bürger der ČSR, im Jahre 1944 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Seinen Schritt erläuterte er Präsident Beneš schriftlich, und dieser signalisierte sein Verständnis. Heinrich Mann blieb tschechoslowakischer Staatsbürger bis zu seinem Tod.
 

[1] S.473., H.M. : Ein Zeitalterwird besichtigt. 4. Auflage 2007, Frankfurt/Main (Fischer Taschenbuch Verlag)